BARRY LYNDON (Roman)

William M. Thackerays früher Roman

Für die Literaturwissenschaft ist William Makepeace Thackeray vor allem wegen seines Hauptwerks VANITY FAIR (1847/48 erschienen) ein Gegenstand der Betrachtung. In Großbritannien sieht dies natürlich etwas anders aus, da er auf der Insel neben Dickens einer der führenden Romanciers des 19. Jahrhunderts war, der von seinen Zeitgenossen gern und viel gelesen wurde. Doch auch die britische Literaturkritik sah Thackerays ersten „echten“ Roman, BARRY LYNDON (1844), auf dessen Erscheinungsgeschichte, bzw. Entwicklung, noch einzugehen sein wird, nie als eines der wesentlichen Werke des Autors. Zu episodisch, zu ironisch und vor allem in seiner Erzählposition ein bewusster Angriff auf die zeitgenössische Literatur, galt dies zwar als eine interessante Übung, nicht aber als wesentlicher oder gar wichtiger Roman. Erst später wurde die besondere und durchaus hintergründige Konzeption des Romans in ihrer ganzen Kunstfertigkeit anerkannt und vor allem gesehen, daß Thackeray deutlich wie nie danach, gewisse soziale, gesellschaftliche und historische Entwicklungen kritisch betrachtete.

THE MEMOIRS OF BARRY LYNDON, ESQ., WRITTEN BY HIMSELF, wie der Originaltitel des überarbeiteten Romans lautete, als er 1856 im zweiten Band der Gesamtausgabe des Werkes erschien, ist im Grunde ein Abenteuerroman. Erzählt wird die Lebensgeschichte des verarmten irischen Landedelmanns Redmond Barry, der mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln in die englische Oberschicht aufsteigen will. Durch widrige Umstände, vor allem seinem unbedachten Umgang mit Geld, landet er zunächst in der Armee des englischen Königs, gelangt dadurch auf den Kontinent, wo er an einigen Schlachten des Siebenjährigen Krieges teilnimmt, bevor es ihm mit einem Trick gelingt, zu desertieren. Allerdings ist das Glück ihm zunächst nicht hold, er wird in die preußische Armee gepresst und dient nun für den Rest des Krieges unter dem „Philosophenkönig“ Friedrich II. Nach etlichen Abenteuern schließt er sich seinem Onkel, dem Chevalier Balibari, an und zieht mit diesem Spieler und Betrüger durch die Fürstentümer Europas. Er will in die bessere Gesellschaft einheiraten und setzt die Lady Lyndon derart unter Druck, daß diese, nachdem ihr Gemahl das Zeitliche gesegnet hat, ihn tatsächlich heiratet. Nun ist Barry, der den Namen Lyndon annimmt, dort angekommen, wo er immer hinwollte, doch sein Glück zeigt sich wankelmütig. Er will einen eigenen Adelstitel, den der Hof ihm verweigert, er gilt als Aufsteiger, Hochstapler, Betrüger, wird von seinem Standesgenossen nicht anerkannt, verliert große Mengen des Vermögens seiner Frau, streitet sich bis aufs Blut mit seinem Stiefsohn Lord Bullingdon, verliert seinen leiblichen Sohn und endet nach einer heftigen Eheschlacht als verarmter Mann im Schuldgefängnis in London, wo er seinen Memoiren niederschreibt und schließlich stirbt.

Diese Geschichte erzählt Barry Lyndon dem Leser höchstselbst. Mit allen Höhen und Niederungen dieses Lebens, das ohne Frage wirklich das eines Hochstaplers und Betrügers war. Denn Lyndon schämt sich nicht, all jene ihm zur Verfügung stehenden Mittel zu beschreiben, die er anwendete, um sich seinen Lebenstraum zu erfüllen. Die Art und Weise, wie er diese Lebensgeschichte berichtet, ist die eines Angebers und Prahlhans. In den Armeen, in denen er diente, war er angeblich für seine rüden Umgangsformen bekannt, man fürchtete ihn, später, als Spieler und Geldeintreiber für seinen Onkel, ist er ein europaweit gefürchteter Degenfechter, in der britischen Gesellschaft, in der er aufsteigt, ist er ein bunter Hund, er gibt die größten Empfänge, schmeißt die protzigsten Feste in London usw. Es dauert ein wenig, bis der Leser merkt, daß diese Erzählstimme sich selbst gelegentlich ins Gehege kommt. Bis er merkt, daß die Angaben teils zeitlich nicht wirklich stimmen, daß hier einer sehr dick aufträgt. Und da dieser prekäre Erzähler zugleich geblendet ist von seiner eigenen Großmannssucht, liefert er zusehends die Beweise seiner Angebereien und Verfälschungen mit, wenn er ohne sichtliche Gewissensbisse immer wieder Aussagen – mündlicher wie schriftlicher Art – in seinen Bericht einfließen lässt, die ihm alles andere als ein gutes Zeugnis ausstellen. Es ist ein wahrer Kunstgriff Thackerays, seinen Ich-Erzähler selbst jene Aussagen, die ihm einen wahrlich verdorbenen Charakter und einen liederlichen Lebenswandel unterstellen, dazu nutzen zu lassen, sich zu rechtfertigen. Ein Blender und Verblendeter.

Besonders übel und offen sind diese Berichte vor allem da, wo Barry beschreibt, wie er Lady Lyndon mehr oder weniger in eine Ehe hineinverfolgt. Anders kann man es nicht sagen. Was dieser Edelmann da anstellt, gleicht nicht nur einer geistigen Vergewaltigung, sondern beschreibt ziemlich genau das, was man heutzutage mit dem Begriff „Stalking“ umschreibt. Noch schlimmer sind jene sich rechtfertigenden Beschreibungen dessen, was Barry mit seiner Gattin später, während der Ehe anstellt. Wie er sie demütigt, im Haus einsperrt, keine Mühe scheut, sie zu hintergehen, sie verhöhnt und immer wieder zwingt, ihm Wechsel und Bürgschaften auszustellen. Obwohl im Gewande des Schelmenromans angelegt, wandelt sich dieser Mann, Barry Lyndon, im Laufe seines eigenen Berichts zu einem zynischen, brutalen, gewissenlosen Opportunisten, dem nicht nur seine Zeitgenossen mißtrauen, sondern auch der Leser. Nur Barry Lyndon ist sogar als alter Mann noch völlig von sich selbst eingenommen, was ihm mehr und mehr zum Verhängnis wird, da er sich dem Leser selbst als das demaskiert, was er wirklich ist.

Thackerays Erzählposition mutet uns Postmodernen enorm gegenwärtig an. Es entsteht der Eindruck, hier habe einer recht früh in der Literaturgeschichte mit Erzählpositionen experimentiert und sich eingehende Gedanken um das Eigentliche und das Uneigentliche gemacht. Die Moderne und Postmoderne hat diese prekäre Erzählposition vielfach genutzt und ausgebaut, hier aber kann man einen Versuch betrachten, der seiner Zeit möglicherweise weit voraus war. Allerdings war er nicht ganz allein mit solchen Versuchen und Experimenten, gab es doch eine ganze Reihe von Autoren, die solche und ähnliche Experimente betrieben, dabei aber bei ihrer zeitgenössischen Leserschaft zunächst auf Unwillen und auch Unverständnis stießen. Interessanterweise hatte Thackeray in der ersten Fassung seines Romans noch eine andere Strategie verfolgt und ließ einen externen Erzähler die Geschichte berichten. Der ist zwar ebenfalls kein allwissender Erzähler, doch war seinem Wort eher zu glauben, als dem späteren Ich-Erzähler. Thackeray fürchtete wohl, seine Leser allzu sehr zu verunsichern und damit zu verprellen, verließ sich dann in der späteren Fassung aber darauf, daß der Leser die Ironie als führendes Stilmittel des Romans begreift.

Der Unwille, einen solchen Roman zu goutieren, Günther Klotz weist nachdrücklich in seinem Nachwort zur deutschen Ausgabe darauf hin, mag allerdings auch an der Zeit gelegen haben, in der Thackeray schrieb. Mitte des 19. Jahrhunderts befand sich England in einem Aufschwung, die Industrialisierung schritt voran und deren Verwerfungen und sozialen Mißstände wurden erst langsam deutlich. Thackeray aber erzählte eine Geschichte aus einer Zeit, die sich spätestens seit der Französischen Revolution ihrem endgültigen Ende zuneigte. Denn Barry Lyndon ist ein Libertin, ein Aufsteiger in einer Zeit des Absolutismus, ein Gentleman, wie er sich selber nennt, der Kraft seines reinen Daseins meint, Rechte zu eignen, die mit jenem weltgeschichtlichen Ereignis, das Frankreich 1789 erschütterte, endgültig zu Grabe getragen wurden. Die Zeit des Absolutismus war vorbei. Und so ist BARRY LYNDON eben auch eine Reflektion auf jenes 18. Jahrhundert, dem die Geisteshaltung der Aufklärung zugrunde lag. Nicht umsonst wurde Friedrich von Preußen zum „Philosophenkönig“ ernannt, umgab er sich doch allzu gern mit Künstlern, Schriftstellern und Philosophen. Barry ist keine Geistesgröße, eher verachtet er Bildung, die sich aufs Geistige verlegt, wie er vor allem in Bezug auf seinen leiblichen Sohn berichtet. Doch besitzt er genügend Kenntnis von den geistigen Entwicklungen seiner Zeit – die er ablehnt, wie er immer wieder kundtut, wenn er von der guten alten Zeit erzählt, in der Gentlemen noch etwas galten – , um die Entwicklungen wahrzunehmen und auch die Widersprüche, in denen sie sich teils verfingen.

Thackeray schrieb zeitlebens gegen kriegerische Auseinandersetzungen an und es nimmt nicht Wunder, daß in seinem frühen Roman gerade die Passagen am glaubwürdigsten und eindringlichsten sind, in denen er Barry von seinen Erlebnissen in den Armeen der europäischen Königshöfe berichten lässt. Hier scheint der Erzähler selbst auch am nächsten an der Wahrheit zu sein. Denn er nimmt wahr, was wir Heutigen wissen: Die Männer, die diese Kriege ausfechten mussten, wussten meist nicht einmal, wofür sie eigentlich kämpften, töteten und starben. Sie waren Schachfiguren, die von Herrschern hin und her geschoben wurden, sie wurden eingefangen und in Armeen gepresst, völlig gleich, welcher Abstammung sie waren. Dies war im Siebenjährigen Krieg so, so war es aber auch in den Regimentern George III., der auf dem Kontinent regelrechte Einkaufs- und Werbetouren unternahm, um seine Armeen aufzufüllen, um in Amerika die Aufstände niederzuschlagen. Auch Barry stellt ihm, als er längst den Namen Lyndon trägt, Regimenter zur Verfügung – einmal mehr in der Hoffnung, damit bei Hofe genug Aufmerksamkeit zu erregen, um an den heiß begehrten Adelstitel zu gelangen. Zugleich begreifen wir aber, daß auch die größten Philosophen ihrer Zeit – oder was sich dafür hielt – letztlich den gleichen Machtmechanismen unterlagen, wie ihre Vorfahren seit Jahrhunderten.

Barry Lyndon, der alles anstrebt, alles gewinnt und alles wieder verliert, ist also auch ein Zeitzeuge des Niedergangs des Absolutismus, sein Aufstieg und Fall sind also auch allegorisch zu verstehen. Es wurde erwähnt, daß Barry ein Libertin ist. Damit entspricht er jenen Fürsten und Lords, die auch der Marquis de Sade so trefflich als verkommene Herrschaftsfiguren beschreibt. Wie der Marquis sitzt auch Barry schließlich Jahre im Gefängnis, genauer: Im Schuldgefängnis, was natürlich weitaus weniger romantisch ist. Auch schreibt Barry keine obszönen Theaterstücke, sondern lediglich seine Memoiren auf. Doch entspricht er in vielem jenen „Gentlemen“ seiner Zeit. Auch in deren moralischer Verkommenheit. Barry wird also auch zum Spiegel einer Klasse und ihrer (untergehenden) Zeit. Seine Verwerfungen sind letztlich einfach nur die, die er in der Klasse, die er anstrebt, vorfindet. Und die ihm – selbstredend – gefallen.

Thackerays Roman funktioniert aber auch auf anderen Ebenen mit hintergründigem Humor und einer subtilen Konstruktion. Er, der Engländer, lässt einen Iren eine Geschichte erzählen, die die Blasiertheit der Engländer hervorhebt, deutlich zeigt, wie die Gesellschaft Englands auf die irische hinabsah. Zugleich aber lässt er einen Iren erzählen, der zutiefst unsympathisch ist, auch wenn wir ihm anfangs seine kleinen Mißgriffe, Fehltritte und den sehr kreativen Umgang mit der Wahrheit noch durchgehen lassen. Spätestens aber mit der verachtenden Beschreibung der Art und Weise, wie er um Lady Lyndons Hand „anhält“, sie mehr oder weniger in eine Ehe nötigt, verändert sich dies. Und so bietet Thackeray eben auch ein sehr verachtenswertes Bild eines irischen Hochstaplers, der zu allem Überfluß auch noch zu sehr von der eigenen Großartigkeit geblendet ist, um zu merken, daß er sich in seinem Bericht mehr und mehr desavouiert. Womit Thackeray als Autor dieses Berichts den hochnäsigen Blick der Engländer auf die Iren indirekt bestätigt.

BARRY LYNDON wurde einem breiteren europäischen Publikum vor allem durch die Verfilmung von Stanley Kubrick bekannt. Kubrick gab an, vor allem die Geschichte zu mögen, aber eben auch eine Hauptfigur, die modern anmutet, da sie weder ein Held noch ein Schurke im herkömmlichen Sinne ist. Genutzt hat dieses Interesse dem Roman wenig, er dürfte heute ebenso selten gelesen werden, wie dies 1975 der Fall gewesen sein mag. Aber es lohnt sich, auch wenn das Werk vor allem auf den letzten Einhundert Seiten durchaus auch Schwächen aufweist, vor allem, da es sich ein wenig zieht. Doch kann man die Ironie auch heute noch genießen und zudem hat man es hier – literaturwissenschaftlich gesehen – mit einem Roman zu tun, der sich eine gewisse Radikalität zu eigen macht und damit eben sehr, sehr modern anmutet.

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