DAS TERRAIN

Ein gelungener Beitrag zu Kunst- und Kolonialdebatten

Wer in den vergangenen Monaten den Diskussionen in den Feuilletons aufmerksam gefolgt ist, wird einigen der dort abgebildeten Diskurse in Frank Steinhofers Debutroman DAS TERRAIN (2021) wiederbegegnen. Vor allem jenem um die Frage der Rückgabe von Raubkunst aus der Kolonialzeit – also jenen Relikten und Gegenständen, die einst aus den deutschen Kolonialgebieten in Afrika entwendet und in Berlin oder München ausgestellt wurden und sich größtenteils heute noch im Besitz der betreffenden Museen und Sammlungen befinden. Allerdings wird der Leser in diesem Roman weniger mit der oberflächlich moralischen Frage behelligt, sondern eher damit, wie der eurozentristische Kulturbetrieb damit umgehen sollte, wenn der Spieß einfach umgedreht wird?

Steinhofer war zuvor jahrelang Mitglied in der Chefredaktion der Kunstzeitschrift Dare, zudem hat er etliche Reisereportagen für den Spiegel und die Sueddeutsche Zeitung verfasst. Wenn er den Helden seines Romans und mit ihm den Leser also für ein umfassendes Kunstprojekt nach Mexiko, zunächst nach Mexiko-Stadt, dann in den Urwald entführt, weiß er sehr genau, wovon er spricht.

Viktor, ein in Hamburg lebender Architekt voller neuer Ideen hinsichtlich naturverträglicher Bauweisen, bspw. aus Lehm, steht kurz vor der Pleite, als er den Auftrag für den Bau eines Museums mitten im mexikanischen Dschungel erhält. Hier soll ein gewaltiges Zentrum entstehen, daß aus dem Urwald hervorgeht und in ihm aufgehen soll, wofür Viktors Ideen geradezu prädestiniert sind. So findet er sich in dem für ihn völlig fremden, ungewohnten und zunächst auch schwer greifbaren Land wieder. Seine Auftraggeberin, eine reiche Erbin, ist eine etwas undurchschaubare Exzentrikerin, die sich mit teils furchterregenden Gestalten umgibt, Viktor lernt an ihrer Seite aber auch international angesehene Künstler und Kunstverständige kennen. Langsam öffnet sich der eher introvertierte, ein wenig weltabgewandte junge Mann der fremden Kultur und entwickelt sich geradezu parallel zum Bau des Kulturzentrums zu einem Menschen, der Empathie empfindet und die Welt da draußen mit wachen Augen wahrnimmt.

Allerdings verläuft diese Mensch-Werdung durch Kunst und Kultur, die Steinhofer als eine utopische Vision anbietet, nicht ganz so geradlinig, wie es in einer Zusammenfassung des Inhalts wirkt. Denn Steinhofer lässt es sich nicht nehmen, neben ausgeprägten Kunstdiskursen, Kolonialdiskursen, politischen Diskursen und auch ein wenig Philosophie (in einem Nachwort nennt er all jene Theoretiker, deren Gedanken und Thesen er in seinen Text hat einfließen lassen), auch noch eine Strory zu erzählen, die sich allerlei recht bekannter Versatzstücke der Literatur bedient, die in der Fremde eben auch immer das Exotische, Gefährliche, Bedrohliche sucht, findet und auf die eine oder andere Art verarbeitet. Mexiko, wie Steinhofer es dem Leser vorführt, ist einmal mehr jenes korrupte und immer gefährliche Land, in dem sich, wer etwas verändern will, zwischen Politik und Verbrechen bewegen und mit den unterschiedlichsten Ansprüchen ganz unterschiedlicher Gruppen und Gruppierungen zurechtkommen muß. Es ist das Mexiko, das Leser seit B. Travens Abenteurerromanen kennt.

Obwohl die angerissenen Fragen und Probleme – naturnahes Bauen, umweltverträglicher Umgang des Menschen mit seiner Zukunft, aber eben auch der Vergangenheit, Kunst und ihr Wert, bzw. die Frage danach, wie ihr Wert entsteht und gemessen wird u.a. – hier mit großer Ernsthaftigkeit und Kenntnis vorgetragen und behandelt werden, scheint der Autor sich gedacht zu haben, daß es ganz ohne Action, Gefahr und Bedrohung eben auch nicht geht. Und so trachten dem armen, in seiner Funktion und Bedeutung immer wieder auf die Plätze verwiesenen Architekten sogar einige nach dem Leben.

Steinhofers eigene Überlegungen und Antworten auf die Probleme, die er aufzeigt, muß der Leser sich aus dem Text herausklauben und interpretieren. Interessant ist dabei die Idee, daß die ehemaligen Kolonien, mittlerweile nicht zuletzt durch illegale Geschäfte wie den Drogenhandel selbst zu Reichtum gelangt (zumindest einige ihrer Bewohner), durchaus mit gleichen Mitteln zurückschlagen könnten. Mitteln der Erpressung, bspw. So wird zur Eröffnung des Museums ein künstlicher Vulkan mit allerlei im Laufe von Jahren und Jahrzehnten zusammengetragenen Meisterwerken der europäischen Kunstgeschichte gefüttert und damit gedroht, dieses Monstrum zu befeuern und damit Kunst – und Millionenwerte – unwiederbringlich zu vernichten.

Frank Steinhofer, der den Text immer wieder mit Querverweisen und Bezügen zur Gegenwart füttert und so die Membran zwischen Fiktion und Realität sehr durchlässig macht, ist da ein literarisch vielleicht noch nicht restlos überzeugender, im Kontext momentan geführter Debatten allerdings hochwillkommener Beitrag gelungen, der den Leser auf ungewohntes Terrain führt. Eine gewisse Verunsicherung tritt ein. Dies ist eine Lektüre, die prekäre Lagen durchaus prekärer werden lässt, intellektuelle Sicherheit in Frage stellt und gerade damit sinnstiftend wird. Denn sollte Kunst nicht genau so funktionieren: Indem sie mehr Fragen hinterlässt, denn beantwortet, und den Betrachter – oder eben den Leser – unsicherer zurücklässt, als sie ihn vorgefunden hat?

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