DER RISS. WIE DIE RADIKALISIERUNG IM OSTEN UNSER ZUSAMMENLEBEN ZERSTÖRT

Ein recht schonungsloser Abriss rechter bis rechtsextremer Entwicklungen in den neuen Bundesländern, speziell in Sachsen

Als der SPIEGEL im Jahr 2018 ein Titelbild präsentierte, das den Namen „Sachsen“ führte, ein anfangs weißer Schriftzug vor schwarzem Hintergrund, der mit dem Buchstaben s in tiefbraune Frakturschrift kippte, dazu der Untertitel „Wenn Rechte nach der Macht greifen“, da war die Empörung groß. Da würde ein ganzes Bundesland an den Pranger gestellt, indifferent würden all jene mit abgestraft, die sich Mühe gäben, die Zivilgesellschaft zu stärken, der Fokus sei zu eng usw. Der Artikel hinter diesem Titel war dann sehr viel ausdifferenzierter und gab sich Mühe, den Entwicklungen im Freistaat gerecht zu werden, doch natürlich kamen auch hier die Übergriffe gegen Ausländer und Flüchtlinge, die Hetzjagden und Anschläge, die hohen Prozentzahlen bei Wahlen für die AfD, wie zuvor schon für die NPD, zur Sprache. Man ging nicht soweit, Sachsen als eine Art „failed state“ darzustellen, machte aber eindringlich darauf aufmerksam, daß es dort offensichtlich ein strukturelles Problem gibt, da hier der Rechtsextremismus bis in die Institutionen hinein Rückhalt habe, daß Rassismus und Fremdenfeindlichkeit weit in die sogenannte „bürgerliche Mitte“ hineinreichten. Die Abwehrreflexe gegen Berichte wie diesen waren damals sehr ausgeprägt und sind es heute noch.

Seitdem hat es einen weiteren hart geführten Wahlkampf in Sachsen gegeben, an dessen Ende sich die CDU, deren Kandidat Michael Kretschmer einen strikten Anti-AfD-Kurs steuerte, zwar als stärkste Partei behaupten konnte, die AfD aber dennoch als zweitstärkste Kraft mit 27,5% in den Landtag einzog. Man konnte sich durchaus in der Ansicht bestätigt fühlen, daß die Uhren in Sachsen anders ticken. Allerdings wählte am gleichen Abend auch Brandenburg, wo die AfD ebenfalls 23.5% einfahren konnte. Einige Wochen danach schaffte sie mit 23,4% auch einen für sie triumphalen Einzug in den Landtag von Thüringen. Während in Sachsen der zwar nicht direkt dem rechtsnationalen „Flügel“ zugehörige, dennoch am rechten Rand der Partei stehende Jörg Urban Spitzenkandidat der Rechtspartei war, traten in Brandenburg und Thüringen mit Andreas Kalbitz und Björn Höcke zwei erklärte „Flügel“-Männer als Spitzenkandidaten an. Es konnte der Eindruck entstehen, daß man es nicht nur mit einem „Problemfall Sachsen“ zu tun habe, sondern gleich mit einem „Problem Ost“.

Seit einigen Jahren wird dieser Abstand zwischen den neuen und den alten Bundesländern immer deutlicher. Viel ist darüber gesprochen und geschrieben worden, Untersuchungen und Studien wurden betrieben, allerlei Thesen aufgestellt und immer wieder behauptet, im Grunde seien diese Menschen, die diese Partei wählten, Protestwähler, die ihrem Unmut Ausdruck verschaffen wollten. Daß sich da möglicherweise eine wirkliche Ablehnung der pluralistischen, liberalen, freiheitlichen Gesellschaft, ja sogar des demokratischen Systems, wie wir es bisher kennen, ausdrückte, das wollten viele lange nicht wahrhaben. Die Fehler der Nachwendezeit, die Treuhand, das angeblich mangelnde Interesse der alten Westbürger – die Erklärungen gingen weit und suchten überall. Daß man es schlicht mit Rassisten, mit Xenophoben und Demokratieverächtern zu tun haben könnte, das wollte lange niemand wirklich glauben.

Der freie Journalist und Autor Michael Kraske lebt seit den frühen 90er Jahren in Leipzig. Geboren im Sauerland, hat er schon in jungen Jahren die Probe aufs Exempel gewagt und hat in Leipzig studiert, hat dort neue Freunde gefunden, seine Frau kennengelernt, seine Karriere gestartet. Und hier hat er auch begonnen, die Entwicklungen in Sachsen und den anderen neuen Bundesländern zu beobachten und zu beschreiben. Nun hat er diese Beobachtungen und seine Überlegungen dazu in dem Buch DER RISS. WIE DIE RADIKALISIERUNG IM OSTEN UNSER ZUSAMMENLEBEN ZERSTÖRT (2020) veröffentlicht und kommt zu teils erschreckenden Schlußfolgerungen.

Man darf es nicht verwechseln mit der REISE ZUM RISS, jenem Buch, das der SPIEGEL-Reporter Peter Maxwill im Jahr 2019 veröffentlicht hat. Wo Maxwill ganz unterschiedliche Beispiele für Entfremdung, Hass und demokratisches Versagen mit ebensolchen Beispielen für Bürgersinn, Eigeninitiative und Heimatverbundenheit auch im positiven Sinne verband, richtet Kraske den Scheinwerfer eindeutig auf den Osten und dort noch einmal im Besonderen auf Sachsen – und lässt in den 23 Kapiteln wenig Zweifel daran, daß er in großer Sorge um das Bundesland ist, das er zu seiner Wahlheimat gemacht hat.

Er widmet sich nahezu ausschließlich den negativen Beispielen, berichtet sehr wohl auch über einige, die sich gegen den Rechtsruck stemmen, aber seine Referenz bleiben all jene mehr oder weniger bekannten Ereignisse, die in den vergangenen 10, 15, 20 Jahren immer wieder die Öffentlichkeit erschüttert haben. Der NSU, die AfD, die sächsische Polizei und Justiz, die immer wieder auf dem rechten Auge blind zu sein scheinen, all die größeren und kleineren terroristischen Zellen, die sich im Laufe der Jahre gebildet haben, Chemnitz und die Folgen, die Angriffe auf Ausländer, aber auch auf alle, die als „links“ gelten, die einem vermeintlich homogenen Gemeinschaftsbild entgegen stehen, die Anschläge auf Asylantenheime, die belagerten Busse, aber auch die schon in der DDR herrschenden Verhältnisse und vor allem die 90er Jahre, die mittlerweile im Internet als #baseballschlaegerjahre reflektiert werden – Kraske bietet noch einmal das ganze erschreckende Szenario, das ganze Panorama des rechten Spektrums in den neuen Bundesländern.

Trotz eines guten Apparats, trotz der guten Quellenlage des Buches, hat man es hier im Kern mit einem Langessay zu tun. Das gibt dem Autor Spielraum für eigene Einschätzungen, für persönliche Anmerkungen und die Beschreibungen eigener Begegnungen, die natürlich nicht immer repräsentativ sind, dennoch Einblicke bieten. Wenn Kraske bspw. von seinem Kontakt zu einer jungen ostdeutschen Jurastudentin berichtet, die dezidiert nicht als rechts bezeichnet werden will, aber dennoch Verständnis für die Wut der ehemaligen Ostdeutschen, sogar für deren Skepsis gegenüber der Demokratie, wie sie sich momentan darstellt, aufbringt, dann beweist das zumindest, wie schwierig der deutsch-deutsche Diskurs sich gestalten kann. Ähnlich ist es in der Begegnung mit dem Regisseur Andreas Dresen, der mit GUNDERMANN (2018) einen der differenziertesten Filme über die DDR gedreht hat. Dresen reagiert unwirsch, als Kraske ihn auf die Vorgänge in Chemnitz nach dem Tod eines jungen Mannes anspricht. Damals war es nach dem Mord, vermutlich durch Flüchtlinge aus Syrien oder dem Irak, zu schweren Ausschreitungen in der Stadt gekommen und erstmals reihten sich „normale“ Bürger ganz selbstverständlich in Demonstrationszüge ein, in denen Hooligans, Neo-Nazis, Rechtsextremisten offen ihre Symbole und Wahrzeichen zur Schau trugen. Dresen will nicht als Erklärer auftreten, er will auch nicht pauschal urteilen. Genau in dieser Nicht-Verurteilung, die Kraske, der der Meinung ist, es gebe eine klare rote Linie, die er im Buch auch mehrfach benennt, nicht nachvollziehen kann, offenbart sich der titelgebende „Riss“. Die unterschiedliche Beurteilung, die unterschiedliche Herangehensweise und das vollkommenen unterschiedliche Bewertungsinstrumentarium machen den Dialog schwer, vielleicht auf Dauer sogar unmöglich.

Sicherlich kann man als seriöser Journalist oder Publizist nicht soweit gehen, radikale Lösungsvorschläge zu erörtern. Darunter fiele bspw. die Überlegung, ob Sachsen nicht vielleicht als eigenständiger Staat mit konföderativen Verbindungen zur BRD besser bei den sogenannten Visegrád-Staaten aufgehoben wäre, also jenen Bund aus Polen, Ungarn, Tschechien und der Slowakei, die offenbar eher zu „illiberalen“ Demokratien neigen, Pluralismus und den liberalen Staat ablehnen und durchaus autoritäre Strukturen bevorzugen. Kraskes Analyse ist aber schon geeignet, solche und ähnliche Überlegungen zu stützen. Wenn ein Land offensichtlich bis in seine Institutionen von einem autoritären Geist durchdrungen ist, stellt sich gerade für einen Westler die Frage, ob da ein Zusammengehen überhaupt noch sinnvoll ist.

Kraske seinerseits macht den Vorschlag eines „New Deal Ost“. Grundlegende politische Bildung an den Schulen, den Blick nach vorne und nicht – wie es bspw. die Schriftstellerin, Journalistin und Publizisten Jana Hensel vorschlägt – erneut den Blick nach hinten richten und auf eine eigene, positive „Identität Ost“ setzen. Zurecht weist Kraske darauf hin, daß das in einer Stadt wie Leipzig auch gar nicht mehr so einfach möglich wäre, leben doch mittlerweile viel zu viele auch aus dem Westen Zugezogene dort. Wer also ist mit „Identität Ost“ gemeint? Nur, wer die DDR noch erlebt hat? Oder auch die Kinder und Enkel derer, die die DDR erlebt haben? Oder alle, die heute im Osten leben?

Bedenkt man, wie häufig man sich als Westler in den vergangenen Jahren anhören musste, man sei ein „Schlafschaf“, der Osten sei der Hort des „wahren Deutschen“, im Westen sei man gehirngewaschen, Opfer der Indoktrination, der gleichgeschalteten Medien und was es nicht sonst noch alles zu hören gab – dabei durchaus Beleidigendes – , dann ist man bei der Lektüre des Buches schon froh, daß da mal einer selbstbewußt und auch voller Vertrauen auf das, was man einst in diesem Teil des Landes gelernt und verinnerlicht hat, rote Linien zieht, sie benennt und klar sagt, daß bei aller Wut über persönliche Rückschläge, Verluste und enttäuschte Hoffnungen es nicht hinnehmbar ist, die Demokratie als solche in Frage zu stellen, daß es nicht hinnehmbar ist, Opfer zu Tätern und Täter zu Opfern zu machen, daß Rassismus, Ausländerhass und Antisemitismus keine „normalen“ oder „angemessenen“ oder gar „folgerichtigen“ Reaktionen sind. Kraske behauptet eine westliche, liberale und pluralistische Sicht auf das Land als richtig. Und man hatte ja in den vergangenen zwei, drei Jahren schon manchmal das Gefühl, sich für solche Einstellungen schon fast schämen zu müssen. So aber benennt hier einer einiges beim Namen: Daß Rassismus keine Haltung ist, die wie selbstverständlich neben anderen in einem Meinungsspektrum steht, daß es auch schon vor 1989 Probleme mit Rechten und Rechtsextremen im Osten gab, daß Sachsen einen ausgeprägten „sächsischen Chauvinismus“ kultiviert, den es immer schon gegeben haben mag, den die dauerregierende CDU aber in den vergangenen 30 Jahren auch immer gern gefüttert und gemästet hat.

Michael Kraskes Buch wirft noch einmal ein Schlaglicht auf die Entwicklung vor allem in Sachsen, man kann hier noch einmal sehr genau die Kontinuität rechten Denkens, rechten Sprechens, rechten Wählens und schließlich rechter Gewalt nachvollziehen. Aber man muß sich natürlich auch im Klaren darüber sein, daß DER RISS letztendlich in einer mittlerweile langen Reihe von ähnlichen Büchern steht, die sich auf ähnliche Art und Weise bemühen, zu verstehen, was da eigentlich schief gelaufen ist in den letzten 30 Jahren. Und zu denen sich noch einige gesellen werden. Das Problem ist: Es sind natürlich auch immer dieselben Leute, die das lesen. Sie sind aber im Kern gar nicht die Adressaten dieser Werke. Die aber, diese Adressaten, die haben sich längst in ihre Filterblasen zurückgezogen und sind – zumindest zum Teil – nicht mehr erreichbar. So umweht ein Buch wie dieses auch immer der leise Hauch der Vergeblichkeit.

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