DER SCHATZ DES GEHENKTEN/THE LAW AND JAKE WADE

Ein weniger beachteter Film in Sturges´ Oeuvre, der den kommenden Übergang zum Spätwestern andeutet

In die Western von John Sturges wird der Zuschauer geradezu hineingekippt – keine Exposition, keine geschmeidige Einleitung und auch keine Einführung des Personals:

Ein Mann reitet während des Vorspanns im anbrechenden Tag in die Stadt hinein; nachdem wir wissen, wer Regie führt, erreicht er das Gefängnis, tritt ein und bohrt dem diensttuenden Deputy ein Gewehr in den Rücken. Nachdem ein weiterer Mann befreit wurde, reiten beide aus der Stadt hinaus, in die Wildnis hinein, bis sie sich schließlich gegenübersitzen: Der im Titel THE LAW AND JAKE WADE genannte Jake (Robert Taylor) und der Mann, der durch ihn befreit wurde, Clint Hollister (Richard Widmark).Beide kennen sich und laut Wade sei man nun quitt. Das scheint Hollister allerdings anders zu sehen und offenbart seinem ehemaligen Kompagnon, daß er ihn finden und töten werde. Aber erst, wenn dieser ihm das Versteck „des Geldes“ gezeigt habe.

Die Männer trennen sich und wir verfolgen Wade bis in seine Heimatstadt, wo wir erstaunt feststellen, daß der Mann dort ein angesehener Sheriff ist. Hier, im Örtchen Cold Stream, weiß niemand, daß er, Jake Wade, einst ein gefürchteter und brutaler Bank- und Eisenbahnräuber gewesen ist. Er schlägt seiner Verlobten Peggy (Patricia Owens) vor, die Stadt zu verlassen und weiter westwärts zu ziehen. Sie lehnt dies ab und so verläßt er ihre Farm an diesem Abend im Streit.

Auf dem Weg zurück in die Stadt wird er überfallen und niedergeschlagen. Als er zu sich kommt, ist er umringt von Hollister und anderen Männern der alten Bande. Lediglich der junge Rennie (Henry Silva) ist Wade unbekannt. Man bricht auf, das Geld zu suchen, das Wade einst an sich brachte und vergrub, nachdem er während eines Überfalls ein Kind erschossen hatte. Die Gangster zwingen Peggy, mitzukommen, als Pfand gegen Wade.

Unterwegs versuchen Wade und Peggy zu fliehen, was ihnen nicht gelingt, stattdessen muß Wade sich ihr gegenüber offenbaren und für seine Vergangenheit einstehen.

Schließlich erreicht die Gruppe eine Geisterstadt, wo das Geld auf dem Friedhof in einem Grab versteckt liegt. Doch sind alle gewarnt: Nach der Begegnung mit einer Kavallerieeinheit weiß die Reisegruppe, daß die Komantschen im betreffenden Gebiet auf dem Kriegspfad sind. Und Wade entdeckt auch schnell einen Späher der Indianer. Hollister tötet diesen, verfolgt aber andere.

Seine Abwesenheit kann Wade nutzen, zumindest mit seinem alten Kumpan Ortero (Robert Middleton) ins Gespräch zu kommen. Man merkt, daß dieser Wade mag, vor Hollister jedoch Angst hat. Rennie und der Rest der Gang will fliehen, sie sehen nicht ein, sich für Hollisters Besessenheit von den Indianern abschlachten zu lassen. Gerade als sie abhauen wollen, taucht Hollister wieder auf. Es kommt zum Kampf mit den Indianern, den weder Rennie, noch die andern Begleiter überleben.

So sind lediglich Wade, Peggy, Ortero und Hollister noch am Leben, als die Indianer sich zurückziehen. Hollister läßt Wade das Geld, das in einer Satteltasche steckt, ausgraben, ahnt jedoch nicht, daß eine Waffe darin versteckt ist. Nun hat Wade das Heft des Handelns in der Hand. Er schickt Ortero mit Peggy los gen Cold Stream, während er und Hollister den letzten und entscheidenden Zweikampf suchen…

Man sollte einmal eine Studie darüber anfertigen, wie hoch der Anteil wirklicher Bürgerkriegswestern an den Gesamtwestern der 30er, 40er und 50er Jahre – der Hoch- und Glanzzeit des Genres – gewesen ist; dagegenstellen sollte man eine Studie, in wie vielen Western er indirekt eine enorme Rolle spielt – so auch hier, wo Jake Wade seiner Verlobten eine Vergangenheit als Vigilant an den westlichen Rändern des Sezessionskrieges eingestehen muß. Anhand dieser Tatsache kann man zweierlei feststellen, das jeweils exemplarisch ist für den klassischen Western, für den Sturges Film eigentlich nur noch eingeschränkt steht. Einmal sieht man, wie nah all diese Männer, die diese Filme machten, sie schrieben, spielten und vor allem drehten, selber noch an der Kriegsgeneration waren; Sturges, Jahrgang 1910, ist nicht mal 50 Jahre nach Kriegsausbruch geboren. Die Wunden, die dieser fürchterliche Bürgerkrieg dem Land geschlagen hat, kann man teils heute noch spüren. Zu schmerzlich wäre es vielleicht gewesen, dies in Hollywood, wo eine Menge Veteranen des Krieges arbeiteten, in Bilder umzusetzen. Obwohl es natürlich getan wurde, schon David Wark Griffith in BIRTH OF A NATION (1915) hatte Schlachtenbilder geliefert, John Ford in THE HORSE SOLDIERS (1959), zumindest indirekt, später in einer Episode des Großepos HOW THE WEST WAS WON (1962) schon sehr viel direkter; John Huston drehte einen echten Bürgerkriegsfilm mit THE RED BADGE OF COURAGE (1951), William Wyler nutzte den Krieg und seine Schrecken für sein moralisches Lehrstück FRIENDLY PERSUASION (1956). Doch sehr viel häufiger sind es reine Andeutungen, die dem Zuschauer sehr viel verraten: Ethan Edwards in Fords THE SEARCHERS (1956) wird ebenso durch eine geraunte Anmerkung zum Krieg charakterisiert, wie die James-Brüder in JESSE JAMES (1939) oder Anthony Manns Antihelden gelegentlich. Ein treffendes Beispiel dafür, wie in einem mythologischen System eine tiefsitzende Wunde verarbeitet werden kann. Eine Verwundung, der auch keine letztgültige Gerechtigkeit widerfahren kann. Es muß eine Narration gefunden werden, die beiden Seiten gerecht wird. Die Männer in THE LAW AND JAKE WADE (1957) sind Mörder, auch wenn Jake Wade schließlich von seinem alten Kumpel freigesprochen wird, der die ganze Zeit wusste, wie das Kind wirklich zu Tode kam.

Ein wesentlicher Punkt und ein Überleitung zum zweiten des hier Abzulesenden: Robert Taylor kann nicht wirklich ein derartig zynischer Sadist sein, wie es der Mann wäre, der bei einem Überfall kaltblütig ein Kind erschießt. Dazu war seine Leinwandpersona noch zu stark geprägt vom klassischen Star-System Hollywoods. Er war ein Held, manchmal ein anrüchiger, aber immer edel, letztendlich. Widmark hingegen könnte das, ein Kind umballern, um sein eigenes lumpiges Dasein zu retten. Richard Widmark ist auch und gerade so ein großartiger Darsteller, weil er niemals berechenbar war, nie einfach ein „Held“ im herkömmlichen Sinne. Und Sturges weiß das zu nutzen, hier, wie zuvor schon in BACKLASH (1956). Er dreht neben Anthony Mann die physischsten Western und legt, wie Mann, dennoch häufig psychologisch zutiefst stimmige Filme vor. Und markiert wie nebenbei den Anfang des Übergangs zum Spätwestern. Taylors Aufmachung – von Kopf bis Fuß in schwarz – ist dabei noch die klischeehafteste Zeichnung eines ambivalenten Charakters, der aber natürlich längst geläutert ist. Sturges läßt aber lange offen, welcher der Protagonisten dieses Duell – erst ein psychisches, schließlich ein physisches – gewinnen wird. Daß diese Rechnung aufgeht, daß die Spannung gerade in diesem Konfliktfeld so enorm ist, verdankt er Widmark. Dem gelingt es, wie so häufig in seiner frühen Karriere, einem Unsympathen, einem im Hollywoodsystem klassischen „Baddie“, eine höchst eigene Note, sogar etwas Sympathisches zu verleihen. So werden Wade und Hollister zu zwei Seiten einer Figur: Jeder steht stellvertretend für eine Richtung, die man gehen konnte: Immer tiefer hinein in die Verdammnis oder einen Weg der Läuterung, wie Wade es getan hat. Den aber – sein schwarzes Outfit deutet auch das an – das Gewissen plagt und der sich nicht zuletzt deswegen gegenüber Hollister tief genug in der Pflicht fühlt, ihn aus den Gefängnis zu befreien. Sturges extrem ökonomische, effiziente Erzählweise weiß dieses Konfliktpotential, die Verstrickungen nicht nur perfekt zu nutzen, sondern auch vom ersten Moment an in Handlung zu übersetzen. Man kippt als Zuschauer wirklich hinein in diesen Konflikt zweier Männer, dessen Auflösung dann eben doch eine atavistische ist: Es wird nicht angehen, daß beide das Antlitz dieser Erde schmücken.

Sturges deutet mit seinen Figuren, vor allem der von Richard Widmark, aber auch mit seinem Setting und der Geradlinigkeit der Erzählung deutlich auf den aufkommenden Italo- und Spätwestern hin, der in den USA mit seinem eigenen THE MAGNIFICENT SEVEN (1960) einige Jahre später einen ersten Höhepunkt, mit Regisseuren wie Sam Peckinpah, Robert Aldrich oder Walter Hill schließlich ungeahnte Höhen erreichen sollte. THE LAW AND JAKE WADE steht exemplarisch für Sturges´ Western und genealogisch für die Entwicklung vom klassischen psychologischen Western der 50er Jahre hin zu den späten Meistern.

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