EFFINGERS

Eine Wiederentdeckung

Die Veröffentlichungsgeschichte von Gabriele Tergits Roman EFFINGERS wäre selbst schon eine Erzählung wert. Die Autorin, die bürgerlich Elise Reifenberg, geborene Hirschmann, hieß, hatte nahezu siebzehn Jahre an ihrem breiten Panorama jüdisch-bürgerlichen Lebens in Berlin zwischen den 1880er Jahren und dem Ende des Zweiten Weltkrieges geschrieben. Sie schleppte das Manuskript während ihrer Emigration und der Flucht vor den Nazis durch die halbe Welt und arbeitete – manchmal nahezu manisch, wie sie selbst berichtete – bei jeder sich bietenden Gelegenheit an ihrem Vier-Generationen-Portrait. So wurde es wohl auch  zu einem Rückzugsort, einem Fluchtpunkt in persönlich wie historisch äußerst unischeren Zeiten. Umso schlimmer muß es für Tergit gewesen sein, als niemand in Deutschland nach 1948, als sie erstmals in ihr Heimatland zurückkehrte, daran interessiert war, ihren Roman zu verlegen. Er wurde schließlich mehrfach – 1951, 1964, 1978 und 1979 – in meist gekürzten Fassungen in verschiedenen Verlagen veröffentlicht. Nun ist das Buch – dank des Verlags Schöffling & Co. – , erstmals ungekürzt und mit einem sehr lesenswerten Nachwort der Literaturkritikerin Nicole Henneberg versehen, erneut erschienen.

Erzählt wird die Geschichte der Familien Effinger und Goldschmidt/Oppner. Erstere ein Handwerkergeschlecht aus dem Süddeutschen, letztere Besitzer einer Privatbank in Berlin. Durch Heirat kommen beide Familien zusammen, als Paul und Karl Effinger in den 1880er Jahren einen Betrieb in der preußischen Hauptstadt eröffnen und zunächst Karl Annette Oppner ehelicht, später dann Paul deren Schwester Klärchen. Diese beiden Familienzweige sind es, die Tergit auf den fast 900 Seiten ihres Romans hauptsächlich verfolgt und beschreibt. Vom kaiserlichen Preußen über die wilhelminische Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die frühen Jahre des 20. Jahrhunderts, den ersten Weltkrieg, die schwierigen Jahre nach dem Versailler Frieden – Hunger, Revolution, Inflation – durch die wilden Zwanziger bis hin zur Machtergreifung der Nationalsozialisten und darüber hinaus reichen ihre ausgesprochen detailreichen Betrachtungen des jüdischen Bürgertums. Sie wollte erklärtermaßen diese Jahre und Jahrzehnte vor dem inneren Auge ihrer Leser auferstehen lassen und dies gelingt ihr, indem sie – vor allem im ersten Teil des Romans, der sich etwa bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs erstreckt – mit äußerster Akribie nicht nur das Leben ihrer Protagonisten schildert, sondern auch die Räume und die Umwelt, in und durch welche sie sich bewegen.

Tergit konzentriert sich, bei einer gelegentlich etwas unübersichtlichen Fülle an Personal, auf einige wesentliche Figuren in jeder Generation und stattet diese mit einer erstaunlichen Lebensfülle aus. So findet der Leser immer gewisse Identifikationsangebote und -figuren. Sei es Emmanuel Oppner, der Selma Goldschmidt heiratet und gemeinsam mit ihrem Bruder Ludwig die Bank führt, sei es der Rechtswissenschaftler Waldemar, der, humanistisch gebildet, wie ein griechischer Chor die Zeitläufte zu kommentieren versteht, seien es die bereits erwähnten Karl und Paul Effinger und ihre jeweiligen Gemahlinnen, sei es der Schöngeist Theodor, der bei aller Liebe zur Ästhetik doch die Bankgeschäfte übernimmt, seien es, in der dann folgenden Generation, die Kinder Marianne, James und Erwin, oder Lotte, die Tochter von Paul und Klärchen, sowie ihre Cousine Marianne – immer werden dem Leser Personen beschrieben, die sehr lebensnah sind, die für ihre Zeit oft prototypische Lebenswege einschlagen und prototypische Entwicklungen durchleben und die die Autorin alle gleichermaßen zu lieben scheint.

Es wird gern der Vergleich zu Thomas Manns BUDDENBROOKS herangezogen, um Tergits Roman zu charakterisieren. Diesem Vergleich sollte man sich als Leser aus zweierlei Gründen widersetzen. Zum einen steht EFFINGERS für sich selbst. Es braucht keinen Vergleich, um die Größe und Wucht dieses Romans zu verdeutlichen. Zum andern aber wäre der Vergleich auf positiver wie auf negativer Seite einer solchen Bilanz unzutreffend. Thomas Mann schreibt seinem Jahrhundertwerk einen gewissen Fatalismus ein – der Niedergang des Bürgertums in folgerichtiger Verweichlichung und  „Entartung“, wie er es selber nannte. Davon kann bei Tergit keine Rede sein. Zwar kämpft der nüchterne Paul mit aller Kraft darum, daß auch die Folgegeneration sich in der Fabrik engagiere, wie auch Theodor hofft, daß die Bank weitergeführt werde, doch sind nicht kaufmännisches Versagen Schuld am Niedergang des einen wie des anderen. Vielmehr beschreibt Tergit sehr organisch und nachvollziehbar, wie es wirtschaftliche Aspekte und dann vor allem politische Entwicklungen sind, die die Effinger-Werke, die sich von der Schraubenwerkstatt zu einem Konzern für Verbrennungsmotoren und Autos entwickelt haben, wie auch die Bank der Familie schließlich entreißen. Gerade das Schicksal der durchaus nach den Jahren der Depression noch rentablen Werke ist ein sehr typisches: Kaum sind sie an die Macht gekommen, enteignen die Nazis die jüdischen Besitzer und überführen die Fabrik in „arische“ Hände.

Tergit enthält sich jeder Meta-Beurteilung, wie Thomas Mann sie eben sehr wohl vornimmt. Die Geschichte des jüdischen Bürgertums und seines Untergangs ist eben keineswegs vorher bestimmt, sondern in hohem Maße von sehr weltlichen Verwerfungen abhängig. Daß das bürgerliche Leben, wie es sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts darstellte, einem natürlichen Ende zuging, allein durch das Aufkommen neuer Ideen – Marxismus und Sozialismus ebenso, wie Psychoanalyse und Soziologie – , die auch vor der jungen Effinger/Oppner-Generation nicht Halt machen und gerade bei Marianne und Lotte Anklang finden, erklärt der Roman als völlig natürlichen Vorgang. Gerade in die Figur der Lotte dürfte viel Charakteristisches der Autorin selbst eingeflossen sein. Dies ist eine ausgesprochen lebensnah beschriebene junge Frau, die in eine neue, aufregende Zeit hinein geboren wird, sich darin zurecht finden muß und will, dafür aber mit den Sicherheiten der Vergangenheit wird brechen und sich gegen die Widerstände der Älteren und ihre Moralvorstellungen wird durchsetzen müssen. Es ist die vielleicht lebensnächste Figur, die, die am individuellsten und äußerst vielschichtig ausgemalt ist.

Will man Tergit überhaupt einen Vorwurf machen – neben dem, daß ihre Geschichte die bereits erwähnte Menge an Personal aufweist und man nicht bei allen Protagonisten immer direkt nachvollziehen kann, in welchem Verhältnis sie zu den Hauptfiguren stehen – , dann wäre es vielleicht der, daß sie eben Prototypen beschreibt. All diese Personen haben wenig Außergewöhnliches zu bieten, ihnen sind bestimmte (zeit)typische Rollen zugewiesen. Der Konservatismus der Alten, das Drängen der Jüngeren. Die verschrobene Tante. Die zugewiesenen Rollen für Frauen und Untergebene. Der eine ist ein nüchterner Technokrat, sparsam und bescheiden, der andere ein dem guten Leben Zugewandter, einer ist ein  Zauderer, einer ein Draufgänger, da ist der Ästhet ebenso, wie der Liebling der Frauen, im Hintergrund gibt es sowohl auf Effinger-, als auch auf Oppner-Seite jeweils einen Bruder oder Sohn, der in die Ferne schweift, nach England, bzw. Amerika, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen. So werden einzelnen Figuren gewisse Eigenschaften und typische Werdegänge zugewiesen. Ihrem erklärten Ziel, eine Übersicht jüdisch-bürgerlichen Lebens zu geben, kommt Tergit damit sicherlich näher, als wenn sie einzelne Figuren bis in die letzten Winkel individualistischen Daseins erforscht und ausgeschmückt hätte. Dank ihrer Zuneigung für ihr gesamtes Personal, gelingt es Tergit jedoch erstaunlich gut, deren Charaktere und ihre Schicksale spürbar zu machen.

Sie tut dies auch, indem sie in oft kurzen Kapiteln mal gesellschaftlich, mal politisch, mal persönlich vom Leben ihrer Figuren erzählt. Und es dabei sehr gut versteht, diese unterschiedlichen Ebenen so zu integrieren und miteinander zu verbinden, daß wirkliches Leben durch die Fiktion schimmert, sich mitteilt. Ihr reichen oft wenige Attribute und Adjektive, um die Persönlichkeiten zu umreißen, dafür beschreibt sie umso ausführlicher die Welt, durch die sie sich bewegen. Die Salons, die Stadt, die Fabrik, die Bank, die Clubs und die Restaurants, die Theater usw. Ebenso werden die Interieurs beschrieben, die Kleidung, Bilder, die Autos und Häuser. Da entsteht eine Welt, die lange untergegangen ist und die gar nicht so spezifisch jüdisch ist, wie man annehmen wollte, nicht zuletzt, weil weder Effingers noch Oppners sonderlich gläubig sind. Großvater Effinger, der Uhrmacher im fiktionalen Kragsheim im Süddeutschen, geht regelmäßig in die Synagoge und hier, in einem der gelegentlichen Abstecher nach Kragsheim, findet sich eine herrliche und sehr liebevolle Beschreibung der Vorbereitungen des Sedarfests. Ebenso liebevoll wird der alte Herr mit seinen Marotten und Eigenheiten beschrieben, der, hochbetagt als er stirbt, ein Verbindungsglied zum alten Glauben darstellt. James, der während des Ersten Weltkriegs in der Etappe eine recht ruhige Zeit verbringt, trifft während seiner Zeit an der Ostfront auf das dortige Schtetl-Leben und es ist fast ergreifend, wie Tergit den Kulturschock beschreibt, den der nahezu säkulare junge Mann hier erfährt. So findet das spezifisch Jüdische hier sehr wohl statt, wird aber auf oft subtile Art und Weise beleuchtet.

Stilistisch ändert sich einiges im zweiten Teil des Buches, den man mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs markieren könnte. Die Kapitel werden oft noch kürzer, manchmal sind sie keine ganze Seite lang. Die Sprache wirkt manchmal gehetzt. Darin mag das Ideologische zum Ausdruck kommen, die Nervosität und Atemlosigkeit jener Jahre: Die Revolution, die Inflation, die Expression in den Bars, Clubs und Varietés der wilden 20er Jahre in Berlin. Das mag angehen, doch zugleich werden ganze Abschnitte – Lebensabschnitte ebenso, wie  Zeiträume historischer Entwicklungen – in einem Zeilensprung, mit einem Absatz umfasst. Eben ist Lotte noch eine zweifelnde junge Frau, die von ihrem Mann verlassen wird, jetzt schon eine gefeierte Schauspielerin. Dazwischen ein paar magere Zeilen über ihren Wunsch, es einmal mit der Schauspielerei zu versuchen. Die Figuren treten auf und ab, kaum mehr kommt man hinterher und vermisst spätestens jetzt wirklich eine Übersicht über das Personal außerhalb der Familien Oppner/Effinger. Einschneidende Erlebnisse einzelner Figuren werden in wenigen Dialogzeilen mehr an- als umrissen und es drängt sich der Eindruck auf, daß hier nicht nur ein Stilmittel Anwendung findet, sondern daß die Autorin auch anfängt, durch ihre Geschichte zu hetzen, sie zu einem Ende bringen zu wollen.

Nach hinten raus wird das dann irgendwann anstrengend. So gehetzt wie das Leben nach dem Krieg, während der Inflation, in den Zwanzigern, zum Börsenkrach und schließlich während der aufkommenden Diktatur, so gehetzt wirkt auch Tergits Schreiben. Und zugleich liest man immer langsamer. Vielleicht, weil das Leben von vier Generationen auf nahezu 900 Seiten einfach sehr viel Stoff ist, vielleicht, weil es auch ermüdend ist, all diesen unterschiedlichen Figuren zu folgen, vielleicht, weil die Einzelschicksale auch zu typenhaft sind, zu wenig individuell. Vielleicht aber auch, weil man weiß, was da kommt, unweigerlich. Als Gabriele Tergit begann, ihre Familienchronik niederzuschreiben, zu Beginn der 30er Jahre, da wusste sie natürlich nicht, was da kommen sollte. Als sie das Buch beendete, ca. 1948, hatte sich die Welt noch fundamentaler gewandelt, als in jenen Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, die sie so eindringlich beschreibt. Wir, die heutigen, wissen natürlich noch viel genauer, besser, auch erdrückender, was dieser fundamentale Wandel wirklich in all seiner Tragweite bedeutete. Vielleicht zögert man das Lesen auch deshalb hinaus. Vielleicht will man als Leser des frühen 21. Jahrhunderts nicht an die Schwelle des Schreckens, wenn man gerade fast 900 Seiten lang Freundschaft mit all diesen Figuren geschlossen hat, die man unweigerlich verlieren wird.

EFFINGERS ist ein großes Buch, eines jener Bücher, die zu lesen so oder so lohnt. Auch und nicht zuletzt, weil es Gabriele Tergit eindringlich gelingt, das Aufziehen des Unheils zu beschreiben, mehr noch: es fühlbar zu machen. In Zeiten, in denen die Demokratie erneut unter Beschuß steht, in denen wieder einzelne ihre Stimme wider den Pluralismus erheben und dem Autoritarismus, teils gar der Diktatur das Wort reden, sollte man erst recht wachsam sein und sich – ob in Sachliteratur oder fiktional – einmal mehr vor Augen führen, wie schnell das geht. Doch sollte das nicht einmal der eigentliche Grund sein, Tergits Roman zu lesen. Nein, wie sie hier eine Epoche auferstehen lässt vor dem Leser, wie es ihr gelingt eine uns so lange vergangen erscheinende Zeit greifbar zu machen, stilistisch modern, das ist großartig. Das ist großartige Literatur.

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