EIN ANDERER TAKT/A DIFFERENT DRUMMER

William Melvin Kelley hat ein lange vergessenes Stück Weltliteratur geschrieben

Je älter man wird, je mehr Lebens- und Leseerfahrung man ansammelt, desto seltener – leider – trifft man auf Bücher, die einen noch packen, wie es einst jene Werke konnten, die man in der Jugend las, die einem fremde, verlockende Welten eröffneten und denen man folgte, wohin auch immer. Die Lektüre wird im Laufe der Jahre schwieriger, komplexer, reflexiver, aber auch verkopfter, theoretischer und damit zwangsläufig intellektueller. Und zugleich liest man distanzierter, achtet mehr auf Sprache, Metaebenen, darauf, was sich hinter den genutzten Bildern, den Metaphern, den Geschichten und der Sprache selbst verbirgt. Umso größer die Freude, wenn man dann auf Texte stößt, die trotz des höheren Anspruchs , den man selber an sie hat, und trotz des höheren Anspruchs, den sie an den Leser stellen, packen, einen entführen, zwingen, immer genauer und noch einmal genauer zu lesen, hinzuschauen, in Welten einzutreten, die zu betreten man nie hätte erwarten können.

EIN ANDERER TAKT (A DIFFERENT DRUMMER; Original erschienen 1962) von William Melvin Kelley ist ein solcher Text. Damit kein Mißverständnis entsteht: Es ist ein harter Text, sein grundierendes Thema ist der Rassismus, der – wir sehen es gerade wieder mit aller Deutlichkeit – noch heute das Leben in den USA, ganz spezifisch im Süden der Vereinigten Staaten, bestimmt. Der gebürtige New Yorker Kelley, der diesen spezifischen Rassismus des Südens, der noch einmal eine andere, sehr eigene, Qualität aufweist als jener in Neuengland, Chicago, Los Angeles oder eben New York, selbst nicht erleben musste, nutzt einen Staat, der im Süden liegt, den es aber auf der Landkarte nicht gibt, um seinen Lesern begreiflich zu machen, wie dieser historische Rassismus tief in die Gesellschaft, in die Köpfe und Herzen der Bevölkerung eingedrungen ist und sie bis heute (ja, HEUTE) bestimmt und prägt. Es ist ein namenloser Staat, der aber in etwa dort liegt, wo in der Realität Louisiana verortet ist, und weist als größte Stadt New Marsails auf, unschwer als Allegorie auf New Orleans zu erkennen. Louisiana gilt auch heute noch als einer der rassistischsten, am meisten gespaltenen Staaten der USA. Diese literarische Strategie gibt Kelley unterschiedliche Möglichkeiten, seine Anliegen zu bearbeiten. Eines dieser Anliegen ist u.a., einer weißen Leserschaft einen Spiegel vorzuhalten, in dem sich der weiße Rezipient schnell erkennen kann…erkennen muß. Indem Kelley seine Geschichte vom Auszug der Schwarzen aus dem Süden – nicht zufällig erinnert dies an den Auszug der Juden aus Ägypten – in einem imaginären Staat geschehen lässt, hat er aber auch die Möglichkeit, die kulturellen, nicht zuletzt literarischen Implikationen seiner Erzählung und deren Vorgeschichte auszuloten.

An einem heißen Nachmittag beginnt der schwarze Farmer Tucker Caliban damit, seine Felder zu versalzen, dann tötet er das Vieh und brennt schließlich seine Farm nieder. Er und seine Familie werden gen Norden ziehen. Die weiße Bevölkerung der kleinen Stadt Sutton schaut schweigend zu, versucht zu begreifen, was vor sich geht. Doch wirklich verstörend wird es für diese Männer, als immer mehr Schwarze die Stadt, das County, den Staat verlassen. Sie gehen – und zurück bleiben verunsicherte Weiße, die sich fragen: Warum?

Kelleys Text steht in direktem Bezug zu und Kommunikation, respektive Korrespondenz, mit dezidierten Südstaatenautoren wie Walker Percy, Carson McCullers, vor allem aber William Faulkner, jenem Giganten der amerikanischen Literatur, der in seinem ebenfalls imaginären Yoknapatawpha County, in Mississippi gelegen, exemplarisch – und aus sehr weißer Sicht – die Probleme des Südens literarisch durchspielte und reflektierte. Faulkner starb übrigens im Jahr des Erscheinens von Kelley Text, 1962. Doch sind Kelleys literarische Bezüge vielschichtig. So trägt jene Figur, die man als Hauptprotagonisten des Romans bezeichnen könnte und die dennoch keine eigene Stimme in diesem Werk hat, den Namen Tucker Caliban. Caliban, jenes mythische Wesen aus Shakespeares DER STURM, Prosperos Sklave. Tucker Caliban wird im Roman eine direkte Herkunft von einem Schwarzen nachgesagt, der einst mit einem Schiff aus Afrika kam und sich vehement gegen seine Versklavung wehrte, in den Urwäldern des Südens verschwand und für Aufruhr auf den Plantagen sorgte, bevor es seinem „Besitzer“ Dewey Willson gelang, ihn zu stellen und zu töten. Dieser Mann, „der Afrikaner“ genannt, ist also selbst eine literarische Figur. Es ist eine Legende, die die Alten im Ort Sutton sich und den Jüngeren wieder und wieder an langen, heißen Nachmittagen auf den Veranden der Geschäfte und ihrer Häuser erzählen. Eine Legende – Literatur. Wie beim Shakespeare´schen Caliban, ist auch dessen Herkunft in Kelleys Roman eine zugeschriebene, wie dem Shakespear´schen Caliban, wird auch Tucker Caliban – wie allen Schwarzen mindestens im Süden – unter Ausblendung jeglicher sozialen, kulturellen und historischen Aspekte gern etwas Wildes, gar Bestialisches zugeschrieben, etwas, das im Gegensatz zu Bildung und Kultur stünde. Hinzu kommt der bereits erwähnte biblische Bezug, der sich dadurch verstärkt, daß später im Text ein mysteriöser Schwarzer namens B.T. Bradshaw auf, ein Reverend eigenen Rechts, der seiner eigenen Kirche vorsteht. In gerade dieser – sowohl sympathischen wie auch zutiefst bedrohlichen Figur rekurriert Kelley auch auf ureigene schwarze Legenden wie jene des Bluessängers Robert Johnson, der einst – standing at the crossroads – den Teufel traf, ihm seine Seele verkaufte und dafür die Gitarre zu spielen lernte wie kein Zweiter und dem seine 29 verbürgten Songs – jeder einzelne einer für die Ewigkeit – nur so zugeflogen sein sollen.

Vor allem aber ist Kelleys Text eine Selbstbemächtigung, darin pure, reine, wunderbare Literatur, denn er lässt in seinem Roman ausschließlich Weiße zu Wort kommen. Nachdem Jahrzehnte, ja Jahrhunderte lang weiße Autoren Schwarze haben sprechen lassen – allen voran Margaret Mitchell in GONE WITH THE WIND (Original erschienen 1936) – und sie dabei stigmatisierten, sowohl sprachlich in der Beschreibung ihres Wesens, als auch auf der sprachlichen Ebene ihres Redens, nimmt nun ein Schwarzer radikal die Position des weißen Sprechenden ein und dekonstruiert darin weiße Selbstansichten. Die Willsons, jene Nachfahren von Dewey Willson, der den „Afrikaner“ einst zur Strecke und damit Ruhe in die Seelen der weißen Bevölkerung in Sutton und Umgebung brachte, geben sich liberal, aufgeklärt und modern und begreifen dennoch kaum, was sie mit ihrem Verhalten Schwarzen antun und wie sie sie weiterhin stigmatisieren, definieren und ihren Status zementieren.

Kelley lässt aber auch die „einfache“ Landbevölkerung zu Wort kommen, denn Calibans einziger weißer „Freund“ ist ein etwa zehnjähriger Junge, genannt Mister Leland, der mit seinem Vater Harry Leland regelmäßig von der Farm, die sie bewirtschaften, in die Stadt fährt, den Reden der „Männer auf der Veranda“ lauscht und so allerhand erfährt, was sich in der Gegend tut. Gerade diese „Männer auf der Veranda“ könnten direkt einem Roman von Faulkner entstiegen sein. Sie sprechen über die Schwarzen, aber selten mit ihnen, sie glauben, ihre schwarzen Mitmenschen zu durchschauen und begreifen nichts von dem, was vor sich geht. Sie kommentieren, was sie sehen und sehen doch nicht, was geschieht. Und als alles vorbei ist und der gesamte Staat nur noch weiße Menschen beheimatet, weil die Schwarzen über Tage und Wochen ausgezogen sind, gen Norden, begreifen diese Männer in ihrer einfachen, ländlichen Art und Weise auf einmal die Dialektik, die zwischen ihnen und ihren schwarzen Mitbürgern über Jahrzehnte und Jahrhunderte entstanden ist. Sie begreifen diese Dialektik aber nicht in einem Hegelianischen Sinne – also als einen folgerichtigen Fortschritt der Menschheitsgeschichte – sondern als einen Affront. Denn sie begreifen nicht nur ganz pragmatisch, daß nun niemand mehr die Arbeit verrichten wird, die sie nicht tun wollen, daß Mr. Thomason, auf dessen Veranda vor seinem Laden sie sich regelmäßig treffen, wahrscheinlich die Hälfte seiner Kunden verloren hat, sondern auf eher instinktive Art und Weise, daß sie nun auf sich selbst zurückgeworfen sind. Da ist niemand mehr, den sie gängeln können, da ist niemand mehr, auf den sie hinabsehen können und dem es – bei aller eigenen Armut und Not – immer noch etwas dreckiger geht, jemand, den man herumschubsen kann, um das eigene Selbstwertgefühl zu steigern. Auch hier schimmert Hegel in Kelleys Text auf, denn was wird aus dem Gleichnis vom Herrn und Knecht, wenn der Knecht sich entschließt zu gehen? Wer ist danach Herr, wer Knecht?

Kelley lässt in den zehn Kapiteln seines Buchs immer Weiße direkt erzählen – allen voran die Willsons, die gern im Norden studierten und dadurch mit liberalen, gar sozialistischen Ideen in Berührung kamen – oder berichtet aus ihrer Perspektive. So bleibt Tucker Calibans Entschluß, seine Felder zu vergiften, seine Farm niederzubrennen und das wenige Vieh, das er sein Eigen nannte, zu töten, sowohl den „Männern auf der Veranda“, als auch „Mister Leland“ und letztlich auch dem (weißen) Leser unergründlich. Sicher, intellektuell begreifen wir, daß es hier um einen Akt der Selbstbestimmung, der Befreiung geht, daß erst in der radikalen Loslösung von allem, was man hat, auch von dem, was man vielleicht liebt, wirkliche Freiheit – nothing left to lose – liegt. Doch die tieferen emotionalen Gründe für diesen Akt, der schließlich dazu führt, das eine enorme Masse schweigender schwarzer Menschen Tucker Calibans Beispiel folgt und die Heimat, die nie eine war, verlässt, diese Gründe wird wahrscheinlich nur ein schwarzer Leser begreifen können.

Was ein weißer Leser, auch nahezu sechzig Jahre, nachdem Kelleys Werk erschienen ist, begreifen muß, ist sein eigenes Unverständnis, das Unvermögen, grundlegend die Beziehung weißer und schwarzer Menschen unter den spezifischen Bedingungen des Südens (und nicht nur dort) zu begreifen. Der schwarze Mensch ist als Ware in die Geschichte des Südens, der USA, letztlich der weißen Welt Europas. eingetreten. Von allem Anfang an war der Schwarze – ob Mann, Frau oder Kind – eine Ware, die man kaufen und entäußern konnte. Es wurde nie Rücksicht auf Familienzusammengehörigkeit genommen, schwarze Menschen im Süden waren Verfügungsmasse, die man züchtigen konnte, die bis zum Umfallen schuften mussten, die man herumschubsen und nach eigenem Gusto behandeln konnte und die man gelegentlich aus reinem Sadismus, aus purer Freude an Schmerz und Qual anderer, töten konnte. Und daran hat sich auch nach dem Bürgerkrieg strukturell nie etwas verändert. Aus dem Sklavenverhältnis wurde institutionalisierter Rassismus, während der sogenannten Ära der Reconstruction wurde per Zensus und Wahlrechtsreform systematisch dafür gesorgt, daß schwarze Menschen auch weiterhin ökonomisch, politisch und kulturell im Nachteil, wenn nicht rundweg unterdrückt blieben.

All diese Erkenntnisse, all diese Tatsachen, diese Fakten, diese Ungerechtigkeiten schwingen in Kelleys Text mit. Mehr noch – sie erklären sich hier nahezu exemplarisch und bleiben einem weißen Leser eben doch emotional verschlossen. Und es ist genau diese Verschlossenheit, die Kelley spürbar macht, wenn er durch die Selbstbemächtigung weißer Sprache, weißen Denkens, eben auch jene bloßstellt, die sich selbst für progressiv, für liberal, für modern halten. Selten hat ein Romantext einem Großteil seiner Leser (so sich denn genügend weiße Leser finden) so gnadenlos und auch bedingungslos den Spiegel vorgehalten, wie EIN ANDERER TAKT. Und so stellt sich am Ende der Lektüre die Frage, wer hier über Kultur, Bildung und Pli verfügt und wer der Wilde, die Bestie ist. Tucker Caliban? Oder doch eine Gesellschaft, die ihre eigenen Abgründe nur damit kaschieren kann, sich anderen, die sie eine „Rasse“ nennen, überlegen zu fühlen, an denen die eigene Brutalität, Bestialität auszuleben ihnen gerechtfertigt scheint unter dem Signum, es nicht mit Menschen, sondern mit lebender Ware, mit Vieh, zu tun zu haben?

Das ist, hier gilt das Wort einmal uneingeschränkt, Weltliteratur. Literatur, die in der Kunstfertigkeit ihrer Konzeption, in ihrer Vielschichtigkeit, in ihrem unbedingten Willen, sich literarisch zu verstehen, in ihrer Präzision und den Abgründen, die sie fast spielerisch aufbricht und in die sie den Leser blicken lässt, ihresgleichen sucht. Suchen wird.

 

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