ELEPHANT

Gus van Sant sucht eine filmisch-meditative Annäherung an die Geschehnisse in der Columbine High School 1999

Am 20. April 1999 betraten Eric Harris und Dylan Klebold ihre High School in Littleton und erschossen dort 12 ihrer Mitschüler, einen Lehrer und schließlich sich selbst. Vor den Ereignissen des 11. September zwei Jahre darauf, hatte es in den USA zwar immer eine Unmenge Gewalt gegeben, doch wirklich erschüttert wurde das Land zuvor lediglich durch den Angriff auf das Federal Building in Oklahoma City, 1995, bei dem 168 Menschen starben. Dann kam dieses Schulmassaker und konfrontierte Amerika mit seinen dunkelsten Seiten. Wirklich erholt hat es sich davon nicht, lediglich übertüncht wurden die hier freigesetzten Ängste von einer vermeintlichen Gefahr von Außen…

Gus Van Sant, einer der wenigen noch wirklich als solche tätigen Autorenfilmer in den USA, verantwortlich für Filme wie DRUGSTORE COWBOY (1989), MY PRIVATE IDAHO (1991), GOOD WILL HUNTING (1997 – sein größter kommerzieller Erfolg) oder dem späteren, oscarprämierten MILK (2008), schuf diesen eindringlichen Film 2003 und war so neben Michael Moore, der die Geschehnisse in der Columbine Highschool als Anlaß nahm, in BOWLING FOR COLUMBINE (2002) die Frage nach der Waffenliebe seiner Mitbürger und die sich dahinter verbergenden Ängste zu stellen, der einzige amerikanische Filmemacher, der sich ernsthaft dem Thema widmete und dabei auch bereit war, unangenehme Wege zu gehen. Das Ergebnis – eben ELEPHANT (2003), der hier vorliegende Film – ist allerdings unangenehm geartet…

Van Sant zeigt uns in den gerade mal knapp 80 Minuten Laufzeit den Ablauf des Massakers. Nicht minutiös und auch nicht exploitativ. Wohl zeigt er das Massaker, doch bleibt er auch dabei ebenso distanziert, wie er uns in den 70 Minuten, bevor es ausbricht, die einzelnen Protagonisten, Situationen und v.a. die Schule selbst gezeigt hat. Erinnert man sich an den Film, scheint es fast so, als hätte er lediglich aus endlosen Kamerafahrten und Steady-Cam-Läufen durch die Gänge der Schule bestanden. Es hat fast etwas Träumerisches, etwas Verzögertes, etwas Meditatives, wie er die Schule präsentiert – vielleicht wie Traumbilder aus jener einst unbeschwerten Zeit, der Jugend. Dabei folgt die Kamera den Darstellern wacklig, als sei der Zuschauer immer dran am Geschehen und doch eben – Zuschauer, unbeteiligt.

is sich die Darstellung in den letzten 15 bis 20 Minuten des Films auf die Attentäter konzentriert und deren Vorbereitungen und schließlich ihr Vorgehen zeigt (und u.a. ihre Enttäuschung, wenn sich in den Gängen niemand mehr findet, der sich abschlachten ließe), werden uns zuvor lauter typische Teenagerdramen und -themen vorgeführt. Jemand wird nicht so zurückgeliebt, wie er das gern hätte, John muß dafür sorgen, daß sein betrunkener Vater, der ihn eigentlich zur Schule fahren wollte, dort abgeholt wird, Elias will Fotos seiner Mitschüler „schießen“, Michelle soll bitte im Sportunterricht kurze Hosen tragen. Wir ahnen, daß all diese kleinen Alltagsgeschichten für den Betreffenden an diesem spezifischen Tag ein spezifisches Gewicht, eine spezifische Bedeutung haben. Jeder der gezeigten Schüler begegnet in seiner Zeit, die ihm im Film zuegstanden wird, mindestens einmal den Attentätern (wobei diese John wegschicken, er solle gehen und nicht wiederkommen, hier sei „gleich die Hölle los“ – dies entspricht einer der verbürgten Tatsachen über das wirkliche Columbine-Massaker). Manchmal überkreuzen sich dabei die Wege – wodurch der Zuschauer erst begreift, sich in einem sehr engen Zeitfenster zu befinden, die Darstellung ihm chronologisch eigentlich gleichzeitig Passierendes vorführt. Elias will John fotografieren, wofür dieser anfängt, vor der Kamera zu blödeln – diese Szene werden wir im Film drei Mal aus drei verschiedenen Perspektiven zu sehen bekommen.

Lediglich in der Darstellung der Attentäter scheint das zeitliche Verhältnis einmal nicht zu stimmen – offenbar wird uns unterschiedslos und weder durch filmische noch andere Kennzeichen markiert, eine einzige länger zurückliegende Begebenheit mit den Attentätern gezeigt. Schließlich beginnt das Massaker und wird als ebenso traumwandlerisches Geschehen gezeigt, wie zuvor die langen Wege durch die Schule, die zu einer filmischen Verwirrung des Zuschauers geführt haben. Sich in diesen Räumen, Gängen, Hallen, Atrien usw. zurechtzufinden, scheint schier unmöglich. Ein Labyrinth, aus dem es kein Entkommen gibt?

Gus Van Sant erliegt nicht der Versuchung einer Deutung. Der Titel ELEPHANT spielt u.a. auf eine buddhistische Gleichung an: Stecke 5 blinde Männer in einen Raum mit einem Elefanten und laß sie einen Tag lang das Tier befühlen. Auf die Frage, was sie da „befühlt“ hätten, um welchen Gegenstand es sich dabei handelt, wird es am Ende 5 vollkommen unterschiedliche Erklärungen geben. Es gibt, so die Moral, Dinge, die zu groß sind, um sie zu erklären oder zumindest um sie umfassend und erschöpfend erklären zu können. Mit solch einem Umstand, scheint der Regisseur uns sagen zu wollen, hat man es hier ebenfalls zu tun.

Was auch immer diese Jungs umgetrieben haben mag (und der Film „gönnt“ sich zumindest – es ist der 20.4., Hitlers Geburtstag, im Fernsehen wird eine Doku über den Mann gegeben – soviel „Deutung“, daß er die beiden späteren Mörder dabei zeigt, wie sie die Doku schauen, den GröFaZ allerdings zu einem Schwachkopf erklären; wesentlich dabei zu wissen ist, daß Klebold und Harris zwar fasziniert vom Thema „Nationalsozialismus“ waren, sich jedoch wohl explizit nicht als Neo-Nazis o.ä. verstanden), ein Film, ein Buch, eine Dokumentation o.ä. wird dem Phänomen wahrscheinlich nicht beikommen können. Und genau so funktioniert auch der Film. Er enthält sich der Deutung, er greift auf Leiendarsteller zurück, die Teile der eigenen Biographie und jeweils (auch die beiden Attentäter) der gespielten Figur auch ihren Vornamen leihen. Es entsteht wirklich so etwas, wie eine Dokumentation über einen „ganz normalen Tag“ in der Schule, der eben „rein zufällig“ etwas anders verläuft, als es so viele andere ebenso gleiche Tage getan haben.

Man kann den ganzen Film als eine Geschmacklosigkeit abtun (was ihm auch widerfuhr). Aber man kann auch sehen, daß hier ein amerikanischer Fimemacher bereit war, Risiken einzugehen. Denn wenn man Van Sant überhaupt eine „Deutung“ unterstellen oder interpretierend unterschieben will, liefe sie sicherlich darauf hinaus, all diese Menschen, diese Kids, das ganze „System Highschool“, als etwas zumindest aus der Zeit, eher aus der Welt Gefallenes zu zeichnen. Es gibt Momente, wenn man z.B. John auf einem nicht enden wollenden Gang durch die Schule folgt, in dem diese Wanderungen und einfach dieses Zeigen der Lokalität einen wirklich zutiefst meditativen Charakter annehmen. Auch da – vielleicht – eine Korrspondenz zum Titel? Können wir dieses Land „Jugend“ nicht mehr erfassen, als Erwachsene also auch nicht mehr wirklich begreifen, was in den Köpfen Jugendlicher vor sich geht? Fakt ist: Die Attentäter und ihre Opfer – einmal abgesehen von dem ermordeten Lehrer – wurden für immer in genau diesem Zustand der Jugend festgehalten, immer werden sie 15, 16, 17 Jahre alt sein, niemals mehr einen Tag älter. Niemals „erwachsen“, doch somit auch „Erwachsenen“ niemals mehr zugänglich? Opfer…und eben auch die Täter, die wir somit nie mehr werden verstehen können?

Da der Film allerdings darauf verzichtet, das Massaker dann auch nur einen Deut anders zu zeigen – weder werden Schnitt und Montage schneller, noch wird der Rhythmus verändert, auch die Musik bleibt sich gleich und einzelne Bildüberschnitte stellen sogar Bezüge zwischen dem Davor und dem Danach her (das es im Grunde in diesem Film nicht gibt) – und auch nicht das Ende des Massakers zeigt, sondern zumindest Alex, nachdem er Eric getötet hat (was so nicht der Realität, jedoch durchaus der inneren Logik eines Tötens entspricht, daß substanziell auf stetes Weitermachen angelegt ist), einfach weiter und weiter morden läßt, bis der Film dann schließlich „aus dem Massaker aussteigt“, drängt sich der Verdacht auf, daß Van Sant hier durchaus andeutet, daß dieses Töten strukturell ist.

Eine Gesellschaft, die Waffen liebt, ja, sie sogar zu Fetischen erhebt, in der Menschen vollkommen vereinsamen können (die meditativ verzögerte Darstellung läßt alle diese Figuren vom ersten Moment an wie isoliert wirken), egal aus welcher Schicht sie kommen (die Bilder aus Alex‘ Zuhause zeigen ein teuer aufgemotztes Interieur, zugleich jedoch könnten diese Räume auch Ausstellungsräume in einem Möbelgeschäft sein), eine Gesellschaft, in der selbst die Ausbildungsstätten wie riesige Lager oder Fabriken wirken, eine solche Gesellschaft, so scheint die Metadeutung dieses Films zu lauten, kann sich eigentlich nicht wundern, wenn sie dann auch solche Killerkinder produziert. Doch ist dies wirklich Interpretation, der Film drängt den Zuschauer nicht wirklich dazu. Er bietet auf der Primärebene schlichtweg gar keine Erklärungen an. Nicht mal die der traurigen Mobbingopfer wird bedient, denn die gezeigten Schüler sind alle im Grunde ganz nett. Sicher, der typische Jock ist dabei – also der Sportcrack – die Kreativen und Vereinzelten, doch wirken diese Kids alle freundlich. Oder doch zumindest harmlos und schlimmstenfalls sehr mit sich selbst beschäftigt. Damit entzieht Van Sant allerdings auch den Mitschülern von Klebold und Harris die Verantwortung für das, was geschehen ist. Das ist ein geschickter – und in einem therapeutischen Sinne sicherlich sehr kluger – Schachzug. Mag sein, daß sich einige an den Schulen wie die letzten Ekel aufführen und andere quälen – sie dann zu Verantwortlichen zu machen, ist billig, solange dies alles in einer Gesellschaft geschieht, die den Zugang zu Waffen derart leicht macht, wie die amerikanische, die zugleich jedoch Gewalt verherrlicht (als Konfliktlösung z.B.) und zudem ungeheure Ängste züchtet und schürt. Und nicht zuletzt genau die Ausschlußsysteme an den Schulen etabliert, die Wettbewerb in allen Belangen und Mobbing als mögliches Mittel in diesen Wettbewerben und Ausschlußverfahren ja überhaupt erst erfordern und sanktionieren.

Gus Van Sant ist ein eindringlicher Film gelungen, verstörend in seiner Ruhe, die er selbst in den Tötungsszenen noch beibehält, verstörend auch in seiner Lakonie. Es ist kein Meisterwerk und ganz gewiß kein Unterhaltungsfilm. Doch ist es eine ernsthafte und durchaus bedenkenswerte Auseinandersetzung mit den Ereignissen vom April 1999, die so viel Leid über so viele gebracht haben. Eine Auseinandersetzung, der man die eigene Hilflosigkeit womöglich ansieht. Und deshalb ist es ein kluger Film.

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