HEIMWEH/HOME STRETCH

Ein Familiendrama, fußend auf Lügen und Geheimnissen

Daß Iren unter besonders ausgeprägtem Heimweh leiden können, das bewies nicht nur die irische Literatur der letzten Jahre und Jahrzehnte, es kann auch ein jeder erkennen, der einmal die Saint Patrick´s Day Parade in New York verfolgt hat und etliche Irischstämmige, die die USA wahrscheinlich noch nie verlassen haben, dabei beobachtete, wie sie um den Verlust der alten Heimat trauern. Natürlich bei etlichen Guinness´. Spaß und Ironie beiseite. Ganz so einfach macht es sich Graham Norton nicht in seinem Roman HEIMWEH (HOME STRETCH/2020; Dt. 2021). Denn die hier aus der Heimat Vertriebenen sind Opfer einer Intrige, eines Familiengeheimnisses und ihrer eigenen Ängste. Diese Ängste ihrerseits sind dumpfe Ahnungen, daß die eigene Veranlagung – ja, wir reden hier über Homosexualität – in einem so stark vom Katholizismus geprägten Land wie Irland möglicherweise auf Anfeindungen und Intoleranz stoßen wird.

So ergeht es dem jungen Connor. Der wird von der eigenen Familie erst nach Liverpool verfrachtet, bevor er nach London weiterzieht und von dort aus nach New York. Doch seinem Heimatort, einem Städtchen in der Nähe von Cork an der irischen Südküste, ist Connor keineswegs aufgrund seiner sexuellen Neigung entflohen, sondern vielmehr, weil er der Fahrer eines Wagens war, in dem außer ihm noch fünf weitere junge Leute saßen und der in einem Verkehrskreisel außer Kontrolle geriet. Drei der Insassen sind tot – darunter ein Paar, das am nächsten Tag heiraten wollte – , eine junge Frau ist für ihr Leben gezeichnet, außer Connor haben nur zwei weitere der Beteiligten den Unfall unbeschadet überstanden. In einer solch kleinen Stadt jedoch ist kein Platz mehr für jemanden, der so viel Unglück über die Gemeinschaft gebracht hat.

Norton erzählt seine Geschichte, die sich letztlich von den späten 80er Jahren bis in die Gegenwart des Jahres 2019 erstreckt, in einer klaren, direkten Sprache. Anfangs, wenn er schildert, wie die Nachricht von dem Unfall die Runde macht und welche Auswirkungen dies auf die Verwandten, die Eltern und Geschwister der Verunglückten hat, befürchtet der Leser noch Schlimmes: Arger Kitschverdacht, wirkt das doch sprachlich nahezu redundant. Doch Norton fängt sich, vielleicht wollte er den Auftakt auch genau so, wollte diesen scheinbar naiven Stil, der zwar durchaus diese Prosa prägt, der dem Autor aber auch ermöglicht, komplizierte emotionale Verstrickungen wirkungsvoll und zugleich verständig zu packen und dem Publikum zu vermitteln. Und so, obwohl in diesem Buch sehr viel geweint wird, entgeht er ein ums andere Mal weiteren Kitschfallen.

Mehr noch – es gelingt Norton eine echte Überraschung zu Beginn des letzten Drittels seines Romans. Und die kommt so unvermittelt, daß man wirklich sagen kann: Chapeau! Sowas gelingt meist nur Filmemachern mit Schocks. Die aus dieser ersten Überraschung resultierende zweite ist dann allerdings so folgerichtig, daß die meisten Leser sie bereits antizipiert haben dürften, wenn sie sich dann enthüllt. Sei´s drum. Hier wird einfühlsam und ohne falsches Pathos von einem jungen Mann (letztlich sogar mehreren jungen Männern) erzählt, der seine Sexualität in einem Umfeld entdeckt, das schwulenfeindlicher kaum denkbar ist. Der Autor schreibt aus eigener Erfahrung. Er hat die doppelte Dröhnung des Außenseiters abbekommen, wuchs er doch selbst in der Nähe von Cork auf – als Protestant und angehender Schwuler. Glaubhaft kann er vermitteln, daß Homosexualität in einer solchen Umgebung ein Makel, wenn nicht gar eine verabscheuenswürdige Eigenschaft ist, teils als Krankheit betrachtet wird, die man angeblich durch allerlei Behandlungen kurieren kann.

Doch sollte auch nicht der Eindruck entstehen, daß man es hier mit reiner LGBTQ-Lektüre zu tun habe. Was an sich ja nicht falsch wäre und Vielen durchaus zu empfehlen, hilft es doch, eigene Ängste und Vorurteile abzubauen. Doch Norton geht es um mehr. Es geht um Lügen und Geheimnisse, es geht darum, wie sich Leben – eins exemplarisch oder viele, die daran gebunden sind – durch einen einzigen Moment entscheiden, eine Richtung nehmen können. Da passt einer nicht auf im entscheidenden Moment und ist verantwortlich für den Tod einiger anderer. Deren Leben haben sich natürlich unwiederbringlich verändert, doch derjenige, der verantwortlich ist, wird das seine kaum noch genießen können. Connor flieht regelrecht vor der einhelligen Meinung der Stadt, die seine Heimat ist, doch als er mehr als zwanzig Jahre später zurückkehrt, erfährt er, wie intensiv sein einstiges Verhalten auch die Leben anderer beeinflusst hat. Sei es das von Linda, die ebenfalls im Unfallwagen saß und danach nie mehr gehen konnte, sei es das von Connors Schwester Ellen, die im Nachklapp jenes fürchterlichen Tages in eine Ehe einwilligte, die sie so nicht wollte und die zwar zwei Kinder hervorgebracht hat, für sie und ihren Mann Martin – auch er einst Insasse des Unfallautos – jedoch nie erfüllend war. Und natürlich betrifft es Connors Eltern, die im Ort einen Pub führten und diesen überhaupt nur dank der Fürsprache der Eltern der Verunglückten weiterhin betreiben konnten, dafür aber den Preis zahlen mussten, ihren Sohn ein halbes Leben lang nicht mehr gesehen zu haben.

Daß Norton seine Geschichte, wenn auch nicht für alle Beteiligten, weitestgehend mit einem zumindest zufriedenstellenden Ende ausstattet, sollte nicht als versöhnlerisches Happyend verstanden werden. Dies ist kein Feelgood-Roman. Es ist eben nur ein Roman, der das Menschliche ernst nimmt und durchaus auf den Prüfstand stellt. Und es ist ein Roman, der zu dem Schluß kommt, daß Menschen eben durchaus zur Vergebung imstande sind, daß wir die Chance haben, uns zu ändern, unsere Situation zu ändern und einander zu verzeihen. Daß dadurch der Schmerz vergeht, daß dadurch begangenes Unrecht oder einmal erfahrenes Leid abgemildert würde, behauptet hier niemand. Lediglich, daß es bei allem Schmerz eine zumindest versöhnliche Entwicklung geben kann, darauf besteht dieser Roman von Graham Norton mit Nachdruck. Und auf der stillen Hoffnung, daß die nachfolgenden Generationen in eine offenere, tolerantere Gesellschaft hineinleben können; daß also auch die verknöchertste und konservativste Haltung durchaus aufzubrechen ist und sich wandeln kann. Ein ermutigendes Buch, das zugleich nichts beschönigt oder abmildert.

Umso ärgerlicher übrigens, wenn es dem Verlag nicht gelingt, etliche Druckfehler auszumerzen, schlimmer noch: Wenn das Lektorat nicht in der Lage ist, eine Übersetzung so zu beeinflussen, daß nicht hin und wieder Sätze in einer grammatikalischen Unmöglichkeit enden. Dies sei hier angemerkt, da es den Lesefluß nachhaltig stört.

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