ICH KÄMPFE UM DICH/SPELLBOUND

Hitchcock goes Freud - ein Gemisch aus Thriller, Melo und Vulgäranalyse

In Green Manors, einer Nervenheilanstalt in Vermont, wartet die Belegschaft auf ihren neuen Chef. Der bisherige Leiter der Einrichtung, Dr. Murchison (Leo G. Carroll), wurde nach einem Nervenzusammenbruch aufgrund von Überarbeitung in den Ruhestand geschickt. Vor allem für Dr. Constance Petersen (Ingrid Bergman) ist dies ein Schlag, da Dr. Murchison ihr Vertrauter vor Ort war, während der Rest der ausnahmslos männlichen Belegschaft – vor allem in Persona Dr. Fleurot (John Emery) – es nicht unterlassen kann, Dr. Petersen immer wieder auf ihren Status als Alleinstehende zu reduzieren, die sich in Liebesdingen nicht auskenne und deshalb bestimmte Patienten mit bestimmten Krankheitsbildern gar nicht therapieren könne.

Als der neue Leiter eintrifft – es ist der renommierte Arzt Dr. Anthony Edwardes (Gregory Peck) – sind zunächst alle hocherfreut, nun mit einer solchen Koryphäe zusammenarbeiten zu dürfen, auch wenn man sich allgemein überrascht zeigt, wie jung der Kollege ist.

Dr. Edwardes und Dr. Petersen fühlen sich sofort zueinander hingezogen. Dennoch fällt vor allem Dr. Petersen auf, daß irgendetwas mit dem jungen Mann nicht stimmt. Als sie ihm anhand einer Zeichnung auf der Tischdecke etwas verdeutlichen will, scheint Dr. Edwardes in eine Art Trance zu verfallen. Die seltsamen Vorkommnisse häufen sich und es entsteht nach und nach der Eindruck, daß der Mann, der sich als Dr. Edwardes ausgibt, ein Betrüger ist, mehr noch: Man nimmt an, daß er den wirklichen Dr. Edwardes umgebracht und dessen Identität angenommen hat. Nun scheint er, aufgrund seiner Schuld, an Gedächtnisverlust zu leiden.

Dr. Edwardes setzt sich nach New York ab, kann aber zuvor Dr. Petersen eine Nachricht mit seiner Adresse zukommen lassen. Dr. Petersen reist ihm nach, um ihm zu helfen, da sie von seiner Unschuld überzeugt ist und die Dinge aufklären will. Auch, wo der echte Dr. Edwardes abgeblieben ist, denn er gilt, seit er einen Skiurlaub angetreten hat, als vermisst.

Da Dr. Petersens Kollegen mittlerweile zweifelsfrei klären konnten, daß der Mann, der sich als Dr. Edwardes ausgegeben hatte, ein Betrüger war, wird der nun polizeilich gesucht. Deshalb flieht Dr. Petersen mit ihm in die kleine Stadt Rochester, wo ihr früherer Mentor, Dr. Alexander Brulov (Michael Chekov) lebt. Dieser freut sich, Dr. Petersen wiederzusehen, erkennt aber auch sofort, daß mit dem jungen Kerl, den sie bei sich hat, etwas nicht stimmt.

In der ersten Nacht, die Dr. Petersen und „John Brown“, wie sich der falsche Dr. Edwardes nun nennt, in Dr. Brulovs Haus verbringen, trifft der auf John Brown, der mit einem Rasiermesser bestückt durch das Haus wandert. Es gelingt Dr. Brulov, den Mann zu beruhigen. Anderntags können Dr. Petersen und Dr. Brulov mittels einer Hypnose und der anschließenden Analyse der von Brown preisgegebenen Einzelheiten herausfinden, daß der Mann offenbar mit Dr. Edwardes im Skiurlaub war und zumindest der letzte Mensch gewesen sein muß, der den Verschollenen lebend gesehen hat. Da es genügend Hinweise in seinen Erzählungen gab, gelingt es Dr. Petersen sogar, das Skigebiet auszumachen, wo Edwardes und der junge Mann sich aufgehalten haben.

Dr. Petersen beschließt, ihren Freund dorthin zu bringen und erhofft sich einen Durchbruch bei ihm, wenn sie mit ihm die gleiche Strecke zurücklegt, die er wahrscheinlich mit Dr. Edwardes gefahren ist.

Dr. Petersens Plan geht teilweise auf: Der Mann erinnert sich, daß sein wirklicher Name John Ballantyne ist. Er war aufgrund einer Kriegsneurose Patient bei Dr. Edwardes, hatte diesen auf dessen Skiurlaub begleitet und wurde Zeuge, wie er abstürzte. Da Ballantyne als Kind den tödlichen Unfall seines Bruders nicht nur beobachten musste, sondern teils auch verantwortlich dafür war, leidet er unter einem Schuldkomplex. Als er nun den Tod von Dr. Edwardes beobachtete, fühlte er sich auch für dessen Tod verantwortlich und übernahm die Identität des Mannes.

Nun glaubt Dr. Petersen alle Einzelheiten zu kennen und eine erfolgreiche Therapie anwenden zu können. Doch als die Leiche von Dr. Edwardes geborgen wird, stellt die Polizei fest, daß der Mann hinterrücks erschossen wurde. Daraufhin wird Ballantyne als mutmaßlicher Mörder verhaftet und schließlich auch verurteilt. Nur Dr. Petersen glaubt weiterhin nicht an dessen Schuld.

Sie kehrt nach Green Manors zurück, wo mittlerweile Dr. Murchison wieder als Leiter der Anstalt eingesetzt wurde. Bei einer Besprechung lässt er einen eher abfälligen Satz über Dr. Edwardes fallen. Der aber macht Dr. Petersen stutzig, da er nicht mit früheren Aussagen von Dr. Murchison übereinstimmt. Sie konfrontiert ihren Chef mit ihren Aufzeichnungen und Analysen hinsichtlich der Träume Ballantynes und Murchison hilft ihr sogar bei letzten analytischen Ungenauigkeiten. Allerdings stellt sich so heraus, daß offenbar Dr. Murchison selbst der Mörder von Dr. Edwardes ist – er hatte schlicht Angst um seine Stellung als Klinikleiter. Nun bedroht Dr. Murchison Dr. Petersen mit einer Waffe, doch es gelingt ihr, ihn davon zu überzeugen, daß ein Mord an ihr ihn sicherlich sofort auf den elektrischen Stuhl brächte. Während Dr. Petersen sich aus dem Zimmer zurückzieht, richtet Dr. Murchison die Waffe gegen sich selbst.

Nun steht einer gemeinsamen Zukunft von Dr. Petersen und John Ballantyne nichts mehr im Wege.

Alfred Hitchcock war fasziniert von der Psychoanalyse. Das merkt man vielen seiner Filme an, in einigen wird diese Leidenschaft notorisch, doch nur einmal griff er das Thema direkt auf und ging es sozusagen direkt an.

SPELLBOUND (1945), im letzten Kriegsjahr erschienen, spielt in einer Nervenheilanstalt und seine Hauptfiguren sind Analytiker, Psychiater und solche, die sich dafür halten. Das Sujet beschäftigt sich direkt mit einer verdrängten Schuld und stellt somit eine wahrlich psychoanalytische Frage in den Mittelpunkt. Doch wäre Hitch nicht Hitch, wenn es ihm nicht gelänge, den Suspense, die Spannung und die Atmosphäre – hier einer steten, nie näher beschriebenen Bedrohung, die eine unterschwellige Paranoia bei Hauptdarsteller Gregory Peck in der Rolle des jungen Arztes Dr. Edwardes, bzw. des jungen Mr. John Ballantyne, ebenso hervorruft, wie beim Publikum – aufrecht zu erhalten und ihr letztlich Vorrang vor den analytischen Aspekten einzuräumen. Der Rettungsanker des jungen Mannes ist die Ärztin Dr. Petersen, die an seine Unschuld glaubt und, da sie ihn liebt, alles dafür zu tun bereit ist, diese seine Unschuld auch zu beweisen – selbst wenn es sie ihre Reputation kosten könnte.

Hitchcock und sein Drehbuchautor, der große Ben Hecht, entwarfen also eine Dreiecksgeschichte aus einem psychischen Defekt, einem Kriminalfall und einer Liebesgeschichte. Für Claude Chabrol und Éric Rohmer, die eines der ersten und eines der interessantesten Bücher über Hitchcock geschrieben haben[1], ist SPELLBOUND in erster Linie ein großer Liebesfilm. Wie viele Hitchcock-Filme, muß man auch diesem durchaus attestieren, Anleihen beim Melodrama zu nehmen, was wiederum typisch für den ‚Film Noir‘ gewesen ist, den Hitchcock einige Male bediente und dessen Repertoire an Stilmitteln er seinerseits immer wieder nutzte. Dies aber ist kein ‚Film Noir‘, das dürfte erst einmal festgestellt werden. Rohmer und Chabrol liegen nicht ganz falsch mit ihrer Einschätzung.

Ingrid Bergman, die Hitchcock faszinierte und die er hier erstmals einsetzte, bevor sie auch in weiteren Filmen des Meisters die Hauptrolle übernahm, wird bereits in der ersten Szene des Films von ihrem Kollegen aufgezogen, sie könne gar nicht jedes Leiden heilen, da sie über keinerlei Erfahrungen in Liebesdingen verfüge und somit nicht wisse, wovon in entsprechenden Fällen die Rede sei. Dr. Petersen, die Bergman-Figur, wird stereotyp mit Kostüm und Brille inszeniert, wodurch ein Klischee ebenso bedient wie fundiert wurde. Eine Ärztin, streng gekleidet und frisiert, die nur für die Wissenschaft lebt, gilt als frigide. Frauen sind für die Liebe geschaffen, nicht für die harte Realität eines Berufslebens wie dem eines Psychiaters oder Psychoanalytikers. Dementsprechend muß sich Dr. Petersen ununterbrochen gewisser Andeutungen und Unterstellungen erwehren, die man – aus heutiger Sicht – nur als sexistisch und zutiefst frauenverachtend einordnen kann. So scheint sich zu bestätigen, was gern über Hitchcock behauptet wurde: Er sei ein Frauenfeind. Und erst recht scheint sich dies zu bestätigen, als Peck, der zwar ein gutaussehender Mann aber zumeist ein grottiger Schauspieler war, in der Rolle des jungen Dr. Edwardes auftaucht und Dr. Petersen sich umgehend in ihn verliebt – womit ihre eigenen Theorien zur Liebe auf den Kopf gestellt werden und es zunächst so erscheint, als gäbe der Film ihren Kollegen recht, daß Frauen irrational, unintelligent und eigentlich nur in emotionalen Dingen kompetent sind. Dabei wird allerdings eines übersehen, sozusagen der rosa Elefant im Raum, da es die Auflösung des Films betrifft und also eigentlich ganz offenkundig vor dem Zuschauer liegt: Dr. Petersen behält als einzige in diesem Reigen scheinbarer Experten – und da sei auch ihr Mentor Dr. Alexander Brulov eingeschlossen – recht und erweist sich dann auch noch als außerordentlich mutig, wenn sie sich in der letzten Szene des Films dem wirklichen Mörder stellt und ihn mit seiner Schuld konfrontiert. Und es ihr dann auch noch gelingt, diesen mit dezidiert psychologischen Methoden davon abzuhalten, sie zu erschießen. Stattdessen wendet er die Waffe, der wir aus seiner Perspektive folgen, wie sie Dr. Petersen folgt, schließlich gegen sich selbst – also ins Publikum – und drückt ab, wodurch wir für den Bruchteil einer Sekunde „rot“ sehen – ein Schock in einem Film, der komplett in schwarzweiß gedreht wurde. Es ist dies – neben den berühmten Traumsequenzen, die von Salvador Dalí gestaltet wurden, worauf noch zurückzukommen sein wird – eine der berühmtesten Szenen und Momente des Films.

Doch verbleiben wir einen Moment bei der Rolle der Dr. Petersen. Es kann diese natürlich durchaus doppeldeutig gelesen werden. Natürlich behält ihr Kollege insofern recht, daß erst die Liebe in Dr. Petersen die Kräfte freisetzt, die sie an ihren Geliebten glauben lassen und ihr selbst die Kraft geben, gegen alle Widerstände weiterhin für ihn zu kämpfen. Doch Drehbuch und Regie verstehen es ausgesprochen geschickt – erst recht für eine Produktion von 1945 – diese Haltung zu hinterlaufen, ja zu dekonstruieren. Denn Dr. Petersens intellektuelle Fähigkeiten werden im Laufe der Handlung immer wieder ausgestellt und betont. Zudem verfügt sie über einen gewissen Witz, der es ihr erlaubt, die Anspielungen und teils wirklich unterirdischen Äußerungen ihrer Kollegen zu parieren oder ins Leere laufen zu lassen. So wird diese Figur zu einer der stärksten Frauenfiguren in einem Hitchcock-Film.

Betrachtet man SPELLBOUND hingegen vor dem Hintergrund, daß man es eben mit einem Hitchcock-Film und somit nominell mit einem Thriller zu tun hat, muß man leider konstatieren, daß es eines der schwächeren Werke des Meisters ist. Der sich hinter Dr. Edwardes und seinen Geheimnissen verbergende Fall ist hanebüchen und unfassbar kompliziert konstruiert und leider wirft er auch ein schlechtes Licht auf das tieferliegende Ansinnen, dem Publikum die Psychoanalyse nach Freud näherzubringen. Der vermeintliche Analytiker wurde Zeuge eines Mordes – der echte Dr. Edwardes wurde bei einer Skiabfahrt erschossen und stürzte in einen Abgrund – der bei Ballantyne ein Kindheitstrauma reaktivierte – er meint, für den Unfalltod seines Bruders verantwortlich zu sein – und dazu führte, daß der junge Mann sich mit dem Ermordeten identifizierte um die eigene Schuld zu kompensieren, bzw. zu verdrängen. Das ist ungeheuer umständlich und vor allem, nicht nur anhand des Falles, hier aber besonders deutlich, ist daran abzulesen, daß man es eher mit einer Vulgärversion Freud´scher Thesen und Theorien zu tun hat. Zu tief wollte dann wohl doch niemand der Beteiligten in den psychoanalytischen Kosmos´ vordringen. Vor allem aber macht sich hier etwas bemerkbar, was für Hitchcock typisch war und noch typischer wurde: Geschwätzigkeit. Seine Filme neigen dazu – besonders auffällig am Ende des Meisterwerks PSYCHO (1960) – all das, was der Zuschauer soeben auf der Leinwand gesehen hat, noch einmal dialogisch Revue passieren zu lassen und zu erklären. Auch in PSYCHO ist es am Ende ein Psychiater, der Norman Bates´ Verhalten erklärt und die Zusammenhänge herstellt, die dem Zuschauer fehlen könnten. Ungeachtet der Tatsache, daß der Film möglicherweise noch unheimlicher und noch verstörender wirkte, würde man nicht auch noch die kleinste Kleinigkeit hinsichtlich Normans Störung(en) erfahren.

In SPELLBOUND wird das Ganze etwas anders gelöst, allerdings nicht weniger geschwätzig und aufdringlich. Dr. Petersen konfrontiert ihren alten und neuen Chef, Dr. Murchison, der schlußendlich für den Mord an dem echten Dr. Edwardes verantwortlich zeichnet – aus einem bei all dem Psychologisieren dann doch etwas banal anmutenden Motiv, denn er wollte schlicht seine Position in der Klinik nicht aufgeben, für die Edwardes als sein Nachfolger vorgesehen war – mit ihren Aufzeichnungen und den dazu angestellten Überlegungen und beginnt gemeinsam mit ihm die Träume zu analysieren, von denen Ballantyne ihr berichtet hatte. Was die beiden da veranstalten, zeugt wahrlich von einem nur oberflächlichen Verständnis der Psychoanalyse und der Traumdeutung. Es ist schon fast witzig, was sie aus den Symbolen des Traums herleiten und wie zielsicher es auf Murchison als Täter hinweist und hinausläuft. Es ist eine endlose Dialogszene, die uns einen Täter präsentiert, der wie herbeigezaubert wirkt, um Ballantyne zu entlasten und das Liebesglück Dr. Petersens zu sichern. Nur wirklich spannend ist dies nicht – bis eben auf diese letzten Momente, die oben bereits geschildert wurden. Und die mit explizit filmischen Mitteln aufgelöst werden. Der subjektive Blick aus Murchisons Perspektive über den Revolver hinweg auf Dr. Petersen, die sich langsam der Tür nähert und dabei weiter auf ihren ehemaligen Chef einredet und erklärt, weshalb ein Mord an ihr ihn auf den elektrischen Stuhl brächte, während der Mord an dem wirklichen Dr. Edwardes vielleicht als Affekttat durchginge (was zu bezweifeln ist, aber das sei einmal dahingestellt), wirkt nicht zuletzt dadurch so eindringlich, weil Hitchcock auf ein übergroßes Modell der Waffe zurückgriff, um die Perspektive überdeutlich zu betonen.

Die Waffe wird, wie wir in dem Moment sehen, in der Murchison sie gegen sich selbst – und damit eben auch gegen uns, die wir weiterhin aus seiner Perspektive blicken – richtet, auch von dem Modell einer Hand gehalten. Natürlich war die Kenntlichkeit des Modells so nicht gewollt, doch ist der Entfremdungseffekt enorm und betont noch einmal das Grundthema des Films. Denn der dreht sich ja im Kern andauernd um die Frage von Wahrheit und Fälschung, Wirklichkeit und Fiktion, echter und angenommener Identität. Und so richtet sich Dr. Murchison schließlich selbst, er richtet aber auch uns. Doch dadurch, daß die Hand, die den Revolver führt, selbst wiederum so offensichtlich ein Modell ist, wird diese Wahrnehmung ebenfalls wieder in Frage gestellt. Wenn sich da einer selbst tötet, weil er die Ausweglosigkeit seiner Situation erfasst, ist der dann wirklich noch er selbst? Oder unterliegt er letztlich nicht auch einem Zwang, einem entäußerten Ich, welches sich gegen sich selbst richtet?

Inhaltlich also ein eher schwacher Film des Meisters, der zudem – das darf an dieser Stelle auch einmal erwähnt werden – aufgrund seiner vermeintlichen Tagesaktualität hinsichtlich seiner Freud´schen Thesen heutzutage auch heillos veraltet wirkt. Bleibt der Blick auf die formale und technische Umsetzung. Da fällt auf, daß Hitchcock, wie es ihm gelegentlich vorgeworfen wurde, wenig Wert auf gelungene Rückprojektionen legt. Wenn Dr. Petersen und Ballantyne auf Skiern einen Hang hinabrasen und wir dieser Fahrt in amerikanischen Einstellungen folgen, die beiden sich während der Fahrt beäugen, dann ist dies keine Sekunde glaubwürdig, da weder Peck noch Bergman den Eindruck erwecken können, auf Skiern zu stehen. Aber das nur am Rande, weil es ein altes Vorurteil über Hitchcock zu betätigen scheint.

SPELLBOUND spielt zu sicherlich 80% innerhalb der Mauern von Green Manors, der Heilanstalt, in der Dr. Petersen arbeitet und wo Dr. EdwardEs als neuer Chef erwartet wird. Dementsprechend gediegen sind die Interieurs des Films. Es ist, auch für einen Hitchcock-Film, ein extrem dialoglastiger Film, der dauernd Erklärungen abgibt. Das bei Hitchcock immer wieder auftretende Motiv des Wrong Man, der sich falscher Verdächtigungen erwehren und seine Unschuld beweisen muß, trifft auch auf Ballantyne zu. Doch stimmt, was Robert A. Harris und Michael S. Lasky feststellen[2] – die Figur von Gregory Peck läuft eher vor sich selbst davon als vor irgendwelchen Häschern (obwohl auch die an einer Stelle vorkommen), weshalb es auch zu keiner atemberaubenden Verfolgungsjagd kommt. Natürlich ist es eine interessante Wendung, den Verdacht gegen den „falschen Mann“ diesmal nicht von außen entstehen zu lassen, sondern diesen Verdacht dem Wrong Man selbst zuzuschreiben. Ein an sich interessanter Dreh des Scripts, einen Mann sich selbst verdächtigen zu lassen, weil er sein Gedächtnis verloren hat und sich im „Labyrinth seiner Schuldgefühle“ (wie im Film ein berühmtes Buch heißt, das der wirkliche Dr. Edwardes einst verfasst hat) verliert. Doch leider ist Peck der Aufgabe, diese Art von Paranoia darzustellen, nicht gewachsen. Und natürlich ist es keine Vorlage für Action. Action bietet SPELLBOUND im Grunde nur in jenen Traumsequenzen, für die die Produktion Dalí engagierte.

Interessanterweise ist die Quellenangabe dazu ungenau. War David O. Selznick, der den Film unabhängig produzierte (er war es gewesen, der Hitchcock überhaupt erst nach Hollywood lotste), für die Verpflichtung Dalís verantwortlich oder war es doch eher Hitchcock selbst? Chabrol und Rohmer schreiben das Engagement Selznick zu. Harris und Lasky hingegen behaupten, es sei die Idee des Regisseurs gewesen. Wahr ist, daß Selznick dazu neigte, großen Einfluß auf die von ihm produzierten Filme zu nehmen. Das berühmteste Beispiel dafür ist natürlich GONE WITH THE WIND (1939), den heutzutage jeder Interessierte mit Selznick assoziiert, dessen Regisseur (oder, besser, Regisseure, denn es waren mehrere, bis auf Victor Fleming werden sie allerdings nie offiziell genannt) allerdings nur den wenigsten geläufig ist. Was u.a. damit zu tun haben dürfte, daß Selznick sich gelegentlich selbst in den Regiestuhl pflanzte und einzelne Szenen, manchmal ganze Sequenzen nach eigenem Gusto drehte. Auch griff Selznick oft und in großem Maßstab in den Schnitt und die Montage ein, entriss seinen Regisseuren dabei allzu gern die Verantwortung und galt meist als Mastermind hinter den von ihm produzierten Filmen. Nicht so bei Hitchcock, der sich gewiß nicht in sein Handwerk reinreden ließ (obwohl er – eine arbeitsökonomische Maßnahme – oft bereit war, seinen Produzenten entgegen zu kommen) und zudem die Angewohnheit hatte, ausgesprochen ökonomisch zu drehen – bedeutet: auf Anschluß – und deshalb wenig überschüssiges Material lieferte, dessen sich der Produzent hätte bemächtigen können, um eine eigene, ihm genehme Schnittfassung herzustellen. Ein Hitchcock-Film war nur so zu schneiden und zu montieren, wie es der Meister wollte.

Wie es sich mit Dalís Anstellung nun auch im Einzelnen verhielt – die von dem spanischen Künstler gestalteten Traumsequenzen gehören sicher zu dem Besten, was SPELLBOUND zu bieten hat und sie sind es, die den Film auch Jahre und Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung noch bedeutsam wirken lassen. Sie entsprechen ganz Dalís Stil – verzerrte Perspektiven und Gegenstände, weite Flächen über die ein bedeutungslos kleiner Mensch von etwas gejagt wird, dessen wir nur als Schatten ansichtig werden, surreale Settings und entfremdete Figuren ohne Gesicht. Es sind dies durchaus bedrückende Momente in einem Film, der ansonsten eben vor allem gediegen daherkommt. Inhaltlich bieten sie nicht wirklich Erhellendes für die Handlung, zumal wir ja in den Bildern Pecks Erzählung sehen. Wenn Dr. Petersen ihren ehemaligen Chef Dr. Murchison mit ihren Aufzeichnungen konfrontiert, sind es ja ihre schriftlichen Notizen, die ihr zur Verfügung stehen, nicht jene Bilder, die wir – und vielleicht John Ballantyne – sehen konnten. Doch bildtechnisch, das steht außer Frage, sind Dalís Schöpfungen beeindruckend und faszinieren auch heute noch.

Für Hitchcock, der unbedingt aus seinem Vertrag mit Selznick rauswollte, war SPELLBOUND ein Erfolg, der seine Reputation in Hollywood weiter erhöhte. Nach einigen eher als Propagandafilme zu beurteilenden Werken, kehrte er mit diesem Film auch zu seinen eigenen Themen zurück. Er hatte nun die Möglichkeit, mit den Schauspielern zu arbeiten, die er wollte und Stoffe relativ frei zu wählen. Gregory Peck, den er ursprünglich nicht in der Rolle des John Ballantyne hatte besetzen wollen, tauchte in seinem übernächsten Film THE PARADINE CASE (1947) erneut auf, Ingrid Bergman hingegen schon im Nachfolger NOTORIOUS (1946), dem attestiert werden darf, einer der besten Filme aus dieser Phase in Hitchcocks Schaffens zu sein. SPELLBOUND aber bleibt als etwas überdramatisches Melo in Erinnerung, das sich bemüht, auf der Höhe seiner Zeit zu sein und dadurch viel dessen verschenkt, was im Rahmen der Handlung – die auf einem Roman beruht, von dem Hitchcock und Hecht nicht viel übriggelassen haben – möglich gewesen wäre.

 

[1] Rohmer, Éric/Chabrol, Claude: HITCHCOCK. Berlin/Köln 2013; S.124-128.

[2] Harris, Robert A./Lasky, Michael S.: ALFRED HITCHCOCK UND SEINE FILME. München 1980; S.129-133.

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