„IRGENDJEMAND MUSSTE DIE TÄTER JA BESTRAFEN“. DIE RACHE DER JUDEN, DAS VERSAGEN DER DEUTSCHEN JUSTIZ NACH 1945 UND DAS MÄRCHEN DEUTSCH-JÜDISCHER VERSÖHNUNG

Achim Doerfer leistet einen schmerzhaften und umso notwendigeren Beitrag zur Debatte um deutsche Erinnerungskultur

Es stimmt ja – in der deutschen Erinnerungskultur hinsichtlich des 3. Reichs und vor allem der Shoa, kommen wehrhafte Juden, kommen jüdischer Widerstand in und außerhalb der KZ oder gar jüdische Rache nach dem Krieg kaum vor. Die Deutschen, die von der eigenen Schuld nach 1945 so oder so nichts wissen wollten, sich selbst als „Hitlers erste Opfer“ sahen, die nach Bombenkrieg und Vertreibung der Meinung waren, nun selbst aber auch genug gelitten zu haben und nicht mit Leichenbergen und SS-Willkür belästigt werden wollten, bastelten sich nach und nach das jüdische Opfer, welches diesen Status annahm und vertrat und bestenfalls bereit war, zu verzeihen und sich mit den Deutschen zu versöhnen. Währenddessen konnte sich der Deutsche der frühen und späteren Nachkriegszeit darauf konzentrieren, im Wirtschaftswunderland wieder den Aufstieg zu schaffen und das eigene Unterbewußtsein, aufgeladen mit Schuld, möglichst weit in die düstersten Ecken des Vergessens zu verdrängen. Es gab keine Kollektivschuld, eine kollektive Unschuld allerdings, die wurde nur allzu gern konstatiert[1].

Die Deutschen halten sich sehr viel zugute auf die „Vergangenheitsbewältigung“, die vermeintlich zur Aussöhnung mit Israel und dadurch auch mit „den Juden“ geführt habe. Umso schmerzhafter für die Weltmeister im Vergangenheitsbewältigen, wenn eine neue Generation jüdischer Mitbürger nicht bereit ist, das so zu akzeptieren. Umso schmerzhafter ein Buch wie Achim Doerfers „IRGENDJEMAND MUSSTE DIE TÄTER JA BESTRAFEN“. DIE RACHE DER JUDEN, DAS VERSAGEN DER DEUTSCHEN JUSTIZ NACH 1945 UND DAS MÄRCHEN DEUTSCH-JÜDISCHER VERSÖHNUNG (2021). In genau der aufgeführten Reihenfolge behandelt Doerfer diese Themen und zeigt sehr genau auf, weshalb die Sache mit der Versöhnung wohl nicht klappen konnte. Und es stellt sich – auch wenn der Autor dies so explizit nicht äußert – die Frage, ob es in Anbetracht des Menschheitsverbrechens der Shoa eigentlich Versöhnung geben kann. Es ist, man kann es sich psychologisch gut erklären, natürlich ein großer Wunsch im Tätervolk. Aber womöglich hat das Gros der Opfer schlicht kein Interesse an einer solchen Versöhnung?

Doerfer unterteilt seine Studie in drei große Abschnitte. Der erste handelt von jüdischer Vergeltung unmittelbar nach dem Krieg. Von größeren und kleineren Aktionen, vor allem behandelt er die Gruppe Nakam, eine radikale Organisation, die mit Gift in der Trinkwasserversorgung möglichst viele, wenn irgend möglich sechs Millionen Deutsche töten wollte. Sicher der extremste Vorschlag, getragen von einem klaren Rachegedanken. Doch auch der Widerstand in den Gettos und den KZ wird hier behandelt, ebenso jener Widerstand, der von Juden schon während der Frühphase des 3. Reichs ausging. Keinesfalls waren Juden während des Regimes wehrlos, im Gegenteil, sie setzten sich zur Wehr. Und nach 1945 gab es sehr wohl Rachegelüste, die teils in den Tagen unmittelbar nach der Befreiung auch ausgelebt und in ihrer Radikalität von den Befreiern geduldet wurde. Auch dafür gibt Doerfer Beispiele.

Der zweite Teil beschäftigt sich vor allem mit der juristischen Aufarbeitung der Shoa in Deutschland nach 1949, also nach Gründung der Bundesrepublik. Dem Interessierten sind hier die groben Züge so oder so bekannt. Es gab keine Stunde Null, wie es gern behauptet wurde, aber die Idee eines absoluten Neuanfangs war natürlich charmant – für die Täter. De facto aber setzten sich gerade die Karrieren in der Justiz (und im Auswärtigen Amt) fast ungebrochen fort. Aber auch in anderen Institutionen konnten Alt-Nazis schnell wieder Fuß fassen, sei es im akademischen Umfeld, in den Parteien und auch in den Medien. So kann es auch nicht überraschen, daß auch aus diesen Institutionen heraus nach wie vor antisemitische Ressentiments geschürt und ein antisemitisches Narrativ bedient wurde. Nicht zuletzt begann hier schon die schleichende Opfer-Täter-Umkehr, unterstellte man Juden doch, habgierig zu sein und aus dem „Unglück“, der „Katastrophe“ des 3. Reichs, des Krieges und der Shoa finanzielle Vorteile zu ziehen.

Doerfer, der als Wirtschaftsanwalt arbeitet und somit einiges von Geschäften, Insolvenzen und Vermögenswerten versteht, arbeitet hier anhand minutiöser Berechnungen heraus, wie gering letztlich die Zahlungen an Israel waren, daß im Vergleich die „Heimatvertriebenen“ aus den ehemaligen Ostgebieten weitaus höhere Entschädigungsleistungen erhielten. Ein weiterer Schwerpunkt dieses Abschnitts sind die juristischen Winkelzüge, mit denen es Ende der 60er gelang, das Gros derer, die durchaus Prozesse zu fürchten hatten, als „Mitläufer“ zu markieren und damit unter die Verjährungsklauseln fallen zu lassen. Wie lange der Kampf dauerte, daß nicht auch Mord unter die Verjährung fiel, ist heutzutage vergessen. Doch immerhin wurde Mord erst Ende der 70er Jahre endgültig als nicht verjährbar eingestuft. Doerfer erzählt bei all diesen Beispielen und Analysen allerdings auch immer mit, wie sich zugleich der neue (alte) Antisemitismus diese Auseinandersetzungen zu eigen machte, wie die Schlussstrichdebatte immer wieder befeuert wurde, indem man darauf verwies, auch die Deutschen hätten gelitten und es müsse „nun aber einmal gut sein“. Daß aus politischer Sicht ein gutes Verhältnis zu Israel dringend geboten war, im Gegenzug aber in Israel nicht mehr allzu genau darauf geblickt wurde, wie in Deutschland – abseits der großen Prozesse hinsichtlich der Vernichtungslager in den 60er Jahren – mit den Tätern verfahren wurde, ist bei alldem vielleicht eher ein Nebenaspekt, allerdings ein wesentlicher. Auch auf diesen geht Doerfer ein.

Das für den Leser vielleicht schmerzhafteste Kapitel dieses Buchs ist der letzte Teil, der sich mit der Aussöhnungspolitik und der Vergangenheitsbewältigung beschäftigt und dieser kein gutes Zeugnis ausstellt. Dabei wird eben auch die Frage nach dem „guten Opfer“, also dem „guten“, weil verzeihenden, Juden aufgeworfen. Wie in der deutschen Erinnerungskultur genau dieser „Jude als Opfer“ aufgebaut und als Narrativ wieder und wieder bedient wurde. Dabei weist auch Doerfer noch einmal darauf hin, daß es in Deutschland keine wirkliche Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Shoa gab, bis eine amerikanische Seifenoper namens HOLOCAUST (1978) per Dritten Programmen in die deutschen Haushalte strahlte und eine enorme Wirkung erzielte. Auf einmal sprach man über das, was in den Lagern passiert war, wollte darüber Bescheid wissen. Zugleich setzte sich auf intellektueller Ebene bereits die Reaktion in Bewegung. Namentlich der Historiker Ernst Nolte war es, der mit einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über die „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ räsonierte, die somit den Blick auf Gegenwärtiges verstellte. Er untermauerte damit seine These, daß der Angriff auf Russland ein Präventivschlag gewesen sei, bzw. die Gewalt der Lager eine Art Spiegelung der Barbarei unter Stalin war usw. Eine weitere Entlastungsdebatte, um eigene Schuld oder gar Mittätertum zu kaschieren, zu verdrängen und zu marginalisieren. Obwohl die Generation der sogenannten 68er bereits angefangen hatte, die Frage zu stellen, was Papa eigentlich so getrieben habe an der Ostfront, damals, war immer noch keine wirkliche Bereitschaft zu erkennen, sich uneingeschränkt mit der eigenen Schuld und der Verantwortung hinsichtlich dieser Schuld auseinanderzusetzen.

Doerfer untersucht die verschiedenen Versuche von Versöhnung, wobei er, ebenfalls eine äußerst interessante Darlegung, auf die Unterschiede christlichen und jüdischen vergebens hinweist und in diesem Zusammenhang auch die herkömmliche Bedeutung des alttestamentarischen „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ dekonstruiert und verdeutlicht, was sie im Kontext jüdischen Glaubens bedeutet. Auch die fortdauernde Unterscheidung in ein „Wir“ (die Täter) und ein „sie“ (die Opfer) wird thematisiert und anhand dieser Narration erläutert, wie oftmals über Opfer gesprochen wurde, immer schon in einem paternalistischen Ton, weniger mit ihnen.

Dieser letzte Abschnitt des Buchs konfrontiert den Leser auch immer wieder mit eigenen Klischees und Ressentiments, die man möglicherweise als solche erst einmal nicht wahrnimmt. Und man will nur ungern einsehen, daß all das Vergangenheit bewältigen, das man doch so eifrig betrieben hat, möglicherweise nicht zielführend war. Zumindest nicht so. Und man erinnert sich an die Auseinandersetzungen um das Holocaust-Denkmal in Berlin und wie man selber ebenfalls daran zweifelte, ob dies der richtige Umgang mit der Erinnerung sei – eine riesige Grabplatte in der Mitte Berlins, unter der man natürlich auch Erinnerung vergraben kann, anstatt sie tagtäglich zu leben. Ähnliches Unwohlsein beschlich einen, als begonnen wurde, die Stolpersteine auszulegen, die im Asphalt auf Wohnungen jüdischer Mitbürger hinwiesen – und die vor allem Deutsche ganz töfte fanden. Die es aber zugleich erlaubten, noch einmal mit den Schuhsohlen auf jüdische Namen zu treten. Es blieb ein Unwohlsein.

Achim Doerfer, der selbst aus einer Familie stammt, die fürchterlich unter der Shoa gelitten hat, ist Jurist und Philosoph, kein Historiker. Zwar ist sein Buch minutiös mit Quellen ausgestattet, doch erlaubt sich der Autor, was den wenigsten Historikern gegeben ist, persönliche Betroffenheit. Gerade im mittleren Teil der Untersuchung, in der Betrachtung des Versagens von Politik und Justiz in der frühen Bundesrepublik, ist die Empörung zu spüren, die ihn immer wieder ergriffen haben muß, als er dies alles recherchierte, zusammentrug, in Form brachte und niederschrieb. Und direkt wird man mit dem nächsten Reflex konfrontiert und darf sich in Frage stellen. Denn das lesende Ich, geschult an etlichen ausgefeilten Studien, Untersuchungen und Analysen, fragt sich natürlich sofort, wie seriös das denn ist, die eigene Betroffenheit in den Text mit einfließen zu lassen? Und es ist reine Scham, die den Leser dann befällt. Was bitte sollte es denn sein, außer Empörung, die einen befallen könnte? Und schon ist man genau in jene Falle getappt, die Doerfer so genau beschreibt: Man hat eben eine genaue Vorstellung davon, wie man zu berichten hat, wie man zu beschreiben hat, wie Seriosität geht, daß bitteschön die Contenance zu wahren, die professionelle Distanz einzuhalten sei.

Nein. Es sind Bücher wie dieses, die ein Schlaglicht werfen auf die ungern gehörte und deshalb verdrängte Geschichte jüdischer Rache, das Versagen der Justiz und die Wohlfühlversöhnung mit Rundumsorglospaket für alle, die gestern noch Täter waren, die unbedingt nottun. Sie sind Stachel im Fleische der bräsigen Selbstgerechtigkeit, die sich bei allem Erinnerungswillen eben auch breit macht im Schatten der Stelen des Denkmals. Man sollte sich dem stellen. Es gibt immer noch einiges zu lernen.

 

[1] Vgl.: Salzborn, Samuel: KOLLEKTIVE UNSCHULD. DIE ABWEHR DER SCHOAH IM DEUTSCHEN ERINNERN. Berlin/Leipzig, 2020.

2 thoughts on “„IRGENDJEMAND MUSSTE DIE TÄTER JA BESTRAFEN“. DIE RACHE DER JUDEN, DAS VERSAGEN DER DEUTSCHEN JUSTIZ NACH 1945 UND DAS MÄRCHEN DEUTSCH-JÜDISCHER VERSÖHNUNG

  1. Danke, das habe ich gleich zweimal am Stück gelesen und mich rundum verstanden gefühlt. Intellektuell. Und emotional, ja, eben auch. Beste Grüße, Achim Doerfer

    1. Gavin sagt:

      Hallo Herr Doerfer,
      ich danke für Ihre Worte!
      Es ist umso besser, wenn auch eine emotionale Beteiligung aus so einem Text spricht.
      Wenn das gelungen ist, freut es mich.
      Umso größer die Ehre, wenn der Autor eines Buchs selbst dieses Lob ausspricht.
      Vielen Dank und
      Beste Grüße zurück
      Gavin Armour

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