…DANN KAM DER ORKAN/THE HURRICANE

Blockbusterkino à la 1930er

Die Südseeinsel Manakoora steht unter französischem Protektorat. Als Kapitän Nagle (Jerome Cowan) seinen Schoner von Tahiti zur Insel steuert, bringt er die Frau des Gouverneurs Delaage (Raymond Massey), Germaine (Mary Astor) mit. Das Paar hat sich lange nicht gesehen. Ebenfalls an Bord befindet sich Terangi (John Hall), eine Insellegende, der noch am selben Abend die Prinzessin Marama (Dorothy Lamour) heiraten soll. Das Hochamt soll Father Paul (C. Aubrey Smith) halten. Bei der Zeremonie sind der Gouverneur und seine Frau, der Kapitän, Dr. Kersaint (Thomas Mitchell) und etliche Inselbewohner anwesend. Beim anschließenden Essen im Haus des Gouverneurs kommt es zwischen dem Doktor und DeLaage zu einem Disput darüber, wie man das Gesetz zur Geltung bringt. Da Kersaint Zeuge wurde, wie der Gouverneur einen Eingeborenen zu Haft verurteilte, weiß er, daß er die Manakoora´schen Einwohner nicht begreift, denn diese sind in den Augen des Doktors von solch einem Freiheitsdrang beseelt, daß sie einzusperren gleichbedeutend mit ihrem Tode sei. Doch DeLaage ist ein Mann des Gesetzes, ein Verfechter von Recht und Ordnung. Als Terangi auf der nächsten Fahrt nach Tahiti in einer dortigen Hafenkneipe von einem Weißen rassistisch provoziert und geschlagen wird, schlägt er zurück. Das bringt ihm sechs Monate Haft und Zwangsarbeit. Dr. Kersaint bitte DeLaage inständig, den Gouverneur von Tahiti um Begnadigung zu ersuchen, doch DeLaage ist nicht bereit dazu. Terangi versucht zu fliehen, wird geschnappt und bekommt für seinen Fluchtversuch zwei weitere Jahre Haft aufgebrummt. Erneut versucht er zu fliehen, erneut bringt ihm der Versuch zwei Jahre zusätzlich. Dem Gefängniswärter (John Carradine) bereitet es ein sadistisches Vergnügen, Terangi einzufangen und zu foltern. Schließlich summieren sich Terangis Strafen auf insgesamt sechzehn Jahre Haftungszeit. Der Doktor und DeLaage reden kein Wort mehr miteinander und der Gouverneur stellt fest, daß auch der Kapitän und der Priester sein Haus meiden. Doch ist DeLaage allen andern gegenüber taub, auch den Zuspruch seiner Frau will er nicht hören. Er könne sich nicht von Gefühlen leiten lassen, er müsse Recht und Gesetz vertreten, er könne Terangi nicht helfen, so sein ewiges Credo. Ein weiterer Ausbruchsversuch allerdings ist von Erfolg gekrönt. Terangi  kann mit einem Kanu fliehen und legt die 800 Seemeilen zwischen Tahiti und seiner Heimatinsel in dem offenen Boot zurück. Vollkommen entkräftet findet ihn schließlich Father Paul. Er bringt ihn zu der kleinen Insel, wo Marama mit der gemeinsamen Tochter, die Terangi noch nie gesehen hat, die Tage verbringt. DeLaage wird von Terangis Flucht unterrichtet, er stellt den Doktor und auch den Priester zur Rede, letzterer gibt zu, den Flüchtigen aufgefischt und gerettet zu haben. DeLaage requiriert Nagles Schiff, um Terangi auf offener See abzufangen, doch mittlerweile ändert sich die Wetterlage bedrohlich, ein Hurrikan zieht auf. Als das Unwetter die Insel mit voller Wucht trifft, kehrt Terangi, der mit seiner Familie im Kanu auf eine geheimnisvolle Insel fliehen wollte, um, und hilft den Bedrängten. Doch alle Hilfe kommt zu spät: Nach einem tosenden Orkan überleben lediglich der Doktor, dem es in seiner „Wette gegen den Tod“, wie er es nennt, gelungen ist, mitten im Sturm in einem Boot das Kind einer Frau zur Welt zu bringen. Terangi konnte zumindest Germaine, DeLaages Gemahlin, aus der Kirche retten. Father Paul, die meisten der Eingeborenen und etliche Freunde sind gestorben, verschüttet unter Schlammlawinen. Terangi flieht, als Nagle mit dem Schiff auftaucht. Germaine kann ihren Mann diesmal davon abhalten, die Verfolgung aufzunehmen.

Im Genrefilm muß man sich auf gewisse Regeln und Grundlagen verlassen können. Im Western kommen Pferde, Waffen und meist Rache vor, im ‚Film Noir‘ böse Frauen und wenn ein Film in der Südsee spielt – ohne daß es unbedingt ein Genre ‚Südseefilm‘ gäbe – dann müssen wir eine wenig naive Erotik, exotische Schauplätze und freundliche Eingeborene erwarten dürfen. John Fords HURRICANE (1937) ist voller freundlicher Eingeborener, die Schauplätze sind exotisch, wenn auch größtenteils im Studio nachgebaut, nur mit der Erotik hapert es ein wenig. Dafür haben wir es mit einem echten Katastrophenfilm zu tun, dessen Spezialeffekte auch heute noch zu beeindrucken wissen.

Ford hatte die Regie für den Produzenten Sam Goldwyn übernommen, brachte jede Menge Leute seines Umfeldes vor und hinter der Kamera in der Produktion unter, hatte jedoch für seine Verhältnisse wenig Einfluß auf das Drehbuch. Dennoch gelang ihm ein großer Erfolg, was sicherlich der Unwetterszene geschuldet war. Sie wird auf zwanzig Minuten taxiert, was übertrieben anmutet, aber es stimmt, daß Ford seine Katastrophe ausspielt, enorme Action, Drama und Tragik bietet und den Zuschauer in den Kinosessel presst, wie der Wind die Luft aus den Lungen der Eingeborenen auf Manakoora. Allgemein wird dem Film aber eher wenig Respekt entgegen gebracht, Tag Gallagher ist sogar der Ansicht, „never has disaster been so majestic“[1]. Doch das verkennt, daß man es hier auch mit einem recht gelungenen Drama, einem vergleichsweise typischen Abenteuerfilm der 30er Jahre zu tun hat. Ford bringt seine Geschichte geradewegs voran und nutzt dabei damals moderne Mittel, bspw. schildert er Terangis Martyrium in schneller Folge aneinander gereihter Ausbruchsversuche, lediglich unterbrochen durch John Carradines sadistisches Grinsen, wenn der als Gefängniswärter/Direktor die Möglichkeit hat, seinem Schutzbefohlenen die nächsten Grausamkeiten angedeihen zu lassen. Dafür, daß man es hier mit einer 2-Millionen-Produktion zu tun hat, was damals ein enormes Budget war, gelingen Ford noch erstaulich viele kritische Momente gegenüber einer Kolonialherrschaft, die sich kein Deut´ um die Kultur der Einheimischen schert.

Es stand dem Regisseur eine vergleichsweise gute Darstellerriege zur Verfügung, lediglich den Hauptdarsteller John Hall, einen Verwandten des Autors der Romanvorlage des Films, konnte Ford nicht leiden und hielt ihn für einen schlechten, bzw. gar keinen Schauspieler. Gemessen an dessen späterer Karriere – THE HURRICANE war erst sein dritter Film, seine erste ‚leading role‘ überhaupt – könnte Ford Recht gehabt haben. Doch davon abgesehen geben sich Raymond Massey, Thomas Mitchell, Mary Astor und C. Aubrey Smith große Mühe, ihren etwas flachen Figuren zumindest Typisches zu verleihen. Dorothy Lamour sei hier ausgenommen, sie hat nahezu nichts zu tun, außer ihre Beine zu zeigen und ab und an verschämt zu lächeln. Mitchell gibt eine Variation des ewig angesäuselten Doktors mit dem großen Herzen und dem melancholischen Durchblick, den er zwei Jahre später , allerdings in schärfer prononcierter Variante, erneut für Ford im viel wesentlicheren STAGECOACH (1939) spielte; hier kann er dem Drama zumindest die rechte Kommentierung verschaffen, wenn er Masseys DeLaage im Angesicht des Hurrikans entgegenschleudert, es gäbe mehr als Regelwerk und Gesetzesbücher. Massey lächelt sich hingegen mokant durch den Film, bis er schließlich gar nicht mehr lächelt, kommen ihm doch zusehends die Bekannten abhanden, wie er abends, wenn er beim Schachspiel mit seiner Gattin vorlieb nehmen muß, feststellt. Ein Spießer, ein Bürokrat und Technokrat der Macht, der sich gegenüber den Eingeborenen paternalistisch gibt und sie wie Kinder behandelt, ein Mann ohne Sinn und Verstand für das Leben dort, wo er lebt, als Gouverneur. Mary Astor als seine Frau gibt sich alle Mühe angemessen erschrocken und enttäuscht zu sein, wenn sie begreift, wie kalt ihr Gemahl ist. Smith predigt und hält sein wettergegerbtes Gesicht in die Kamera. Bei aller Mühe und allem Können, dieser Crew gelingt es natürlich nicht, darüber hinwegtäuschen, daß da Amerikaner englischer, irischer und schottischer Abkunft Franzosen, bzw. eine Südseeschönheit spielen. Glaubwürdigkeit erreicht man so nicht.

Doch legt es ein Film wie THE HURRICANE natürlich auch nur bedingt auf Glaubwürdigkeit im Sinne historischer Authentizität an. Ford erzählt eine Ballade, eine Südseelegende. Die Liebe der Prinzessin und des Edlen, Autoritäten, die diese Liebe, nahezu willkürlich, verhindern wollen, gute Helferlein, die sich mühen, die Ungerechtigkeiten aufzuklären, die Katastrophe, die natürlich Opfer fordert, aber eine Art Katharsis darstellt, die Heldentaten, die Läuterung des Schurken und ein glückliches Ende. Und das Ganze zweifelsohne – wobei sich die Frage stellt, ob dies wirklich zu kritisieren ist an einem kommerziellen Film von 1937 – mit einem rein ‚eurozentrischen‘, westlichen Blick. Es sind westliche Konflikte, die da verhandelt werden, sie werden nur auf dem Rücken der Eingeborenen ausgetragen. Die Liebe, der diese europäischen Regeln, diese Perspektive im Weg steht, ist rein und gut, sogar frei von Erotik. Dieser Mangel wurde kritisiert, doch man kann es auch so sehen, daß im klassischen Märchen ebenfalls Erotik eine wenn überhaupt allenfalls untergeordnete Rolle spielt. So legt Ford es keineswegs auf eine schwüle Atmosphäre à la TABU (1931) an. Er erzählt ein Märchen und braucht dafür eine unschuldige Atmosphäre. Die hat der Film.

John Ford hat sich selbst in jungen Jahren, ganz sicher noch zur Zeit von THE HURRICANE, als er u.a. in verschiedenen Hollywood-Organisationen für den ‚New Deal ‘ engagiert war, einen Sozialdemokraten – „immer!“ – genannt. Diese Sicht auf den Lauf der Dinge gibt der Film zweifelsohne wieder. Die himmelschreiende Ungerechtigkeit, die dem Insulaner wiederfährt, wird nicht nur von Dr. Kersaint oder Father Paul angesprochen, sondern ebenso vom Kapitän des Schiffes, auf dem Terangi mitfährt. Der Kapitän zeigt dabei am deutlichsten eine emanzipierte Haltung, sind ihm doch Herkunft, Hautfarbe oder Religion seines Matrosen vollkommen egal, er preist dessen Kenntnisse der Gewässer und wie der Mann die See lesen könne. Schließlich stimmt auch die Frau des Gouverneurs in diesen Chor ein. Unterstützt wird der wiederum von einem Himmelschor, der die Handlung neben dem dramatischen Score begleitet. Dennoch bleibt Fords Blick, bleibt der Blick des Films, der des weißen Mannes westlicher Prägung auf ein exotisches Paradiesvölkchen. Zwar kann man dem Film durchaus eine kritische Haltung zum Kolonialismus nachsagen, eine Perspektive der Eingeborenen nimmt er dennoch nicht ein. Wenn der Hurrikan kommt, werden sie hinweggefegt, was teils schockierende Bilder zerschlagener, unter Bäumen und Häusern begrabener Menschen ergibt, die uns vorgestellten Weißen hingegen überleben alle – auch Gouverneur DeLaage, der sich, nachdem er seine Frau in die Arme nehmen konnte, angemessen zerknirscht ob der Ungerechtigkeit zeigt, die er gegenüber Terangi hat walten lassen. Nun kennt man das von John Ford, es sollte noch Dekaden dauern, bis er bereit war, ein angemessenes Bild bspw. der amerikanischen Ureinwohner zu malen.

THE HURRICANE ist sicher nicht Fords bester Film, aber es ist ein unterhaltsamer, in den Sturm-Szenen sehr effektiver und beeindruckender Film. Auch die Action kommt nicht zu kurz, Terangis Sprünge von den Klippen, seine Kämpfe mit Haifischen sind ansehliche Sequenzen. Großes Budget, große Kulisse, herrliche Bilder der Südsee (die die Second Crew eingefangen hatte, die gesamte Lagune mit den Inseln war auf dem Goldwyn-Gelände in Hollywood nachgebaut worden, einzelne Szenen wurden vor Catalina Island gedreht), ein paar gute Schauspieler, mit Lamour und Astor zwei größere weibliche Stars als Zugpferde – ein typisches Produkt der „goldenen Jahre“ des Studiosystems, vergleichbar unseren Blockbustern. Sicherlich Liebhaberkino, aber ganz sicher immer noch Kino, das zu überzeugen versteht.

 

[1] Gallagher, Tag: JOHN FORD. THE MAN AND HIS FILMS. Berkeley and Los Angeles, 1986; S. 139.

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