EILEEN

Ein durchaus beeindruckendes Erstlingswerk von Ottessa Moshfegh

Autoren sollten sich bei Verlagen vehement dagegen verwahren, mit anderen Autoren, gar sehr berühmten, verglichen zu werden. Wenn es auch noch ein Debut-Roman ist, sollte diese Bitte mit allergrößter Vehemenz vorgetragen werden. Wie kann man eine junge Autorin wie Ottessa Moshfegh, die mit EILEEN einen durchaus überzeugenden Erstling (zuvor veröffentlichte sie die Novelle MCGLUE) vorgelegt hat, mit Jim Thompson und Patricia Highsmith vergleichen – nahezu mythischen Gestalten des amerikanischen Noir-Thrillers, Giganten ihres Fachs? Eine Dummheit sondergleichen.

Moshfegh erzählt von der vierundzwanzigjährigen Eileen, die mit ihrem Vater, einem pensionierten Polizisten und harten Trinker, in einem heruntergekommenen Haus in einer besseren Gegend einer kleinen Stadt in Neuengland lebt und ihr Dasein als Verwaltungsangestellte eines Jugendgefängnisses fristet. Voller Neurosen, sexuell frustriert und unerfahren, allerdings selber auf dem besten Wege, eine Trinkerin zu werden, spürt Eileen, daß ihr Leben zerrinnt. Es ist die Vorweihnachtswoche 1964, die uns im Rückblick der nunmehr alten Eileen geschildert wird und an deren Ende sie ihren Vater und X-Ville, wie sie die Stadt aus der sie stammt nennt, für immer verlassen wird. In diesen Tagen wird sie sich über einige Tatsachen ihres Lebens klar werden, in der neu in der Anstalt arbeitenden Pädagogin Rebecca fast eine Freundin finden und einen unumgänglichen Entschluß gefasst haben…

Nimmt man die etwas merkwürdigen Umstände weg, unter denen Eileen lebt, hat man es im Kern dieses Romans mit einer ‚coming-of-age‘-Story zu tun, die letzten Entwicklungsschritte einer Spätzünderin, die ihr Leben zu vertrödeln droht und vielleicht durch die zugegeben durchaus brutalen Umstände der letzten Tage in ihrer Heimatstadt gerade noch aus einer Situation errettet wird, die sie sonst ihre geistige Gesundheit gekostet hätte. Indem Moshfegh – sehr geschickt übrigens, man glaubt, hinter den spärlichen Hinweisen, die uns Eileen über ihr späteres Leben gibt, ein ganzes Schicksal heraus spüren zu können – die Perspektive einer alten Frau einnimmt, die am Ende (?) ihres Lebens Rechenschaft über den entscheidenden Schritt ihrer Entwicklung ablegt, nimmt die Autorin viel Dramatik aus dem Geschilderten, was es uns als Leser einfacher macht, zu folgen und wir weniger – wie in einem Thriller oder Krimi – auf Auflösungen oder wilde, actionreiche Entwicklungen warten. Sehr tief und intim, aber eben auch sehr ehrlich, lässt uns Eileen/Moshfegh an den Ängsten und Unsicherheiten einer jungen Frau teilhaben, die sich ihrer Wirkung vollkommen unbewusst, deren Selbstbild dafür ein jugendlich-düsteres ist, geprägt von Ablehnung, Einsamkeit und dem zu früh gewöhnten Alkohol, in dem sich Eileen zuhause und wohl fühlt.

Es ist vor allem die Diskrepanz einer Eileen im Haus mit ihrem Vater, den sie trotz seiner Ausbrüche, seiner Gemeinheiten und seiner Gehässigkeit gut zu handeln weiß, und einer Eileen außerhalb des Hauses, die sich in einer ihr gleichgültig begegnenden Welt nicht zu bewegen und zu verhalten versteht, die literarisch herausragend weil glaubwürdig gelingt. Glaubhaft wird die Entwicklung dieser Frau vermittelt, die sich immer mehr in einem Innenraum aus Hass, Verachtung und auch Phantasien verbarrikadiert; ein Raum, der erst durch das Auftauchen eben jener Rebecca aufbricht, die als Figur brillant eingeführt und genügend im Unklaren belassen wird, um ihre Anziehung auf die junge Eileen zu rechtfertigen, zugleich beim Leser aber auch Mißtrauen zu erwecken. Es sind die Wünsche und Phantasien, die Eileen auf Rebecca projiziert, die diese in ihrer für damalige Verhältnisse ausgesprochen modernen und herausfordernden Art aber auch evoziert, die eine Verbindung zwischen Eileens Innenleben und der realen Außenwelt herstellen, und die die Bewegung Eileens, die schließlich in der Flucht kulminiert, bedingen.

So passiert auf den knapp 334 Seiten zunächst nicht viel. Fast minutiös wird uns der Alltag Eileens beschrieben, berichtet sie uns von ihrer Frustration, den Ängsten und Ungewißheiten, die sie umtreiben, aber auch von ihren manchmal seltsamen Vorlieben und natürlich dem immensen Alkoholkonsum, dem sie mit ihrem Vater zwangsläufig ausgesetzt ist. Das ist auch nötig, damit wir die Not der jungen Frau begreifen, die Eintönigkeit, die dieses Leben bestimmt. Das Problem an Beschreibungen wie diesen ist, daß Langeweile auch beschrieben meist langweilig ist. Damit sei nicht gesagt, daß Moshfeghs Buch langweilig wäre. Keineswegs. Doch es unterliegt einem gewissen Wiederholungsrhythmus, der gelegentlich wie einmal zuviel wirkt. Wir haben bereits verstanden und dennoch werden uns noch einmal und noch einmal Passagen geboten, die noch einmal und noch einmal Eileens Not belegen, ihre Verlorenheit, den Frust und doch nichts mehr hinzufügen können. Hinzu kommt eine Häufung von Schrecklichkeiten – Eileens wachte in jungen Jahren neben der toten Mutter auf; die Schwester hat die Familie verlassen und kümmert sich um nichts – , die es manchmal schwer erträglich macht, dem unvoreingenommen zu folgen. Die Atmosphäre im Haus, die das Buch sehr gut einfängt, ist auch ohne solche zusätzlichen Schicksalsschläge und Traumata erstickend genug, um uns vollkommen an Eileens Lebensgefühl glauben zu lassen. So ist selbst bei einem vergleichsweise geringen Umfang des Romans zu konstatieren, daß noch ein kleines bisschen Weniger ein kleines bisschen mehr gewesen wäre. Einen Tick schneller in die Handlung gekommen, etwas früher Personen und Ereignisse geschehen gelassen, anstatt sie verheißend anzukündigen (ein Stilmittel, daß Moshfegh gerade auf den ersten einhundert Seiten häufig anwendet und damit einen Spannungsbogen aufbaut, um den es ihr, wie die weitere Lektüre dann beweist, gar nicht zu tun ist und den das Buch auch gar nicht nötig hat) und man hätte es mit einem rundweg brillanten Buch zu tun.

So ist es ein überdurchschnittlicher Debut-Roman geworden, in dem eine junge Frau ebenso zurückhaltend wie bewegend aus dem Leben einer jungen Frau berichtet, die an einer historischen kulturellen Bruchstelle erwachsen wird, die die Luft des Kommenden, des Libertären schnuppert und erahnt, die sich aber dennoch in einem Akt der Gewalt aus einem vorgestrig patriarchalen und reaktionären Umfeld befreien muß. Doch sei gewarnt, wer den „Akt der Gewalt“ auf die Erwähnung von Thompson und Highsmith bezieht, dann nämlich wäre eine Referenz an Jack Ketchum angebrachter. Nein, der Gewaltakt kommt hier nicht als Spektakel, gar als Fanal daher, er ist in der inneren Logik der Geschichte und dessen, was sich über Tage zwischen Eileen und Rebecca abspielt und wie Eileen ihre Arbeit mit den jugendlichen Delinquenten reflektiert, nahezu logisch und folgerichtig. Es gelingt Moshfegh, ihn eher als eine zufällige Aneinanderreihung unbedachter Schritte und Folge impulsiven Aktionismus´ darzustellen.

Dies ist kein Thriller. Es ist insofern ein Roman, der sich dem ‚Noir‘-Genre zurechnen lässt, als daß er aus der wirklich dunklen Innenwelt einer Frau erzählt und ihr einziger Ausweg aus dem Gefängnis ihres Lebens sich in einer einmaligen, eben zufälligen und zufällig gewalttätigen Möglichkeit bietet. Eine Gewalttätigkeit auch, die eine symbolische Loslösung vom Elternhaus, den Eltern überhaupt, ermöglicht. Eileen muß Entscheidungen treffen, die sie längst getroffen hat und in der Art, wie sie sich verhält, als es zum Äußersten kommt und wie sie das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen bereit ist, zeigt, daß ihre Entscheidungen eigentlich alle längst getroffen sind. Wenn überhaupt, ist dieser Roman also sehr viel näher an Patricia Highsmith´ EDITH`S DIARY als an irgendetwas, das Jim Thompson je zu Papier gebracht hat. Doch wäre es vielleicht angebrachter, von einem gelungenen Roman einer neuen jungen Autorin zu sprechen, die einst vielleicht einen ganz eigenen Namen am Firmament der großen Literaten haben wird – Ottessa Moshfegh.

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