KILL, BABY, KILL/OPERAZIONE PAURA

Ein vergessenes Kleinod aus dem Oeuvre des Mario Bava

Dr. Eswai (Giacomo Rossi-Stewart) wird in ein kleines Dorf gerufen. Inspektor Kruger (Piero Lulli) untersucht eine Reihe von Todesfällen, bei denen immer Gewalt vorliegt, die aber keinem Täter zuzuschreiben sind. Alle Toten berichteten zuvor, das Antlitz eines jungen Mädchens erblickt zu haben. Eswai soll die Leichen obduzieren. Die Krankenschwester Monica (Erika Blanc) soll ihm zur Seite stehen. Sowohl der Bürgermeister Karl (Luciano Catenacci) als auch die Hexe Ruth (Fabienne Dali) geben ihm zu verstehen, daß weder mit kriminalistischen noch medizinischen, mit gar keinen wissenschaftlichen Mitteln zu erklären sei, was vor sich gehe. Allein die Geschehnisse auf dem Schloß der Familie Graps, oberhalb des Dorfes, könnten Erklärungen liefern. Diese Sicht bestätigt nahezu jeder der Dorfbewohner, mit denen Kruger oder Eswai reden. Noch während ihrer Anwesenheit finden sich neue Opfer. Kruger besucht das Schloß, in der Hoffnung, dort Antworten zu finden. Eswai folgt ihm schließlich, gemeinsam mit Monica. Als sie schließlich auf Baroness Graps (Giovanna Galletti) stoßen, lüften sich nach und nach die Geheimnisse, doch die Wahrheiten, die zum Vorschein kommen, bedeuten für einige einen ganz neuen Schrecken…

Mario Bava ist dem heutigen Mainstream vor allem wegen des schwarzweißen Alptraums LA MASCHERA DEL DEMONIO (1960) berühmt, seine anderen Werke führen eher ein Schattendasein in den Zirkeln des gewollt schlechten (vermeintlich schlechten) Geschmacks. Ob ERCOLE AL CENTRO DELLA TERRA (1961) oder TERRORE NELLO SPAZIO (1965), ob der vorliegende OPERAZIONE PAURA (1966) oder der späte CANI ARRABBIATI (1974) – all diese Genrestücke wurden hierzulande unter „ferner liefen“ bis „Geschmacklosigkeit“ eingeordnet. Ein Fehler, wie gerade die Neusichtung von OPERAZIONE PAURA beweist.

Mindestens so schrecklich wie die Geschehnisse auf der Leinwand, ist die Geschichte der deutschen, bzw. englischen Verleihtitel. Als DIE TOTEN AUGEN DES DR. DRACULA in Deutschland vertrieben, firmiert  der Film in Amerika und dem Vereinigten Königreich wahlweise unter KILL, BABY, KILL oder THE CURSE OF THE LIVING DEAD, was einer Vermarktungshoffnung im Zuge von George A. Romeros NIGHT OF THE LIVING DEAD (1968) geschuldet sein dürfte. Sowohl die englischen als auch der deutsche Titel versprechen nun nicht gerade gehobene Unterhaltung und gerade der Sektor „Horrorfilm“, bzw. „Geisterfilm“ hatte in jenen Jahren doch einiges zu bieten – sei es die ausgesprochen beeindruckende Henry-James-Verfilmung THE INNOCENTS (1961) oder auch Roman Polanskis Vampirspaß THE FEARLESS VAMPIRE KILLERS (1967). So musste Bavas kleine Studie in Gothic Horror und Grand Guignol untergehen. Doch dem Liebhaber klassischer Horror- oder Gruselfilme sollte dieses Kleinod ans Herz gelegt sein, denn Bavas Film ist ein kleines Meisterwerk des barocken Schreckens.

Spinnweben, Unmengen von Bodennebel, Plüsch und Pomp in den Dekors, wabernder Sound, Bewegungen hinter dem Rücken der Protagonisten, Kinderlachen in endlosen, düsteren Gelassen, ein Haus voller labyrinthischer Gänge, umgeben von Dunkelheit und Sturm – so in etwa sieht aus, was der unerschrockene Dr. Eswai vorfindet, als er in jenes Dorf kommt, in das er zur Ergründung seltsamer Todesfälle gerufen wurde. Ergänzt wird das alles inhaltlich von Wahn, Geistern, verrückten Alten, die in hohen Burgen leben und dem ganz normalen Wahnsinn einer Dorfgemeinschaft, die den Schrecken längst gewohnt ist, ja, ihn verinnerlicht hat. Bava benötigt ca. fünfzehn Minuten Filmzeit, um eine Atmosphäre zu kreieren, die nicht nur Dr. Eswai all seiner aufgeklärten und vernunftbedingten Argumente beraubt, sondern den Zuschauer in tiefen Zweifel stürzt, welche Gesetzmäßigkeiten, die man inner- wie außerfilmisch kennt, hier eigentlich noch gelten? Wie selbstverständlich – darin an die Bevölkerungen jener Dörfer in klassischen Universal-Horrorfilmen nicht unähnlich, die sich wie selbstverständlich mit Vampiren und verrückten Professoren abfanden, welche den Menschen neu erfinden wollten – wie selbstverständlich leben die Menschen dieses Dorfes mit der Bedrohung durch den Geist eines Kindes, mit den Drohungen durch die Familie Graps und ihre Handlanger und dem daraus resultierenden Schrecken. Dr. Eswais und auch die Annahmen des Inspektors, der ihn hatte rufen lassen, daß man mit Vernunft und wissenschaftlicher Methodik noch dem letzten Geheimnis auf die Spur kommen kann, zerstört der Film nicht mit Grandezza und großer Geste, indem er sich gar über die Männer lustig machte, sondern wie nebenbei. Wir sehen, wie nichts von dem, was Polizist und Wissenschaftler einrichten, funktioniert und wir begreifen, daß sie das, was sie finden – bspw. eine Kugel im Herzen einer Leiche – nicht verstehen, ihm keine kohärente Bedeutung zu geben wissen. Dafür tritt wie selbstverständlich eine Hexe auf, die, ohne sich sonderlich dafür zu rechtfertigen, Dr. Eswei erklärt, worin die Problematik besteht und weshalb er sie nicht durchdringen kann. Ähnlich hatte sich zuvor schon der Bürgermeister geäußert. Die Vertreter der Institutionen wirken im Setting des Films nach spätestens 20 Minuten überfordert und vor allem – obsolet. Und es gelingt Bava, diese Tatsache wie eine Selbstverständlichkeit wirken zu lassen. Das ist Teil des Schreckens und es ist Teil der großen Kunst dieses Regisseurs.

Die Spannung und der Grusel ergeben sich aus teils so alten Tricks – Schatten an der Wand, Geheul im Dunkeln, sich selbstständig schließende Türen – , daß man schon durchaus Liebhaberei für Filme dieser Art empfinden muß, um sie wirklich goutieren zu können. In seinen Dekors, der Liebe zum Detail, die ganz offensichtlich der Mise-en-Scène zuteil wurde, den Kulissen, die zwar deutlich als solche auszumachen sind, aber dennoch oder gerade deswegen durchaus zu der surrealen Atmosphäre des Films beitragen, nicht zuletzt in seinen pastellartigen, nicht unbedingt poppig bunten Bildern, erinnert OPERAZIONE PAURA durchaus an jene Horror- und Gruselfilme, die Roger Corman für AIP in den 1960er Jahren herstellte. Filme wie PIT AND THE PENDULUM (1961) oder THE RAVEN (1962) atmen durchaus einen ähnlichen Geist und mögen Bava sogar als Vorbild gedient haben. Man könnte sogar soweit gehen, dem Film die Aura eines Märchens zu attestieren, doch letzten Endes entscheidet sich Bava ganz klar für eine Geistergeschichte mit Anleihen bei Berichten über Hexerei und Magie. Ähnlich wie Corman, setzt er dabei auf Atmosphäre und Andeutung, der Sadismus, den bspw. LA MASCHERA DEL DEMONIO auszeichnet, ist hier radikal zurückgenommen. Kaum gewalttätig, selten blutig, nie an Brutalität interessiert, kriecht der Schrecken eher das Rückenmark hinauf, wenn man die riesigen, weit aufgerissenen Augen des toten Kindes sieht, das als Geist umgeht und dessen Erscheinen allein deswegen bei der Dorfbevölkerung Angst und Schrecken erregt, weil es immer den Tod von jemandem ankündigt. Bava setzt hier ganz auf die Effekte klassischer Geister- und Gruselgeschichten.

Und doch kann man hier auch schon die Einflüsse sehen, die Bava und seine Filme auf spätere, weniger zimperliche Vertreter des italienischen Horrorfilms hatte, allen voran Dario Argento und – mehr noch – Lucio Fulci. Bavas Art, das Tempo in entscheidenden Momenten zu entschleunigen, anstatt es anzuziehen und Höhepunkte als solche auszuspielen, der Einsatz des Zooms, der in Hollywood damals noch zutiefst verpönt war, die Erzählweise, die sich einerseits nicht scheut, Tatsachen einfach, manchmal schon plump, zu präsentieren (Bsp: den Geist des Kindes; die Hexe; Baroness Graps, die nach langer Ankündigung geradezu antiklimaktisch auftritt), andererseits Wesentliches einfach ausspart, uns lediglich die Wirkung auf Dritte vermittelt, das dann mitunter zeitversetzt, oder plötzlich herunterspielt, was eben noch wichtig war. Allerdings wirkt das bei Bava gewollt und trägt massiv zum Effekt der Entfremdung, des Traumhaften bei, den der Film durchgehend bietet; bei Fulci hat man doch öfter mal den Eindruck, daß er das Timing nicht hinbekommt, seltener sogar, daß er nicht weiterweiß und sich mit Mitteln à la Bava einfach über Hänger hinweghilft. Timing ist allerdings das Schlüsselwort in diesem Zusammenhang. Mario Bava war ein Meister der Verzögerung, sein Stil der Inszenierung ist meist barock und ausladend, wie seine Dekors. Manchmal schwelgt er geradezu in ihnen, zeigt uns Details, um die Details zu zeigen, gibt uns Bewegungsabläufe in Zeitlupen wieder etc. Doch erfordert dies ein hohes Maß an künstlerischem Können, ein Gefühl für zeitliche Abläufe im Raum des Films.

OPERAZIONE PAURA zeigt Vieles von dem Genannten exemplarisch und bleibt dabei doch ein rein atmosphärischer Film, der nie auf billige Schauwerte, blutige Effekte oder reines Spektakel setzt. Ist man bereit, sich darauf einzulassen, wie man bereit ist, sich auf die plüschigen Ausstattungen mancher Melos der 30er und 40er Jahre aus Hollywood einzulassen, packt Bavas Geisterfilm auch heute noch, ja, es gelingt ihm sogar, Grusel, ein Gefühl wohligen Unwohlseins, hervorzurufen, was für einen schon 1966 eher rückständig wirkenden Film das größte Kompliment ist, das man machen kann.

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