DIE STUNDE, WENN DRACULA KOMMT/LA MASCHERA DEL DEMONIO

Atmosphärisch dichtes, barockes Schauermärchen von Mario Bava

Mitte des 17. Jahrhunderts werden die Prinzessin Asa Vaida (Barbara Steele) und ihr Geliebter Jayuto/Javutich (Arturo Dominici) wegen Hexerei und Teufelsbeschwörung von der Inquisition hingerichtet. Doch bevor die schreckliche Strafe vollendet werden kann, verflucht Asa ihren Bruder, der dem Gericht vorsteht. Auf grausige Art müssen die beiden sterben, allerdings können sie nicht mehr auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden, da ein Unwetter aufzieht. Asa wird in der Familiengruft beigesetzt, ihr Geliebter in ungeweihter Erde am Rande des Friedhofs. Mitte des 19. Jahrhunderts finden Professor Kruvajan (Andrea Checchi) und sein Assistent Dr. Andre Gorobec (John Richardson) per Zufall die Gruft und Asas Sarg. Durch einen Unfall gelangen einige Tropfen Blut auf das Antlitz der Toten. Als die Ärzte die Gruft verlassen, treffen sie Katia (erneut Barbara Steele), Tochter des Fürsten Vaida (Ivo Garrani), der nahebei lebt. Die Ärzte fahren weiter und steigen für die Nacht im Dorf im Wirtshaus ab. Asa, durch das Blut des Professors zum Leben erweckt, ruft ihren Geliebten und Javutich entsteigt seinem Grab und entledigt sich der fürchterlichen Dornenmaske, die auch sein Gesicht verdeckt. Sein Erscheinen flößt dem Grafen derart Schrecken und Furcht ein, daß dieser eine Herzattacke erleidet. Katia läßt nach den Ärzten im Dorf schicken und schickt die Kutsche los. Die Kutsche, die das Dorf schließlich erreicht, wird aber nicht mehr vom Kutscher des Fürsten, sondern von Javutich gelenkt. Der Professor steigt ein und wird zum Schloß gebracht und dort durch einen Biss der Hexe Asa willfährig gemacht. Er tötet in ihrem Auftrag den Fürsten. Im Dorf ist der tote Kutscher aufgefunden worden, Gorobec vermisst zudem den Professor. Ein Zeuge berichtet, daß der Kutscher den er gesehen habe, dem „Dämon“ Javutich ähnele. Mit einem Priester (Antonio Pierfederici) sucht er Javutichs Grab auf, wo nun aber der Professor liegt. Sie bannen den Untoten mit einem Pfahl. Javutich führt Katia in die Gruft, um mit deren Blut Asa zu alter Stärke zu bringen. Hier, in der Gruft, kommt es zu einem letzten Zusammentreffen der Beteiligten. Gorobec muß Katia retten, die Dorfbewohner sich des Dämons entledigen…

LA MASCHERA DEL DEMONIO lautet der Originaltitel dieses ebenso romantischen wie blutigen Horrorfilms von 1960, der dadurch weitaus stärker das Märchenhafte, Fabelhafte und Allegorische der Erzählung hervorhebt und betont als der deutsche Titel mit seinem Verweis auf den Grafen Dracula. Der Name „Dracula“ ist wirklich vollkommen der deutschen Synchronisation und Vermarktung geschuldet. Was schade ist, denn das Original stellt auch ein schönes Wortspiel dar: Demonio kann durchaus einen Dämon bezeichnen, doch es kann auch gleich der Leibhaftige selbst gemeint sein – „Die Maske des Teufels“ wäre also ein durchaus adäquater Titel.

Mario Bavas erster eigener Film besticht durch eine manchmal träumerische, dann wieder rauschhaft-surreale Atmosphäre, durch ein brillantes, märchenhaftes Setting voller verwunschener, weinumrankter Schlösser, staubiger Grüfte, dunkler Gänge und in Schatten sich verlierender Hallen, darüber hinaus weist der Film eine für 1960 bemerkenswerte Härte und einen hohen Grad an Sadismus auf. Fast exemplarisch kann man an diesem Werk – das zweifelsohne zu den wesentlichen Horrorfilmen der Filmgeschichte zu zählen ist – aufarbeiten, was das Genre ausmacht, wo seine Vorzüge liegen, wo seine Fallstricke lauern. Denn so, wie er den Zuschauer für knapp anderthalb Stunden aus jedem Wirklichkeitsbezug in eine jenseitige, literarische Welt zu entführen weiß, schwelgerisch in schwarzweiße Bilder eintaucht, die noch einmal den Gothic Horror, den Grand Guignol beschwören, so greift er in seinem Bezug zum Volksmärchen auch auf zutiefst revisionistische und reaktionäre Muster und Strukturen zurück. Der Story des Films liegt die Erzählung WIJ von Nikolai Gogol zugrunde, doch deren Inhalt kann man hier kaum mehr entdecken. Vielmehr hat man es mit einer den unzähligen Lokalegenden und Sagen ähnelnden Erzählung zu tun, die von Nachtwesen, Hexen, Ghoulen oder eben Vampiren erzählen. Geschichten, die oft Mischformen darstellen, wie hier die Verbindung von Hexerei, Vampirismus und im Original eben einem nicht übersehbaren Satanismus.

Dabei greift diese Narration ebenso unironisch wie ungehemmt auf übermittelte Ressentiments zurück: Die Hexe, die hier in dieser eindrucksvoll brutalen Eröffnungssequenz gefoltert und hingerichtet wird, entpuppt sich schließlich als genau das Wesen der Düsternis, als das sie angeklagt war. Wir mögen interpretieren, daß es die Jahrhunderte der falschen Bannung gewesen sein mögen, die ihren Rachedurst ins Unermessliche haben anwachsen lassen, doch der Film bietet uns schlicht keine Hinweise, die eine solche Interpretation wirklich stützen würden. Nein, LA MASCHERA DEL DEMONIO erweist der durchaus misogynen Haltung sowohl vieler Märchen als auch des phantastischen Genres volle Referenz. Barbara Steele, die mit diesem Film ihre Karriere als Ikone des europäischen Horrorfilms vor allem der 1960er Jahre begründete, verleiht mit ihren maßlos riesig erscheinenden Augen der Hexe Asa ein Maß an Verführungskunst und zugleich Machtfülle, die durchaus Lust am Schmerz des andern erkennen läßt. Diese Augen können jemanden einfangen, in ihrem Bann halten, tief in die Seele ihres Gegenübers blicken. Der Blick der Verführung kann auch ein grausamer sein. Steele nutzt dann in der Rolle der Katia genau das gleiche Stilmittel, lediglich anders ausgeleuchtet und aus anderem Winkel gefilmt, um ihr Naivität und Unschuld zu verleihen. Die Frau – exemplarisch: Als Unschuld, die zu beschützen ist (die beschützens-wert ist) und die Frau als machtvolles, weil verführerisches Wesen, das zu zerstören ist. Die Wucht der Eröffnungsszene vermittelt auch diesen Eindruck deutlich: Gezeigt wird die Zerstörung des weiblichen Körpers, kaum die des männlichen. Und das setzt eine gewisse Betrachtungsweise fest, denn ob Javutich nun Dracula, ein Dämon, Wiedergänger oder der Teufel persönlich ist – er ist ein sehr passives Wesen, fast ein Diener gegenüber Asa, der Herrin. Asa, die Hexe, die Herrin als Hexe, die über die Macht verfügt, den Familienzweig, dem einst Katia entstammen wird, mit einem Fluch zu belegen, ist das handelnde Wesen hier. Sie musste gebannt werden, ihr wurde ein Kreuz über den Sarg montiert, dessen Anblick sie binden soll. Javutich ist vielleicht ein Dämon, doch ihn fürchtet kaum jemand, auch nicht Katias Bruder, der ihn schließlich in einem Handgemenge in eine geheime Falle voller Pfähle stürzen läßt. Nein, es ist die Macht des Weiblichen, der diese Narration zutiefst mißtraut. Und wie so oft im Genre des Unheimlichen und Phantastischen, bedient auch LA MASCHERA DEL DEMONIO tief sitzende Ängste, offenbart unsere düsteren Seiten, Ahnungen und Befürchtungen – auch uns selbst betreffend – und müht sich, sie symbolisch zu bannen. Tief konservativ-katholische Ressentiments werden hier bedient, zugleich in einer apologetisch anmutenden Volte eine klar antiaufklärerische Haltung eingenommen. Und dennoch nimmt man all dies dem Film nicht übel. Er ist in Ausstattung, Setting und auch Regie derart prätentiös und übersättigt, daß er seine Realitätsferne überdeutlich ausstellt. Ein Märchen wird erzählt und wir sind eingeladen, uns in die düstere Welt des Märchens zu begeben, vielleicht um uns dort eine Weile ungehemmt eben diesen Ängsten hinzugeben, die wir in der realen Welt anders, vernünftiger bändigen müssen.

Bavas Werk weist weit über seine Zeit hinaus. Der Regisseur bedient sich bei aller Romantik in Erzählung und Ausstattung durchaus moderner filmischer Mittel wie der Zeitlupe, um gewisse Effekte zu erzielen, zudem nutzt er die Möglichkeiten der derben Exploitation, bevor sich irgendwer je Gedanken darüber gemacht hatte, was das eigentlich ist. Es gibt Schockmomente, die man so nur selten vor den 1960er Jahren gesehen hat und auch mit anderen, späteren Genrefilmen assoziieren würde – NIGHT OF THE LIVING DEAD (1968) zum Beispiel, der in seinem fast gotischen schwarz/weiß-Look und mit seinen Leichenfressern durchaus auch thematisch mehr mit LA MASCHERA DEL DEMONIO gemein hat, als man gemeinhin denken würde. Und schließlich erweist er sich sogar als direkte Vorlage des Clive-Barker-S/M-Klassikers HELLRAISER (1987), wo es ebenfalls das Blut ist, daß einem Toten das Fleisch am Körper frisch gedeihen läßt. Es sind oft die heute fast vergessenen Filme wie dieser, deren Einfluß auf das jeweilige Genre nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. So fremd dem Zuschauer in digitalen Zeiten wie diesen ein Film wie dieser auch vorkommen mag, nur schwerlich wird man sich dem hier entstehenden Sog entziehen können.

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