RED PILL

Ach hätte sich der Autor doch nur entscheiden können...

Der westlich geprägte, urbane, moderne Mann in der Krise der mittleren Jahre – so könnte man das Thema von Hari Kunzrus Roman RED PILL (2020/Dt. 2021) grob zusammenfassen.

Der Ich-Erzähler, ein amerikanischer Schriftsteller von eher bescheidenem Erfolg, spürt die Jahre und fühlt sich in einer Welt des Hungers, der Kriege, voller Flüchtlinge, Elend und Not, die er jedoch rein medial wahrnimmt und besucht, plötzlich nicht mehr in der Lage, seine noch junge Familie – Frau und Tochter – zu beschützen, wozu ein Mann klassisch doch eigentlich in der Lage sein sollte. Doch in postheroischen Zeiten sind Männer natürlich eher verweichlicht, sind woke, sind sich ihrer Schwächen bewusst und wissen längst darum, daß ihre Frauen wahrscheinlich die stärkeren Wesen sind, im Zweifelsfall sind sie diejenigen, die die Familien verteidigen, das Haus verteidigen, den Status Quo verteidigen. Oder sich mit den neuen Gegebenheiten besser abfinden könnten.

Ein Stipendium einer Berliner Stiftung bietet dem armen Kerl einen Ausweg, sowohl den Anforderungen seiner Profession als auch jenen des alltäglichen Lebens zu entkommen. In einem abgelegenen Haus am Wannsee, das der Deuter-Stiftung gehört. Der Name des Stiftungsgründers wird im Laufe der Handlung von Kunzrus Roman sprichwörtlich, denn zu deuten gibt es hier einiges. Nicht nur ist der Erzähler mit den Ansprüchen der Stiftung – maximale Transparenz, weshalb bspw. alle Stipendiaten in einer Art Großraumbüro arbeiten sollen; aber offenbar auch die totale Überwachung der Bewohner des Hauses, wie er durch Zufall herausfindet – überfordert, sondern auch von einigen seiner Kollegen, darunter ein Professor, der es offensichtlich darauf angelegt hat, Neuankömmlinge möglichst geschickt intellektuell einzuschüchtern.

Es entwickeln sich auf unterschiedlichen Handlungsebenen unterschiedliche Handlungsstränge – die Bekanntschaft mit einer der Haushälterinnen der Stiftung, die sich als ehemalige IM der Stasi entpuppt, von der Organisation mehr oder weniger zur Mitarbeit gezwungen; durch einen Mitstipendiaten lernt der Erzähler schließlich einen amerikanischen Regisseur und Produzenten kennen, der für eine ultrabrutale TV-Serie verantwortlich zeichnet und sich nach und nach als ein überzeugter Rassist und Vertreter dessen, was gemeinhin als „toxische Männlichkeit“ bezeichnet wird, entpuppt – die zunächst miteinander verwoben wirken, sich aber letztlich als frei flottierend erweisen. So steht die Geschichte der ehemaligen Stasi-Mitarbeiterin, außer, daß sie eben Opfer einer scheinbar allmächtigen Organisation wurde, in keinem wirklichen Zusammenhang zu der jenes Regisseurs namens Anton, der für den Erzähler zu einer Obsession wird. Denn Anton scheint ein Mastermind zu sein, ein Verschwörer, der mit der Serie Blue Lives, die arg an den ebenfalls wegen seiner Brutalität und der eher reaktionären Haltung umstrittenen Serienerfolg 24 (2001-2010) erinnert, offenbar einen kulturellen Umschwung hin (oder zurück) zu atavistischen, auf Stärke beruhenden Verhältnissen zwischen den Geschlechtern, Nationen und Ethnien vorbereitet. So erstaunt es dann auch wenig, daß genau dieser Mann am Wahlabend 2016, als völlig unerwartet ein New Yorker Milliardär zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, im Hintergrund der Wahlparty auftaucht, die der mittlerweile zu seiner Familie zurückgekehrte Schriftsteller mit seiner Frau und einigen Freunden im Fernsehen verfolgt. Anton scheint also eine Steve-Bannon-Figur zu sein, ein Strippenzieher im Hintergrund, ein Spin Doctor.

Aber was hat das mit des Erzählers Interesse an der deutschen Romantik, mit seinem gespaltenen Verhältnis zu Heinrich von Kleist und dessen Selbstmord am Ufer des Wannsees zu tun? Wie hängen die geheimen Botschaften, die der Erzähler nicht nur aus der TV-Serie herausfiltern zu können glaubt, mit dem Institut, das ihm das Stipendium spendierte und mit dessen Stipendiaten, die alle geheimnisvoll wirken, zusammen? Oder sind wir, die Leser, schlicht Zeugen eines geistigen Verfallsprozesses, der, erst langsam und dann immer schneller voranschreitend, nicht nur die Gesundheit des Erzählenden, sondern schließlich auch seine gesamte soziale Konstruktion bedroht?

RED PILL will vieles sein und schon der Titel allein reicht natürlich, ein postmodernes Publikum aufzuschrecken und anzuziehen. Es war einst ein Kultfilm der 90er Jahre, MATRIX (1999) von den Brüdern Wachowski, der das Konzept allseits bekannt machte: Nimm die rote Pille, dann erfährst du die Wahrheit über den geheimen Lauf der Welt, willst du lieber in der herkömmlichen Realität leben, ob wahr oder falsch, nimm die blaue Pille und vergiß alles, was dir widerfahren ist…so kommt einem die Ausgangslage natürlich bekannt vor. Die Tatsache, daß MATRIX sowohl stilistisch als auch in seinen Aussagen – ganz gegen die eigentlichen Intentionen seiner Macher – heute vor allem in der rechten bis rechtsextremen Szene gehuldigt wird, wo gerade das Rote-Pillen-Prinzip gern genutzt wird, allen, die sich nicht mit den Identitären und anderen neu-rechten Organisationen und Gruppierungen und ihren pseudointellektuellen Ansichten gemein machen, nachzusagen, sie seien „Schlafschafe“, „brainwashed“ oder gar „Agenten des Bösen“, nämlich des liberalen, pluralistischen Systems, das sich mit einer bunten Mimikry schmückt, um seine wahren, grün-faschistoiden Tendenzen zu verbergen, korrespondiert mit der dem Roman zugrundeliegenden Grundannahme. Nur dreht RED PILL das Konzept noch einmal um, zurück in jene Richtung, aus der es einst kam, nämlich eher der linken Szene. Verschwörungsmythen sind einst gern unter Linken verbreitet worden – und wurden, wie so vieles, von einer rechten Szene okkupiert, der wenig Authentisches oder gar Originelles einfallen will, um ihre kruden Thesen unters Volk zu bringen.

Kunzru schmückt seinen Text mit etlichen popkulturellen Verweisen und Zitaten, er lässt sowohl klassische als auch subkulturelle Zeugnisse in seinen Text einfließen, deutet an, legt Spuren aus, lose Fäden, die mal irgendwohin führen, mal versanden. Es entsteht das Panorama einer vielleicht paranoiden Weltsicht, vielleicht aber auch tieferen Wahrheit über eine Welt, die, wie wir alle wissen, lange schon von geheimen Mächten, Großkonzernen und Konglomeraten regiert wird, deren Vertreter wir nie sehen und deren Machtinstrument das Marketing ist.

Nur geht das alles nicht auf. Lauter spannende Ansätze, die den Leser eine Weile mitziehen, bevor er das Interesse verliert. Denn zu all dem andern geschilderten Unglück, ist es vor allem die Position des Erzählers und darüber hinaus sein Charakter, die irgendwann enervierend wirken. Dieser Mann ist schlicht weinerlich. Er scheint ein arg strapazierter Geist zu sein, der sein Material nicht in den Griff und dadurch zusehends schlechte Laune bekommt, je unzumutbarer er die Anforderungen in der Deuter-Stiftung empfindet. Er scheint sich in seiner Rolle als Vater und Ehemann unwohl zu fühlen und zugleich ahnt er, daß es mit seiner schriftstellerischen Berufung womöglich nicht allzu weit her ist.

Was es nun mit dieser Stiftung auf sich hat, die so ominös und undurchsichtig wirkt, ganz im Gegensatz zu den von ihr vertretenen Werten der Transparenz, warum wir mit einer dem deutschen Leser so oder ähnlich schon längst bekannten Geschichte einer Stasi-Mitarbeiterin konfrontiert werden und wieso der Erzähler generell über ein fundiertes Wissen über die deutsche Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts und zudem über Sprachkenntnisse, nicht nur im Deutschen, sondern offenbar auch im Französischen, verfügt – wir erfahren es nicht. Und, schlimmer, es interessiert uns auch nicht wirklich. Kunzru scheint aus einem Impuls ungeheurer Wut geschrieben zu haben. Die Wut scheint sich vor allem an der Wahl Donald Trumps zu entzünden und hier wird dessen Wahl – für die der Strippenzieher Steve Bannon ja wirklich maßgeblich verantwortlich gewesen ist – als sichtbare Zeichen einer heimlichen Operation, eines heimlichen Angriffs auf die moderne Demokratie gedeutet.

Kunzrus Verweise sind in sich nicht falsch. Man kann reell darüber diskutieren, welche Funktion eine Serie wie 24 – aber auch gewisse, gerade um die Jahrtausendwende vermehrt erscheinende Filme – hatte, man kann sich  durchaus fragen, was es über uns aussagt, wenn wir wissen, daß es da draußen Agenten der CIA und anderer Dienste gibt, die auch in unserem Namen foltern und töten – Kathryn Bigelows höchst umstrittener Film ZERO DARK THIRTY (2012) handelt genau davon – und man kann sich darüber streiten, ob wir westlich Geprägten letztlich nicht einer ungeheuren Doppelmoral, reiner Bigotterie, aufsitzen, wenn wir so gern unsere Werte hochhalten und dann wegschauen, wenn die USA mit Drohnen Hochzeitsgesellschaften und halbe Dörfer auslöschen, weil sie einen gesuchten Terroristen dort vermuten. Man könnte diese Widersprüchlichkeiten zu wirklich spannenden und auch verstörenden Texten verarbeiten und den Leser vor ernsthafte, moralisch komplexe Dilemmata stellen und damit tiefgreifende Kulturkritik üben. Aber dann sollte man dem Leser nicht einen „Helden“ präsentieren, der ihm zum einen nicht sonderlich sympathisch ist und zum andern von allem Anfang an eben nicht die Zweifel zerstreuen kann, daß wir es wirklich mit einem psychisch schwer Angeschlagenen zu tun haben.

Kunzrus Text macht es dem Leser da viel zu leicht, denn der kann sich im Zweifelsfall immer auf eine Position zurückziehen, in der er all die Widersprüche, die sich auftun, eben als Symptome einer Geisteskrankheit qualifizieren kann. Und wenn wir dann auf den letzten Seiten allen Ernstes ein Plädoyer für die Liebe geboten bekommen, die all diese Fragen obsolet mache, alles besiege und uns schützt vor den Unbilden einer Welt, die wir immer weniger durchschauen, dann entsteht irgendwann der Eindruck, man würde veräppelt. Das ist, mit Verlaub, Kitsch. Tödlich, gerade für einen Roman wie RED PILL.

Das hier ist ein Konglomerat aus postmodernen Theorien, Spannungselementen, Verschwörungsmythen, politischen Standpunkten, düsteren Gestalten, Andeutungen, Geraune und Bildungsbeflissenheit, das nie mehr ist als seine Einzelteile. Und diese Einzelteile kommen inhaltlich nie zusammen. Was als gelegentlich wirklich witziger Roman eines lächerlichen Mannes, der aus den Anwürfen des Alltags eines alternden Vaters in eine geistige Welt hinterm Ozean flieht, beginnt, entwickelt sich zur Kolportage einer geheimen Erzählung über die Welt, die aber nie ernsthaft bedrohlich wird. Anton und seine Handlanger wirken auf uns nicht mächtig, nicht einflußreich genug und in ihren Ansichten auch viel zu unspezifisch, der Erzähler hingegen in seinen natürlich richtigen moralischen Standpunkten derart standfest, daß wir nie wirklich mit oder um ihn bangen. Und dies alles endet mit dem Kater des durchschnittlichen liberalen New Yorkers am Morgen nach Trumps Wahl. Ein wilder Ritt auf einem Spielzeugpferd aus Plastik, wie es früher vor jedem Supermarkt stand. Wirkt gefährlich, bietet den Papis aber die Möglichkeit, in Ruhe eine zu rauchen, während die Kleinen sich amüsieren.

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