SCHNEE IN AMSTERDAM/MIDWINTER BREAK

Ein kleiner, tiefreichender Roman

Wie geht die Liebe zu Ende? Wann geht sie zu Ende? Oder vielleicht: Geht die Liebe je zu Ende? Oder wandelt sie sich vielleicht nur, nimmt Erscheinung und Gestalt an, die den Liebenden nicht bewußt ist, Erscheinung und Gestalt in Formen, die nicht in dreiminütigen Radio-Songs und Hollywood-Filmen beschworen werden? Erscheinung und Gestalt, für die es keine – oder nur wenige – Modelle und Vorlagen gibt?

Am Grunde von Bernard MacLavertys Roman MIDWINTER BREAK (2017 im Original erschienen, zu deutsch: SCHNEE IN AMSTERDAM) sind es diese Fragen, die sich dem Leser stellen. Kann die Liebe nach Jahren und Jahrzehnten gemeinsamen Lebens, gemeinsamer Erfahrungen und gemeinsam gesammelter Erinnerungen noch in ihrer herkömmlichen Form existieren? Wie sind diese Dinge – das Leben, die Liebe – nach Dekaden noch voneinander zu trennen? Oder sind sie nicht längst  miteinander verwachsen, fallen in Eins, bedingen einander, sind aneinander gar gekettet? Kann man in fortgeschrittenem Alter die Liebe aufgeben?

Das Ehepaar Stella und Gerry, Iren, die seit Jahrzehnten in Glasgow leben, sie pensionierte Lehrerin, er Architekt im Ruhestand, reisen im Januar nach Amsterdam, auf einen Kurzurlaub. Einfach ist die Beziehung nicht. Gerry trinkt zunehmend, Stella folgt ihrem immer noch starken katholischen Glauben, für den ihr Gatte nur Spott übrig hat. Amsterdam, wo sie vor Jahren einmal war, soll sie aus ihrem Alltagstrott und dem harten schottischen Winter reißen, soll ihnen neuen Input geben und die Beziehung ein wenig auffrischen. Und doch hat zumindest Stella auch anderes im Sinn. Sie hat hier einst einen Beginenhof entdeckt und möchte sich nach den Bedingungen erkundigen, die eine Aufnahme voraussetzt. Denn nachdem der einzige Sohn aus dem Haus und weit weg gezogen ist, empfindet Stella eine Leere im eigenen Leben, die sie damit füllen will, welches sie ein vor Jahren in einer Ausnahmesituation – sie wurde zufälliges Opfer eines Anschlags – abgelegt und doch nie befolgt hatte: Ihr Leben sinnvoll nach Gottes Gnaden und im christlichen Sinne zu beschließen. So wird die Reise nach Amsterdam für sie zum Versuch einer Erfüllung, wenn nicht Erlösung – und für Gerry zu einer Konfrontation mit den Untiefen seiner Ehe.

MacLaverty erzählt diese Geschichte in einem fast redundanten Stil, was für den Leser über die Strecke von knapp 284 Seiten gelegentlich anstrengend werden kann. Die Beobachtung alltäglichster Verrichtungen, das Augenmerk, das der Autor auf scheinbar Nebensächliches legt, die Überlegungen seiner beiden Protagonisten, die manchmal wenig Tiefgang zu haben scheinen, können enervieren. Es ist das Gesamtkonstrukt, das schließlich packt. Selten, daß ein Autor es schafft, das Geflecht des Lebens – ohne Drama oder dramatische Wendungen – selbst wirken zu lassen. Nach Jahrzehnten einer Ehe, die eben verläuft, wie die meisten Ehen wahrscheinlich verlaufen, mit all den kleinen und größeren Ärgernissen, dem Verschleiß, den allzu bekannten Manierismen und Eigenarten des andern, werden gerade die Dinge wesentlich, die scheinbar so einfach, so nebensächlich und alltäglich sind. Und immer wieder sind es dann erstaunliche Einsichten und Momente großer Klarheit und emotionaler Tiefe, die den Leser nahezu schockieren, so unvermittelt und plötzlich brechen sie in diese kleine, stille und eigentlich wenig aufrüttelnde Reisegeschichte ein.

Den aufgeklärten Leser mag dabei vor allem das religiöse Element stören, das durch Stellas Glauben großen Raum einnimmt und das auch Gerry zu anhaltender Spöttelei treibt. Man mag die Finger davon lassen, wenn man Glaubensfragen zu Beginn des 21. Jahrhunderts so oder so für überkommen hält. Hier sind sie aber wesentlich im Geflecht dieser beiden miteinander verwobenen Leben, der ineinander gewobenen Liebe. Die Angst, sein Leben sinn-los vertan zu haben korrespondiert mit der Angst, denjenigen zu verlieren, der dem eigenen Dasein vielleicht erst Sinn stiftet. Und beide Ängste werden im Text ernst genommen, beide bedingen einander sogar und beiden wird der Raum gelassen, den es braucht, um den jeweils spezifischen psychologischen Kontext begreifbar zu machen. Und der wird nie erklärt – die eigentliche Kunst bei MacLavertys Schreiben – sondern er erklärt sich.

Da entsteht vor dem Leser dieser Text, breitet sich aus, nimmt sich nie wichtig, bauscht sich nicht auf und vermittelt doch so viel von dem Gewebe der Liebe und des Lebens und wie das eine vom andern irgendwann nicht mehr zu trennen ist. In ihren philosophisch-abstrakten Selbstbefragungen mindestens so glaubhaft, wie in ihren profanen Betrachtungen des Banalen, die vor allem Gerry nicht müde wird, anzustellen, sind diese Figuren vollkommen glaub-haft, glaub-würdig. Man muß diese beiden nicht mögen, wie man selten Menschen treffen mag, die man uneingeschränkt sympathisch findet, aber es begegnen einem hier doch zwei Menschen. MacLaverty gelingt nämlich genau das: Den Menschen, sein Sein, sein Da-Sein und die Bedingung, unter der er das Voranschreiten seiner Zeit wahrnimmt und zu verarbeiten, zu beherrschen versucht, so realistisch wie möglich abzubilden, ohne sich als Autor aufzudrängen oder dem Leser Wahrheiten und Weisheiten um die Ohren zu hauen.

Es ist die Liebe, die sich wandelt im Leben, das vergeht. Und weil wir es alle nicht kennen, das Alter(n), bevor es da ist, können wir nur schlechterdings erahnen, was die Liebe vergehen, was sie sich wandeln lässt und eben erst recht nicht, in welcher Gestalt sie sich manifestiert, wenn sie altert. Einfach. Ja. Aber eben auch wahr, absolut wahr.

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