SUPER DARK TIMES

Kevin Phillips legt ein brillantes Debut vor und taucht tief in die Regionen der Adoleszenz ein

Zach (Owen Campbell) und Josh (Charlie Tahan) sind beste Freunde an der High School und in ihrer Freizeit. Sie hängen gemeinsam rum, gestehen sich gegenseitig ihre Liebe zu Allison (Elizabeth Cappuccino), was sie nicht davon abhält, sich auch ihre schmutzigen Fantasien hinsichtlich ihrer Mitschülerin einzugestehen.

Zach lebt allein mit seiner Mutter, Joshs älterer Bruder ist bei der Armee. Gelegentlich verbringen sie ihre Zeit auch mit anderen, unter anderem mit Charlie (Sawyer Barth) und Daryl (Max Talisman). Daryl ist wegen seiner oft ungestümen, auch aggressiven Art unbeliebt, Charlie eher ein Mitläufer.

Gemeinsam hängen die Jungs bei Josh herum. Im Zimmer seines Bruders finden sie eine Tüte Marihuana, das Daryl gern ausprobieren würde. Josh verbietet das. Stattdessen lenkt er die Aufmerksamkeit auf das japanische Schwert, das seinem Bruder gehört.

Die Jungs gehen in den Park, wo sie versuchen, Milchtüten mit der scharfen Klinge im Flug zu zerschneiden. Daryl zündet einen Joint an, offenbar hat er das Gras aus Joshs Haus mitgehen lassen. Josh ist außer sich und beschimpft Daryl. Es kommt zu einer körperlichen Auseinandersetzung, bei der Daryl aus Versehen tödlich verwundet wird. Die Jungs beschließen, sowohl die Leiche als auch das Schwert zu verstecken.

In den folgenden Tagen bemüht vor allem Zach sich darum, eine kohärente Geschichte zu erfinden, an die sich Josh und Charlie halten sollen.

Allison ruft Zach an und fragt ihn, ob er zu ihrer Party kommen möchte. Er solle auch Josh fragen. Der taucht aber nicht mehr in der Schule auf. Gerüchte machen die Runde, Daryl sei abgehauen.

Zach geht zu der Party, wo er Josh antrifft, den er selbst Tage nicht gesehen hat. Auch hatte er ihm Allisons Einladung nicht weitergegeben, weshalb er umso überraschter über die Anwesenheit seines Freundes ist. Zudem teilt Josh das verbliebene Gras mit einigen Kiffern von der High School, denen er zuvor eher ablehnend gegenüberstand.

Zach verlässt die Party wieder. Allison folgt ihm und versucht, ihn zurück zu locken. Beinah kommt es zwischen den beiden zu einem Kuss, doch Zach sagt, er könne das nicht und geht.

John Whitcomb, ein Kommilitone von der High School, wird tot aufgefunden, offenbar von einer Brücke gestürzt. Man nimmt an, daß es sich um einen Unfall handelt, doch Zach hat so seine Bedenken. Er wird wieder und wieder von Albträumen geplagt. Nun kehrt er an den Ort, wo Daryls Leiche liegt, zurück. Der Leichnam wurde offenbar geschändet, tiefe Schnitte und Wunden zeugen davon. Als Zach das Schwert sucht, kann er es nicht mehr finden.

Da er an Josh so gut wie nicht mehr herankommt, ruft Zach Charlie an und erzählt ihm von seinem Verdacht. Charlie erklärt, er wolle mit all dem nichts zu tun haben und Zach solle ihn in Ruhe lassen, nie wieder anrufen.

Zwischen Zach und Allison kommt es zu einer Annäherung, schließlich küssen sich die beiden. Auch Zachs Mutter (Amy Hargreaves) mag die junge Frau, die keine Berührungsängste hat.

Erneut versucht Zach, Kontakt mit Josh auszunehmen, doch als er zu dessen Haus kommt, ist Josh nicht da. Zach verschafft sich Zugang zu Joshs Zimmer und sucht das Schwert, kann es aber nicht finden. Stattdessen stößt er auf Allisons Telefonnummer. Ihm schwant Übles.

Derweil hat Josh Allison und deren Freundin Meghan (Adea Lennox) dazu überredet, sich bei Meghan zu treffen und das Gras auszuprobieren. Als Zach zu Meghans Haus kommt, ist drinnen alles ruhig. Zach steigt ein und schleicht durch das Haus, bis er zu Meghans Zimmer kommt. Nun hört er Stöhnen und offensichtliche Schmerzenslaute. Er dringt in das Zimmer ein, wo Allison gefesselt und verletzt auf dem Boden liegt, Meghan – möglicherweise bereits tot – in ihrem Bett.

Josh greift Zach an, es kommt zwischen den beiden zu einem ungleichen Kampf, ist Josh doch mit dem Schwert bewaffnet. Er fügt Zach heftige Wunden zu. Der Kampf verlagert sich in den Vorgarten. Josh schlägt und sticht weiterhin auf Zach ein. Erst ein Nachbar, der auf das Geschehen aufmerksam wird, kann ihn bändigen.

Zach wird von den herbeigeeilten Notärzten versorgt, während Josh bereits in einem Polizeiwagen sitzt. Zach schaut zu ihm hinüber, sein Freund schaut kurz zurück.

Monate später ist Allison wieder in der Schule. Ein Mitschüler, der hinter ihr sitzt, sieht die Narben – drei parallele Striche im Nacken – , die das Schwert hinterlassen hat. Allison öffnet ihre Haare und bedeckt die Narben. Sie lächelt.

Die Kindheit – Land voller Magie, Zeit der Wunder. Die Jugend – jene Jahre des Geheimnisses und der verführerischen Entdeckungen. Ach, warum bleibt uns der Zugang zu jenen Arealen des Lebens nur für immer verwehrt, haben wir erst einmal den Schritt in jenen Zustand gemacht, den man Erwachsensein nennt?

Verklärungen. Sind wir ehrlich, haben Kindheit und Jugend für viele von uns auch Schrecknisse und Widrigkeiten zu bieten gehabt? Gerade durch die Jahre der Adoleszenz kommen einige auch nicht gänzlich unbeschadet hindurch. Es hat sich – nicht nur in den USA und also Hollywood – gleich ein ganzes literarisches und filmisches Genre gebildet, um von eben jenen Jahren zu erzählen, in denen wir uns abnabeln, erste eigene Schritte machen und dabei sowohl mit einer Welt konfrontiert werden, die sich oftmals als etwas anderes entpuppt denn magische der Kindheit, aber durchaus auch mit uns selbst, unseren eigenen Fehlbarkeiten, Unzulänglichkeiten und manches Mal auch damit, daß wir eine düstere Seite in uns tragen, die uns manchmal zu Schrecklichem verleitet. Es ist jenes Genre, das gemeinhin Coming-of-Age genannt wird. Hollywood hat einige Klassiker hervorgebracht, die sich ganz diesem Sujet widmen. Darunter Klassiker wie die Stephen-King-Verfilmung STAND BY ME (1986).

Kevin Phillips fügt dem Reigen mit seinem Spielfilmdebut SUPER DARK TIMES (2017) eine ganz eigene, eher düstere Interpretation jener Jahre hinzu. Angesiedelt Mitte der 90er Jahre, irgendwo im Amerika der Vororte und der Satellitenstädte, erleben seine beiden Hauptprotagonisten Zach Taylor und Josh Templeton zunächst die (für Jungs) so typischen Abenteuer jener Jahre – schmutzige Fantasien über Klassenkameradinnen, von denen man weiß, daß man sie nicht haben sollte; die kleinen Geheimnisse, die man vor den Eltern verbirgt; die Erkenntnisse, die man so sammelt bei den ersten Beobachtungen der Welt, die man aber niemals mit einem Erwachsenen teilen würde; die Mutproben, die es zu bestehen gilt, will man nicht als „uncool“ gelten; die ersten Erfahrungen mit Alkohol oder Drogen. Die erste halbe Stunde der 87 Minuten Laufzeit des Films ist voll solcher – sehr präziser – Beobachtungen dieses Alltags von Jugendlichen zwischen Schule, Elternhaus und den langen, oft langweiligen Nachmittagen.

Owen Campbell, der Zach spielt, und Charlie Tahan in der Rolle des Josh, machen ihre Sache mehr als gut. Sie sind beide überzeugend und können den Zuschauer vor allem überzeugen, emotional tief in diese Welt einzusteigen, selbst wenn der diese entscheidenden Jahre womöglich schon lange hinter sich hat. Sie verkörpern glaubwürdige Jugendliche, die vor allem glaubwürdige, weil klischeefreie Figuren sind. Die Unsicherheit, das Großspurige, die altklugen Sprüche, die Widerborstigkeit, was Begegnungen mit Erwachsenen betrifft – all das ist diesen Figuren auf eine Art und Weise eigen, die eben nicht auf mediale Vorbilder, sondern tief in eigenes Erleben und damit in eine realistisch anmutende Wirklichkeit verweisen. Gleiches gilt für Nebenfiguren wie Allison, die Angehimmelte, aber auch für Daryl und Charlie, Mitschüler der Hauptfiguren. Gerade Daryl, ein unbeliebter, dicklicher Junge, der zu Ausfällen und unterschwelliger Gewalt neigt, ist extrem glaubwürdig gezeichnet und wird ebenso glaubwürdig von Max Talisman gespielt. Es fällt gerade bei dieser Figur auf, wie neutral der Film sich gegenüber seinem Personal verhält. Daryl, das spätere Opfer des Unfalls, ist unsympathisch, doch gelingt es, auch diese Figur mit Schwächen auszustatten, die seinen Charakter erklären.

Das Drehbuch stammt von Ben Collins und Luke Piotrowski. Offenbar haben die beiden hier eigene Erlebnisse verarbeitet. Definitiv findet hier – anders als in manchen Beiträgen zum Genre des Coming of Age-Films – keine Verklärung jener Jahre statt. Und anders, als bspw. in Kings Geschichte STAND BY ME und auch dem daraus resultierenden Film von Rob Reiner, wird die sich langsam entblätternde Geschichte, die organisch, nahezu natürlich aus den oben beschriebenen Alltagsgeschehnissen erwächst, nicht als die große Probe, als symbolischer Akt oder gar Initiation ins Erwachsenenleben erzählt, sondern als ein Drama, teils als Tragödie, die die Beteiligten vollkommen überfordert, die aber schlußendlich tiefliegende, vielleicht sogar verdrängte Wahrheiten zu Tage bringt.

Was mehr oder weniger als Unfall beginnt, als Folge großtuerischen Nachmittagsalbereien, jugendlichen Übermuts und schließlich den daraus resultierenden – ebenso typische – Streitereien, wirkt im Nachklang wie ein Katalysator, der alles in Frage stellt, was diese durchschnittlichen Jungen überhaupt als Sicherheit haben. Vor allem ihre Freundschaft und das, was diese Freundschaft im Kern definiert. Aber es bilden sich auch unter verschärften Bedingungen die Sollbruchstellen juveniler Freundschaften ab: Was, wenn man merkt, daß man dasselbe Mädchen anhimmelt? Vor allem: Was, wenn sie dann einen der beiden Anhimmelnden von sich aus anspricht? Wo endet die Loyalität zueinander? Wann geht man den einen Schritt weiter, der einen dann vom Freund trennt? Und was, wenn sich anhand der Gefühle, die aufbrechen können, herausstellt, daß da vielleicht noch ganz andere, tiefverborgene Emotionen schlummern? Emotionen, die nur noch mit dem Begriff der Liebe zu umschreiben sind? Empfinden diese Jungs vielleicht viel mehr füreinander, als sie sich selbst und einander eingestehen können?

Es sind all diese Fragen, die vor allem Zach zusehends zusetzen. Nachdem es an einem trüben Nachmittag, den die beiden Freunde mit Schulkameraden im Stadtpark verbracht haben, zu jenem Unfall kommt, bei dem der etwas tumbe, allseits unbeliebte Daryl zu Tode kommt, verschieben Buch und Regie den Fokus immer stärker auf Zach. Er wird von Allison, der von ihm und Josh Angehimmelten, angerufen und zu ihrer Party eingeladen – allerdings bittet sie Zach, auch Josh Bescheid zu geben. Er wird zur Stimme der Vernunft in einer zunehmend wahnsinnigeren Geschichte. Er wird uns näher gebracht als die anderen Figuren im Film, auch näher als Josh, und ist auf der Erzählebene die stärkste Figur. Owen Campbell gelingt es hervorragend, die Angst und die immer stärkeren Schuldgefühle, die Unsicherheit, was er tun soll, wie er sich seiner Mutter gegenüber verhalten soll, darzustellen. Fast ohne Worte vermittelt er den schleichenden Prozeß, der aus einem Jungen aus der Nachbarschaft immer stärker einen verängstigten Jungen macht, der zunehmend Einsamkeit empfindet. Seine Mimik, die oft hilflos wirkende Gestik, der oft starre Blick, bringen die Veränderungen in Zach perfekt zum Ausdruck.

Phillips zeigt Joshs Veränderung kaum, wir bekommen ihn – wie Zach – im Film immer seltener zu sehen, wenn, dann meist unter anderen Menschen. Zuvor hatten wir häufiger Gelegenheit, den beiden Freunden zuzusehen, wie sie zu zweit ihre Nachmittage verbrachten. So mutet Joshs Veränderung auf Zach und damit auch auf uns unheimlich an. Doch entpuppt sich der Junge keineswegs als Psychopath, vielmehr begreifen wir mit Zach, daß da etwas geschehen ist, worauf er, als bester Freund, keinen Einfluß mehr hat. Charlie Tahan spielt diese Veränderung ebenfalls nahezu stumm – und brillant. Nie fällt er aus der Rolle, es ist eher die scheinbare Ungerührtheit, die uns vor diesem Jungen schauern lässt.

Es ist ein großes Verdienst des Drehbuchs, nicht der Versuchung zu erliegen, Zach zu einem Monster zu stilisieren, sondern sich strickt weiter an die Beschreibung juveniler Eigenarten zu halten. Dieser Junge hat getötet, er vereinsamt in den Abgründen seiner Schuld ebenso wie Zach. Erst im Finale, den dramatischen Szenen in den letzten Minuten des Films, wenn Zach begreift, daß Josh, der maßgeblich verantwortlich für Daryls Tod ist, sich nicht nur wegen seiner nagenden Gewissensbisse zurückgezogen, sondern dabei offenbar auch eine gefährliche Mischung aus Hybris und Hass entwickelt hat, bricht diese eher zurückhaltende Beobachtung auf. Jetzt, in einer offenen Auseinandersetzung zwischen den einstigen Freunden – einer äußerst blutigen Auseinandersetzung – sehen wir Joshs ganze Veränderung, die sich vor allem in Verzweiflung äußert und in Gewalt umschlägt.

Man sollte SUPER DARK TIMES um keinen Preis als Thriller oder Schocker mißverstehen oder mit einem solchen Anspruch schauen, denn man wäre enttäuscht und es würde dem Film nicht gerecht. Was hier unheimlich erscheint und durch die Atmosphäre des Films auch vor dem Unfall schon immer mitschwingt, ist etwas, das ein jeder und eine jede durchleben: Die Unheimlichkeiten des Lands der Erwachsenen, dessen Schrecken man ahnt, die man aber beileibe noch nicht kennt. Der Moment, wo aus Spaß Ernst wird, wo Taten plötzlich ernsthafte – manchmal final ernsthafte – Konsequenzen haben, wird hier mit ebensolcher Konsequenz durchexerziert. Den Rattenschwanz, den diese Konsequenzen für alle Beteiligten bedeuten, ist das eigentliche Thema des Films.

Regisseur Phillips und Kameramann Eli Born sind durchgehend um einen extrem realistischen Look für ihren Film bemüht. Gedreht wurde in einer typisch amerikanischen Kleinstadt, in Kingston, Upstate New York, etwa auf halber Strecke zwischen New York City und Albany. Ohne der Stadt zu nahe treten zu wollen, vermittelt sie sehr effektiv die Tristesse, die es bedeutet, an solchen Orten groß zu werden. Set-Design und Ausstattung haben eine ebenfalls sehr realistische Kulisse der 90er Jahre geschaffen, jenen letzten Jahren, bevor Handys und schließlich Smartphones aufkamen und das Leben Jugendlicher komplett verändern sollten. In dieser analogen Wirklichkeit stromert man noch durchs Unterholz, rast mit den Bikes durch die Straßen, durchstöbert Jahrgangsbücher der High School, um die Mädchen zu beurteilen – oder albert mit dem Schwert des großen Bruders herum. Nichts davon wirkt aufgesetzt, wodurch der Film immer in seinem realistischen Szenario bleibt. Nicht einmal, wenn es am Ende zu jenen dramatischen Szenen kommt, in denen Joshs Frustration, sein Selbstekel und der Hass, den er entwickelt hat, ausbrechen, er sich an Allison und ihrer Freundin vergeht und schließlich Zach schwer verletzt, verlässt der Film diese Ebene. Wenn man sieht, wie Josh aus dem Haus stürmt und Zach verfolgt, ihn schließlich auf dem Rasen des Vorgartens mit seinem Schwert zu traktieren beginnt und von aufgescheuchten Nachbarn im Zaum gehalten werden muß, erinnert man automatisch an jene Zeitungsmeldungen, die genau solche Szenen beschreiben und meist nicht mehr als zehn, elf, zwölf Zeilen umfassen und bei denen man denkt: Was mag da wohl hinter stecken, wie ist es wohl so weit gekommen?

Kevin Phillips bietet eine mögliche Erklärung für solche Entwicklungen auch und gerade bei jungen Menschen – Männern – ohne ein moralisches Urteil zu fällen, ohne seine Figuren zu verdammen. Mit viel Sympathie und auch Mitgefühl für Jungs in dieser Übergangszeit erzählt sein Film von jenen Momenten, in denen alles schrecklich schiefläuft und dann nicht mehr einzufangen ist. Und unter der Oberfläche der reinen Story verhandelt Phillips die Unsicherheit dieses Lebensabschnitts, die geheimen Wünsche und manchmal triebhaften Handlungen, die entweder ausgelebt werden können – und in Großtuerei oder gar Gewalt substituiert werden. Ein brillantes Debut ist das. SUPER DARK TIMES.

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