THE CURSE OF AUDREY EARNSHAW

Thomas Robert Lee liefert einen etwas wirren und leider ebenso unentschlossenen Beitrag zum Hexen-Film

1973 irgendwo in den Weiten Kanadas: In einer kleinen Gemeinde, in der eine Sekte lebt, die die Errungenschaften der Moderne ablehnt und weitestgehend ein Leben wie jenes im 17. oder 18. Jahrhundert führt, herrscht blanke Not. Die Böden sind zusehends unfruchtbar, Familien hungern. Nur auf dem Boden der aus der Gemeinschaft verstoßenen Agatha Earnshaw (Catherine Walker) wächst und gedeiht alles, wie es soll. Doch Agatha weigert sich, an ihre Nachbarn abzugeben und mit diesen zu teilen. Lieber verweist sie selbst jene, die sie um Hilfe anflehen, von ihrem Hof.

Agathe hat eine Tochter, Audrey (Jessica Reynolds), die sie vor der Gemeinschaft versteckt hält, ja, nicht einmal von ihrer Existenz soll und darf der Rest der Gruppe etwas erfahren. Offenbar stimmt etwas mit der mittlerweile zu einer jungen Frau Herangewachsenen nicht – oder aber die Mitglieder der Gemeinschaft verdächtigen zumindest Agathe, das Kind nicht auf „natürlichem“ Wege empfangen und geboren zu haben.

Um ihre Wege durch die Lande zurücklegen und ihre Tochter bei sich haben zu können, steckt Agathe Audrey regelmäßig in eine Kiste auf ihrem Wagen, um sie so vor den Blicken der Gemeindemitglieder zu verstecken.

Als die beiden eines Morgens durch das Dorf kommen, wird dort gerade der verstorbene Sohn von Colm (Jared Abrahamson) und Bridget (Hannah Emily Anderson) Dwyer beerdigt. Colm tritt Agathe entgegen und greift sie dafür an, daß sie sich an „solch einem Tage“ ins Dorf wage. Nur Colms Vater, Seamus (Sean McGinley) ist in der Lage, die Dorfbewohner davon abzuhalten, Agathe Schlimmeres anzutun. Die Frau entschuldigt sich und zeigt sich gegenüber den Dorfbewohnern eher unterwürfig.

Als Agathe an ihrem Ziel anlangt – eine Gemeinschaft von Frauen, die irgendwo in den Wäldern lebt – wird Audrey hier in einem Ritual in einen Hexenzirkel eingeführt, dem auch Agathe angehört. Als Agathe aufbrechen will, um in ihr Heim zurückzukehren, sieht sie, wie Audrey mit einer der anderen Hexen spricht.

Auf dem Rückweg muß Audrey auf Toilette, was Agathe zwingt, den Wagen anzuhalten und sie aus der Kiste aussteigen zu lassen. Zwischen den beiden kommt es zu einem Streit, da Audrey verlangt, daß Agathe die Dwyers für ihr Betragen bestraft. Offenbar hat die Tochter sich von einer der anderen Frauen die Einwilligung geholt, daß diese Bestrafung stattfinden darf, ja muß. Während die beiden auf dem einsamen Waldpfad miteinander streiten, nähert sich unbemerkt einer der Dorfbewohner. Es ist Burke (David LeReaney), der unmittelbar begreift, daß er die sagenumwobene Tochter von Agathe leibhaftig vor Augen hat. Agathe müht sich, den Mann mit allerlei Leckereien, die sie im Austausch für eigene Waren von ihren Hexen-Kolleginnen erhalten hat, zu bestechen, den Mund zu halten. Burke nimmt einige der Angebote an sich, erklärt, das Treffen habe niemals stattgefunden, und verschwindet.

Zurück auf dem Hof, wendet Audrey einen Fluch an, den sie nun beherrscht und der ihr enorme Macht verleiht. In Folge des Zaubers sterben immer mehr Tiere in der Gemeinde, werden Kinder tot geboren und mehr und mehr der Mitglieder werden krank, beginnen Blut zu spucken. Streit und Misstrauen greifen um sich.

Seamus will Kontakt zu Agathe aufnehmen, offenbar gibt es zwischen dem älteren Mann und der verstoßenen Frau Bande, die in eine gemeinsame Vergangenheit zurückreichen. Doch Agathe kann nur versichern, daß sie nichts mit den Entwicklungen im Dorf zu tun habe. Doch stellt sie Audrey zur Rede, die offenbar nicht gewillt ist, den Fluch zurückzunehmen. Vielmehr verdeutlicht sie ihrer Mutter, daß diese sich zu beugen habe, denn Audreys Macht scheint ungeheuer groß.

In der Dorfgemeinschaft regt sich mehr und mehr Widerstand. Die Gemeindemitglieder sind nicht bereit, den Fluch über sich ergehen zu lassen. Und auch Burke hält sein Versprechen nicht ein: Nachdem er Seamus, der auch Prediger der Gemeinde ist, persönlich aufgesucht und mit seiner Entdeckung konfrontiert hat, bringt er in den nächsten Gottesdienst einen schweren Revolver mit, bedroht Seamus und die Gemeinde und tötet sich schließlich vor aller Augen selbst. Zuvor bezichtigt er sich selbst unreiner Gedanken, sei Audrey doch das schönste – und somit verführerischste – Wesen, das er je gesehen habe.

Als Bridget Dwyer erneut schwanger wird, hegen sowohl Seamus als auch ihr Mann den Verdacht, daß es auch bei dieser Schwangerschaft nicht natürlich zugegangen ist. Audrey begreift, daß die Gefahr für sie und ihre Mutter zusehends größer wird, doch Agathe ist nicht bereit, auf die Warnungen ihrer Tochter zu hören. Im Gegenteil mahnt sie sie, den Fluch zurückzunehmen, denn sie verstünde die Zusammenhänge nicht.

Eines Tages erscheinen die anderen Hexen im Dorf und bringen Colm dazu, zu Agathes Haus zu kommen. Dort wird Agathe von Audrey und den anderen Hexen gedemütigt und dazu gezwungen, vor Colm einzugestehen, daß sie noch immer Jungfrau ist, die Empfängnis also wirklich eine unbefleckte war. Die Hexen bringen sie Colm dazu, Agathe in einem blutigen Ritual zu erdolchen.

Audrey zieht in die Welt hinaus. Ohne anderen Besitz außer den Kleidern, die sie am Leibe trägt, hält sie ein Auto auf dem weit entfernten Highway an und steigt ein.

Im Dorf gehen die Dinge wieder ihren gewohnten Gang, auch Ernte und Vieh scheinen sich erholt zu haben. Bridget ist mittlerweile hochschwanger. Als das Kind kommt, kann Bridget zunächst nur an den Gesichtern ihres Mannes und der Hebamme erkennen, daß etwas nicht stimmt. Obwohl sie immer wieder verlangt, ihr Kind zu sehen, wollen die anderen es ihr nicht zeigen. Doch als sie es schließlich zu Gesicht bekommt, wünscht sie sich, es nie gesehen zu haben. Sie schreit und schreit…

Wieviel Information braucht der Betrachter eines Films, um der Handlung folgen zu können? Was darf man als Drehbuchautor oder Regisseur dem Zuschauer vorenthalten? Wann wird aus einem Spiel- ein Experimentalfilm? Fragen, die sich aufdrängen, nachdem man etwas verstört und mit einigen Fragezeichen im Kopf aus dem Kino stolpert, wo man soeben Thomas Robert Lees THE CURSE OF AUDREY EARNSHAW (2020) gesehen hat. Denn wenn es Lee, der den Film auch geschrieben hat, und Kameramann Nick Thomas durchaus gelingen mag, eine bedrückende und auch unheimliche Atmosphäre zu erzeugen, bleiben doch so viele Enden der Handlung offen, daß eine gewisse Unzufriedenheit nicht zu leugnen ist. Eine Unzufriedenheit, die verhindert, einen wirklich guten Hexen-Horrorfilm gesehen zu haben.

Lee konfrontiert den Zuschauer mit einer schon Eingangs eher ungewöhnlichen Mixtur: Eine Sekte von der Moderne abschwörenden Siedlern – ein wenig erinnern sie an die Amish-People, ein wenig an die Hutterer – hat eine Frau ausgestoßen, da diese gegen die Regeln der Gemeinschaft verstoßen hat; zudem scheint ihr Land das einzig fruchtbare weit und breit zu sein. Diese Frau hat eine Tochter, die sie vor der Gemeinschaft versteckt – offensichtlich, weil das Kind nie auf „natürlichem“ Wege empfangen wurde. Schnell begreifen wir, daß die Frau einem Hexenzirkel anzugehören scheint, in deren Kreis die Tochter nun in einem Ritual aufgenommen wird und schnell eine führende Funktion übernimmt. Und in dieser Funktion stellt sie sich auch gegen die Mutter, die sich von einem der Dorfbewohner hatte maßregeln lassen, was den Hexen zufolge Maßnahmen zu zeitigen hat. Diese Maßnahmen ergreift nun – gegen den Willen der Mutter – die Tochter. Sie belegt die Gemeinschaft mit einem Fluch, was fürchterliche Folgen hat. Das Vieh stirbt, das Land verdorrt, Menschen beginnen, Blut zu spucken. Und es gibt weitere Schwangerschaften, deren Entstehung zumindest unklar bleibt.

Unklar ist das Motto des Films. An sich kein schlechter Schachzug des Drehbuchs, den Betrachter recht unvermittelt – lediglich eine Schrifttafel zu Beginn des Films erklärt den groben Hintergrund zur Gemeinschaft und daß Mutter und Tochter aus dieser verstoßen wurden; desweiteren, daß die im Film erzählte Episode im Jahr 1973 spielt – in die Handlung zu werfen, sich die Zusammenhänge selbst zusammenreimen zu lassen und immer ein wenig Information zurückzuhalten, so daß etwas grundlegend Mysteriöses bleibt. Doch ist es eben ein schmaler Grat, wie viel Information der Zuschauer braucht und wieviel ihm vorenthalten werden kann. Lee erklärt dem Betrachter nahezu nichts: Warum muß die Tochter geheim gehalten werden? Wieso verweigert die Mutter, obwohl in ihrem Verhalten ängstlich gegenüber den Dorfbewohnern, diesen jegliche Hilfe, wenn sie doch die einzige im Umkreis ist, deren Ernte gut, deren Vorräte reichlich sind? Was hat es mit dem Hexenzirkel auf sich? Weshalb steigt die Tochter sofort in eine höhere Position auf, die es schließlich erfordert, selbst die eigene Mutter in einem blutigen Ritual zu opfern? Und welche Rolle spielen einzelne Gemeindemitglieder in Bezug auf die Hexen und ihre Existenz?

Nichts von all dem wird aufgeklärt. Was schließlich zur Folge hat, daß der Betrachter dem Geschehen immer teilnahmsloser folgt, bis er einfach froh ist, die Laufzeit von gut 93 Minuten hinter sich zu haben und ihm die offenen Fragen und losen Enden schon mehr oder weniger gleich sind. Was wiederum für einen Film eine tödliche Folge sein kann, da er als belanglos wahrgenommen wird. Und das ist schade, denn Lee kreiert wirklich eine unheimliche Atmosphäre. Diese Gemeinschaft von Gestrigen, die auf einem kargen und kalten Landstrich irgendwo in der kanadischen Einöde lebt, ist und bleibt uns fremd, doch die Befürchtungen der Menschen, ihre mal mehr, mal weniger irrationalen Ängste, können wir nachvollziehen, weniger die Aggressionen gegen die Frau und schließlich die Tochter. In einzelnen Szenen finden Lee und Thomas atemberaubende Bilder – u.a. in jener des Initiationsritus, in welchem Audrey Earnshaw zu einem Mitglied des Zirkels wird. Alle diese Menschen wirken verloren in ihren Leben und der sie umgebenden Landschaft. Auch diese Verlorenheit ist nachvollziehbar und bedrückend. Und recht lange trägt die Atmosphäre auch. Lässt den Zuschauer rätseln, was es mit all dem auf sich hat. Die Probleme des Drehbuchs und damit des Films entstehen, je mehr Stränge hinzukommen und je weniger der Film das Publikum über Zusammenhänge und Hintergründe aufklärt.

Was Lee durchaus gelingt, ist eine differenzierte Figurenzeichnung, wobei er allerdings gewisse Klischees nicht umgeht, sondern geradezu nutzt, um damit zusätzliche Angst zu schüren. Denn die junge Audrey, offenbar ein Geschöpf unnatürlicher Zeugung, entspricht in Aussehen und Verhalten jenem Image, welches man gern einer Lolita zuschreibt. Verführerisch, was vor allem die Männer der Gemeinschaft wahrnehmen, zugleich gefährlich, da etwas Fremdes und Bedrohliches von ihr ausgeht. Allerdings verzichtet Lee auf den Aspekt der Erotik und lässt Audrey letztlich schlicht ihre zerstörerische Macht, die gleichwohl auch nicht erklärt wird. Auch die Bedrohlichkeit der Hexen und das Ergebnis des Fluchs – offenbar eine pestartige Erkrankung – ist reines Klischee und unterstützt die Vorurteile und Ressentiments, die Frauen, die als Hexen gebrandmarkt wurden, immer entgegenschlugen.

Leider funktioniert Lees Geschichte aber auch nicht in entgegengesetzter Richtung. Denn sollte hier Kritik an religiöser Verirrung, an religiöser Projektion geübt werden – der Siedler Burke erschießt sich, da er in Audrey ein verführerisches Wesen sieht, das ihn betört – bleibt uns die Sekte zu fremd, verstehen wir zu wenig von ihren Sitten und Riten. Auch spielt der Kontrast zu einer modernen Welt, der Film spielt, wie bereits erwähnt, im Jahr 1973, überhaupt keine Rolle, wodurch auch hier Potential verschenkt wird, hätte man doch sehr genau beobachten können, wie Religion und modernes Leben einander gegenüberstehen, sich bedingen und ausschließen und zu welch fundamentalen Fehleinschätzungen dies führen kann.

Doch nichts von alledem. THE CURSE OF AUDREY EARNSHAW präsentiert – im Übrigen auch noch bedauernswert humorfrei – eine wirkliche Hexengeschichte, in welcher die fremden Frauen offensichtlich wirklich Böses im Schilde führen. Daß Audrey die Dorfbewohner strafen will, mag man mit jugendlichem Furor erklären, doch objektiv sind die Strafen, die sie der Gemeinschaft auferlegt, dem, was Agathe widerfahren ist, vollkommen unangemessen. Der Film bleibt indifferent in seiner Zuordnung, wer hier eigentlich Täter und wer Opfer ist, doch macht er daraus keine Meditation über das Wesen von Gut und Böse, sondern bleibt auch darin im Ungefähren, im Vagen, im Unscharfen.

Unterstützt wird Lee bei all seinen Versuchen, eine kohärente Story zu erzählen durch eine Riege vergleichsweise unbekannter, doch sehr guter Schauspieler, die in nuanciertem Spiel Zerrissenheit, Angst und auch Hass vermitteln. Es ist ein wirklich gutes Darstellerensemble, das hier agiert. Und dieses Ensemble rettet dann auch den Film, denn wirklich interessant werden all diese Figuren nur durch die differenzierten Darstellungen der einzelnen Schauspieler.

Man kann im Horrorfilm immer wieder Wellen beobachten. Mal ist der Werwolf, mal der Vampir angesagt, dann ist es die Figur des Zombies und auch Hexen feiern fröhliche Urständ´. Natürlich gab es bereits Ende der 90er Jahre mit THE BLAIR WITCH PROJECT (1999) einen veritablen Hexenfilm, allerdings bestand seine Brillanz nicht zuletzt darin, das fremdartige Wesen nie zu zeigen. Roger Eggers THE WITCH: A NEW-ENGLAND FOLKTALE (2015) war einer der herausragenden Beiträge zum Sub-Genre, wobei der Regisseur sich große Mühe gegeben hat, seine sehr unheimliche Geschichte in ein extrem realistisches Szenario einzubetten, wobei er so weit ging, Originalzitate aus Hexenprozessen des 17. Jahrhunderts in seine Dialoge einzubauen, die Ausstattung sehr detailgenau zusammentrug und dann eine distanzierte und dennoch packende Geschichte um eine Familie erzählte, die langsam dem Wahn verfällt – oder aber Opfer heimlicher Zauberei wird.

Auch Eggers ließ viele Fragen offen, doch kann man anhand seines Films genau studieren, wie es gelingen kann, diesen Grat zu bespielen und dabei nicht abzustürzen. Der deutsche Film HAGAZUSSA – DER HEXENFLUCH (2017) bedient sich extremer Elemente der Entfremdung, um den Zuschauer in eine Welt zu entführen, die der unsrigen denkbar weit entfernt ist. Teils in Alt-Bayrisch erzählt, bleibt der Zuschauer zwar ähnlich außen vor, wie in THE CURSE OF AUDREY EARNSHAW, doch setzt Regisseur Lukas Feigelfeld so offensiv auf Atmosphäre unter Vernachlässigung einer Story, daß man den experimentellen Charakter des Films schnell akzeptiert. Lees Film ähnelt der deutsch-österreichischen Produktion in einigen Ansätzen und auch in einigen Bildern auffällig, ohne je die Dichte des älteren Films zu erreichen.

So bleibt hier schließlich ein etwas fader Nachgeschmack, eine Idee von etwas, das wirklich gut hätte sein können, letztlich aber scheitert, weil den Machern des Films nicht wirklich eine gute Geschichte eingefallen ist. Auch dies übrigens ein auffälliges Problem vieler Horrorfilme jüngerer Vergangenheit: Oft starten sie enorm pointiert, landen dann aber als zahme Versionen zu häufig verwendeter Drehs und Kniffe, als daß sie wirklich und restlos überzeugen könnten.

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