DER GLÖCKNER VON NOTRE DAME/THE HUNCHBACK OF NOTRE DAME

Eine Perle des berühmten 39er-Jahrgangs

Die Handlung sollte eigentlich bekannt sein, deshalb wird sie hier nur skizzenhaft umrissen:

Quasimodo (Charles Laughton) ist ein verkrüppelter junger Mann, der sein Heim in den Türmen der Pariser Kathedrale Notre Dame gefunden hat. Dort betätigt er sich als Glöckner, was ihn hat ertauben lassen. Während des Dreikönigs- und Narrenfestes erblickt er die Zigeunerin Esmeralda (Maureen O´Hara), die in die Stadt gekommen ist, um den König zu treffen und für ihr Volk zu sprechen. Doch auch der Poet und Schauspieler Pierre Gringoire (Edmond O´Brien) und v.a. Diakon und Richter Frollo (Cedric Hardwicke) sind vom Anblick der Zigeunerin wie verzaubert. Als es zu einem Tumult kommt, bringt Frollo Esmeralda in die Kathedrale, wo sein Bruder Dom Claude Erzdekan ist. „Asylrecht“ bedeutet, daß die weltliche Macht des Königs hier endet. Frollo will Esmeralda im Glockenturm bei Quasimodo unterbringen, doch sie flieht entsetzt, als sie des Krüppels ansichtig wird. Quasimodo verfolgt sie, wird jedoch von Phoebus (Alan Marshal), Chef der Palastwache, gefangen. Während Esmeralda, sie sich sofort in Phoebus verliebt hat, bei Clopin (Thomas Mitchell) und den Rotwelschen in der Pariser Unterwelt Zuflucht findet, wird der Glöckner zu Peitschenhieben und einer Stunde am Pranger verurteilt. Hier empfindet Esmeralda Mitleid und gibt ihm zu trinken. Schließlich tötet Frollo Phoebus in dem Moment, in dem Esmeralda begreift, daß dieser sie nicht liebt. Sie soll als Hexe auf dem Scheiterhaufen sterben. Obwohl dem König (Harry Davenport) der altertümliche Hokuspokus nicht gefällt, er der „neuen Zeit“, die u.a. den Buchdruck hervorbringt, zugetan ist, fällt er ein „Gottesurteil“. Quasimodo rettet sie durch eine beherzte Aktion und als sowohl die Zigeuner, als auch die Rotwelschen und die Palastwache die Kathedrale zu stürmen versuchen, ist er es, der allein die Verteidigung übernimmt. Schließlich begnadigt der König Esmeralda, erlaubt ihrem Volk freien Zugang zur Stadt und so können sie und Gringoire einer wundervollen Zukunft entgegen schauen. Sie werden im Strom der Menschen mitgerissen, doch blickt Esmeralda sich noch einmal um und erblickt eine winzig kleine Gestalt auf den Türmen der Kathedrale. Es ist Quasimodo, der, an einen Wasserspeier gelehnt, seufzt: „Ach wär ich doch aus Stein, wie du!“

Man kann den Hollywood-Film als solchen ablehnen und verdammen: Zu illusorisch, zu manipulativ, zu totalitär, zu…

…und hätte mit all diesen Einwänden recht! Nur würde man mit dieser Einstellung auf eine Menge hervorragender Filme verzichten. In erster Linie Unterhaltungsfilme, das stimmt, denn in Hollywood wird Geld generiert und dazu müssen die Massen ins Kino strömen; doch sehr oft kommt die Kunst hinzu. Und nicht erst im ‚New Hollywood‘ der 70er Jahre und seinem erklärten Willen zur Kunst. Auch im klassischen „Studiohollywood“, als Filme wie Fließbandarbeiten hergestellt wurden, als mehrere Drehbuchteams an ein und demselben Projekt saßen, als Regisseure morgens ins Studio kamen und Filmen zugeteilt wurde, als die Tycoons, die Produzenten vom Schlage eines Irving Thalberg, David O. Selznick oder Jack Warner das Sagen hatten, wurde wirklich Kunst produziert. Und manchmal, zugegeben nicht so oft, doch häufiger als man meinen wollte, manchmal also kommen ein perfektes Drehbuch, ein perfekter Regisseur für den betreffenden Stoff und eine Darstellerriege zusammen, die es wirklich in sich hat und es entsteht etwas, das die Zeiten überdauert, dem man – ob es einen nun wirklich interessiert oder nicht – schlicht ansieht, daß es groß ist. So, wie man WEISS, daß GUERNICA ein großes Gemälde, DIE ZAUBERFLÖTE mehr als einfach eine Oper und KRIEG UND FRIEDEN einfach ein großes Buch (schon kein Roman mehr) sind, so weiß man nach Betrachten dieses Films, daß man es mit einem jener Werke zu tun hat, die einfach dafür stehen, was Film in seiner reinen Form, als Kunst betrachtet, zu leisten im Stande ist – als Unterhaltung ebenso, wie als Aussage über die ‚conditio humana‘.

1939 gilt vielen Hollywoodkennern gemeinhin als der Jahrgang schlechthin: John Ford schenkte der Filmwelt gleich drei Meisterwerke mit YOUNG MR. LINCOLN, DRUMS ALONG THE MOHAWK und natürlich STAGECOACH, Judy Garland zog es „somewhere over the Rainbow“ in THE WIZARD OF OZ, George Cukor versammelte Joan Crawford, Norma Shearer, Paulette Goddard, Joan Fonataine u.a in THE WOMEN, Jimmy Stewart hielt die längste Rede der Filmgeschichte in MR. SMITH GOES TO WASHINGTON, Lubitsch ließ die Garbo lachen in NINOTSCHKA und last, but surely not least feierte am 15. Dezember des Jahres das Epos GONE WITH THE WIND seine Weltpremiere. Und hinzu kommt William Dieterles Geniestreich THE HUNCHBACK OF NOTRE DAME.

Dieterle gelingen vom ersten Moment an sowohl beeindruckende Massenszenen (der ganze Auftakt auf dem Fest erinnert an Bilder von Bosch und Breughel, man kann sich nicht satt sehen an all dem, was an allen Ecken und Enden der Leinwand passiert), als auch ebenso bedrückende wie eindringliche kammerspielartige Szenen zwischen einzelnen Protagonisten. Und man muß festhalten, daß er ein fantastisches Ensemble zur Verfügung hat. Hardwickes Frollo ist zwar nominell der Bösewicht, doch gelingt es ihm, nicht zuletzt mit einem der stechendsten Blicke der Filmgeschichte, diesem Manne etwas Getriebenes, etwas Ambivalentes zu geben. Edmond O´Brien – der im Grunde die undankbarste Rolle hat als jugendlich-idealistischer Dichter der „neuen Zeit“ und des Aufbruchs – macht seine Sache mehr als respektabel, Thomas Mitchell (der in erstaunlich vielen der oben aufgezählten Meisterwerke dieses Jahrgangs mitspielt) läßt Clopin in der Schwebe zwischen väterlichem Freund und doch auch brutalem Banditen. Maureen O´Hara, die im Grunde v.a. die Aufgabe hatte, schön zu sein, macht aus Esmeralda genau die Art von aufreizender und ebenso liebenswürdiger Zigeunerin, wie Hollywood sie sich vorstellt, und wie wir sie uns mittlerweile natürlich ALLE vorstellen – a cliché is born.

Und schließlich Charles Laughton. Daß der Mann einer der führenden Schauspieler seiner Generation, vielleicht eines der großen Talente des Jahrhunderts gewesen ist, steht außer Frage. Doch hier, so möchte man meinen, gibt er die Performance seines Lebens. Neben seinen Darbietungen von Heinrich VIII. und des Kapitän Bligh in MUTINY ON THE BOUNTY (1935), muß man wohl diese zu seinen ganz, ganz großen Leistungen zählen. Und der Rezensent versteigt sich zu der Aussage, daß der ganze Film um einige Grade im Niveau abfiele, wäre es nicht Laughton, der ihm einige, ganz sicherlich aber einen Moment für die Ewigkeit gibt. Es ist jener, wenn Esmeralda zu ihm hintritt und ihm Wasser gibt. Schon die gesamte Szene, in der Quasimodo gepeitscht wird, ist selbst heute noch unerträglich. Es ist die gepeinigte Kreatur, die hier ausgestellt wird, die nicht versteht, was ihr geschieht, und warum gleich gar nicht. Erschöpft von den Schlägen ruft er in die ihn auslachende Menge „WASSER!“, immer wieder: „WASSER!“. Und jemand schlägt ihm ein nasses Tuch ins Gesicht. Und dann steht da plötzlich diese wunderschöne Frau, die ihn beschämt. Quasimodo beugt sich weit, weit zurück, so weit zurück, daß sein hässliches Gesicht in der Sonne ist und er hoffen kann, der Glanz würde sie blenden und ihr den Anblick ersparen. Doch Esmeralda fürchtet sich nicht (mehr). Sie beugt sich vor und träufelt ihm einige Tropfen des kühlen(den) Nass aufs Gesicht. Und Quasimodo neigt sich vor, langsam, sehr langsam und bringt seinen Kopf in eine Position, in der sie ihm das Wasser in den Mund laufen lassen kann. In jenen vielleicht 8 – 10 Sekunden, die zwischen der äußersten Beuge nach hinten und der Bewegung hin zu Maureen O´Hara verstreichen, kann man auf dem Gesciht von Charles Laughton beobachten, was genau große Schauspielkunst ausmacht. Wie er von der Qual des Ausgeliefertseins die Bewegung hinein in ein Gottvertrauen gegenüber dieser Frau macht, gehört zu den 10 bewegendsten Szenen, die der Film als Kunst je hervorgebracht haben mag. Es ist traurig, ohne ins Melo zu kippen, es ist ergreifend, ohne in Kitsch zu enden, es ist zart, ohne verzärtelt zu sein. Es ist einfach großartig.

Und doch ist es nicht nur diese Riege außergewöhnlicher Schauspieler, die außergewöhnliche Leistungen bringen, die den Film zu einem solchen Meisterwerk der Filmkunst machen. Es sind die Bauten, die bis ins letzte Detail liebevoll ausgestattet sind (die Kulisse der Kathedrale war nur unwesentlich kleiner als das Original und wurde von Kameramann Joseph H. August beeindruckend, imposant und gebieterisch in Szene gesetzt), es ist die dramatische Musik von Alfred Newman und nicht zuletzt ist es das Drehbuch von Sonya Levien und Bruno Frank, denen es gelingt, die hochkomplexe Story der literarischen Vorlage beispielhaft für die Leinwand zu adaptieren, ohne sich zu verzetteln. Die Handlung ist klug verschlankt, die Figuren sind klug aufs Wesentliche reduziert, ohne dabei in reinen schwarz-weiß-Klischees zu erstarren und – was wesentlich ist gerade für dieses Werk – die Ideen der Vorlage, also der Wandel der Welt (auch der mediale Wandel von der Architektur als Leitmedium zum Buch), der sich langsam ankündigende Humanismus als Vorläufer der Aufklärung, der ein neues Menschenbild hervorbringen wird, die Abkehr von den rein theologisch-spirituellen Weltdeutungen, finden Ausdruck im Film. Dies ist v.a. den auch den nötigen Humor beitragenden Szenen zwischen dem König, Frollo und einem Buchdrucker, bzw. des Königs Leibarzt, geschuldet. Gerade das Drehbuch ist ein Meisterwerk adaptierender Ökonomie.

Man kann THE HUNCHBACK OF NOTRE DAME in vielerlei Hinsicht als Formelfilm dafür betrachten, was Hollywood in seinen allerbesten Momenten so einzigartig machte. Die Fähigkeit unter kommerziellen Bedingungen Talente und Begabungen verschiedenster Art und Weise zusammen und auf den Punkt Höchstleistungen vollbringen zu lassen, machte den Erfolg dieser Traumfabrik aus. Man kann den Film einfach genießen und sich sagen –

THAT`S HOLLYWOOD ! ! !

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