UNTER VERDACHT/THE SUSPECT

Eine zarte Liebe zwischen Melo, Noir und ein wenig Horror

London zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Philip Marshall (Charles Laughton) lebt in einer unglücklichen Ehe, zwischen ihm und seiner Frau Cora (Rosalind Ivan) herrschen dauernder Streit und Mißgunst. Mr. Marshall, der ein Tabakgeschäft betreibt und mit seiner Leibesfülle ganz dem ebenso geschäftstüchtigen wie gemütlichen Londoner Krämer und Kleinbürger entspricht, wird allgemein für seine Liebenswürdigkeit geschätzt. Er ist stets freundlich und zuvorkommend, hilft Nachbarinnen, die Einkäufe heimzutragen und lässt dem Laufburschen im Büro liderliche Nachlässigkeiten durchgehen. Mehrmals schlägt er seiner Frau die Scheidung vor, was diese empört ablehnt. Sie wolle nicht als eine gelten, die ihren Mann nicht halten könne.

Marshall lernt die junge, pragmatische und bodenständige Mary Grey (Ella Raines) kennen, es entstehen zarte Bande, man geht miteinander aus, isst gemeinsam und genießt das Theater, manchmal ein Tänzchen. Cora schnüffelt Philip hinterher und konfrontiert ihn mit einer Affäre, die es nicht gibt, da es nie zu Intimitäten zwischen ihm und Mary gekommen ist. Cora steigert sich in ihre Eifersucht soweit hinein, daß sie ihrem Mann androht, ihn bei seinem Arbeitgeber anzuschwärzen, was er hinzunehmen bereit ist, doch als Cora ankündigt, auch Mary ihren wilden Beschuldigungen auszusetzen, geht es mit Philip durch. Während Coras Beerdigung zweifelt niemand an dem Unfall, der zu ihrem Ableben führte; lediglich John (Dean Harens), Philips Sohn, wundert sich, wo des Vaters Stock abgeblieben ist? Allerdings beginnt Inspector Huxley (Stanley Ridges), sich zu fragen, ob alles mir rechten Dingen zugegangen sei, kann er sich doch sehr gut die Geschichte eines verzweifelten Ehemannes vorstellen, der die Ehehölle mit einer geifernden Gattin einfach nicht mehr erträgt.

Monate später heiraten Philip und Mary, die sich wieder getroffen haben, nachdem Philip die Freundschaft noch zu Coras Lebzeiten zu deren Beruhigung beendet hatte. Mr. Simmons (Henry Daniell), ein trunksüchtiger, lebensverneinender Nachbar, der seine Frau fürchterlich schlecht behandelt, kommt durch Huxleys allgemeine Befragungen der Nachbarschaft auf die Idee, Marshall um Geld zu erpressen, sonst würde er zu Huxley gehen und bestätigen, daß es zwischen den Eheleuten Marshall zu Ausfällen gekommen sei u.ä. Marshall vergiftet Simmons und schmeißt die Leiche in einen Kanal.

John Marshall gedenkt aus beruflichen Gründen nach Kanada zu gehen und Philip überredet Mary, daß sie beide John begleiten. Schon an Bord des Dampfers, wird Philip Marshal erneut mit Huxley konfrontiert, der ihm die Neuigkeiten im Fall Simmons verrät: Nachdem der Leichnam gefunden worden sei, habe man die Ehefrau, Edith Simmons (Molly Lamont), als Täterin verhaftet. Nur sie komme in Frage. Huxley und ein befreundeter Detektiv verlassen das Schiff und Huxley klärt seinen Begleiter darüber auf, er sei zu dem Schluß gekommen, daß Marshall nur durch sein eigenens Gewissen zu überführen sei; niemals ließe er eine Unschuldige an seiner statt verurteilt werden. Und richtig: Gerade als das Schiff ablegen will, kommt Marshall allein, langsam einherschreitend und seinen Stock schwingend, die Gangway hinunter.

Gemeinhin gilt Robert Siodmak als einer jener Regisseure – neben Billy Wilder oder Edgar Ulmer bspw. – die den ‚Film Noir‘ definierten und zu voller Entfaltung brachten. Nun wird oft und gern darüber gestritten, ob der Noir wirklich als Genre zu bezeichnen sei, doch nimmt man die Jahre 1942 bis ca. 1956 als stilistische Blütejahre, kann man getrost sagen, daß Robert Siodmak mit Filmen wie PHANTOM LADY (1944), THE DARK MIRROR (1946), CRY OF THE CITY (1948) oder CRISS CROSS (1949) wesentliche Beiträge, stilprägende Beispiele des Noir geliefert hat. Nebenher drehte er aber auch einige Filme, die stilistisch durchaus dem ‚Film Noir‘ zuzurechnen wären, in ihrem gesamten Erscheinungsbild jedoch anders wirken. Entweder, wie THE SPIRAL STAIRCASE (1945), sind sie schon dem Genre des Horrorfilms zuzurechnen – ganz sicher ist er dies nach moderneren Lesarten des Horrorfilms, präsentiert er doch einen waschechten Psychopathen, der dem fünfzehn Jahre später das Licht der Leinwand erblickenden Norman Bates alle Ehre macht, zudem nutzt Siodmak hier deutlich die Filmsprache klassischer Horrorfilme – , andere, wie der vorliegende THE SUSPECT (1944), könnte man dem Melodrama, dem der Noir nahesteht, problemlos zuschlagen, wären da nicht zwei Morde, die nicht nur die Handlung vorantreiben, sondern auch das Verhalten der handelnden Figuren bestimmen, zumindest das der Hauptperson.

1910 erregte der Fall des Dr. Crippen in England großes Aufsehen. Ein bizarrer Mord, bei dem der Arzt seine Frau vergiftete und die Leiche zerteilt unter dem Kellerboden begrub. Seine Geliebte übernahm mehr oder weniger die Rolle der Gattin, die angeblich zurück in die Staaten gekehrt sei, wo die Crippens ursprünglich herstammten. Es ist definitiv weniger der grausige Aspekt, dem die Drehbuchautoren Milhauser und Horman – dabei natürlich der Grundlage des Buches von James Ronald folgend – ihre Aufmerksamkeit widmeten, viel mehr ist es die Liebenswürdigkeit, die Crippen allseits zugestanden wurde, die im Zentrum der Psychologie der Figur des Philip Marshall steht und somit auch im Zentrum des Films. Dieser Philip Marshall, ein Tabakhändler und somit eine Krämerseele auf der gemütlicheren Seite des Lebens, ist die Liebenswürdigkeit in Person und gibt als Figur ihrem Darsteller Charles Laughton die Möglichkeit, der Bandbreite seines Rollenrepertoires eine bis dahin selten zutage getretene Fähigkeit hinzuzufügen: Die eines rundweg sympathischen Menschen. Mag Quasimodo in THE HUNCHBACK OF NOTRE DAME (1939) ebenfalls ein liebenswürdiger Charakter gewesen sein, zu fremd porträtierten ihn Laughton und Regisseur William Dieterle, zu stark lag der Fokus auf dem Mitleid, das er erregte, als daß er vom Publikum als ebenbürtig wahrgenommen worden wäre. Nein, Philip Marshall ist ein freundlicher, hilfsbereiter Mensch, geschätzt von Nachbarn und Freunden und wie wir sehen auch gegenüber seiner zänkischen Frau eigentlich voller Vernunft und bereit, mit sachlichen Vorschlägen aus einer Ehe, die offensichtlich keine Zukunft mehr hat, entweder das Beste zu machen oder aber auszubrechen.

Daß Marshall zarte Gefühle für eine ihm freundlich begegnende Frau entwickelt und doch bereit ist, in der Ehe zu bleiben, die er einst eingegangen ist und die ihm die Luft abschnürt, daß er hier, mit einem Seufzer, nur darum bittet, daß der Streit aufhören und ein wenig Frieden und Ruhe in ihr Heim einziehen möge, unterstreicht die Rechtschaffenheit dieses Mannes. Er trifft sich mit Mary Grey, doch geht er nie zu weit, nicht ein einziges Mal. Es ist eigentlich diese zarte Liebesgeschichte, die uns in THE SUSPECT erzählt wird. Eine Liebesgeschichte, die nahezu ohne Erotik auskommt, aber voller Zuneigung zu diesen beiden Protagonisten ist, die sich ernsthaft und authentisch begegnen, keine Spiele miteinander spielen und einen Umgang miteinander gefunden zu haben scheinen, der dieser Verbindung durchaus eine Zukunft geben kann. Marshalls Liebenswürdigkeit setzt sich hier also fort, doch  Laughton gelingt es, auch die feineren Gefühle, derer sich Marshall nicht schämt, die er aber für unangemessen hält, zu berücksichtigen und zumindest immer wieder anzudeuten. Andeutung ist genau die entscheidende Eigenschaft, um einen Mann wie Marshall zu charakterisieren. Und dieses Merkmal trifft auch auf den Film zu. Er deutet an, er bietet Möglichkeiten – hätte THE SUSPECT eine Farbe, wäre es eine pastellartige.

So sollte man vielleicht ganz grundlegend sagen, daß dies ein Liebesfilm ist? Zumindest wäre es eine mögliche Deutung.

Sieht man dann wiederum, wie Laughton gedankenverloren durch atmosphärisch dichte Stimmungsbilder des Londoner Nebels wandert, fast schwebend unter den Gaslaternen und durch die Torbögen, entlang dunkler Gassen, in denen Unbekanntes lauern könnte, drängt sich allerdings ein Vergleich mit klassischen Horrorfilmen der 1930er und 40er Jahre auf. In diesen Momenten zeigt Siodmak seine ganze inszenatorische Klasse, lässt Licht und Schatten einander umschmeicheln und die Menschen in diesem seltsamen Licht, das entsteht, scheinbar transparent werden. In diesen Momenten verdeutlicht uns die Regie natürlich auch, daß wir es eben nicht nur mit einem Melodrama um eine zerrüttete Ehe und eine frisch aufblühende Liebe zu tun haben, sondern mit einer Mordgeschichte, einem Kapitalverbrechen, das nach Sühne schreit. Es ist dann wieder die Klasse dieses Regisseurs, wie mit dem Mord umgegangen wird, wie er dialektisch aus dem, was Mr. Marshall so liebenswert, die Enttarnung des Mörders Marshall macht. Der, wie uns Huxley wissen lässt, sich nur selbst enttarnen kann.

Den Mord an Marshalls Frau zeigt uns der Film nicht, wir dürfen uns zunächst also sogar einreden, daß sie wirklich einem Unfall zum Opfer gefallen sei – obwohl wir sehr genau wissen, daß dem nicht so ist. Eine Sicherheit, in der uns Siodmaks Regie ganz bewußt wiegt, die Strategie der Regie, sozusagen. Denn nachdem Mrs. Marshall aus der Handlung entschwunden ist, scheint sich niemand sonderlich darüber zu grämen – nicht John, Marshalls Sohn, nicht Mary Grey, nicht die Nachbarn, niemand. Außer Inspector Huxley. Und schließlich auch Gilbert Simmons, dem es letztendlich aber egal ist. Henry Daniell gibt den dauertrinkenden Nihilisten Simmons mit all dem Weltekel, den er in sein Antlitz zu legen versteht – und das ist einiger. Huxley, der uns seltsam entrückt bleibt, ein wenig karikaturenhaft in seiner Beflissenheit, erfüllt hier lediglich die Funktion, überhaupt eine Handlung nach Marshalls Tat in Gang zu setzen, käme von den oben genannten doch niemand auf die Idee, Philip Marshall überhaupt auch nur des kleinsten Vergehens zu verdächtigen. Ohne Huxley wäre der Film zuende. Der aber ist ein reiner Technokrat der Exekutive. Und schließlich führt erst sein Einsehen, daß Marshall ein wirklich liebenswürdiger Mensch ist, zu der Strategie, die den Mörder doch noch überführt. Huxley reiht sich also schließlich in den Reigen jener ein, die Marshall für einen wunderbaren Menschen halten. Er muß ihn in seinem netten Wesen erkennen, um ihn zu überführen. Aber auch das ist eine Art von Technokratie, in dem Falle eine psychologische Technokratie: Ob die Idee, Marshall an seinem eigenen Gewissen scheitern zu lassen, zwangsläufig aufgehen muß? Es darf bezweifelt werden.

Die Regie setzt die Strategie, dem Publikum einen gnadenlos sympathischen Mörder zu präsentieren, auch bei den Opfern fort. Mrs. Marshall und Gilbert Simmons sind derart unsympathische Menschen, denen der Film zudem keine Chance gibt, sich differenziert zu zeigen oder gar zu entwickeln, daß wir durchaus klammheimliches Verständnis für Marshalls Not aufbringen. Mrs. Marshalls Drohungen hinsichtlich dessen, was sie ihrem Gatten und dessen Geliebter anzutun gedenke, sind so widerlich, daß man Marshalls Seelennöte nachvollziehen kann, vor allem als Mary Grey durch seine Frau ins Spiel gebracht wird. Siodmak zeigt uns Laughtons Gesicht in Großaufnahme, wir sehen die Entwicklung von der Verachtung, die er seiner Gemahlin entgegenbringt, als sie ihm den sozialen Tod androht, hin zu blanker Panik, als Mrs. Marshall schließlich ankündigt, auch Mary in der Öffentlichkeit unmöglich zu machen: Die Angst in seinen Augen, die Verzweiflung um seinen Mund und den Schweiß, der seine Schläfen hinab rinnt. Der Film tut alles, uns in diesem Moment auf Philip Marshalls Seite zu ziehen, uns die Angelegenheit gnadenlos durch seine Augen zu zeigen. Und doch wird uns das Verbrechen nicht gezeigt. Hier stellt sich der Film also vollkommen hinter Marshall, indem er uns nie den Täter bei der Tat zeigt, uns also auch keine (grafische) Idee von Marshall bietet, wie der jemanden tötet. Es bleibt Huxley vorbehalten, uns die Tat in drastischen Worten zu schildern und auszumalen. Diese Haltung ändert sich geringfügig, wenn Marshall Simmons umbringt. Wir sehen hier sowohl die Vorbereitung des Verbrechens, wie wir auch bei dessen Ausübung anwesend sind. Da es sich um einen Giftmord handelt, ist die Tat eine recht nebensächliche, unspektakuläre. Daß Simmons von Marshall wohl in einem nahegelegenen Kanal entsorgt wurde – die Leiche seiner Frau bleibt zunächst verschwunden – erfahren wir spät im Film durch eine Zeitungsmeldung, die dann wiederum Huxley Anlaß ist, Marshall unter Druck zu setzen. Den Verdacht auf Mrs. Simmons zu lenken, die uns der Film bis dahin als eine liebenswerte aber naive und aufopferungswillige Frau beschrieben hat, ist ebenso perfide wie genial. Simmons hat sich seiner Frau gegenüber wie ein Schwein verhalten, sie hat ihn damit oft durchkommen lassen, daß sie irgendwann den Halt verliert und ihn ermordet – mit Gift, was gemeinhin als „weibliches“ Mordinstrument galt – könnte jeder verstehen, der dieses Verhalten je miterleben musste.

Es ist geschickt, wie Siodmak uns ganz und gar auf die Seite eines Mordgesellen zieht, und das nicht, weil wir, wie in vielen Western und Gangsterfilmen, eine gewisse Ehrfurcht und Faszination für jene empfinden, die sich über Recht, Gesetz, Norm und Konvention hinwegsetzen, sondern weil wir einem so „normalen“ Paar wie den Marshalls – bescheiden, freundlich, aufmerksam und positiv – einfach eine Zukunft, ein Glück gönnen. Die letzten Einstellungen des Films, die uns Marshall zeigen, der langsam und sehr, sehr allein die Gangway des Dampfers, der ihn, Mary und John nach Kanada hätte bringen sollen, hinab schreitet, geben THE SUSPECT eine tieftraurige Note. Laughton gibt diesem Mann Würde, denn er hat sich – nach zwei zugegeben fürchterlichen Fehlentscheidungen in seinem Leben – entschlossen, das richtige zu tun. Er folgt seinem Gewissen und versöhnt uns, das Publikum, zwar mit der herrschenden Ordnung, lässt uns aber tief spüren, welcher Preis manchmal nötig ist, sie aufrecht zu erhalten.

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