UNTER DER DRACHENWAND

Arno Geiger erzählt von einer zarten Liebe aus den letzten Tagen des Kireges

Liebe in Zeiten des Krieges…Arno Geiger gibt ihr Gewicht und eine Zukunft in seinem Roman UNTER DER DRACHENWAND (2018). Der Österreicher erzählt vom letzten Kriegsjahr 1944. Von Kriegsmüdigkeit und der Angst, in den letzten Tagen des Untergangs mitgerissen zu werden.

Der Versehrte Veit Kolbe, auf Genesungsurlaub, flieht vor den Durchhalteparolen seines Vaters und der Gott- und Führerergebenheit der Mutter nach Mondsee, einer kleinen Gemeinde nahe Salzburg, gelegen unter der titelgebenden Drachenwand, einem steil aufragenden Felsen. Kolbe gelingt es mit verschiedenen Tricks mehrfach, seinen Urlaub zu verlängern, da er, der u.a. an der Ostfront gedient und allerhand gesehen und miterlebt hat, woran er eigentlich nicht mehr erinnert werden möchte, am liebsten den Krieg und gleich damit auch das Nazi-Regime hinter sich lassen will. Daß der Krieg verloren ist, wissen er und seine Kameraden, die den Rückzug im Osten miterlebt haben. Zudem trifft Kolbe in Mondsee eine junge Frau, die mit ihrem Kind aus Darmstadt evakuiert wurde. Nach anfänglichen Mißverständnissen nähern sich beide an und es entsteht eine Liebe, die Gefahr läuft, gleich wieder in den Wirren des Krieges unterzugehen.

Erzählt wird dies alles zumeist aus der Sicht Kolbes, der als Ich-Erzähler fungiert und dem Leser recht unverbrämt seine Gedanken wiedergibt. Er ist abgebrüht, wwas die eigenen Taten betrifft, er weiß, daß er und seine Kameraden Schuld auf sich geladen haben, er hat längst innerlich mit dem Regime gebrochen und weiß um die Gefahr, wenn man seine Gedanken laut äußert. Und er will leben. Leben und lieben und sich einer Zukunft zuwenden, die für viele bereits verloren scheint, die immer noch an die Versprechen vom Herrenvolk und dem „Lebensraum im Osten“, die immer noch an die Propaganda und die völkische Ideologie glauben.

Unterbrochen wird Kolbes Erzählfluß von Briefen, die die Darmstädterin erhält, aber auch von solchen an andere Personen, die in Mondsee und Umgebung untergekommen sind. Darunter eine ganze Klasse einer Mädchenschule, die mit ihrer Lehrerin hier einquartiert wurde. Während sich die Lehrerin gegenüber dem zunächst an ihr interessierten Kolbe abweisend zeigt, wird die junge Nellie, die daheim ein Chaos wegen einer unliebsamen Liebschaft mit ihrem Cousin hinterlassen hat, mehrfach von Kolbe gesehen, bevor sie plötzlich verschwindet. Kolbe, dessen Onkel Polizeichef im Örtchen ist, will wissen, was aus der jungen Frau geworden ist, während weder die Kameradinnen noch die Polizei sonderlich interessiert am Verbleib des Mädchens erscheinen.

Anhand der Briefe, die die Darmstädterin, die Nellie und die ein nie näher genannter Adressat von einem jüdischen Mann, der mit seiner Frau und der gemeinsamen Tochter zunächst nach Ungarn fliehen kann, bevor sich die Wege in den Kriegswirren verlieren, erhalten, kann Geiger die Realität des Krieges immer in das manchmal wie ein märchenhaftes Idyll abseits des Geschehens wirkende Mondsee hineinholen. Die Bombardierungen sind in diesen Briefen ebenso Thema, wie es die Härte der Verfolgung ist, aber auch die Aufregung eines Jungen, der seine Cousine liebt und demnächst zur Flak eingezogen werden wird. Der Krieg aus den unterschiedlichsten Perspektiven. Kolbes Erinnerungen an Erschießungen, furchtbare Gräueltaten an Zivilisten und die Brutalität entfesselter Gewalt gerade an der Ostfront, tun ihr Übriges. Man kann so weit fliehen, wie man will, der Krieg ist total, er ist überall, er dringt in die Leben ein, indem er seine Verluste eiskalt aufreiht, er dringt aber auch in die Seelen ein, weil man die eigene Menschlichkeit vergisst.

Es gelingt Geiger, den Leser durch die Sprache, die er Kolbe angedeihen lässt, aber auch durch die Haltung (und die Sprache) weiterer Figuren wie bspw. die Vermieterin der Zimmer, in denen Kolbe und seine neue Freundin leben, des Onkels und anderer Dorfbewohner, die sich zu fragen beginnen, wieso der junge Rekonvaleszent immer länger in ihrem Ort verweilen darf, während an allen Fronten immer verzweifelter gekämpft wird und die alliierten Bombengeschwader immer häufiger und immer ungehinderter auch über Mondsee ihre Bahnen ziehen, die Verhärtung, aber auch die Verrohung und die Abstumpfung spürbar werden zu lassen, die fünf Jahre Krieg mit sich bringen. Abgestumpft gegenüber dem Leid der andern, aber ebenso gegenüber dem eigenen Leid oder dem naher Verwandter, leben diese Menschen auf einen Fluchtpunkt hin, den sie erahnen, hinter dem sich für die meisten aber nie ein neuer Horizont auftut. Die Niederlage – die Kapitulation – wird von den meisten als drohender Untergang wahrgenommen. Geiger, der für seinen Roman intensiv recherchiert hat, kann durchaus jenen verhängnisvollen Mix aus Defätismus, stiller Hoffnung und unterschwelliger Angst einfangen, die viele in den letzten Monaten, wo auch immer sie sich aufhielten, befallen haben muß. Zudem spürt der Leser die Diskrepanz zwischen dem eigenem Empfinden, den eigenen Gedanken und jener konvertierten Gesellschaft, die eigenes Empfinden und eigenes Denken schon lange unterbunden hat. Je näher die Front, desto übler die Durchhalteparolen, desto enger die Überwachung, desto schneller die Denunziation.

Nicht alles in Geigers Roman erschließt sich dem Leser unbedingt. Die Idee, mit den Briefen ein Außen hinein zu holen in eine abgeschiedene Gesellschaft, ist an sich keine schlechte, doch zumindest jene Briefe des jüdischen Ehemanns und Vaters, der sich Sorgen macht und schließlich vor Angst und Panik vergeht, sind zwar erschütternd, aber im Kontext des Romans nicht wirklich relevant. Ein wenig wirkt es, als wolle Geiger hier einen Kontrapunkt setzen, da seine Geschichte sich ansonsten um die Schicksale von Tätern dreht. Das ist ehrenhaft, doch mutig ist es nicht. Als gäbe es eine ungeschriebene Regel, nicht über den Krieg schreiben zu dürfen, schreiben zu können, ohne das große Ganze im Blick zu behalten. Doch stellt sich dann die Frage: Warum überhaupt eine Geschichte wie diese, die an ihrem Ende zudem einen leichten Schwenk Richtung Melodrama beschreibt? Ein Schwenk, der ihr nicht wirklich guttut und der zudem die Dringlichkeit, die Unbedingtheit des Erzählten, bricht. Man konnte auch sauber bleiben – ist es das, was der Autor uns erklären will? Oder gar, daß sich tausendfaches Unrecht durch eine einzige Tat, die vielleicht gerecht sein mag, aufwiegen lässt?

Auch formal gibt es einige Merkmale im Roman, die man zumindest hinterfragen kann, auch wenn sie nicht wirklich stören. Daß da regelmäßig – Gedanken einklammernd? – Spiegelstriche zwischen die Sätze gesetzt werden, die wie Absätze wirken, obwohl das Schriftbild etliche Absätze aufweist, erschließt sich ebenso wenig, wie die Tatsache, daß die wiedergegebenen Briefe offensichtlich Bündelungen mehrerer Schreiben sind, dies aber im Grunde nicht kenntlich gemacht wird.

Doch sind dies letztlich Marginalien, denn sie stören den Lesefluß nicht und sind leicht zu übersehen. Arno Geiger ist – nicht dies zu allerletzt – eine wunderbare, weil leise und zarte Liebesgeschichte gelungen, die Hoffnung gibt, Hoffnung vermittelt und dabei nie überschwänglich wird, nie aus einem Rahmen bricht, den nun einmal eine besondere historische Situation setzt. Natürlich passt der Roman zu jenen neuen, auch literarischen, Versuchen, nach Jahrzehnten, in denen man sich dem Leid der Opfer gewidmet hat, nun – endlich? – sich den Wunden und Entbehrungen zu widmen, die die Täter erlitten und geleistet haben. Vielleicht eine Apologie, vielleicht aber auch schlicht ein menschliches Bedürfnis, auch vom eigenen Leiden zu erzählen. Oder dem der Großeltern. Ein gutes, gut lesbares Buch ist dabei allemal herausgekommen.

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