VERFLUCHTE NEUZEIT. EINE GESCHICHTE DES REAKTIONÄREN DENKENS

Eine kluge, (selbst)kritische und vor allem sehr unterhaltsame Studie des reaktionären Denkens der Neuzeit

Allerdings gingen wir damals auch davon aus, dass sich die von links betriebene Wahrheitszertrümmerung niemals von rechts vereinnahmen lässt, schließlich richtete sie sich gegen die konservative Überzeugung, dass es Dinge gibt, die zeitlos gültig sind. Dass der Feind eines Tages die eigenen Argumente kapern könnte, lag außerhalb jedes Vorstellungsvermögens. Inzwischen sieht die Welt anders aus. Die philosophischen Sandkastenspiele, bei denen wir alle Wahrheiten zertrampelt haben, erscheinen in anderem Licht, seit im Weißen Haus die Rede von alternativen Fakten die Runde gemacht hat und Journalisten als Lügner verhöhnt worden sind, die nach bestem Wissen und Gewissen ihrer Arbeit nachgingen.

Ebenso wenig hätte man gedacht, dass Foucaults Machtkritik eines Tages gegen eine linksliberale Elite gewendet wird, die aus rechter Sicht weltweit den Diskurs bestimmt.“

Diese Sätze, erschienen auf Seite 324 von Karl-Heinz Otts VERFLUCHTE NEUZEIT. EINE GESCHICHTE DES REAKTIONÄREN DENKENS (2022) fassen möglicherweise das ganze Grundkonstrukt, die Motivation und den Diskurs, der sich hinter dem Buch verbirgt, bestens zusammen. Denn genau der Gedanke, der sich dahinter verbirgt, treibt denjenigen um, der sich in den vergangenen zehn Jahren – fußend auf einer umfassenden Kenntnis postmoderner, poststrukturalistischer und aktueller Theorien – mit der Entwicklung von Diskurstheorien und ihrer praktischen Anwendung beschäftigt hat.

Ott entwickelt – und man nehme den Artikel „eine“ im Titel sehr ernst, dies ist nicht die Geschichte des reaktionären Denkens – eine ganze Genealogie reaktionären Denkens, indem er einen Ansatz ernst nimmt, den man verfolgen kann, wenn man rechten und ultrarechten Publikationen der vergangenen Jahre folgt. Denn dort wird keineswegs die Moderne oder Postmoderne in Frage gestellt, was nachvollziehbar wäre, denkt man an neurechte Bestrebungen, die jüngere Vergangenheit neu zu interpretieren und, wenn möglich, zu revidieren (dazu gehört das neurechte Narrativ, den Deutschen sei mit der „Entnazifizierung“ ein Teil ihrer Identität geraubt worden; es gäbe einen Schuldkult, der die Identität Deutschlands seit 1945 aus der Chiffre „Auschwitz“ ableite und das Land damit in eine ewige Schuldhaltung zwinge; daß es einer vollkommen neuen Erinnerungskultur bedürfe, die auf die Stärken der Deutschen und ihre „erfolgreiche tausendjährige Geschichte“ rekurriere; geradezu eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“), es wird auch nicht, was bereits an und für sich eine ungeheure Anmaßung wäre, die Neuzeit seit der Aufklärung in Frage gestellt (was allerdings häufig genug vorkommt). Nein, es wird wirklich die Neuzeit als solche, als historische Einteilung, in Frage gestellt. Das bedeutet? Es bedeutet, daß die Infragestellung bei Luther und der Reformation beginnt.

In drei großen Abschnitten nähert Ott sich seinem Sujet. Er untersucht die Frage nach der Definition von Neuzeit und weist früh im Buch darauf hin, daß scheinbar kaum zueinander passende Figuren der Geschichte – Descartes, Leo Strauss, Carl Schmitt, Heidegger oder Foucault – und einige Figuren der Literatur – vor allem Don Quijote – sehr viel miteinander zu tun haben können, wenn man den Rahmen nur richtig steckt. Er führt den Leser durch das Denken von Hobbes, der als erster eine Staatstheorie vorlegte, die frei vom Gotteseinfluß war, soweit dies in einer spätmittelalterlichen Philosophie überhaupt möglich gewesen ist. Er untersucht Descartes Selbstbefragungen und die damit einhergehende Entfaltung des Subjekts. Dabei vergisst Ott aber nicht, Descartes ernst zu nehmen und darauf hinzuweisen, wie groß seine Ausführungen von Zweifeln bestimmt waren. Ott führt eine ganze Riege neuzeitlicher Denker vor, die die Neuzeit schon in ihrem Entstehen in Frage stellten. Im umfassendsten Teil seiner Untersuchung sind es vor allem Leo Strauss und Carl Schmitt, denen das Hauptaugenmerk des Autors gilt.

Der Verlust ontologischer Systeme, die Aufweichung einer Weltordnung, die gegeben ist – bei Strauss durch Platon und sein unbedingtes Festhalten am „Guten, Wahren, Schönen“ als nicht hintergehbare Bedingungen der Welt; bei Schmitt der Verlust eines einheitlichen christlichen Glaubens seit der Reformation – die Verflachung des neuen Menschen, die dann auch Nietzsche und nach ihm vor allem Heidegger beklagen – dies sind die Eckpunkte des die Neuzeit ablehnenden Denkens. Daß Ott in einer umfangreichen Analyse des DON QUIJOTE eine frühe, nahezu postmoderne, Auseinandersetzung mit der Neuzeit erkennt, macht sein Werk nicht nur unterhaltsam, sondern auch zu einem gedanklichen Abenteuer, dem man gern folgt. Es sind gerade Passagen wie diese, die die Lektüre so aufregend machen. Denn schon in der Lektüre des DON QUIJOTE machen sich die Widersprüche der Moderne bemerkbar, zeigt sich, wie der Verlust der Magie der Welt durch das neuzeitliche, rationale, subjektive Denken eben nicht nur Fortschritt bedeuten, sondern auch zunehmende Verwirrung, Welt-Entfremdung, Glaubens- und damit Weltverlust. Und es reflektiert auf die moderne Medienwelt, die ihre eigenen Mythen zu schaffen in der Lage ist.

Ott wurde in den Kritiken zum Buch vorgeworfen, er ziehe Schlüsse, die eher Kurzschlüsse seien, bringe mit Strauss, Schmitt, an anderer Stelle Eric Voegelin, mit Nietzsche, Heidegger und Foucault Denker zusammen, die so nicht zusammengebracht werden könnten. Man fragt sich natürlich, was solche Kritik selbst bezweckt? Außer sie will Ott exakt das vorwerfen, was die Rechte linkem Denken ja so oder so vorwirft: Postmoderne Methoden, Verkürzung und vor allem einen Relativismus, der dem Menschen kaum mehr Halt gibt. Aber solche Kritik greift letztlich zu kurz, da Ott keineswegs eine eindeutige Haltung vertritt. Sein Relativismus, wenn man es denn so nennen will (und an dieser Stelle sei darauf verwiesen, daß der Rezensent sich absolut im Relativen verortet), macht ja keinen Halt vor den Säulenheiligen der Linken oder gar vor linkem Denken selbst. Vielmehr durchzieht Otts Text – der vor allem von einer tiefsitzenden Lust am Denken an sich, dabei auch von einer gewissen, sich immer nur leise bemerkbar machenden Ironie getragen wird – durchaus eine deutliche Kritik an eigenen Positionen. Man siehe nur die einführenden Zeilen dieses Textes. Und am Beispiel Walter Benjamins weist Ott dann nach, wie vermeintlich linkes und rechtes Denken sich spätestens in apokalyptischen Bildern von Vernichtung und Weltfeuer treffen, ergänzen, einander befeuern. Benjamin, der sich selbst möglicherweise nicht als Linken wahrgenommen hätte und der die Demokratie, wie die Weimarer Republik sie darbot, ablehnte, stand gerade mit Schmitt in regem geistigem Austausch, der eine profitierte durchaus vom andern – und vice versa.

Ott scheut sich aber auch nicht, einen der Säulenheiligen linken Denkens der 70er und 80er Jahre – Michel Foucault – dahingehend anzugreifen, daß er aufzeigt, wie dessen Denken an entscheidenden Stellen offenbar bewußt schwammig bleibt und der französische Meisterdenker in vielerlei Hinsicht eben jenen Machtdiskursen Vorschub leistete, die er vorgab angreifen und abschaffen zu wollen. Gerade in der Postmoderne wurden die Grenzen zwischen links und rechts aufgeweicht, wurden die geltenden Schemata in Frage gestellt, weshalb Theoretikern wie Roland Barthes, Jacques Derrida oder Jean-Francois Lyotard immer schon von dogmatischer Seite vorgeworfen wurde, rechtem Denken den Weg zu bereiten. Interessanterweise werden die gleichen Denker (Derrida-da) von rechts für ihren Radikalrelativismus angegriffen und sitzen damit zwischen allen Stühlen. Man könnte natürlich sagen: Alles richtig gemacht.

VERFLUCHTE NEUZEIT ist nicht nur ein wilder Ritt durch 500 Jahre europäischer Geistesgeschichte, es ist nicht nur eine äußerst anregende Aufforderung, selbst wieder einige der behandelten Werke zu lesen, sondern es ist auch ein wesentlicher Debattenbeitrag zu aktuellen Diskursen (um im Bild zu bleiben). Die momentane Krise der Demokratie, die sich weltweit Angriffen von links wie rechts ausgesetzt sieht und deren Wahlergebnisse in den USA, in Großbritannien, dem „Mutterland der modernen Demokratie“, oder auch in Frankreich auch von einer gewissen Müdigkeit an ihren zugegeben schwierigen, langwierigen und oftmals wenig eindeutigen Entscheidungsprozessen und den daraus resultierenden, kompromißgeleiteten Ergebnissen, zeugen, ist gar nicht ernst genug zu nehmen. Da kommt ein Buch wie dieses, das vor allem von Lust am Denken zeugt, gerade recht. Denn es stellt, im besten postmodernen Sinne, Gewißheiten in Frage und weist dennoch immer wieder auch auf Möglichkeiten hin, wie man aus den Denkfallen der Post- oder Spätmoderne entkommen kann.

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