DER AMERIKANISCHE WECKRUF

Cathryn Clüver Ashbrook weist noch einmal dezidiert und kenntnisreich auf die Gefahren des amerikanischen Wegs unter Donald Trump hin

Bei gewissen Themen stellt sich ja die Frage, ob denn nicht eigentlich alles gesagt ist, eigentlich auch schon von allen? Ein solches Thema scheinen die USA unter der Präsidentschaft von Donald J. Trump zu sein.

Aber nein – so wie dieser Präsident regiert (wenn man es denn „Regieren“ nennen will), kommt man mit der Analyse, vielleicht auch nur der Interpretation, kaum hinterher. Immer weiter, teils im Stundentakt, wird eine Sau nach der andern durchs Dorf getrieben. Da wird das Militär – verfassungswidrig – in die Städte des Landes beordert, um vermeintliche „Notstandssituationen“ zu beherrschen; es werden seltsame Behörden im paramilitärischen Look losgeschickt, um vermeintlich illegal eingereiste Ausländer – oder einfach jeden, der so aussieht – willkürlich, teils auf der Straße oder am Arbeitsplatz, abzugreifen und in Lager oder direkt außer Landes zu schaffen; es werden einzelne Opponenten ad hominem angegriffen und damit der Gefahr dauernder Übergriffe ausgesetzt. Innen- wie außenpolitisch herrscht die reine Willkür. Zölle, angedrohte Annexionen auch verbündeter Territorien, Angriffe auf deutlich schwächere Länder, mittlerweile auch ein veritabler Krieg in Nahost, gegen alle Wahlversprechen, die „endless wars“ ein und für alle Male zu beenden – man kommt kaum mit, so schnell wechselt Trump die Themen.

Die Frage, die sich vermehrt stellt, geht deshalb viel tiefer. Sie hält sich nicht mehr bei den tagespolitischen Items auf, was keinen Sinn macht, da diese, wie oben gezeigt, sowieso dauernd wechseln. Vielmehr stellt sich die Frage, was mit dieser Art von Politik beabsichtigt wird. Und wenn man zu dem Schluss kommen sollte, dass dahinter gar keine Absichten stecken, weil hier jemand an die Macht gelangt ist, den Politik – tatsächliche Politik als Spiel mit Kompromissen, den demokratische Abläufe, den Ausgleich und Vermittlung – überhaupt nicht interessiert, der stattdessen persönliche Bereicherung als eigentliches Ziel seiner Amtszeit betrachtet, dann muss man die Frage stellen, was dieses Verhalten mit dem Land, den Institutionen, was es mit der Demokratie macht?

Die deutsch-amerikanische Politologin Cathryn Clüver Ashbrook stellt diese Fragen in ihrem Buch DER AMERIKANISCHE WECKRUF (2026) in aller Deutlichkeit. Und sie, die die USA sehr gut kennt, die aber auch international hervorragend vernetzt ist und sowohl die Zusammenhänge als auch die absehbaren Folgen politischer, kultureller und ökonomischer Entscheidungen begreift, hält sich nun nicht damit auf, einen Abgesang auf die USA, wie wir sie alle kannten, anzustimmen, sondern sehr genau auf die Entwicklungen zu blicken und daraus Schlüsse für die Entwicklungen in Europa abzuleiten.

Sicher, auch Clüver Ashbrook wiederholt Vieles, was interessierte Leser*innen lang schon wissen. Sie führt die Entwicklungen seit dem Amtsantritt der 2. Trump-Administration minutiös noch einmal auf, allerdings richtet sie den Fokus teils anders aus und vor allem analysiert sie mit einem anderen Instrumentarium als ihre Kolleg*innen, die sich mit eben diesen Themen bisher beschäftigt haben. Die unmittelbare Aktualität ihres Buchs kommt den Leser*innen natürlich ebenfalls zugute, weil man gut abgleichen kann, worauf die Autorin sich bezieht.

Was das Buch schon auf den ersten Seiten sehr interessant und lesenswert macht, ist der Bezug zur amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und zur Verfassung. Denn beide wurden sehr direkt in Reaktion auf einen als Tyrannen empfundenen König – King George III. – verfasst, der die damaligen Übersee-Kolonien aufs Bitterste ausbeutete ohne den Bewohnern dieser Kolonien auch nur ein Jota Mitspracherecht zu gewähren. Niemals mehr wollte man von einem König, einem Monarchen, einem absolut(istisch)en Herrscher regiert werden. Die in den USA sich ausbreitenden „No Kings“-Demonstrationen gegen die Regierung Trump nehmen direkten Bezug auf diese Passagen.

Clüver Ashbrook leitet aus der Lektüre der Dokumente die Frage ab, inwiefern Trump eigentlich genau diese Maßstäbe – die eines Königs, eines Monarchen, eines absolut(istisch)en Herrschers, letztlich eines Tyrannen – erfüllt? Nimmt man seine Äußerungen ernst, nimmt man seine Worte ernst und, vielleicht mehr noch, die Meme, die er gelegentlich über seinen eigenen Social-Media-Kanal Truth Social verbreitet und in denen immer wieder die Insignien absolutistischer Herrschaft auftauchen, dann muss man konstatieren, dass er selbst durchaus damit kokettiert, ein Monarch zu sein. Wählt mich noch einmal, so sagte er auf einer Wahlkampfveranstaltung, dann müsst ihr nie wieder wählen. Interessant daran – neben der Ungeheuerlichkeit der Aussage an sich – ist der Begriff „müsst“. Als sei eine Wahl eine schwere Bürde, etwas, das man mit bitterer Medizin vergleichen kann.

Wahlen sind dann auch eine der vielen, vielen Aspekte, die Clüver Ashbrook im Folgenden untersucht. So, wie die Trump-Administration bspw. die Wahlkreise neu zuschneiden, wie sie Briefwahlen beschränken will, wie sie immer neue Auflagen erfindet, um den Menschen den Zugang zur Wahlkabine zu erschweren, könnte ein Wahlgang demnächst tatsächlich ein sehr schwieriges und auch mühsames Unterfangen werden. Clüver Ashbrook bedient sich des bereits 2018 erschienen Analyse-Werks HOW FASCISM WORKS: THE POLITICS OF US AND THEM von Jason Stanley, das deshalb so interessant für eine Untersuchung wie diese ist, weil es eben keine ausgreifende theoretische Definition dessen gibt, was Faschismus eigentlich sei, sondern schlicht untersucht, was es im Titel ankündigt: Wie Faschismus funktioniert, welcher Methoden und Mittel er sich bedient. Und es ist erschütternd, wie exakt sich die Punkte, die Stanley aufzählt, bereits im ersten Jahr von Trump II erfüllen.

Clüver Ashbrook geht ihrem Gegenstand in fünf längeren Kapiteln nach. Sie untersucht die bereits erwähnte moderne Tyrannei und dann den Nährboden, der einen über 30 Jahren immer schärfer rechts blinkendem Konservatismus möglich machte, bis die Republikanische Partei – über Zwischenstationen wie die Tea Party und andere immer extremere, oft auch religiös motivierte Bewegungen – schließlich in den Armen von MAGA (Make America Great Again), der Bewegung an deren Spitze eben Donald Trump steht, landen konnte.

Wie wichtig für diese Entwicklung Sprache als Brandbeschleuniger gewesen ist und wie wesentlich also all die Rush Limbaughs oder Pat Buchanans, jene Moderatoren, die wie frühe Influencer das Vorfeld der Partei beackerten, wird hier ebenfalls noch einmal deutlich. Clüver Ashbrook zeigt den Weg der Zersetzung nach, welchen Trump eingeschlagen hat; vor allem aber untersucht sie die hinter dieser Zersetzung stehenden Organisationen, allen voran der Think Tank Heritage Foundation, die teils in jahrzehntelanger Grundlagenarbeit den bereits erwähnten Nährboden geschaffen haben, auf dem nun diese Bewegung – MAGA – erblühen konnte.

Dass Trump und die seinen im Grunde keine Ahnung haben von dem, was sie tun, hat die erste Amtszeit gezeigt. Dank der Heritage Foundation gab es allerdings für Trump II einen Plan: Project 25. Hier ist minutiös aufgezeigt, wie die zweite Trump-Administration – oder eine ihm entsprechende Regierung – vorzugehen habe, um den Staat in sehr kurzer Zeit irreversibel umzubauen, sodass der Rechten die Macht auf Dekaden hinaus gesichert ist. Trump, im Wahlkampf auf das Project 25 angesprochen, behauptete, noch nie davon gehört zu haben. Dafür, dass er angeblich noch nie von dem Papier gehört habe, wird es allerdings sehr zielgerichtet umgesetzt, und zwar praktisch seit Tag eins der zweiten Amtszeit.

Sowohl in diesem Abschnitt ihres Buchs als auch in dem folgenden zu den sich aus all dem zuvor Berichteten ergebenden Konsequenzen kann Clüver Ashbrook aufgrund ihrer Expertise vor allem auf jene Folgen eingehen, die eben nicht die Schlagzeilen bestimmen, sondern oft leise, schleichend, manchmal fast unbemerkt die Gesellschaft zersetzen, die Rechte untergraben und Fakten schaffen, die fürchterliche, weil zutiefst autoritäre Auswirkungen haben können. Dazu gehört u.a. die Tatsache, wer und was zukünftig alles als „Terrorist“ oder als „Terrorakt“ eingestuft werden könnte. Das erinnert stark an jene Art von Staatsumbau, den Viktor Orbán in Ungarn, Recep Tayyip Erdoğan in der Türkei in den vergangenen Jahrzehnten vorgenommen haben. Nach außen sind dies immer noch Demokratien, nach innen sind diese allerdings längst ausgehöhlt. Orbán hat dafür – ganz offen, völlig selbstverständlich – den Begriff der „illiberalen Demokratie“ geprägt. Er macht also nicht einmal einen Hehl daraus, dass er die Demokratie, wie sie im restlichen Europa verstanden wird – pluralistisch, offen, liberal, kompromissbereit, Minderheitenrechte schützend – ablehnt.

Es ist wichtig, dass es Experten wie Clüver Ashbrook gibt, die in den Maschinenraum der amerikanischen Demokratie blicken und das, was sie sehen, auch verstehen, die also die Gefahren vermitteln können, die eher subkutan lauern, deren Folgen auf Dekaden angelegt sind, die aber eben nur selten die Schlagzeilen bestimmen und von deren Wirkung diese Schlagzeilen letztlich sogar ablenken sollen. Trump scheut sich nicht, Gewalt anzuwenden, Menschen abzuschlachten (wie in seinem angeblichen „Krieg gegen die Drogen“ vor den Küsten Venezuelas) oder Kriege als Ablenkungsmanöver anzuzetteln, um zu verschleiern, was er wirklich tut und vorhat. Dazu gehört auch – und dieser Aspekt seiner Regierung wird mittlerweile zwar immer offener thematisiert, war aber erstaunlich lange eher ein Randthema – die unglaubliche Korruption, die diese Regierung ganz offen betreibt. Auch darauf weist Clüver Ashbrook sehr dezidiert und vor allem differenziert hin.

Ohne den Weckruf am Ende des Buchs abwerten zu wollen, ist er doch im Vergleich zu den vorhergehenden Kapiteln eher zu vernachlässigen. Zu bekannt, was Clüver Ashbrook hier aufbietet, zumal man bedenken muss, wer ein Buch wie dieses liest. Es werden jene sein, die eh interessiert sind und deshalb auch gut informiert. Interessant an diesem Abschnitt ist dann vor allem, wie die MAGA-Bewegung und mit ihr die im Buch ebenfalls mehrfach angeführten Tech-Moguln, deren Agenda, den Staat als solchen abzuschaffen, auf irritierende Art mit Trumps Politik korreliert, sich um Einfluss auch auf europäische, damit natürlich auch auf deutsche Rechtsparteien, sprich: die AfD, bemühen.

Ist also alles zu diesen drängenden Themen von allen gesagt? Ja, sicher, vieles wiederholt sich. Und doch kann man nicht oft genug nachlesen und sich darüber bilden, wie Bewegungen wie MAGA sich Einfluss und vor allem Macht gewinnen und ausüben und sichern wollen. Weltweit.

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