FREMD IN IHREM LAND. EINE REISE INS HERZ DER AMERIKANISCHEN RECHTEN/STRANGERS IN THEIR OWN LAND. ANGER AND MOURNING IN THE AMERICAN RIGHT

Arlie Russell Hochschild besucht die "andere" Blase und findet viele neue Freunde und einige Erkenntnisse zur Spaltung der Gesellschaft

„Spaltung der Gesellschaft“, „der Riss“, „unüberbrückbare Gräben“ – nur drei von etlichen Schlagzeilen und Beschreibungen der vergangenen Jahre zum Zustand unserer westlichen Gesellschaften. In Europa, vor allem in Deutschland, meint man, dies habe vor allem mit der sogenannten Migrationskrise 2015 eingesetzt. Blickt man nach Amerika, in die USA, dann kann man sehen, daß dieser Riss schon Jahre zuvor, Jahrzehnte gar, eingesetzt hat. Sicher, die Gründe in den USA mögen andere sein als es in Europa mit seinen vielen und diversen Kulturen der Fall ist, und doch kann man exemplarisch auch die dortigen Entwicklungen heranziehen, um zu beobachten – und zu verstehen? – wie es zu diesen Spaltungen gekommen ist.

Eine Erklärung, gleich ob in Europa oder den USA, lautet, eine urbane, progressive, pluralistische Gesellschaft der Städte habe sich weit von den ländlichen Regionen entfernt, drücke diesen aber ihr Weltbild und ihre Lebensweise auf. Eine weitere Erklärung läuft darauf hinaus, daß  vor allem eine links geprägte akademische Elite – weltfremd, wohlhabend und voller spinnerter Ideen (Gender-Studies) – dafür verantwortlich sei, auf dunklen Kanälen die wesentlichen Posten der Gesellschaft – in den Universitäten, den Medien, in der Politik – besetzt, eher okkupiert habe und nun ihre gefährlichen Ansichten als einzig gültige Wahrheit verbreite.

Ob wahr oder nicht – gerade letzterer Vorwurf muß die treffen, die damit angesprochen sind und selbst doch meinen, immer in bester Absicht zu handeln und gehandelt zu haben, schließlich ginge es ihnen ja um Gerechtigkeit. Zumindest für Minderheiten, für Frauen, für Lesben und Schwule etc. Arlie Russell Hochschild, mittlerweile emeritierte Professorin der Soziologie der Universität Berkeley in Kalifornien – und damit sozusagen direkt aus dem Herzstück linker Wokeness stammend – hat die Vorwürfe ernst genommen. Sie hat sich eingestanden, selbst ebenfalls in einer Blase zu leben und selten bis nie in Kontakt mit „den anderen“ zu kommen. „Die anderen“, das sind die Konservativen, die Rechten, die Rednecks, die Anhänger der Tea Party, jenes extrem rechten Flügels der Republikanischen Partei, der vor allem während der Präsidentschaft George W. Bushs und später während der Obama-Administration immer stärker und einflußreicher in der Partei wurde und wesentlichen Anteil daran hatte, daß ein Mann wie Donald Trump überhaupt erst zum Kandidaten der Grand Ol´ Party werden konnte – immerhin der Partei, die einst auch gegründet wurde, um die Sklaverei abzuschaffen und nicht zuletzt Abraham Lincolns politische Heimat gewesen ist.

Hochschild wollte dort hin, wo genau die, mit denen sie für gewöhnlich keinen Umgang pflegt, beheimatet sind. In die Kreise der ultrakonservativen Tea-Party-Anhänger. Die Professorin glaubte, ein Paradoxon ausgemacht zu haben: Die, die durch die Entscheidungen der Republikaner am stärksten in Mitleidenschaft gezogen werden, sind gerade deren treueste Wähler. Wie kann es sein, daß Millionen von Wählern, mehr oder weniger wissentlich, gegen die eigenen Interessen wählen? Und an welchem Thema – das sie „Schlüssellochthema“ nennt – kann man dieses Paradox deutlich festmachen? Umweltschutz, so meinte Hochschild, sei genau das geeignete Thema dafür. Über einen ehemaligen Studenten kam sie in Kontakt mit rechtskonservativen Kreisen in Louisiana, einem der konservativsten Staaten der USA überhaupt.

Es ist ein Staat, in dem der Rassismus weiterhin grassiert, ein Staat, der die freiheitlichsten Gesetze für Wirtschaft und Großkonzerne erlassen hat, ein Staat, der aber auch stärker als die meisten anderen unter Umweltproblemen und Armut leidet. Ein Staat zudem, der die zweitmeisten Zuwendungen vom Bund erhält, zugleich aber immer wieder Politiker – Senatoren und Gouverneure – hervorbringt, die extrem aggressiv gegen die Bundesregierung polemisieren und im Grunde den völligen Rückzug des Bundes aus Staatsangelegenheiten fordern. Im Grunde, folgt man vielen dieser Stimmen, soll die Zentralregierung in Washington nur noch für die Landesverteidigung zuständig sein, höchstens noch für Außenpolitik und gewisse Sozialleistungen.

Hierhin also reiste Hochschild in den Jahren 2011 bis 2016, um mit eben jenen ins Gespräch zu kommen, die trotz persönlicher Krisen und Schicksalsschläge, ausgelöst durch Umweltverschmutzung und Umweltkatastrophen, wie bspw. durch die Explosion auf und das anschließende Leck in den Pipelines der Ölplattform Deepwater Horizon, immer noch jener Partei und jenen Politikern nahestehen, die nachweislich und maßgeblich mitverantwortlich dafür waren, daß sich die Konzerne in Louisiana an so gut wie keine Vorgaben und Bestimmungen zu halten haben. Fracking, Ablagerung vergifteten Wassers, immer wieder Schäden an Versorgungsleitungen, illegales Abkippen verseuchten Wassers und allerlei Restchemikalien sind weitere Umweltsünden, die kaum oder gar nicht bekämpft wurden, jedoch für immense Schäden nicht nur an und in der Natur, sondern auch für gesundheitliche und soziale Schäden bei vielen, vielen Bewohnern des Staates verantwortlich waren.

Hochschild präsentierte die Ergebnisse ihrer Studien 2016 in dem Buch STRANGERS IN THEIR OWN LAND. ANGER AND MOURNING ON THE AMERICAN RIGHT (2016; Dt. FREMD IN IHREM LAND. EINE REISE INS HERZ DER AMERIKANISCHEN RECHTEN, 2017). Sie extrahiert aus über 4000 Stunden Interviewmaterial mit etlichen Gesprächspartnern, die sie meist über Dritte kennengelernt hat, engere Narrative einiger Vertreter der Rechten, die das von ihr ausgemachte Paradoxon ganz offensichtlich ausleben und bedienen. Frauen und Männer, die sich Umweltschützer nennen, teils auch in entsprechenden Gruppen organisiert sind und schon Jahre – entweder in Protesten, oft auch in Sammelklagen – mit dem Staat Louisiana darum ringen, daß ihre Erkrankungen, der Verlust ihrer Heimat, die Verschmutzung Generationen lang in Familienbesitz befindlichen Landes etc. anerkannt werden. Zugleich stehen diese Frauen und Männer ohne Einschränkung zu ihren konservativen Werten und beharren darauf, daß die Tea Party ihre Interessen am besten vertrete.

Hochschild beschreibt etliche ihrer Treffen mit diesen Vertretern, sie folgt ihnen auf ihre Versammlungen, auf ihre Ländereien, in ihre Häuser, sie sieht die Zerstörungen und die Verstörungen und muß sich immer wieder ermahnen, aus der „Empathieblase“ auf ihrer Seite der „Empathiemauer“ herauszukommen und zu begreifen, daß und auf welche Weise diese Menschen anders ticken als sie und ihre progressiven Freunde. Denn am Grunde aller Motive liegt hier ein Gefühl vor. Und dieses Gefühl – z. B. vom Staat nicht gegängelt zu werden, auch wenn der Staat helfen könnte, die eigenen Interessen, bspw. in Gestalt der Umweltbehörde, durchzusetzen – bestimmt weit stärker die politischen Entscheidungen, sprich: die Wahlentscheidungen, als jedwede scheinbare Vernunft. Das Recht, Waffen zu tragen, sich frei zu bewegen, Abtreibung und Minderheitenrechte abzulehnen und die eigene Position im Kampf um den „amerikanischen Traum“ zu verteidigen, auch und gerade gegen all jene Minderheitengruppen – Schwarze, Hispanics, Lesben und Schwule etc. – die sich nach dem Gefühl dieser Konservativen vordrängeln und Abkürzungen nehmen wollen, um an die Töpfe des Wohlstands zu gelangen.

Naturgemäß bestehen Studien wie diese aus vielen, vielen Wiederholungen, in denen gewisse Teilaspekte ein und desselben Themas nuanciert aus bestimmten, oft nur leicht verschobenen Perspektiven betrachtet werden. Was aber bleibt dann als wissenschaftliche Erkenntnis einer solchen Studie? Es ist die von Hochschild so bezeichnete „Tiefengeschichte“ der einzelnen Gesprächspartner, letztlich eines jeden einzelnen, die für Hochschild wesentlich ist. Aus den Tiefengeschichten dreier ihrer Gesprächspartner leitet sie schließlich vier Typen ab, die sie für typisch hält hinsichtlich der Haltung zu Parteien, zum Staat, zur Umweltverschmutzung und der Verortung des eigenen Selbst in dieser gesellschaftlichen Lage.

Es sind der Teamplayer, der Gläubige, der Cowboy und der Rebell. Jeder von ihnen ist ein Anhänger der Tea Party und ein jeder von ihnen weiß um die herrschenden Probleme, nimmt sie hin, ignoriert sie, akzeptiert sie oder will sie im Rahmen seiner Loyalität zur Partei und der eigenen Haltung höchstens maßvoll ändern. Die Umweltzerstörung ist da, sie ist schlimm, sie ist aber eben der Preis, den man zu zahlen hat, will man als Weißer am Wohlstand partizipieren und das eigene Stück vom amerikanischen Traum abgreifen. Um diese Haltung, die für Progressive nur schwer nachvollziehbar ist, zu erklären, greift Hochschild auf historische Entwicklungen zurück. Der Süden, so ihre These, wurde im und nach dem Bürgerkrieg (1861-65) grundlegend gedemütigt. Das Narrativ, von einer letztlich fremden Macht besetzt worden zu sein – in diesem Fall der Norden – und dessen Regeln, Lebenshaltung und Weltsicht verordnet bekommen zu haben, hat sich über Generationen fortgesetzt und wurde in den 1960er Jahren mit dem Aufbruch der Bürgerrechtsbewegung, der freien Liebe der Hippies, der zunehmenden Liberalisierung der Mainstream-Gesellschaft usw. erneuert. Eine Art Re-Traumatisierung habe da stattgefunden, die bis heute anhielte und den extremen Konservatismus, inklusive seiner religiösen, oft fundamentalen, Verhärtungen gefördert und bestärkt habe. Seit den 60ern würden eben jene oben schon benannten Minderheiten bevorzugt und somit rechtschaffene, hart arbeitende weiße Menschen um den Lohn ihrer Mühen gebracht. Zugleich ist man aber nicht bereit, sich selbst als ein „Opfer“ der gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklungen wahrzunehmen, wodurch eine immer schwerer zu ertragende Diskrepanz zwischen der eigenen Lebenssituation, der politischen Haltung und jener gegenüber anderen „Opfer“-Gruppen entsteht.

Folgt man dieser These, bleibt wenig Hoffnung für die amerikanische Gesellschaft. Hochschild zumindest scheint einige neue Freunde gefunden zu haben, die zwar „auf der anderen Seite“ stehen, sich als private Individuen jedoch offen, zugänglich, gastfreundlich zeigen. Auch dies also ist ein Teil des Paradoxons – persönliche Zuneigung bei maximaler politischer Abneigung. Hochschild hat einige ihrer neuen Freunde auch zu Wahlkampfveranstaltungen begleitet. Zu jenen, bei denen es sich um lokale und innerstaatliche Wettkämpfe handelte – Bürgermeister, Staatsanwälte, Gouverneure – aber auch zu solchen, bei denen ein extremer Außenseiter auf der nationalen Ebene aufzutreten begann und zunächst verlacht wurde. Ein New Yorker Baulöwe mit einer lächerlichen Frisur, den niemand so recht ernst zu nehmen schien. Bis er plötzlich Kandidat der Republikanischen Partei wurde – und später Präsident der (nicht mehr so) Vereinigten Staaten von Amerika. Doch Hochschilds Buch erschien, bevor Trump die Wahl für sich entscheiden konnte. Man kann es also für überholt halten – oder man liest es als eine Liveschalte aus jenen Bevölkerungsschichten, die schließlich bereit waren, den Mann, auch wenn er ihnen nicht gefiel, zu wählen. So betrachtet ist Hochschilds Beitrag ein immer noch sehr lesenswerter, manchmal etwas langatmiger, weil zu sehr im Kleinklein sich verlierender, Bericht aus jenem Lager, daß Progressive, Liberale, urban Geprägte so gar nicht verstehen zu können meinen. Und somit ist es ein trotz aller Längen lesens- und bedenkenswertes Buch.

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