AUS UNSEREN FEUERN

Domenico Müllensiefen legt ein erfrischendes Debut vor.

Spätestens seit Peter Richters 89/90 (2015) wissen wir, daß jenes im Titel genannte Jahr eines der puren Anarchie in den damals noch nicht neuen Bundesländern gewesen ist – die alte Ordnung untergegangen, die neue noch nicht wirklich etabliert; spätestens seit Lukas Rietzschels MIT DER FAUST IN DIE WELT SCHLAGEN (2018) kennen wir uns auch in den wilden 90er Jahren im Osten aus, jenen Jahren, die mittlerweile als „Baseballschlägerjahre“ bezeichnet werden, jene Jahre, in denen die Straßen in einigen Teilen des Ostens den Nazis gehörten und es Gegenden gab, die durch Kameradschaften und Schlägertrupps zu „national befreiten Zonen“ erklärt wurden; nun folgt mit Werken wie Daniel Richters WIR WAREN WIE BRÜDER (2022) die Bearbeitung einer jüngeren Generation, die in den 90ern erst ins Jugendalter kam, aber ähnlich schreckliche Erfahrungen machen musste wie die etwas Älteren.

In die letztere Kategorie könnte man zunächst auch Domenico Müllensiefens Debutroman AUS UNSEREN FEUERN (2022) einordnen. Eine Jugend in den 90ern in und um Leipzig, die heruntergekommenen Häuser, die Arbeitslosigkeit und die daraus resultierende Perspektivlosigkeit, der Alltagsrassismus, die oftmals einfach so dahingesagten Ungeheuerlichkeiten hinsichtlich des 3. Reichs oder ob der Frage, ob der Holocaust wirklich stattgefunden habe – es ist alles da. Und doch ist alles ganz anders. Müllensiefen nämlich gelingt, was auch Juli Zeh vor einigen Jahren in ihrem Roman UNTERLEUTEN (2016) ansatzweise gelang, nämlich vom Osten zu erzählen, ohne den Zeigefinger zu erheben und dezidiert auf all die genannten Mißstände hinzuweisen. Müllensiefen, der natürlich höheren Authentizitätsanspruch stellen kann als die Erfolgsautorin Zeh, lässt das alles in seine Erzählung mit einfließen, stellt es aber nie in den Vordergrund. Vielmehr ist es das Hintergrundrauschen eines Jugendalltags in Leipzig in den späten 90ern und den Nullerjahren. Es ist das Setting für eine wunderbare Geschichte über Freundschaft und was ihr in den Weg kommen kann. Ein Werk voll leiser Melancholie und vor allem mit sehr viel trockenem Humor erzählt.

Thomas, Karsten und der Ich-Erzähler Heiko, oft Heike gerufen, kennen sich aus der Schule. Ihre Kindheit und Jugend hindurch sind sie unzertrennlich, erleben wesentliche Entwicklungsschritte gemeinsam, erste Liebe und den Aufbruch des Lebens, aber auch die Trostlosigkeit jugendlicher Saufeskapaden und totzuschlagender Nachmittage. Die drei sind im besten Sinne des Wortes „ganz normale Jugendliche“. Die Wut, die natürlich auch sie immer wieder empfinden – über die Enge ihrer Welt, die fehelenden Perspektiven, die Unfähigkeit, sich gegen gewisse Ungerechtigkeiten durchzusetzen, das Mädchen anzusprechen, das einem gefällt, die Eltern, die Bedingungen des eigenen Lebens – wandeln sie jedoch nicht zu Hass auf Andersdenkende oder Ausländer und Fremde, sondern sie finden einen anderen Weg, sie auszuleben: Karsten ist ein ausgewiesener Hobby-Sprengmeister und so legen die drei Feuer, lassen auch mal eine Bombe an einer Bushaltstelle hochgehen und legen das Gebilde in Schutt und Asche.

Man sollte diesen Aspekt, auf den auch der Titel anspielt, allerdings incht überschätzen. Eigentlich ist es lediglich ein Missing link zwischen den zwei Zeitebenen, auf denen der Roman angesiedelt ist. Denn alles beginnt damit, daß Heiko, mittlerweile Angestellter bei einem Bestattungsunternehmen, zu einer Unfallstelle gerufen wird, an der es einen Toten zu bergen gilt. Und dieser Tote ist Thomas, zu dem Heiko seit mehreren Jahren keinen Kontakt mehr hatte – ebenso wie zu Karsten, der vor Jahren nach der Ausbildung zum Sprengmeister nach Amerika ging. Nun steht Heiko, wie gelähmt durch den Tod des früheren Freundes, der in den Jahren ohne Kontakt in die Prepper- und Reichsbürgerszene abgerutscht zu sein scheint, also vor der Frage, ob und wie er in Kontakt mit Karsten treten soll.

Müllensiefen versteht es nicht nur, dem Leser eine authentische, glaubwürdige Atmosphäre jener Jahre Ende der 90er zu vermitteln, es gelingt ihm vor allem, ohne Pathos, Übertreibung, ohne falsche Dramatik oder sogar Tragik – auch Thomas´ Tod behandelt der Roman vergleichsweise nüchtern – von dieser Jungs-Freundschaft zu erzählen. Er erzählt aber ebenfalls von der Ausbildung, die Heiko bei einem Elektrounternehmen beginnt, berichtet von den Kollegen und erzählt auch hier in einem authentischen und durchaus humorvollen Ton von den kleinen und großen Unbilden eines ganz normalen jugendlichen Lebens. Vielleicht gibt er sich hier und da zu sehr der Beschreibung von Elektroinstallationen hin, beschreibt ein wenig zu ausführlich, wie Kabelstränge durch dafür vorgesehene Schächte geschoben werden und auch die Ausführungen zum Alkoholgenuß „auf Arbeit“ fallen gelegentlich etwas zu eindrücklich aus. Doch spiegelt sich diese Ausführlichkeit dann später in den Beschreibungen davon, wie eine Leiche präpariert wird und die Analogie macht die Arbeit des Bestatters durchaus zu einem ganz normalen Handwerk.

Vieles an diesem Roman ist gerade deshalb so treffend und lässt den Leser selbst Freundschaft mit diesen drei Typen schließen, die Müllensiefen so deutlich zu charakterisieren versteht, deren Stärken und Schwächen er so selbstverständlich beschreibt, daß sie immer realistischer werden. Und auch die Tatsache, daß er sich eben nicht auf seitenlange Erklärungen einlässt, weshalb Thomas wurde, wie er war, als er starb. Solche Entwicklungen beschreibt der Roman fast beiläufig, wodurch sie fast wieder zwangsläufig wirken, ohne daß irgendwas entschuldigt würde. Aber man spürt die Verlorenheit auch dieser Generation, die mangelnde Resilienz gegenüber einer sich schnell wandelnden Wirklichkeit und deren Ansprüchen.

Manchmal möchte man laut lachen bei den Beschreibungen, aber Müllensiefen – und das ist vielleicht das erstaunlichste an einem Debut – geht es wie selbstverständlich von der Hand, in dieses Lachen immer auch eine Traurigkeit zu mischen, immer wieder lässt er den Leser spüren, daß Humor eine Möglichkeit ist, sich mit einer widrigen Realität auseinander zu setzen, die aber trotz allem Widerstand, die man ihr entgegensetzt, bleibt, wie sie ist: traurig.

Das ist natürlich nicht die größte Literatur aller Zeiten, aber es AUS UNSEREN FEUERN ist ein ehrliches Buch, das nie mehr sein will, als es ist. Es ist ein sehr gelungenes Debut, das man gerne liest, das einen einsaugt, dessen Figuren lebensecht sind und die man mag. Und es ist – mittlerweile fast eine Seltenheit in der deutschen Literatur – ein Roman, der auch und gerade von den Dialogen lebt. Müllensiefen gelingen lebensechte, gute Dialogsequenzen, die viel mehr erzählen durch Diktion und die Tonart als es ellenlange Beschreibungen je könnten. Das allerdings ist brillant und macht den Roman noch lesenswerter und wertvoller.

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