CROSSROADS/CROSSROADS (THE KEY TO ALL MYTHOLOGIES. BOOK 1)

Jonathan Franzen ist ein großer Wurf gelungen und ein atemberaubender Auftakt zu einer Trilogie zur Erklärung Amerikas

In seiner sehr lesenswerten Rezension vom 4. Oktober 2021 zu Jonathan Franzens neuem Großroman CROSSROADS (CROSSROADS [THE KEY TO ALL MYTHOLOGIES. BOOK 1], 2021; Dt. 2021) weist der Literaturkritiker der Sueddeutschen Zeitung Felix Stephan dezidiert auf die Un-Ironie, die Nicht-Ironie des Werkes hin. Dies scheint ein wesentlicher Aspekt zu sein, will man sich diesem Roman annähern, der den Leser auf seinen knapp 826 Seiten sprachlich scheinbar kaum fordert. Leicht erscheint dies, ein wenig schwebend, nachvollziehbar und sehr direkt, fast konventionell erzählt.

Es ist die Geschichte der Familie Hildebrandt, die im Jahr 1971 in einem Vorort von Chicago lebt, wo Vater Russ eine Stelle als Pastor einer evangelikalen Gemeinde angetreten hat. Er hat ein Programm namens Crossroads mit ins Leben gerufen, das jungen Leuten helfen soll, zu sozial bewußten, offenen, auch emotional offenen Menschen heranzureifen. Einmal im Jahr fährt die Gruppe nach Arizona, um dort mit den Navajo-Indianern gemeinsam Arbeiten an deren Siedlungen zu erledigen und sich somit auch sozial zu engagieren. Doch nach Vorwürfen einer jungen Dame, er habe sich ihr gegenüber nicht angemessen verhalten und zudem den Anfeindungen einiger Jugendlicher ausgesetzt, hat sich Russ aus dem Programm zurückgezogen. Zudem hat er sich mit dem Hilfspastor Ambrose überworfen, der bei den hippen jungen Leuten weitaus besser ankommt. Um ihrem Vater eins auszuwischen, sind auch dessen älteste Tochter Becky und sein zweitjüngster Sohn Perry Mitglieder in dem Programm geworden.

In zwei größere Abschnitte unterteilt, berichtet Franzen aus der Vorweihnachtszeit des Jahres 1971 und später der Vorosterzeit 1972 und den Verwicklungen in der Familie Hildebrandt. Russ scheint mit einer Dame anzubändeln, die sich dem Programm zur Verfügung stellt, Perry, ein hochintelligenter junger Mann, geht seinen eigenen Geschäften nach, die sich vor allem in Drogendeals begründen, während er ununterbrochen seinem Verhältnis zu einer Welt nachgeht, der er sich in allen Belangen überlegen fühlt. Becky ihrerseits – schön, beliebt und fast verleibt in ihren älteren Bruder Clem, der mittlerweile die Stadt verlassen hat, um zu studieren – sucht nach Erlebnissen und einer Liebe, zugleich bemüht sie sich, ihr Verhältnis zu Gott zu klären. Mutter Marion, mittlerweile ihrer Meinung nach zu dick und zu träge geworden, erinnert sich ihres Vorlebens in Los Angeles, dem sie einst, bevor sie Russ kennenlernte, zu entfliehen versuchte und überlegt, noch einmal dort anzuschließen, wo sie sich zwanzig Jahre zuvor ausgeklinkt hatte. Und Clem hat sich nach einer in seinen Augen unglücklichen, weil zu engen Beziehung entschlossen, das Studium zu beenden und sich zum Dienst in Vietnam zu melden, weil er es als ungerechtfertigtes Privileg empfindet, daß Männer wie er per Studium freigestellt werden, während Ärmere, vor allem Schwarze, eingezogen und im Dschungel verfeuert werden.

Im Grunde passiert auf all diesen vielen Seiten nichts. Franzen erzählt von Alltagsproblemen, fast typischen innerfamiliären Verwerfungen, von Generationenkonflikten unter den besonderen Bedingungen jener Jahre, als die Counter Culture, die Subkultur der West- und Ostküste, mit all den hippiesken Beimischungen – Drogenerfahrungen, freie Liebe, – aber auch die Forderungen der Bürgerrechtsbewegung – Gleichberechtigung der ethnischen Gruppen, vor allem Schwarzer, Frauenrechte, Schwulen- und Lesbenrechte – langsam aus den Nischen der liberalen Städte auch in den Mainstream, die gutbürgerliche Mittelklasse eindrangen und dort ihre Wirkmacht entfalteten.

Wenn Franzen im Untertitel des Originals also vom „Schlüssel zu allen Mythologien“ spricht, so sind damit jene Mythen der (Post)Moderne gemeint, die heute zu einer heftigen Eruption der amerikanischen Gesellschaft führen. Denn für die extreme Rechte, die Neo-Cons, die Tea-Party-Anhänger, liegt der Grund für allen Schlamassel in jenen Jahren begründet, die heute gern unter der Chiffre „68“ subsumiert werden. Damals, so das rechts-konservative Narrativ, begann der Verfall der Werte, begann der Untergang des weißen Mannes und seiner aus dieser Sicht natürlichen Vormachtstellung. Damals begann die „Diktatur der Minderheiten“, die sich zunehmend Rechte und Privilegien erstritten, die eigentlich das WASP-Amerika, also jene protestantische weiße Mittelklasse, die es so heute kaum mehr gibt, für sich reklamierte.

Gut vorstellbar, daß uns im Laufe dieser als Trilogie angekündigten Romanreihe einige der jüngeren Familienmitglieder, allen voran Becky und ihr späterer Gatte, der hier noch ein sanfter, sensibler Späthippie ist, als Vertreter eben jenes Amerikas wiederbegegnen werden, das heute, wenn auch zähneknirschend, Trump wählt. Denn die Lebenswege dieser vier jungen Leute – neben Clem, der, nachdem er den Dienst in Vietnam denn doch nicht antreten darf, gen Südamerika verschwindet, um dort eine Art selbstauferlegten Ersatzdienst zu leisten, Becky und Perry gibt es noch den jüngsten im Quartett, Judson, der hier allerdings noch keine wirklich tragende Rolle spielt und dementsprechend von Franzen auch noch keine eigene Perspektive auf das Geschehen eingeräumt bekommt – sind im Groben bereits angelegt und deutlich erahn- und spürbar.

Franzens Kunst ist es, mit dieser äußersten, sein Schreiben immer auszeichnenden Präzision in die inneren wie zwischenmenschlichen Belange der Protagonisten einzudringen und dort – unaufgeregt, klar und psychologisch stimmig – den Beweggründen nachzuspüren, die Menschen sich selbst und einander entfremdet. Anders als in seinem frühen Roman DIE KORREKTUREN, der ihn einst berühmt machte, gibt er die Figuren aber nie der Lächerlichkeit preis. Es ist eben ohne Ironie geschrieben, dieses Buch, obwohl man diese Feststellung hier und da auch hinterfragen könnte. Gerade einer Figur wie Perry scheint der Autor Jonathan Franzen so wenig zu trauen, wie die große Schwester Becky es tut, die ihrem jüngeren Bruder sogar offen erklärt, daß sie ihn bei all seiner Intelligenz für verkommen, rücksichtslos und hinterhältig hält – und damit, folgt man den geschilderten Begebenheiten, auch nicht ganz unrecht hat. Diesen Perry und seine Anmaßungen scheint auch der Autor nur mit Einschränkungen und einer leichten ironischen Distanz ertragen zu können.

Der Leser wird also Zeuge ganz alltäglicher Geschehnisse im Advent 1971, juveniler Träume und den scheinbar letzten Verlockungen der mittleren Jahre, wenn man noch einmal spüren will, daß die eigene Anziehungskraft nicht gänzlich verloschen ist und frau sich erinnert, daß es da vielleicht ein anderes, aufregenderes, ja besseres Leben hätte geben können. Franzen ist sich offenbar sehr sicher, daß frau mit diesen Schwierigkeiten der mittleren Jahre letztlich besser zurechtkommt, als man. Die wahre Kunst dieses Romans besteht aber darin, die Reflektionen dieser Figuren auf ihre so alltäglichen und dem Leser auch vertrauten Ereignisse und Regungen als etwas erscheinen zu lassen, das immer noch (und immer wieder) einmalig ist in der Geschichte des Menschen – und der Literatur. Da nämlich hat Felix Stephan recht: Franzen erzählt dies fast naiv, als habe es diese Geschichten nicht alle schon gegeben, tausendfach. Es gelingt ihm, den Leser in jene Jahre mitzunehmen, die noch nicht das Uneigentliche feierten, die nicht bereits in jeder Äußerung ihre Brechung und den in ihr immer mitschwingenden Unernst mitdachten, sondern es erlaubten, die Dramen der Kindheit und Jugend, der jungen und der späteren Jahre als eben solche wahrzunehmen, immer im Kontext des gesellschaftlich großen Ganzen, dem sich ein aufgeklärter Bürger ja stellen will.

Nur diese Haltung und sein Können erlauben es Franzen, den Leser vor allem zum Ende des Romans hin mit immer dringlicheren Fragen einzelner Figuren hinsichtlich ihres Verhältnisses zu Gott zu konfrontieren. Dies mag gerade heutzutage sehr aus der Mode gekommen sein. Eine ernsthafte Beschäftigung mit Gott – für diesen Roman ist diese Auseinandersetzung wesentlich und unabdingbar, ja, es ist sogar eine seiner Bedingungen, ohne die er nicht funktionieren würde. Für den zeitgenössischen Leser allerdings liegen hier die höchsten Hürden, denn diese Überlegungen und auch die Hoffnung und Erlösung, die in dem Verhältnis des einzelnen zu Gott liegt, wird er sich kaum mehr wiederfinden, erst recht kein europäischer Leser. Zum Verständnis des Romans, seiner Figuren und der Fallhöhe, in der sie sich bewegen, ist dieses Verhältnis hingegen definitorisch. Und auch für das Amerika, das Franzen sich und seinen Lesern erklären und erschließen will.

Denn noch einmal auf den Titel rekurriert, macht es der Autor weder sich noch seinen Lesern einfach. Daß das empfundene Elend eben nicht erst „1968“ begann, sondern sehr viel eher, wenn man die amerikanische Geschichte als Ganzes betrachtet, schwingt im Titel mit. Crossroads – es wird so auch im Text erwähnt – evoziert einen der wichtigsten Songs des Bluesmusikers Robert Johnson, der einst an einer Kreuzung irgendwo im Süden dem Teufel seine Seele verkauft haben soll und dafür die Gabe eines sensationelles Gitarrenspiels erhielt. Nimmt man dieses Lied, das auch eine Gabelung in der amerikanischen Kulturgeschichte markiert, denn hier kam ein Mann wie Johnson angeblich vom rechten, gottesgläubigen Weg ab und huldigte den Mächten der Finsternis, dann kann man den Titel des Romans durchaus symbolisch begreifen. Wo ist dieses Land, das so tief in Schuld und Verhängnis verstrickt ist, vom rechten Weg abgekommen, hat sich einer Macht – einer inneren Macht – verschrieben, die es nun gnadenlos und scheinbar unausweichlich auseinandertreibt?

So ist hier ein mit prallem Leben gefüllter Roman entstanden, voller glaubwürdiger, lebensechter Figuren, in welchem eine scheinbar lang vergangene Zeit noch einmal aufersteht. Das ist manchmal witzig, manchmal tieftraurig und entwickelt vor allem einen Sog, dem man sich während der Lektüre immer weniger entziehen kann. Mehr davon! Wann kommt Teil 2?

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