DR. ZYKLOP/DR. CYCLOPS

Das rare Exemplar eines bleibenden Werkes aus Hollywoods klassischer Gruselfilm-Ära

Die berühmten Wissenschaftler Dr. Rupert Bullfinch (Charles Halton), Dr. Mary Robinson und der Ingenieur Bill Stockton (Thomas Coley) reisen nach Peru, wohin sie der Forscher Dr. Alexander Thorkel (Albert Dekker) eingeladen hat. Vor allem der angesehene Dr. Bullfinch fühlt sich geehrt. In Peru schließt sich der Abenteurer Steve Baker (Victor Kilian) dem Tross an, er vermutet in Thorkels abgelegenem Camp wertvolle Mineralien. Kaum dort angelangt, fordert der unter einer unheilbaren Augenkrankheit leidende Thorkel seine Gäste erst auf, für ihn durch das Mikroskop zu schauen und – nachdem Stockton ihm eine wichtige Mitteilung zu einem Mineral machen konnte – bittet sie anschließend, das Camp umgehend wieder zu verlassen. Er habe lediglich einen Abgleich und eine Bestätigung führender Experten gebraucht. Nun findet Stockton allerdings ebenfalls so schnell wie Baker heraus, daß dieser richtig lag: Man hat es mit einem sowohl für die Wissenschaft wie ökonomisch ungeheuer wertvollen Mineral zu tun. Die Neugier der Wissenschaftler, zu denen auch der vor Ort lebende Pedro gestoßen ist, der sein Pferd Pinto vermisst, ist entfacht. Hinter Thorkels Labor liegt ein enorm tiefer Brunnen, in welchem er eine geheimnisvolle Maschine verbirgt, an welcher regelmäßig Nachjustierungen vorgenommen werden müssen. Einen dieser Momente, in denen der riesige Wissenschaftler sein Refugium verlässt, um an der Maschine zu werkeln, nutzen seine Gäste, um sich ins Labor zu schleichen. Thorkel stellt sie und nach anfänglichem Ärger, besinnt er sich und erklärt ihnen sein Vorhaben. Das besteht im Wesentlichen darin, Materie zu schrumpfen. Damit, so erklärt er seinen schaudernden Kollegen, sei er Herr über Leben und Tod. Nun schließt er die ganze Truppe in einem sonders abgesicherten Raum ein und setzt sie einer hohen Bestrahlung aus. Als sie wieder zu sich kommen, misst ihre Körpergröße noch gerade 28 Zentimeter. Von nun an duzt Thorkel seine ehemaligen Gäste nicht nur, er nimmt sie als solche auch nicht mehr wahr. Sie sind nun seine Beobachtungs- und Versuchsobjekte. Und zumindest Dr. Bullfinch erliegt schließlich auch seiner wissenschaftlichen Neugier. Doch muß Thorkel sein Scheitern eingestehen: Die Objekte wachen wieder und werden wohl nach geraumer Zeit ihre ehemalige Größe erreichen. Thorkel will sich ihrer nun entledigen und beginnt gleich mit Dr. Bullfinch. Doch haben die andern Gefangenen nicht vor, ihr Schicksal einfach hinzunehmen. Sie müssen sich nun also nicht nur einiger Gefahren erwehren, derer sie zuvor nie Gewahr wurden – Thorkels Hauskatze wird zu einer echten Bedrohung, ebenso ein Allligator – , sie müssen sich auch überlegen, wie sie den verrückten Thorkel ausschalten. Nicht alle werden diese Aufgabe überleben…

Ernest B. Schoedsack – immerhin Kameramann bei Erich von Stroheims frühem Jahrhundertfilm GREED (1924) – schuf als Regisseur neben einigem Verwunderlichem drei Meisterwerke für das Pantheon der Filmgeschichte, Abteilung „Kurioses“. Da ist vor allem KING KONG (1933) zu nennen, wenn nicht der größte aller Monsterfilme, dann sicherlich der mit dem lange Zeit größten Monster. Während er diesen realisierte, drehte er zeitgleich THE MOST DANGEROUS GAME (1933) in teils exakt denselben Kulissen. Beide Filme sind Schmuckstücke des frühen Horrorfilms, KING KONG in seiner Wirkmächtigkeit und dem immensen Erfolg, den er auch Dekaden nach seinem Erscheinen noch hat, ist wohl der wichtigere Film, doch sein Cousin ist dafür derjenige mit dem tieferen Einblick in das menschliche Wesen. Nach diesen Höhepunkten erlebte Schoedsack eine eher ruhige Phase in seiner Karriere. 1940 gelang es ihm dann, in DR. CYCLOPS (1940) die Größe des Monsters mit dem bösen Geist Graf Zaroffs aus THE MOST DANGEROUS GAME so zu verbinden, daß eine unterhaltsame, momentweise wirklich grausige Mär irgendwo zwischen dem Plot um den ‚Mad Scientist‘, HÄNSEL UND GRETEL und einem Märchen vom Riesen dabei herausgekommen ist.

THE MOST DANGEROUS GAME und DR. CYCLOPS teilen sich in vielem die Struktur eines frühen MANDRAKE– oder PHANTOM-Comics –  Dschungel, Fallen, verrückte Wissenschaftler, die die Weltherrschaft anstreben, Supermaschinen, gefährliche Tiere. Nur einen Superhelden hat zumindest DR. CYCLOPS erstaunlicher Weise nicht zu bieten. Am ehesten müsste man diese Ehre dem frühen INDIANA-JONES-Vorläufer Steve Baker zugestehen. Immerhin ist er es, der Thorkel in der entscheidenden Szene todesmutig ablenkt und schließlich dessen Brille zerstört, ohne die der gute Arzt nahezu blind ist. Bill hingegen kappt am Ende das Seil, das Thorkel über dem Abgrund des Brunnens hält. Allein Miss Robinson darf nicht direkt an den Kämpfen teilnehmen, ist dafür aber nicht nur in immerhin zwei verschiedenfarbigen Kleidern (aus Taschentüchern gefertigt) zu bewundern, sondern auch bei der Verrichtung aller möglichen typischen Wissenschaftlerarbeiten wie Feuer anzünden, Wasser erhitzen und waschen. Man kann also beim Sieg über Dr. Zyklop von einer gemeinschaftlichen Leistung sprechen.

Dr.  Zyklop, der titelgebende Dr. Alexander Thorkel, ist der eigentliche Star des Films. Schon unter normalen Umständen in seiner Erscheinung ein Riese – groß, kräftig und vor allem massiv – wird Thorkel, wenn Henry Sharps Kamera in ihn aus extremen Untersichten einfängt, zu einer imposanten Gestalt. Fast erinnert er an den ‚Duce‘, Italiens faschistischen Führer. Thorkels Ideen würden sich recht gut mit denen eines Mussolini vereinen lassen, rechtfertigt er sein Tun doch mit einer sozialdarwinistisch angehauchten Ideologie von der Überlegenheit einzelner und einzelner Rassen, bzw. Arten, die sich die Natur und die Schöpfung Untertan machen dürften. Und so weiter. Ob dem Autor des Drehbuchs aufgefallen ist, daß Thorkel nie belegt, worin die Macht seiner Erfindung eigentlich besteht, es darf bezweifelt werden; doch dieses wie jedwede andere Logiklöcher – was für eine Maschine wird lediglich mit einem einzigen, Chaplin in MODERN TIMES (1936) zur Ehre gereichenden, Schraubschlüssel justiert? Was genau stellt die Bestrahlung, die sich vor allem in ohrenbetäubendem Krach und grell-giftigem grünen Licht bemerkbar macht, mit den Bestrahlten an? – sind derart groß, daß die ganze Produktion problemlos hindurchschlüpfen und zum eigentlichen kommen kann. Das Eigentliche meint in diesem Falle: Das Publikum mit allerlei Schaueffekten, spannenden Verfolgunsgjagden und bedrohlichen Angriffen durch wilde Tiere spannend zu unterhalten und gelegentlich milde zu gruseln. Thorkel ist ganz klar ein Abkömmling vom Stamme ‚verrückter Wissenschaftler‘. Sein Ideengebäude ist das eines Wahnsinnigen und der Film gibt sich vordergründig auch viel Mühe, uns die ganze moralische Verkommenheit dieses Mannes in seiner zu kleinen, immer schief sitzenden Anzugsjacke spüren zu lassen. Er zündet ein Gebüsch an, in dem er seine Objekte vermutet, er tötet ebenso gnaden- wie skrupellos zwei von ihnen, die Würde anderer ist ihm nicht nur egal, er nimmt sie kaum wahr. Empathie ist nicht seins. Doch Dekker, der hier eine grandiose schauspielerische Leistung abliefert, unterläuft die Eindeutigkeit, die der Rolle wohl zugedacht war. Sein Thorkel begegnet uns alles andere als irr. Er wirkt wie ein durchaus zu Charme fähiger, aber müder, sehr, sehr müder Mann. Sein Augenlicht schwindet, was unser Mitleid erregt. Sicher, kaum haben seine Gäste die  Funktion, die er ihnen zugedacht hatte, erfüllt, will er sie loswerden und wird dabei durchaus ruppig. Doch selbst da noch meinen wir eine Dringlichkeit gegenüber seinen Studien zu spüren. Seine Argumente bringt er oft schroff und einer wahrlich verschrobenen Logik folgend vor, doch es sind Argumente, es liegt ihm anfänglich offenbar wirklich daran, Bullfinch von seinen Experimenten zu überzeugen. Die Sinnlosigkeit seines Unterfangens ist es, was ihn schließlich zu einem Wirrkopf degradiert.

1940 mag das alles relativ ironiefrei gewesen sein – obwohl auch das durchaus nicht sicher ist, denn daß er Sinn für Humor hatte, wenn auch einen manchmal grimmigen, hat Schoedsack eigentlich in vielen seiner Werke bewiesen – , heute macht gerade die Sinnfreiheit der Thorkel´schen Ideen in Bezug auf eine Schrumpfungsmaschine den Film zu einem gewaltigen Spaß. Man kann sich ergötzen an Dekkers feinem Spiel, an den anderen, eher  holzschnittartig gezeichneten Figuren, man bekommt ein unterhaltsames weil vollkommen naives Abenteuer geboten, inklusive all jener Zutaten, die klassischen Kintopp ausmachen. Und vor allem kann man sich an den wirklich gelungenen Effekten ergötzen. Keine Frage, das CGI-geschulte heutige Publikum ist längst anderes gewohnt, dennoch muß man den Leistungen der für Bauten und Effekte Verantwortlichen großen Respekt zollen. Sowohl die Einblendungen sind vergleichsweise reibungslos und funktionieren dadurch gut, auch die in Relation zur Größe der Schauspieler hergestellten Requisiten überzeugen. Da kann DR. CYCLOPS durchaus mit dem viel später entstandenen und diese Tricks exzessiv nutzenden THE INCREDIBLE SHRINKING MAN (1957) mithalten. Es ist natürlich das Spiel mit der Größe und dem Ausgeliefertsein, welches den Film reizvoll macht. Mehrmals sehen wir den gigantisch aufragenden Thorkel hinter den auf die Kamera Zufliehenden auftauchen und diese Bilder sind durchaus respektgebietend, gar furchteinflößend.

DR. CYCLOPS ist einer der doch eher seltenen Filme der klassischen Ära des Hollywood-Gruselfilms, dem es vergönnt war, die Zeiten gut zu überdauern. Er kann wirklich unterhalten, es zeichnet ihn eine gute Portion Humor aus, in den entscheidenden Momenten ist er zynisch und konsequent genug, daß wir ihm seine Brutalität wirklich abnehmen, wodurch der Film natürlich auch Spannung erzeugt. Ernest B. Schoedsack war sicherlich kein Feinmechaniker unter den Meistern des Genres, auch das Subtile war nur begrenzt seins. Doch in seinen besten Momenten gelingen ihm spannende und doch auch hintergründige, oft humorvolle Werke von meist hohem Unterhaltungswert. Und dieses hier wird bleiben.

 

 

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