MUNIN ODER CHAOS IM KOPF

Monika Maron liefert einen manchmal nachdenklich stimmenden, manchmal ärgerlichen Kommentar auf die Zeitläufte ab

Welt im Chaos, Land im Chaos, Gesellschaft im Chaos und dann auch noch der Kopf im Chaos – wir leben in chaotischen Zeiten. Da kann es schon mal durcheinander gehen mit den alltäglichen Nachrichten, den eigenen Werken, auch wenn es „nur“ Auftragsarbeiten sind, mit den Nachbarn, die sich nicht konform verhalten und den eigenen Gefühlen, die sich ebenfalls nicht konform verhalten wollen.

So etwa die Lage für Mina Wolf, eine knapp Fünfzigjährige, die in Berlin-Wilmersdorf, gemeinhin also jenem gutbürgerlich-westlichen Berlin, lebt, wo man sich noch weitestgehend verschont wähnt von den Zeitläuften, die sich in Neukölln in vermeintlicher Islamisierung oder am Ku´damm als Terroranschlag manifestieren. Nun soll Frau Wolf also für die Festschrift einer westfälischen Kleinstadt einen kurzen Abriß des Dreißigjährigen Krieges verfassen. Diese Auftragsarbeit, der die Journalistin sich mit einem gewissen naiven Charme annähert, hat sie doch keine „über eine oberflächliche Allgemeinbildung hinausgehenden“ Kenntnisse dieser für „Deutschland“ so einschneidenden Epoche, wird allerdings massiv dadurch gestört, daß in der ruhigen Straße, in der sie lebt, eine sich als Opernsängerin gebärdende, offensichtlich geistig verwirrte Frau die Anwohner mit tagtäglichen Konzerten beglückt, die sie von ihrem Balkon herab darbietet. Um sich einerseits diesen Darbietungen, andererseits den darob zunehmend aggressiveren Auseinandersetzungen in der Nachbarschaft zu entziehen, verlegt Mina Wolf ihre Tätigkeit in die Nacht. Während sie sich also ihrem Sujet zu nähern versucht, bricht die Wirklichkeit nicht nur in Form der unmittelbaren um sie herum aufbrechenden Feindschaften in ihr Leben ein, sondern auch in Form der ihr Bewußtsein oft wie unbegrenzt flutenden Nachrichten aus aller Welt: Anschläge in Nahost, Kriege und die neuen Barbaren, Hunger, Not und Elend und die daraus entstehenden Flüchtlingsströme ängstigen sie ebenso, wie sie die um sich greifende „Genderscheiße“, die geschlechtliche Sprachgleichstellung und andere Zumutungen einer postmodernen Welt zusehends nerven. Als das Chaos in ihrem Kopf allzu groß zu werden droht, wird ihr in Form einer sprechenden Krähe, die sie auf den Namen ‚Munin‘ tauft, Hilfe zuteil. Munin – so benannt nach einem der Raben Odins, die sein Gedächtnis und die Erinnerung der Götter verkörpern – lässt sie reflektieren auf das menschliche Sein, das sich gottgleich geriert und dabei (natürlich!, will man als Leser rufen, natürlich!) längst das Göttliche aus den Augen verloren hat; ja, aus seinen Fehlern und seinem Versagen immer nur die „falschen Schlüsse“ zieht. Im Zwiegespräch mit der Krähe findet Mina Wolf wieder zu sich und so auch Zugang zu ihrem zu verfassenden Text.

Monika Maron, die u.a. mit STILLE ZEILE SECHS oder ZWISCHENSPIEL wesentliche Texte der Nachwendezeit vorgelegt hat, greift mit ihrem neuesten Werk, einem schmalen Band von gerade einmal 222 Seiten, auf kunstvoll konstruierte Weise in den herrschenden, sich zuspitzenden Diskurs ein. Als öffentliche Stimme hat sie sich in den vergangenen Jahren islamkritisch und zumindest offen für die von vielen als eher rechtslastig wahrgenommenen Positionen der Dresdner ‚Pegida‘-Proteste gezeigt. Ohne diese Positionen hier nun explizit zu vertreten, schimmern sie aber doch immer durch die Zeilen des Textes, nimmt der gegenwartsaufmerksame Leser sie eben als Hintergrund-Matrix wahr. Mehr noch aber sind es die Folgen eines gesellschaftlichen Risses, die sie gekonnt ausstellt.

Grundlegend aber muß man sagen, daß die Spiegelung des großen Ganzen im Kleinklein der persönlichen Umwelt meist zu Vereinfachung, bestenfalls zu Redundanz führt – und so ist es stellenweise leider auch hier.

Die Erregungsbereitschaft einer Bevölkerung, die sich im Kern nicht mehr einig ist, ob sie die Liberalisierung der vergangenen 40 bis 50 Jahre (also grob seit „1968“) noch weiterführen, oder aber lieber in reaktionärer Abschottung und im Rekurs auf eine bessere Vergangenheit, die – als Idyll ausgemalt – Frieden, Sicherheit und Wohlstand garantiert, sich den Anforderungen einer immer komplexeren, globalisierten Welt verschließen will, wird anhand der Auseinandersetzungen um die Zumutungen einer nicht zugänglichen Frau aufgearbeitet, die eine ganze Straße (= das Land) „terrorisiert“. Es sind diese sich aufdrängenden Doppeldeutigkeiten und Worttransparenzen, die untergründig mitschwingenden Bedeutungsebenen und Metaphern, die Marons Text wirklich lesenswert und vor allem bedenkenswert machen.

Es sind aber zugleich dieselben Doppeldeutigkeiten und Worttransparenzen, die den Text oft anstrengend und auch ärgerlich machen. Denn wie meist funktioniert die Engführung des großen Ganzen mit dem Kleinklein des Persönlichen nur bedingt. Frau Wolf nimmt an diversen Treffen der Nachbarschaft teil, bei denen sich exemplarisch jene Risse zwischen Liberalismus und Engherzigkeit auftun, die wir aus der Auseinandersetzung von der Straße und aus den Feuilletons kennen: Die oft nicht ganz unberechtigte Empörung jener, die sich von den Zeitläuften überfordert fühlen und der Meinung sind, sie würden (ungefragt) Zumutungen ausgesetzt, und die manchmal arrogante Herablassung jener Liberalen, die sich selbst ungern den Unbilden einer wilden Nachbarschaft aussetzen, von anderen aber Toleranz gegenüber allem und jedem verlangen. Im Text stehen für diese Positionen ein Taxifahrer, der besonders unter der verhinderten Ariensängerin zu leiden hat, und ein „Audi-Fahrer“, der fürs Fernsehen arbeitet, ebenfalls leidet, dennoch aber der Meinung ist, man müsse eine so arme Kreatur wie die offensichtlich ja behinderte, mit einem Betreuer versehene Dame eben auch einfach ertragen, könne sie nicht um die wenigen Freuden ihres Daseins bringen etc. Dieser Streit, der im Buch schnell wieder in den Hintergrund tritt und der Ich-Erzählerin eher durch Dritte zugetragen wird, als daß sie ihn selber erlebt, eskaliert schließlich bis hin zu körperlichen Auseinandersetzungen, Reifenstechereien und führt dann dazu, daß sich die eine Fraktion plötzlich mit Deutschlandfahnen zu bekennen scheint. Wozu, bleibt undeutlich und scheinbar ist das auch der Autorin irgendwann aufgefallen, denn sie weist explizit darauf hin, daß auch sie keinen direkten Zusammenhang zwischen der Sängerin audf dem Balkon und den nationalen Bekenntnissen ziehen kann, die sie „einem Sportereignis“ zuschreibt.

Ob gewollt oder nicht, es gelingt Monika Maron allerdings, den Leser an exakt jene Stelle zu setzen, die im Text Mina Wolf einnimmt. Grob gesagt, sitzt die Dame zwischen Baum und Borke. Denn sie ist im Kern mit ihrem Text zum Dreißigjährigen Krieg beschäftigt, den sie nur schwer und auf Umwegen in den Griff bekommt. Sie will sich den Auseinandersetzungen in der Nachbarschaft entziehen, will sich weder mit dieser, noch mit jener Seite gemein machen und nimmt damit letztlich eine Position ein, die jener ähnelt, die die Protagonisten des elenden Krieges im 17. Jahrhundert oft inne hatten: Indifferent sich keiner Seite zugehörig fühlend, sich aber an den Meistbietenden verkaufend. Oder, war man kein Söldner, kein Kombattant, hin und her geworfen zwischen den wogenden Heeren und den gerade im Landstrich herrschenden Konfessionen. Ein bitterböser Kommentar auf ein zunehmend verängstigtes Bürgertum, daß sich seiner liberalen Wurzeln versichern und zugleich unbedingt verhindern will, daß die elendigen Massen aus Afrika, dem Nahen Osten oder anderen, schlecht beleumundeten Gegenden der Welt ihnen ihre Pfründe streitig machen. Weltoffenheit oder Abschottung? Baum und Borke.

Anhand der Schriften des Söldners Peter Hagendorf gelingt Mina Wolf schließlich der Zugriff. Hagendorfs Tagebuchaufzeichnungen – ein Glücksfall, da der Mann Lesen und Schreiben konnte – bieten tiefen Einblick in die vollkommen sinnentleerte Tätigkeit der Söldner, die mal für diese, mal für jene Seiten stritten, immer dem besten und höchsten Solde nach, brutalisierte Männer, die weder Ziel noch Grund für ihre Metzeleien brauchten. Natürlich – eine weitere Doppelung und Doppeldeutigkeit – stellt sich, nicht zuletzt deshalb, weil Maron immer wieder tagesaktuelle Nachrichten über Gräueltaten des IS u.a. in den Text einfließen lässt, bald eine Parallele zu den heutigen „Barbaren“ her. Und so kommt der Text zu seinem eigentlichen Kern: Was haben wir denen entgegen zu setzen, die aus Überzeugung handeln, deren Beweggründe sehr viel existenziellerer Natur sind als unsere Wohlstandsproblemchen? Denn ein solches ist die Lärmbelästigung, die von der Balkonsängerin ausgeht – ein Wohlstandsproblem. Es sind kleine Fallen in diesem oft elegant dahinfließenden Text, der so eindeutig, manchmal gleichsam naiv, ja einfach wirkt und doch so doppeldeutig in seinem hinter- und untergründigen Spiel sich aus-wirkt. Denn in der Gegenüberstellung existenzieller Bedrohung, wie sie die Bevölkerung Deutschlands während jener fürchterlichen dreißig Jahre gegenwärtigen musste, und der Bedrohlichkeit, die von einer Lärmbelästigung, von einer vielleicht Verrückten ausgeht, wird auch die Empörungsbereitschaft entlarvt, die scheinbar nur auf den geringsten Anlaß wartet, um sich zu entfalten.

Ob Monika Maron das so wollte, sei einmal dahingestellt, sicher aber ist, daß ihr Text genau das ausdrückt. Allerdings bleibt er widerständig und sperrig, drängt den Leser zum Widerspruch, wenn die Autorin momentweise, offenbar unreflektiert und ganz der eigene Empörungsbereitschaft hingegeben, ihrem Hass und ihrer Wut auf alle möglichen Entwicklungen einer postmodernen, liberalisierten Gesellschaft Ausdruck verleiht. Es wurde oben bereits angemerkt: Da werden heute eher der Rechten zugeschriebene Aussagen nahezu unkommentiert übernommen, da wird einem für eine AutorIn ebenso nachvollziehbaren wie oft erstaunlichen Hass auf gendergemäße Sprachentwicklung nachgegeben und in der Charakterisierung der Nachbarn, gibt sich Maron fast schon peinlichen Klischees hin (Wutbürger = Taxifahrer = Unterschicht; Liberale = Audifahrer = „Fernsehmensch“). Man will annehmen, daß Maron gerade im Anlaß der nachbarschaftlichen Erregung durchaus auch sich selbst und die eigenen Begründungen zumindest in Frage stellt.

Und schließlich bleibt da dieser Dialog zwischen Munin, der Krähe, die sich Gott nennt, und Mina Wolf, deren Namen ebenfalls auf die nordische Götterwelt verweist, wird der nordische Gott Odin doch oft in Begleitung zweier Wölfe dargestellt, und zugleich auch auf das „Tier im Menschen“, welches eben auch hervorbrechen und animalisch sein Recht fordern kann. Dieser Dialog hinterfragt die Position des Menschen als sich im Zentrum des Seins wahrnehmendes Geschöpf, das Gott erschuf, ihn tötete und nun ob seiner Verlassenheit und existenziellen Leere eben genau den Schöpfer anruft, den er eben erst vernichtet hat. So stehen wir denn ungeschützt jenen gegenüber, die sich auf ihre Religion berufen und im Namen dieser Religion meinen, dem Tier in sich die Fesseln lösen und im Namen ihres Gottes töten zu müssen. Und wie sollen wir ihn wiederfinden, unseren Gott, der uns schützen und bewahren kann? Munin scheint die Antworten zu kennen. Denn er ist Gott – oder zumindest ein Teil Gottes.

Kurz gesagt ist zu konstatieren, daß der Text sich an dieser Stelle vielleicht schlichtweg übernimmt. Die gegenwärtige Lage des Landes en détail und als Metapher, in historischer Gleichung zur Urkatastrophe dessen, was dann Deutschland werden sollte, und schließlich noch als metaphysischer Versuch über das Wesen des Menschen allgemein und sein Verhältnis zu Gott und der Natur – es ist zu viel. Dennoch bleibt dies ein lesenswerter Text, ein nachdenkenswerter Text und in seiner Vielschichtigkeit vor allem ein Text, den als zu leicht zu befinden man geneigt ist, den zu durchdringen allerdings lohnt, da er sehr wohl gegenwartsbezogen Fragen aufwirft, denen sich zu stellen weder Rechten noch Linken, weder Liberalen noch Konservativen leicht fallen dürfte. Ein Text, der die Position eines verunsicherten Bürgertums erfasst und widergibt und der es weder sich noch dem Leser einfach macht.

Gemeinhin also ein als gelungen zu bezeichnender Text.

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