TÖDLICHES KOMMANDO – THE HURT LOCKER/THE HURT LOCKER

Kathryn Bigelow wirft einen kühlen Blick auf die Geschehnisse im Irakkrieg

Irak, 2004. Bei einem Einsatz des Kampfmittelräumdienstes wird der Bombenentschärfer Sergeant Matt Thompson (Guy Pearce) tödlich verletzt. Seine beiden Team-Mitglieder, Sergeant J.T. Sanborn (Anthony Mackie) und Specialist Owen Eldridge (Brian Geraghty) überleben den Zwischenfall. Thompson wird bald durch den Sergeant First Class William James (Jeremy Renner) ersetzt. Die Kompanie, der sie angehören, hat nur noch 37 Tage, bis sie aus dem Irak zurück in die USA verlegt werden.

James erweist sich schon bei den ersten gemeinsamen Einsätzen als wenig teamfähig. Er verweigert in entscheidenden Momenten die Kommunikation und scheint sich immer wieder beweisen zu müssen, daß er auch gefährlichste Einsätze meistern kann. Sanborn und Eldridge befürchten, daß er sie in Situationen bringen könnte, die sie schließlich nicht überleben werden.

Vor allem für den Specialist Eldridge ist das eine Belastung. Er leidet generell unter den Belastungen des Dienstes und der gefährlichen Einsätze auf den Straßen Bagdads und den Entschärfungen vor allem versteckter Sprengfallen. Deshalb wird er bei Gelegenheit von dem Arzt und Psychologen Lieutenant Colonel John Cambridge (Christian Camargo) besucht. Eldridge ist fest davon überzeugt, es sei sein Schicksal, im Irak zu sterben. Cambridge versucht, ihm das auszureden.

Nach einem Einsatz, bei dem James sein Funkgerät weggeschmissen hatte, weil ihn Sanborns dauernde Anweisungen genervt haben, schlägt dieser ihm ins Gesicht und erklärt ihm, daß er es nicht dulden werde, wenn James durch sein Verhalten alle drei Männer in Gefahr brächte. Im Team entstehen immer stärkere Spannungen, die soweit führen, daß Sanborn bei einer Gelegenheit ernsthaft überlegt, James in die Luft zu jagen und es wie einen Unfall aussehen zu lassen. Doch er sieht davon ab.

James lernt bei seinen Spaziergängen im Camp und in den Straßen rund um das Lager der Armee einen einheimischen Jungen kennen, der sich „Beckham“ nennt (Christopher Sayegh) und DVDs an die Soldaten verkauft. Der Junge spricht etwas Englisch. James und der Junge schließen Wetten ab und frotzeln sich gegenseitig an und James merkt, daß er den jungen Kerl gern mag.

Während einer Patrouille in der Wüste kommt es zu einem Zwischenfall. Das Team trifft auf eine Gruppe in Zivil gekleideter Männer, die zwei irakische Gefangene dabeihaben. Offenbar handelt es sich um Söldner, die das auf die Kombattanten ausgesetzte Kopfgeld verdienen wollen. Der Wagen der Männer ist mit einer Reifenpanne liegen geblieben. Ihr Anführer (Ralph Fiennes) bittet James und seine Männer um Hilfe. Während der Wagen der Söldner repariert wird, wird die Gruppe angegriffen und einer der Söldner wird direkt getötet. Bald trifft es auch ihren Anführer. Es sind James und Sanborn, die sich der Präzisionswaffen der Gruppe bemächtigen und in einem den ganzen Tag andauernden Belauerungszustand schließlich die Angreifer töten können.

Die Stimmung im Team ändert sich dadurch. Abends betrinken sich die Männer gemeinsam und James und Sanborn prügeln sich halb im Schwerz und halb im Ernst. Zudem loben beide Eldridge, der ihnen tagsüber den Rücken freigehalten hat und dabei selbst einen Angreifer töten musste. Während des Gelages erfahren Sanborn und Eldridge, daß James eine Frau und einen kleinen Sohn hat. Allerdings ist er kaum in der Lage, mit denen zu sprechen – während eines Anrufs in den Staaten legt er wortlos wieder auf. James erklärt seinen Kameraden, daß er sich fühle, als sei er bereits geschieden. Sanborn entdeckt eine Kiste unter James Bett, in dem der Teile fast aller Bomben – über 800 an der Zahl – aufbewahrt, die er je entschärft hat.

James trifft immer mal wieder auf „Beckham“ und gibt diesem Geld, obwohl er weiß, daß dessen Ware minderwertig ist. Bei einem Einsatz in der Stadt, bei dem das Team ein Versteck ausheben muß, in dem sich eine regelrechte Werkstatt zum Bau von Bomben und Sprengsätzen befindet, stoßen die Männer auf die Leiche eines Jungen, der „Beckham“ ähnelt. James ist überzeugt, daß er es mit seinem jugendlichen Freund zu tun hat. Auf Eldridges Frage, wozu die Leiche gut sei, antwortet James, das sei eine Körperbombe. Im Bauch des toten Jungen wurde eine Menge Sprengstoff deponiert. James holt den Stoff aus dem Körper und bringt die Leiche aus dem Versteck. Diesmal geht der Tod auch ihm nah.

Diesen Einsatz hat auch Colonel Cambridge begleitet, der Eldridge versprochen hatte, sich einmal die Einsätze anzuschauen, die diesen so viel Kraft kosten. Während James und die beiden andern im Versteck sind, unterhält sich der Arzt ausgesprochen höflich mit einigen Männer in zivil, die dabei sind, Steine auf einen Kleinlaster zu laden. Cambridge weist sie freundlich aber bestimmt darauf hin, daß sie die Zone verlassen müssten. Schließlich ziehen die Männer ab. James und die andern wollen abrücken, da tritt Cambridge auf eine versteckte Mine und fliegt in die Luft. Er stirbt und von seiner Leiche findet sich praktisch nichts mehr. Lediglich sein Helm liegt auf der Straße.

James verlässt nachts gegen die Vorschriften das Camp und zwingt einen Araber, den er öfters mit „Beckham“ gesehen hatte, ihn in die Stadt mitzunehmen. Er will klären, wer den Jungen so grauenhaft zugerichtet hat. Der Mann setzt ihn an einem Haus ab, in dem „Beckham“ angeblich lebt. Der zivil gekleidete James dringt ein und trifft hier auf einen Mann, der ihn der CIA zurechnet und ihn bittet sich zu setzen, immerhin sei er ja nun Gast in seinem Haus. Er gibt sich als Professor aus. Von einem Jungen hingegen scheint er nichts zu wissen. James will sich schon zurückziehen, als eine Frau aus einem Zimmer kommt und ihn beschimpft: Was er wolle, ob die Amerikaner ihnen nicht schon genug angetan hätten? James flieht. Er muß zu Fuß zurück zum Camp, wo man ihn zunächst nicht erkennt und recht ruppig behandelt, bis er den Wachleuten seinen Ausweis zeigen kann.

In der folgenden Nacht wird das Team zu einem Einsatz gerufen, bei dem offenbar ein Selbstmordattentäter einen Tanklastwagen auf einen Markt gelenkt und sich und Dutzenden weitere Menschen in die Luft gesprengt hat. Das Team soll helfen, den Tatort zu sichern und ermitteln, ob es sich wirklich um einen Selbstmordanschlag handelt. James ist schnell klar, daß der Sprengsatz möglicherweise von außen gezündet wurde und die Verantwortlichen sich noch in der Umgebung aufhalten. Er stachelt die beiden andern an, mit ihm die Gegend zu durchsuchen, da es zu lange dauere, bis die Infanterie mit einem Kommando da sei. Dabei wird Eldridge von zwei Bewaffneten entführt. James fackelt nicht lang und schießt die Männer bei der ersten sich bietenden Gelegenheit nieder, erwischt dabei aber auch Eldridge, dessen Oberschenkelknochen mehrfach bricht.

Als James und Sanborn ihren Kameraden verabschieden wollen, nähert sich „Beckham“. Offenbar hat James den toten Jungen verwechselt. Nun aber ignoriert er „Beckham“ und lässt ihn wortlos stehen.

Zwei Tage, bevor die Kompanie endlich abrücken darf, werden James und Sanborn auf einen Platz gerufen, der von der irakischen Armee und U.S.-Einheiten großräumig abgeriegelt wurde. In der Mitte des Platzes befindet sich ein sehr aufgeregter Mann. Ihm wurde ein Sprenggürtel umgeschnallt und mit extrem sicheren Schlössern verriegelt. James nähert sich entgegen Sanborns Bitten, dies nicht zu tun, in seiner Schutzausrüstung dem Mann. Doch da der Sprengsatz mit einem Zeitzünder versehen ist und es James auch mit einem Bolzenschneider nicht gelingt, alle Schlösser rechtzeitig zu knacken, sagt er dem Mann, daß es ihm leidtue und bringt sich in Sicherheit. Der Sprengsatz zündet und der Mann wird zerfetzt.

Auf dem Rückweg ins Camp bricht es aus Sanborn heraus: Er schaffe das alles nicht mehr, den Druck auszuhalten, die Toten und Verletzten zu ertragen. Er wolle, wie James, eine Familie gründen, um irgendetwas in der Welt zu hinterlassen. Er fragt James, wie dieser dem Druck standhalte, sei sein Geschäft doch ein reines Glücksspiel. James schweigt zunächst und antwortet dann, daß er es nicht wisse, er denke einfach nicht darüber nach.

Zurück in den USA lebt James wieder mit seiner Frau und seinem Sohn zusammen. Sie versuchen, den Alltag zu meistern, doch James kommt vom Einsatz nicht los. Als er abends mit seinem Sohn spielt und dessen Begeisterung für alles, was ihn umgibt, sieht, erklärt er ihm, daß man im Lauf des Lebens immer mehr vergesse, was man liebt. Schließlich blieben nur noch ein oder zwei Dinge im Leben, die man wirklich liebe. Für ihn, James, gebe es im Grunde nur noch eine einzige Sache, die er wirklich liebe.

Nach einem Schnitt sieht man, wie er wieder im Irak landet, in einer neuen Kompanie, die 365 Tage hat, bis sie abrücken darf.

Denn Krieg ist eine Droge

Im (post)modernen Kino hat kaum wer die Dialektik des Kriegsfilms so gut begriffen, wie Kathryn Bigelow. Zweimal hat sie in ihrer Karriere die modernen Kriege thematisiert und beide Male dabei einen hervorragenden Job gemacht. Bevor sie sich 2012 in ZERO DARK THIRTY der Jagd nach Osama Bin Laden widmete, war es THE HURT LOCKER (2008), der den Krieg im Irak thematisierte und mit dem sie bei der Oscarverleihung 2010 massiv abräumen konnte – auch persönlich, da sie als Produzentin wie auch als Regisseurin gleich zwei Trophäen einheimste.

Kriegsfilme – wenn sie nicht gerade von vornherein als Heldenepen konzipiert sind – zeigen die Härten des Krieges meist als Notwendigkeit und damit immer ambivalent. Der sogenannte Anti-Kriegsfilm unterliegt dabei besonderer Beobachtung, da er immer einem Dilemma unterliegt: In seinem Anliegen, den Krieg zu diffamieren und zu verurteilen, erliegt er meistens der Faszination seines Gegenstands und reproduziert diesen. Jene Filme, die als Anti-Kriegsfilme wirklich überzeugen können, sind meist die, die den Krieg selbst gar nicht zeigen – COMING HOME (1978), GARDENS OF STONE (1987), aber auch THE MESSENGER (2009) stünden für diese Art von Drama. Filme, die die Auswirkung des Krieges zeigen, seine Verheerungen und die seelischen wie körperlichen Deformationen, die er hinterlässt. Nur selten gibt es wirkliche Kriegsfilme, die das Sujet so aufgreifen, daß sein Gegenstand entlarvt wird. Roland Joffé ist dies mit THE KILLING FIELDS (1984) gelungen, Stanley Kubrick gleich zweimal, einmal mit PATHS OF GLORY (1957) und später mit dem Vietnam-Kriegsfilm FULL METAL JACKET (1987). Allerdings brauchte es in Kubricks Fall die Höhe der intellektuell durchdrungenen Metaebene, weniger die Emotionalisierung.

Bigelow geht das Sujet mit dem von Mark Boal verfassten Drehbuch auf eine ganz andere, weitaus ambivalentere Art an, als ihre Vorgänger dies getan haben. In ihrer Dankesrede während der Oscarverleihung erklärte sie, dies sei ein Denkmal für all jene, die Amerika verteidigten – die Soldaten, Polizisten, die Sanitäter und Feuerwehrleute – und ließ es so wirken, als habe sie einfach eins der oben erwähnten Heldenepen abliefern wollen. Das, was wir auf der Leinwand zu sehen bekommen, erzählt aber, von Kameramann Barry Ackroyd fast dokumentarisch eingefangen, eine ganz andere Geschichte.

Nüchtern verfolgt Bigelow die letzten 37 Tage einiger Einsatzkräfte einer Kompanie der U.S.-Streitkräfte im Irak im Jahr 2004. Es handelt sich dabei um ein Bombenräumkommando, das Straßen vor versteckten Bomben und Minen sichern, Sprengsätze entschärfen und gelegentlich an den Tatorten von Selbstmordanschlägen Beweismaterial sichern soll. Im Fokus steht dabei ein Drei-Mann-Team, bestehend aus dem Sprengmeister und zwei ihn sichernden Scharfschützen. Episodisch verfolgt der Film deren Erlebnisse. Sie müssen ihr Tagesgeschäft erledigen, aber auch Spannungen untereinander aushalten, ihre Ängste werden thematisiert und das Drehbuch schreibt einen allerdings dünnen roten Faden in die Handlung, indem es den von Jeremy Renner gespielten Sergeant First Class William James eine oberflächliche Freundschaft mit einem irakischen Jungen schließen lässt, der vor dem Lager der Armee DVDs verkauft und ein wenig Englisch spricht.

Neben den meist ungemein spannend und nervenaufreibend inszenierten Szenen, in denen James Sprengsätze entschärfen muß, stehen Szenen, die manchmal wie sinnlos aneinandergereiht wirken und das Einerlei des Tagesgeschäfts dokumentieren. Die Männer trinken, sie prügeln sich eher scherzhaft in ihren Unterkünften, sie reden über ein Leben jenseits des Krieges, welches sie aber scheinbar alle gar nicht führen. Geprägt ist das Leben vor Ort von Angst, Langeweile und Entfremdung. Specialist Owen Eldridge ist überzeugt, daß er bald sterben wird. Immer wieder sucht ihn ein Psychologe und Mediziner auf, um mit ihm über diese fast metaphysische Betrachtung und Wahrnehmung des Einsatzes zu sprechen. Die Angst, die sich dahinter verbirgt und doch immer greifbar ist, wird mit Machosprüchen besänftigt – so sagt James an einer Stelle zu Eldridge, jeder sei bei irgendeiner Sache ein Feigling, wo jener lediglich über Angst gesprochen hatte. Die Langeweile drückt sich in jenen Szenen im Camp aus, die vor allem davon zeugen, wie viel getrunken wird.

Besonders eindringlich gelingt es Bigelow und Ackroyd, die Entfremdung in einer für die Soldaten vollkommen unbekannten Umgebung einzufangen und darzustellen. Kaum einer der Irakis versteht die Amerikaner, umgekehrt ist es genauso. So wird jeder Einheimische für die Soldaten – und auch für den Zuschauer, der sich definitiv mit diesen identifiziert – zu einer potentiellen Bedrohung. Ein Handy zum falschen Zeitpunkt in einer falschen Hand, die auf Balkonen und hinter Absperrungen die Vorgänge um das Entschärfen einzelner Sprengsätze beobachtenden Zivilisten, die immer mehr zu wissen oder zu ahnen scheinen, als die betreffenden Einheiten, generell das Gefühl des ständigen beobachtet Werdens – selten wurde das Gefühl unterschwelliger Paranoia und der ungreifbaren Gefahr so eindringlich und bedrückend ausgestellt. Man versteht instinktiv, warum zwischen den U.S.-Streitkräften und der Zivilbevölkerung keine Verständigung stattfinden kann.

Bigelow greift dabei gelegentlich auf Topoi des Vietnam-Kriegsfilms zurück. Ebenso bedient sie diese aber auch. Das nicht lesbare Gelände, der fremde Feind, der bereit ist, sich im Notfall selbst zu opfern, der sich versteckt – hier in der Masse der für die Amerikaner einheitlich wirkenden Gesichter – , die Fraternisierung, die zu Leid und neuerlicher Entfremdung führt – das sind alles aus den Vietnamfilmen bekannte Muster. Der Krieg, so scheint THE HURT LOCKER unter anderem mitzuteilen, ändert sich nie, er ändert vielleicht seine Schauplätze, aber nicht sein Wesen. Und so steht es auch um die Wirkmacht des Krieges, die hinlänglich aus Büchern wie Michael Herrs Tatsachenbericht DISPATCHES (erschienen 1977) oder eben Filmen wie APOCALYPSE NOW (1976/79) oder PLATOON (1986) bekannt ist. Er kann süchtig machen. Die Nähe des Todes, die Fähigkeit, sich ihm zu entziehen und doch immer wieder in seine Fänge zu begeben, der Nervenkitzel des Nahkampfs, des Hinterhalts, lässt bestimmte Männer (Frauen kommen in diesem von einer Frau gedrehten Film so gut wie keine vor) den Krieg als eine Art natürlichen Zustand, als eine Bedingung ihres Lebens wahrnehmen. Auch als eine Prüfung und Mutprobe.

Damit ist man dann wieder beim Beginn des Films, der das oben wiedergegeben Zitat enthält. Krieg kann zur Droge werden. Wir sehen James in den letzten Szenen des Films daheim, er geht mit seiner Frau einkaufen, er spielt mit seinem Sohn und erklärt diesem, was es alles auf der Welt gibt, das zu lieben sich lohne, aber leider verlöre man mit dem Älterwerden diese Dinge immer mehr aus dem Blick. Er, James, habe wohl nur noch eine Sache, die er liebe – und mit einem Schnitt sind wir wieder im Irak, wo James nun in einer anderen Kompanie dient, die noch 365 Tage hat, bis sie abrücken darf. Er beginnt den Zyklus aus Angst, Mutproben, Tod und Kampf von Neuem. Es ist seine Droge, der Krieg. Da er, wie er an einer Stelle im Film erklärt, zuvor schon in Afghanistan diente, darf der Zuschauer davon ausgehen, daß dieser Zustand sich nicht erst im Irak eingestellt hat. James ist ein War Dog, ein Kettenhund des Krieges geworden, erst hier, im Einsatz unter ständiger Lebensbedrohung spürt er das Leben.

Man kann das als kritischen Ansatz verstehen – man kann es aber auch schlicht als Zustandsbeschreibung eines Landes und seiner Gesellschaft betrachten, das sich immer tiefer in seinen Kriegen verloren hat und die Welt seit nunmehr 40 Jahren immer wieder mit größeren und kleineren, manchmal verdeckten Kriegen überzieht. Und das fast überall, wo es einfällt, verbrannte Erde hinterlässt. Diese Betrachtungsweise passt zu Bigelows zwar dokumentarisch-rasantem Inszenierungsstil mit Handkamera und manchmal extrem verwackelten Bildern, der aber eben nüchtern betrachtet, was ist. Auch und gerade darin besteht die Kunst des Films: Inszenierung und Wirkung so maximal weit voneinander zu entfernen und doch einheitlich zu wirken. Eine temporeiche Erzählweise betrachtet nüchtern das Sujet. Das distanzierte, und damit ebenfalls nüchtern-sachliche, Töten auf beiden Seiten – die einen mit Bomben und versteckten Sprengsätzen, was zu fürchterlich vielen und fürchterlich zugerichteten Opfern führt, die andern mit Präzisionswaffen, die auch über eine Distanz von nahezu einem Kilometer absolut treffsicher sind – lässt den Krieg zudem oft abstrakt wirken. Erst danach, wenn man die zerfetzten Körper zusammensucht, so man sie noch findet, wird das Ausmaß des Grauens verständlich.

Bigelows Blick ist kühl. Sie registriert, zu was Menschen fähig sind. Da wird ein toter Junge in einer Bombenwerkstatt aufgeschnitten und als „Körperbombe“ präpariert, einem Unschuldigen wird eine mit Stahlschlössern gesicherte Sprengladung umgebunden, die die Amerikaner nicht mehr rechtzeitig entfernen können, was für den Betreffenden das Todesurteil ist. Für die Soldaten, die das Drama mit ansehen, ist es Tagesgeschäft, sie entschuldigen sich bei dem Mann und ziehen sich dann in sichere Distanz zurück. Das menschliche Drama wird zwar wahrgenommen – und schließlich auch in einem Gespräch zwischen James und seinem Kameraden Sanborn thematisiert – doch zu ändern ist es nicht. Bestenfalls kann der einzelne überlegen, ob er sich der Maschinerie des Krieges entzieht. James kann – und will – es offenbar nicht. Bigelow blickt aber auch über den Tellerrand der reinen Kampfhandlung und des soldatischen Alltags hinweg. Sie sieht die dahinter liegenden Mechanismen, die viel weitreichender sind, als es der einzelne einzuschätzen vermag. Auf einer Patrouille treffen James und sein Team auf einige Vermummte, die sich als Amerikaner entpuppen. Offenbar Söldner, Angestellte einer jener privaten Armeen, die gerade unter George W. Bush im Irak zum Einsatz kamen, namentlich ist hier die Firma Blackwater zu nennen. Die Männer haben Gefangene gemacht, die sie bei einem Fluchtversuch kaltblütig töten, da diese tot oder lebendig ein Kopfgeld einbringen.

So zeigt THE HURT LOCKER den Krieg auch als Geschäft, Menschen als Ware, das Leben als Kollateralerscheinung in einem Wirtschaftskreislauf. Jeder verdient daran – die einen üben ihren Beruf aus, die andern jagen Menschen, die nächsten verkaufen DVDs und Getränke an die Soldaten, wieder andere liefern die nötigen Waffen und die Munition, die im Kampf gebraucht werden usw. Auch das scheint Bigelow in ihrem Film schlicht festzustellen. In der geschilderten Szene mit den Söldnern, kommt jene oben erwähnte Präzisionswaffe zum Einsatz, mit der Sergeant Sanborn einige in großer Entfernung befindliche gegnerische Kombattanten tötet. Es ist dieser fast kalte Blick auf das Geschehen, der den Zuschauer härter trifft, als es jedes moralische Gewichten dessen, was man da sieht, je erreichen könnte. Durch das Zielfernrohr an Sanborns Waffe sehen wir, wie die großkalibrigen Geschosse die Körper zerrreißen. Bigelow und ihr Film zeigen, ohne offen zu urteilen, sie nehmen keine Position zu dem Geschilderten ein, was den Film zwischenzeitlich schwer erträglich werden lässt.

THE HURT LOCKER, darin einem Film wie BLACK HAWK DOWN (2001) nicht unähnlich, verherrlicht den Krieg nicht, noch greift er ihn als sonderlich unmenschlich oder verbrecherisch an. Krieg ist in diesen Film ein fast natürlicher Zustand, was wiederum mit der Aussage, daß er für einige zur Droge, zur Sucht werden kann, korreliert. Anders, als Ridley Scott in BLACK HAWK DOWN, der auf einer wahren Begebenheit beruht, emotionalisiert Bigelow den Zuschauer allerdings weitaus weniger. Ihr Film ist so gesehen auch weniger manipulativ, sieht man von der Tatsache ab, daß er völlig aus amerikanischer Perspektive geschildert wird. Er lässt dem Zuschauer aber weitere Korridore, selbst zu beurteilen, was er da sieht. Ob wir gutheißen, wie auch in unserem Namen in der Fremde verfahren wird, ob wir verurteilen, wie in unserem Namen an weit entfernten Orten gekämpft und getötet wird, das müssen wir letztlich immer selbst entscheiden.

Aber ein Film wie THE HURT LOCKER – und das macht ihn noch schwerer erträglich – lässt uns auch spüren, daß dieses unser Urteil völlig belanglos ist. Genauso belanglos, wie die Toten auf beiden Seiten. Die Iraker, die bei Selbstmordanschlägen ihrer Landsleute oder eben als Kollateralschäden in den Straßenkämpfen getötet werden, zählen ebenso wenig, wie die toten Amerikaner, die nun einmal Soldaten sind und sich für diesen Beruf, der den eigenen Tod mit einkalkuliert, entschieden haben. Meist ist es zu spät, wenn die Erkenntnis kommt, daß das Leben doch mehr zu bieten haben muß. Specialist Eldridge muß es schmerzhaft mit einem zerschmetterten Oberschenkel lernen, Sanborn hingegen stellt sich nach einem letzten Gefecht, kurz bevor die Kompanie nachhause abrücken darf, die Frage, ob er wirklich schon sterben will. Nicht mal ein Kind habe er, erklärt er James. Der weiß zu dem Zeitpunkt schon längst, daß er den Krieg, den Nervenkitzel, die Angst und das Adrenalin wahrscheinlich mehr braucht, als seine Familie und ein friedliches Leben daheim.

So wird THE HURT LOCKER zu einer sachlichen Bestandsaufnahme einer Nation und Gesellschaft, die ununterbrochen Kriege führt, die Menschen das Todeshandwerk wie Fließbandarbeit ausüben aber ebenso ungerührt sterben lässt, eine Gesellschaft, die den Krieg möglicherweise auch braucht, weil er längst ein sich selbst befeuerndes, sich verselbstständigendes System geworden ist. Um dieses System zu füttern, muß man den einzelnen entfremden, er muß Empathie ablegen, darf sich nicht zu sehr auf zwischenmenschliche Belange einlassen, wie James´ Verbindung mit dem jungen DVD-Verkäufer beweist, als letzterer entführt und scheinbar getötet wird. Als sich dies als Irrtum herausstellt und James ihn wiedertrifft, geht der Soldat wort- und grußlos an dem Jungen vorbei. Seine Sorge um ihn hat ihm nichts als Ärger – sowohl beruflich, wie emotional – eingebracht, was er, was man sich nicht leisten kann, will man überleben. So muß dieses System Menschen dazu bringen, ihr Tun nicht wirklich zu hinterfragen – er denke nicht über die Gefahr nach, antwortet James Sanborn auf dessen Frage, wie er dem Druck standhalte – sondern es als einen ganz „normalen“ Zustand und Beruf begreifen lassen.

THE HURT LOCKER stellt das vordergründig nicht in Frage. Er tut aber eben nicht so, als habe dieses System, dieses Verhalten, keinen Preis. Vielmehr benennt er diesen Preis. Ob wir bereit sind, ihn zu zahlen, müssen wir dann selber wissen.

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