MACHANDEL

Ein mutiges und kluges Buch über ein untergegangenes Land

Wollte man die Literatur, die in den 90er, den Nuller- und späteren Jahren erschien und die sich mit der DDR beschäftigte grob unterteilen, könnte man sagen, daß es jene gab, die sich mit den unmittelbaren Umbrüchen der Wendezeit beschäftigten – und sich häufig den Problemen und Erfahrungen der Jüngeren zuwandten – und jene, die sich ernsthaft reflektierend mit der Geschichte der DDR als Ganzes auseinandersetzte. Eugen Ruge, Matthias Wegehaupt, Christoph Hein oder Christa Wolf haben Werke dazu vorgelegt.

Regina Scheer gelingt in MACHANDEL (2014) eine Art Spagat zwischen beidem: Sie erzählt vom Ende der DDR, davon, wie in den letzten Jahren vor dem Mauerfall die Atmosphäre immer bedrückender wurde, wie der Stillstand des Landes alles und jeden zu lähmen schien und wie darin eben doch einige Reformieren wollten, bereit waren, immer größere Risiken einzugehen, sich hervorzuwagen, um das Land doch noch voran zu bringen. Zugleich erzählt Scheer aber auch vom Aufbruch in dieses Land, vierzig Jahre zuvor. Davon, wie die Kommunisten, die teils unter Lebensgefahr gegen die Nazis gekämpft, die in den KZ gesessen und Stalins Terror in Moskau überlebt hatten in dieses zerstörte Land zurückkehrten und hofften, den Menschheitstraum von der großen Gleichheit und der Gerechtigkeit zu verwirklichten – und wie sie daran scheiterten und mehr und mehr zum Abziehbild jener wurden, die sie zuvor bekämpft und, wie sie glaubten, besiegt hatten.

Scheer hat ein mutiges Buch geschrieben, das sich viel vornimmt und fast alles hält, was es verspricht. Aus der Sicht von Clara, die das Ende der DDR sehr bewußt miterlebt, sich im kirchlichen Widerstand engagiert und von einem besseren Sozialismus träumt, wird der Hauptteil der Geschichte erzählt. Sie, die Tochter eines hohen Funktionärs, gerät ebenso in den Fokus der Staatssicherheit, wie ihre Freunde, sie schildert, mit welchem Zynismus, welcher psychischen und physischen Brutalität gegen jene vorgegangen wurde, die von einem anderen und besseren sozialistischen Staat träumten (im Gegensatz zu jenen, die einfach nur raus wollten aus diesem Land, das sie als Gefängnis empfanden, die aber ebenso drangsaliert wurden – ein Konflikt innerhalb der Protestkultur, den Scheer ebenfalls thematisiert). Vor allem aber berichtet Clara von Machandel, einem (imaginären) Dorf irgendwo im Mecklenburgischen, in welches ihre Mutter und Großmutter auf der Flucht vor der Roten Armee kamen, wo sie zur Ruhe kommen konnten und wo auch Hans, Claras Vater, unterkam, nach der Flucht von einem der Todesmärsche der Nazis. Hier lernten sich der viel ältere Mann und die junge Frau aus Ostpreußen kennen, ob sie sich liebten, lässt der Roman offen. Clara und ihr viel älterer Bruder Jan zumindest sind die Ergebnisse dieser Verbindung.

Machandel ist aber auch für eine Reihe weiterer Figuren des Romans ein Fluchtpunkt. Einige dieser Figuren lässt Scheer ebenfalls in Einzelkapiteln zu Wort kommen. Da ist einmal Natalja, eine aus der Sowjetunion verschleppte junge Frau, die in Machandel zumindest ein kleines Glück fand. Da ist Hans, Claras Vater, aus dessen Erzählung viel von dem Schmerz hervortritt, von dem nach 1989/90 nicht mehr viel gesprochen wurde – dem Schmerz jener, die 1945 zurück- oder aus den KZ kamen und wirklich an den Aufbau eines besseren Deutschlands glaubten, Männer und Frauen, die unter Einsatz ihres Lebens gegen den Nationalsozialismus gekämpft hatten. Darunter auch Männer wie Erich Honecker und Erich Mielke, Namen, die man heute eigentlich nur noch verächtlich in den Mund nehmen darf, hinter denen aber Biographien stehen, die von etwas anderem erzählen als jene versteinerten Gesichter geistiger Kleinbürger, die die später Geborenen gerade mit einem Erich Honecker verbinden. Hans berichtet aber auch – und die Historikerin Regine Scheer wird hier sehr genau wissen, wovon sie spricht – von etlichen Vergessenen, die sowohl im Untergrund als auch in den ersten Jahren der DDR wichtig waren. Es kommt Herbert zu Wort, ein enger Freund von Clara, dessen Familie durch die Machenschaften der Stasi geradezu vernichtet wurde und der sich doch eine ruhige Lebenszuversicht bewahrt hat und nach der Wiedervereinigung u.a. nach Claras verschwundenem Bruder Jan sucht, der die DDR nach einem Prozeß verließ, der ihm wegen der Fotos, die er im Prager Frühling 1968 schoss, gemacht wurde. Und schließlich kommt Emma zu Wort, eine Dame aus Hamburg, die nach den verheerenden Bombenangriffen auf die Stadt im Jahr 1943 floh, in Machandel landete und sich hier einer Schar Kinder annahm, die elternlos vor sich hinvegetierte.

So wechselt sich immer Claras Stimme mit einer der anderen ab und nach und nach setzt sich für den Leser aus vielen kleinen Hin- und Verweisen das Bild einer Zweck- und Zwangsgemeinschaft in dem Örtchen Machandel zusammen, das ein (scheinbares) Gesamtbild, ein Panorama bietet. Allerdings ist es ein brüchiges Bild, eine brüchige Erzählung, die da aufbereitet wird. Denn Scheer lässt ihre Erzählstimmern einander durchaus widersprechen. Ohne einen auktorialen Erzähler einzufügen, weiß der Leser ab einem gewissen Punkt der Lektüre mehr als die einzelnen Protagonisten. Der allwissende Erzähler entsteht also erst während der Lektüre im Kopf des Rezipienten. So wird hier auch eine Meditation über das Wesen der Erinnerung, deren Unsicherheit und auch die Verdrängung geboten, die in uns allen arbeitet. Mit leichter Hand gelingt es der Autorin, den Alltag sowohl unter der Naziherrschaft als auch unter dem Kommando der sowjetischen Besatzungsmacht zu schildern. Und anhand einer Figur wie Wilhelm, der dem einen wie dem andern Herrn diente, ein Mann, der für einige Abscheulichkeiten verantwortlich war, die während des 3. Reichs auch in Machandel geschahen, wird nachvollziehbar, wie es einigen gelang und immer gelingt, den Kopf über Wasser zu halten. Scheinbare Nebenaspekte, die doch so wesentlich sind, um ein Gesamtbild dieses Landes und der Gesellschaft, die es formte und die durch das Land geformt wurde, zu erhalten.

Das ist ein großer Wurf, der seinerzeit auch dementsprechend gewürdigt wurde. Hier wagt eine Autorin einiges, geht aufs Ganze – und gewinnt. Allerdings, dieser Kritikpunkt sei erlaubt, gelingt es ihr bei ihrer multiperspektivischen Erzählstruktur nicht zwingend, ihren verschiedenen Erzählern wirklich unterschiedliche Stimmen zu verleihen. Das hilft dem Leser, wird der Erzählfluß doch kaum unterbrochen durch die Wechsel der Erzählenden, doch bleibt das Artifizielle dieser Struktur, die Konzeption, die dahintersteckt, immer spürbar. Das kann man kritisieren, den Wert des Buchs mindert es aber keineswegs. Denn was und wovon Regina Scheer zu berichten hat, den Stoff, den sie da bewältigt, mehr noch wie sie ihn bewältigt, das bleibt.

Dies ist einer der Romane, die einem Land Gerechtigkeit widerfahren lassen, welches in der Erinnerung (meist jener, die nicht dort lebten) entweder verdammt und lächerlich gemacht oder aber in einer nostalgischen Rückschau (derer, die es er-lebten und es auch vermissen) verklärt wird zu einem Sehnsuchtsort, den es so eben auch nicht gegeben hat. Es ist ausgesprochen mutig, einem Mann wie Claras Vater Hans eine Stimme zu geben und dessen Erinnerungen eben nicht der Lächerlichkeit preiszugeben oder als Lebenslüge und grundsätzlichen Irrtum abzutun, sondern gerade in den Erinnerungen dieses Mannes aufzuzeigen, welche Träume und Hoffnungen einmal am Beginn dessen standen, was die DDR werden sollte. Vielleicht ist dies das größte Verdienst dieses Romans.

Scheer lässt sich nie korrumpieren, sie bleibt streng und zeigt die Biographien von Menschen, die für sich, in ihrem Alltag in diesem Land, ein recht gutes Auskommen hatten, sie zeigt Menschen, die eben „ganz normale Leben“ führten, sie zeigt aber auch, wie korrupt dieser Staat schließlich war, mit welchem Zynismus er gegen die eigenen Bürger vorging und weshalb dieses Land so, wie es sich präsentierte, irgendwann nicht mehr auszuhalten war. Ein sehr, sehr nachdenklich machendes Buch.

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