STIMMEN DES ABENDS/LE VOCI DELLA SERA

Ein stiller Roman aus den Nachkriegsjahren

Vielleicht handelt Literatur so oder so in den allermeisten Fällen von Familien. Von ihren Geschichten, ihren Geheimnissen und den Zerwürfnissen, die sie auseinandertreiben. Wenn dem so ist, sollte man Natalia Ginzburg allerdings einen Platz auf den vorderen Rängen der Autoren großer Familiengeschichten einräumen. Einen Ehrenplatz sozusagen. Denn es war ihr wohl eines der größten Vergnügen, sich Familiengeschichten auszumalen. Ihre frühen Romane erzählen oft wortreich von bürgerlichen Bünden, erst später fand sie zu jenem Stil, der sie berühmt machen sollte – der reduzierten Sprache, den genauen Beobachtungen, die oft in wenigen Sätzen, in einigen Dialogzeilen skizziert wurden. Genau so funktioniert STIMMEN DES ABENDS (LE VOCI DELLA SERA; original erschienen 1961; Dt. 1964/1996).

Die junge Elsa lebt mit ihrer Familie in einem norditalienischen Dorf. Das Dorf wird überschattet von der „Fabrik“, in welcher Stoffe hergestellt werden. Sie gehört den De Francisci und gibt nahezu allen Bewohnern Arbeit. Der Vater von Elsa arbeitet dort als Jurist und in der Buchhaltung. Elsa ist unverheiratet, was ihrer Mutter Sorge bereitet. Doch ist die junge Dame, die in Ginzbergs Roman als Ich-Erzählerin fungiert, viel zu zurückhaltend, um ihr eigenes Los zu beweinen – was sie nicht nötig hat, da sie sich den Konventionen nicht beugen mag – oder die eigene Geschichte übertrieben auszustellen. Viel mehr interessiert es sie, dem Leser die Familiengeschichte der De Francisci´ zu erzählen – und die Wechselwirkung mit dem Dorf. Trotz der ländlichen Umgebung, sind dies bürgerliche Geschichten aus zutiefst bürgerlichen Leben.

Der Leser erfährt vom alten Balotta, dem die Fabrik gehört, der sie aufgebaut hat, der ein Sozialist war, der mehrere Kinder – Jungen wie Mädchen – hatte und den Waisen Purillo aufnahm. Purillo schließt sich den Schwarzhemden, den Faschisten, an, rettet aber den Alten, als es drauf ankommt, und wird später die Geschicke der Fabrik lenken, nachdem die Söhne von Balotta entweder zu früh gestorben sind oder, wie Tommasino, nur wenig Interesse und auch kein wirkliches Gespür fürs Geschäft entwickelt haben. Tommasino wird mit Elsa eine Affäre beginnen und schließlich, ein wenig von ihr gedrängt, bei ihrem Vater um ihre Hand anhalten, bis beide merken, daß der Zauber ihrer Verbindung durch die offizielle Anfrage verflogen ist.

Diese Geschichte umfasst einige Jahre, wobei Ginzburg diese wie nebenbei verfließen lässt. Ihr Erzählen erinnert an die Art, wie in Dörfern getratscht wird, sie bedient sich eher der Anekdote, als daß sie den roten Faden einer durchgehenden Geschichte spinnt. Und es geht ihr auch keinesfalls darum, den Leser mit spannenden Geheimnissen oder Zerwürfnissen zu unterhalten. Vielmehr ist es Ginzburg darum zu tun, dem Leser eben jene Konventionen, die Enge – auch die sprachliche Enge – vor Augen zu führen, die einer bestimmte Klasse, verstehe sie sich nun als sozialistisch oder nicht (wobei sie gerade auch den Salon-Bolschewismus der Bourgeoisie, der nach dem Krieg nicht nur in Italien verbreitet war, entlarvt und auch bloßstellt), innewohnt, ihr Leben, Handeln und Tun und vor allem das Denken prägt.

Das wird in der bereits erwähnten reduzierten Sprache und vielen Dialogen geschildert. Ginzburg nutzt dabei durchaus ungewohnte stilistische Mittel. Wenn sie bspw. seitenlang einen Spaziergang von Elsa und ihrer Mutter schildert, dabei aber immer wieder nur die Mutter reden lässt, dann wird die ganze Kommunikationsschwäche, die Sprachlosigkeit dieser Familien an diesem Beispiel spürbar. Denn keineswegs lässt sie die Mutter monologisieren, sondern in jeder Zeile beginnt eine neue direkte Rede. „Sie sagt:‘…‘“ – wobei die Inhalte oft nichts miteinander zu tun haben. Das ist Geplapper und dem Leser fällt es manches Mal schwer, dies auszuhalten. Womit genau der Effekt erzielt sein dürfte, den GInzbrug beabsichtigt. Menschen, Familienangehörige, die aneinander vorbeireden, leeres Gerede, kaum zu ertragen. Bildet sie hingegen die Dialoge zwischen den Eltern ab, wird es oft vollends kafkaesk, weil man hier Ehepartner beobachten (belauschen) darf, die im Grunde nicht mehr miteinander kommunizieren, sondern ein jeder nur noch den eigenen Worten folgen – und lauschen. Es dauert, bis man den leisen, vergnügten Humor, die Ironie darin erkennen, daraus herauslesen kann.

Es ist der Kunst Ginzburgs zu verdanken, daß es ihr in dieser Reduktion aber gelingt, eine ganze Klasse ebenso zu charakterisieren, wie es ihr auch glückt, individuelle Schicksale und Entwicklungen zu beschreiben. Leise, fast ohne Übergang, fein in den Text eingesponnen, beginnt ein Übergang von der leicht distanzierten Beobachtung der eigene und fremder Familien hin zur stillen Traurigkeit einer nicht erfüllten Beziehung. Da wird die Verletztheit der Betreffenden ebenso spürbar, wer der gesellschaftliche Blick auf eine gescheiterte Verlobung (oder Ehe, denn gescheiterte Ehen sind am Rande des Beobachteten ebenfalls zu erkennen). So schlägt Ginzburg einen Bogen vom Allgemeinen über das Spezifische zum Persönlichen und nimmt den Leser dabei mit, ohne daß dieser es unbedingt merkt.

Feine Prosa ist das, kongenial übersetzt von Alice Vollenweider. Ginzburg ist eine Stimme aus einer Vergangenheit, die langsam abgeschlossen wird. Jene Jahre des Nachkriegseuropas, die vielleicht 1989 schon zuende gegangen sind, die eine spezifische, genaue, oft sehr realistische Literatur hervorgebracht hatten, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, genau hinzuschauen auf die psychischen Dispositionen, die Bedingungen, unter denen dieser Kontinent mit den Folgen einer kollektiven Katastrophe weiter existieren konnte. Vielleicht hat das heute nicht mehr viel zu sagen – zu erzählen hat es jedoch eine Menge.

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