TAG DER GESETZLOSEN/DAY OF THE OUTLAW

Ein kleines, fast vergessenes Meisterwerk von André de Toth

Wyoming im tiefen Winter. Der Viehzüchter Blaise Starrett (Robert Ryan) reitet mit seinem Vorarbeiter Dan (Nehemiah Persoff) in das Kaff Bitters, um Vorräte für seine Ranch zu holen. Am Eingang zur Stadt bemerken die beiden einen Haufen Stacheldrahtrollen. Diese gehören dem Farmer Hal Crane (Alan Marshal), der im kommenden Frühjahr sein Land einzäunen will. Starrett hasst die Zäune, da er das Land als frei betrachtet und für seine Herden beansprucht.

Im Krämerladen von Vic (Donald Elson), in dessen Hinterzimmer seine Tochter Emine (Venetia Stevenson) Kaffee und Tee anbietet, treffen Starrett und Helen Crane (Tina Louise) aufeinander. Die Frau von Starretts Feind war früher seine Geliebte. Schnell kommt das Gespräch auf den Konflikt der Männer und Helen bittet Starrett, keine Gewalt gegen ihren Mann anzuwenden. Starrett hält sich zurück und lässt sie zynisch abblitzen.

Später, im kleinen Saloon der Stadt, in dem Starrett sich in einem Zimmer des angeschlossenen Hotels ein wenig Ruhe gönnen will, kommt es zu einer Begegnung zwischen ihm und Crane. Starrett verhöhnt sowohl Crane als auch dessen Freunde, die in seinen Augen Feiglinge sind und sich die Arbeit von Männern wie ihm, die früher vor Ort waren und das Land überhaupt erst bewohnbar gemacht hätten, zunutze machten.

Helen sucht Starrett erneut auf und fleht ihn an, es nicht auf ein Pistolenduell mit Crane ankommen zu lassen. Sie erklärt, daß Crane kein Feigling sei und sich deshalb auf eine Schießerei einließe, die er gegen den viel erfahreneren Starrett niemals gewinnen könne. Sie bietet sich Starrett sogar an. Doch der verweist sie des Zimmers.

Als er wieder in den Schankraum zurückkommt, kommt es wirklich zu der befürchteten Konfrontation. Crane bemerkt, daß Starrett seinen mittlerweile vollkommen betrunkenen Vorarbeiter anweist, das Kerosin, mit dem er die Stacheldrahtrollen in Brand setzen will, einzupacken. Die Situation eskaliert, doch genau in dem Moment, da eine gewalttätige Auseinandersetzung nicht mehr zu verhindern scheint, wird der Saloon von einigen Männern mit gezückten Waffen gestürmt. Sie entwaffnen Starrett und alle anderen Männer im Ort und übernehmen das Kommando.

Es ist ein versprengter Trupp von Unionssoldaten, die unter der Führung von Captain Jack Bruhn (Burl Ives) die Regimentskasse gestohlen haben. Sie werden von einer Schwadron der Kavallerie verfolgt und wollen in Bitters Kraft tanken und abwarten, bis das Wetter ihnen erlaubt, die Berge zu überqueren.

Bruhn ist duch eine noch in der Wunde steckenden Kugel schwer verletzt. Dennoch beweist er bei mehreren Gelegenheiten, daß er Autorität über seine Männer hat. Er befiehlt seinem Adlatus Gene (David Nelson) aufzupassen, daß vor allem die beiden Rowdys Tex (Jack Lambert) und Pace (Lance Fuller) sich nicht an den Frauen vergreifen, während Doc Langer (Dabbs Greer), eigentlich ein Veterinär, ihn operiert. Ebenso ordnet er an, daß Gene den Arzt töten solle, falls er die Operation nicht überlebt. Doch dazu kommt es nicht.

Die Männer des Ortes werden alle in Vics Laden zusammengetrieben, der junge Bobby (Michael McGreevey) dient den Verbrechern als Geisel, damit niemand auf dumme Gedanken kommt.

Während Bruhn sich erholt, kommt es zu einer gefährlichen Szene im Saloon: Tex und Pace quälen den Jungen, bis seine Schwester Emine hinzukommt, die sich den Anweisungen widersetzt hat und in den Saloon geeilt ist. Als sich die Männer nun an ihr vegrehen wollen, kommt auch Gene hinzu und beschützt sie.

Tex, Pace und der Indianer Denver (Frank DeKova) überlegen, ob sie den Captain nicht absetzen und selber das Kommando übernehmen sollen. Sie sind wütend, weil Bruhn ihnen sowohl den Schnaps verweigert, als auch, sich den Frauen zu nähern. Doch Bruhn kommt hinzu und stellt schnell die Verhältnisse wieder her.

Starrett hat derweil mit der Hilfe des lokalen Barbiers Larry Teter (Elisha Cook Jr.) einen Plan ausgeheckt, wie die Frauen aus der Stadt zu bringen seien. Doch vereiteln die von Bruhn eingesetzten Wachen das Vorhaben. Nun stimmt Bruhn – in einer Art Strafaktion – zu, daß der Schnaps ausgegeben wird und die Männer die Frauen zum Tanz in den Saloon holen können.

Es kommt zu einem ausgelassenen Vergnügen, bei dem Gene mit Emine tanzt und beide merken, daß sie sich mögen. Weniger vergnüglich ist die Angelegenheit für Helen, die von Tex und Pace abwechselnd wie eine Puppe durch den Raum geschleudert und nur durch Bruhns Einsatz davor bewahrt wird, daß mehr passiert.

Schließlich stoppt Starrett die Angelegenheit, indem er in den Saloon geht und Bruhn darüber aufklärt, daß das Wetter umschlage, die Männer nicht wegkämen, die Kavallerie die Anhöhe, auf der die Stadt liege, jedoch ohne Probleme erreichen könne. Er aber wisse einen Weg über die Berge, ohne daß man den Pass nutzen müsse. Bruhn versteht die Warnung und willigt ein, daß man am kommenden Morgen ausgeruht aufbreche.

Helen konfrontiert Starrett mit der Tatsache, daß es diesen Weg nicht gebe und er nicht nur die Männer, sondern auch sich selbst in höchste Gefahr bringe. Starrett erklärt ihr, daß er keinen Deut bessser sei als die Banditen, wenn er nicht dafür sorge, daß die Stadt in Sicherheit sei. Bruhn, der ebenfalls ahnt, daß Starrett ihn und seine Leute lediglich von der Stadt weglocken will, erklärt ihm, daß sie nun alle dem sicheren Tode entgegenritten. Starrett entgegnet, daß man es darauf ankommen lassen müsse.

Die Männer brechen auf, nachdem Gene sich von Emine verabschiedet und ihr versichert hat, eines Tages zurückzukehren.

Der Weg, den Starrett einschlägt, ist extrem beschwerlich, hoch liegt der Schnee, kaum kommen die Pferde, die bis zum Bauch darin versinken, voran. Der geschwächte Bruhn kann sich nur schwer im Sattel halten. Schneetreiben setzt ein und wird immer heftiger und dichter. Als eines der Pferde nicht mehr kann, erschießt einer der Männer es und fordert dann Gene, als jüngsten der Bande, auf, sein Pferd herzugeben und sich zu Fuß zur Stadt durchzuschlagen. Bruhn kann Gene nicht mehr verteidigen und stimmt der Forderung zu.

Der Rest der Männer setzt den Weg fort.

Schließlich bricht Bruhn zusammen und stirbt. Tex und Pace übernehmen das Kommando. Nachdem Starrett und Denver ihn begraben haben und zum Lagerfeuer zurückkehren wollen, erschießen Tex und Pace den Indianer. Auch den letzten verbliebene Kumpan, Vause (Paul Wexler), haben sie ermordet. Dieser hatte den beiden klar gemacht, daß, je mehr von ihnen sterben, umso größer die Beute für die Verbliebenen wird. Diese Eisnicht hat ihn das Leben gekostet.

Starrett lassen die beiden am Leben, da er ihnen den Weg über die Berge zeigen muß. Als die drei ein Nachtlager aufschlagen, bindet Starrett die Pferde los und treibt sie fort, selber rennt er in den Schneesturm, wo ihn Pace und Tex nicht finden können. Die Nacht vergeht. Den Banditen gelingt es nicht, im eisigen Wind, ein Feuer anzuzünden.

Am nächsten Morgen ist Pace erfroren und Tex merkt, daß er seine Hände nicht mehr bewegen kann. Starrett, der sich nahbei im Schnee eingegraben hatte, erscheint und nimmt sich eines der Pferde, die sich nicht allzu weit abgesetzt hatten. Tex verfolgt ihn, ist aber aufgrund seiner vollkommen steifen Hände nicht in der Lage, zu schießen. Starrett, ebenfalls unterkühlt, gelingt die Flucht. Tex bricht entkräftet zusammen und kriecht noch einige Meter hinter Starrett her, dann stirbt auch er.

Starrett kehrt in die Stadt zurück, wo er von den Bewohnern empfangen wird. Gene hat es ebenfalls geschafft. Dan erklärt Starrett, daß er Gene angeboten habe, auf der Ranch zu arbeiten. Starrett ist einverstanden. Er erklärt der erleichterten Helen, daß sie mit Crane glücklich werden solle, von ihm habe ihr Mann nichts mehr zu befürchten.

 

Wenn es je eines Beweises bedurft hätte, daß jene Regisseure Hollywoods, die oft eher geringschätzig als Handwerkerabgetan werden, als Fließbandarbeiter und Erfüllungsgehilfen der Studiobosse, sehr wohl eine eigene Handschrift gehabt haben, mehr noch, daß sie in der Lage gewesen sind, große Filme im Sinne von hervorragend, wenn nicht gar Meisterwerke zu produzieren, dann ist André de Toths DAY OF THE OUTLAW (1959) genau solch ein Beweis. Selbst, wenn es Leon Choolock gewesen ist, Chef der Second Unit und Assistant Producer des Films, der viele der beeindruckenden Außenaufnahmen verantwortet haben soll, ist dies doch ein wahrlich kleiner großer Film des „Handwerkers“ de Toth. Ein kurzer, fast schon knapper Film, der in einem ungewöhnlichen Setting eine intensive, bedrohliche Atmosphäre aufbaut und ohne Umwege eine harte, dramatische, schließlich fast tragische Geschichte erzählt. Robert Ryan und Burl Ives sind die Semi-Stars dieses eindeutig der B-Riege unter den Western der 50er Jahre zuzurechnenden Films. Gerade der Status als B-Western untermauert allerdings die These, daß  gerade iin dieser Riege oft die Perlen des Genres zu finden sind, abseits der ganz großen Budgets und der ganz großen Stars.

Angesiedelt im winterlichen Wyoming, erzählt de Toth von dem Konflikt einiger abgelegen lebender Rancher und Siedler, die an einem verschneiten Wintertag Besuch von einer Bande desertierter Soldaten der Union erhalten, die die Regimentskasse gestohlen haben und von einer Schwadron der Kavallerie verfolgt werden. Sie nehmen die gesamte Siedlung in Geiselhaft, belästigen die Damen, bedrohen die Männer und fliehen schließlich unter der Leitung des Ranchers Blaise Starrett in die Berge, wo sie nach und nach fast alle ein grausiges Ende finden. Doch versteht de Toth sein Handwerk nur allzu gut und baut einen Konflikt unter den Siedlern selbst in seine Story ein. Starrett, ein halsstarriger Mann, den Ryan mit der ihm eigenen Knurrigkeit gibt, droht dem Farmer Hal Crane, weil dieser sein Land im kommenden Frühjahr mit Stacheldraht zu umzäunen gedenkt, was Starretts Rinderherden die Bewegungsfreiheit rauben würde. Es ist – in der Realität der 1880er Jahre ebenso wie im klassischen Western – einer der Grundkonflikte des Westens, der immer wieder thematisiert wurde, am eindringlichsten wahrscheinlich in King Vidors Klassiker MAN WITHOUT A STAR (1955). Es ist ein ambivalentes Thema, da hier der amerikanische  Freiheitsdrang und Freiheitswille auf ein demokratisches Grundrecht stößt. Ein schwer lösbarer Konflikt. Im Falle von Blaise Starrett kommt hinzu, daß Cranes Frau seine ehemalige Geliebte ist.

Buch und Regie verstehen es, diese Konflikte und die Vielschichtigkeit der Konflikte in wenigen Dialogzeilen und einigen Szenen so zu etablieren, daß dies allein schon einen Film rechtfertigen würde. Es ist der Meisterschaft eines Regisseurs wie André de Toth zu verdanken, daß es aber gar nicht vieler Worte bedarf – obwohl die dann schon geäußert werden – , um Spannung aufzubauen und zu veranschaulichen, wie die unterschiedlichen Parteien zueinander stehen. Im Hinterzimmer des Krämerladens, wo Kaffee ausgeschenkt wird, versiegen sämtliche Gespräche, als die Anwesenden Zeugen werden, wie Blaise Starrett und seine ehemalige Freundin Helen aufeinander treffen. Ein Paradebeispiel für erzählerische Ökonomie, eben keine Worte fallen, sondern das aufkommende Schweigen im Grunde alles erklärt. In wenigen Minuten sind die Linien geklärt – hier der Rancher, dort der Farmer und dazwischen die Frau, die den einen liebt und den andern aus Vernunftgründen geheiratet hat. Sie fleht ihren ehemaligen Geliebten an, bietet sich ihm nahezu an, damit dieser ihren Mann nicht tötet. Und wirklich kommt es kurz darauf zu einer Situation, in der es potentiell zu einem Duell der Widersacher kommen kann, würde der Saloon nicht in diesem Moment von den abtrünnigen Unionssoldaten gekapert.

Es ist aber auch de Toths Können zu verdanken, all diese Figuren in ihrer Ambivalenz zu zeigen und sich auf keine der Seiten zu schlagen. Starrett wird von Beginn an als harter Mann gezeigt, der zu harten Maßnahmen zu greifen bereit ist und auch vor offener Gewalt nicht zurückschreckt. So will er die Stacheldrahtrollen, die in der Stadt gelagert sind und auf ihre Verwertung im Frühjahr warten, anzünden, offensichtlich ist er sogar bereit, es auf ein notfalls tödliches Duell mit seinem Widersacher ankommen zu lassen. Crane ist ein kleiner, eher durchschnittlich charakterisierter Mann, der auf sein verbrieftes Recht pocht, seine Farm zu schützen, zugleich aber auch in seiner Ehre gekränkt wirkt, weil er sich Starretts Verhöhnungen ausgesetzt sieht, er sei feige. Starrett hingegen erklärt in einer dramatischen Szene, daß Männer wie er das Land überhaupt erst urbar gemacht hätten und lange vor den Siedlern da gewesen seien und leitet dadurch natürliche Rechte auf das freie Land ab. So bleibt dieser dem Film immer zugrunde liegende Konflikt in der Schwebe. Starrett lernt erst durch die Auseinandersetzung mit den Banditen, daß er keinen Deut besser wäre als sie, würde er Crane, dem er mit der Waffe wahrscheinlich überlegen ist, töten. Es ist ein weiterer Clou des Buchs, diese Überlegenheit aber im Vagen zu lassen und nie auszuspielen. Wohl aber wird Starrett bei aller Ambivalenz und fehlender sympathischer Züge, die ihn ausmachen, ab dem Moment, da Jack Bruhn und seine Männer in der Stadt das Kommando übernehmen, als der Mann gezeigt, der sich mutig den Verbrechern in den Weg stellt und schließlich in einem selbstmörderischen Versuch, sie von der Stadt weg zu lotsen, auch dafür sorgt, daß vor allem die Frauen und Kinder sicher sind.

Neben Robert Ryan ist es auch Burl Ives zu verdanken, daß DAY OF THE OUTLAW auch schauspielerisch einiges zu bieten hat. Ives gibt den Kommandanten Jack Bruhn mit eben jener patriarchalen Arroganz, mit der er in einem Klassiker wie CAT ON A HOT TIN ROOF (1958) ‚Big Daddy‘ gegeben hatte, ebenfalls ein schwer kranker Mann, der seine letzten Dinge ordnen will. Bruhn beharrt trotz des Verbrechens, das er und seine Männer begangen haben, darauf, ein Ehrenmann zu sein. Er will sie davon abhalten, zu trinken und sich an den Frauen zu vergehen, er will aber auch vor einem Mann wie Starrett beweisen, daß seine Autorität noch funktioniert. Erst als er sich von den Siedlern hintergangen fühlt, lässt er seine Leute schalten und walten, wie sie wollen. Da er schwer verletzt ist, verliert er aber auch zusehends an Autorität. Zu spüren bekommt das schließlich auf der Flucht sein Protegé Gene, der Jungspund der Bande, den seien Kumpane sofort fallen lassen, als sie spüren, daß Bruhns Kräfte nachlassen. Ives versteht es, diesen Mann ebenso charmant und väterlich, wie bedrohlich und brutal wirken zu lassen. Das kommt vor allem in jener intensiven Szene zum Ausdruck, in der der Arzt der Stadt Bruhn die Patrone aus dem Körper operieren soll und dieser das Procedere ohne Betäubung über sich ergehen lässt. Seine Order zuvor sind eindeutig: Sollte er die Operation nicht überlegen, soll Gene den Arzt töten.

De Toth präsentiert gelegentlich fast surreal anmutende Szenen, wenn bspw. die Banditen die Frauen in den Saloon holen und mit ihnen tanzen. Dabei wird Helen Crane wie eine Puppe durch die Gegend geschleudert, während Gene mit der jungen Elaine wie ein Gentleman tanzt und auch Bruhn gelegentlich dafür sorgt, daß Helen Luft holen kann, wenn er sie gestelzt über das improvisierte Parkett führt. Wahnsinn liegt in der Luft, Enthemmung und permanente unterschwellige wie offene Gewalt. Doch vom filmischen Standpunkt aus machen vor allem die beeindruckenden Außenaufnahmen sowohl der Stadt, als auch von der späteren Flucht den Film so besonders, ja außergewöhnlich. In schwarz-weiß gefilmt, bietet DAY OF THE OUTLAW Momente, die ihn nahezu dokumentarisch wirken lassen. Wenn Kamermann Russell Harlan den Aufbruch Starretts und der Banditen aus einer Totalen einfängt, die auch die Stadt einbezieht, die die Männer verlassen, hat man den Eindruck, ein zeitgenössisches Foto aus dem späten 19. Jahrhundert zu betrachten. De Toth und seine Crew filmten im November und Dezember in Oregon, die verschneite Stadt, deren Bauten wie wahllos in die Landschaft gesetzt wirken, dürfte einer historischen Ansiedlung recht nahe kommen.

Aber mehr noch bekommt der Film seine Atmosphäre – eine durchgehend bedrückende, wenn nicht bedrohliche Atmosphäre, die eben auch und gerade den anfangs geschilderten Konflikten zwischen Starrett und dem Farmer Crane geschuldet ist – in den Einstellungen der Flucht der Bande. Die Pferde versinken bis zum Bauch in den hohen Schneewehen und kämpfen sich, sichtlich mühsam, durch das Gelände. Diese Momente sind von erhabener Grausamkeit, da die Männer sich und schon gar nicht die Tiere schonen. Zugleich bietet Harlan aber auch atemberaubend schöne Bilder: Die Wintersonne, die ihre blassen Strahlen durch die kahlen Bäume schickt, das gebrochene Licht, aber auch sein Glitzern auf dem frisch  gefallenen Schnee. Ist es allemal ungewöhnlich, einen Western im Schnee zu drehen – Anthony Mann bietet ein ähnliches Szenario in THE FAR COUNTRY (1954), der allerdings in Alaska spielt; Sergio Corbucci nutzt die schneebedeckten Berge in IL GRANDE SILENZIO (1968), um seinem Drama die nötige Schwere zu geben – , so wurde selten so eindringlich beschrieben, wie beschwerlich es gewesen sein muß, dieses Land zu bezwingen. Die Landschaften, durch die Starrett Bruhn und die Männer führt, sind so offensichtlich nicht geeignet, daß Menschen sich unter diesen Bedingungen darin aufhalten oder bewegen, daß der Zuschauer spürt, wie hart und lebensfeindlich dieses doch so schöne Land auch sein kann.

Der Western der 50er Jahre – gerade jene, die Anthony Mann mit James Stewart gedreht hat – bietet erstaunlich viel Sadismus und Gewalt. Und auch de Toth schreckt davor nicht zurück. Waren schon jene Szenen, in denen die Banditen einen kleinen Jungen bedrohen und verängstigen, nicht ohne eine gewisse Lust an unterschwelliger Gewalt, ebenso die bereits beschriebene Tanzszene, die ununterbrochen die Möglichkeit bereit hält, daß das alles viel zu weit gehen könnte, so sind es die Szenen unterwegs über die Berge erst recht. Hier erreicht de Toth kalte Höhen skrupelloser Brutalität. Gene wird, als eins der Pferde nicht mehr weiterkann und vom Reiter erschossen wird, seines Tiers verwiesen und in die Kälte hinaus geschickt; Bruhn, der schließlich im Schnee stirbt, kann von seinen Leuten weder Mitleid noch Gnade erwarten; der Indianer Denver wird erschossen und der letzte verbliebene Kumpan von Tex und Pace umgebracht, nachdem er sie auf die Idee gebracht hat, daß jeder tote Kumpel auch bedeutet, daß für die Überlebenden mehr von der Beute übrig bleibt. Das Katz und Maus-Spiel, daß Starrett dann mit den Männern im dichten nächtlichen Schneetreiben veranstaltet, indem er sich absetzt, die Pferde freilässt und die beiden verbliebenen Banditen, denen es nicht einmal gelingt, im Sturm ein Feuer anzuzünden, der Kälte aussetzt, ist an gehässiger Grausamkeit kaum zu überbieten. Am Morgen nach dem Sturm ist Pace erfroren und Tex gelingt es nicht mehr, auf Starrett zu schießen, weil seine Hände völlig versteift sind. Schließlich kriecht der sterbende Bandit hinter Starrett, dem es gelungen ist, eins der Pferde einzufangen, durch den Schnee, bis er entkräftet zusammenbricht. Kein Shoot-Out, kein ehrenhaftes Duell, nicht einmal ein angemessen gewaltsames Ende für einen Verbrecher – auch Tex erfriert und Starrett lässt ihn in der Wildnis zurück.

Nichts an DAY OF THE OUTLAW ist wirklich versöhnlich. Der Film präsentiert ein hartes Land, dessen Bewohner unter harten Bedingungen versuchen, sich ein Stück Heimat zu schaffen. Daß Gene, der junge Bandit, den seine Kumpane ohne Pferd in die eisige Einöde geschickt hatten, überlebt und – er hatte sich am Abend zuvor als derjenige unter Bruhns Männern erwiesen, der sowohl den jungen Bobby als auch Emine zu schützen versuchte – nun in der Gemeinde der Siedler Aufnahme zu finden hofft, ist eines der wenigen Zeichen, daß hier eine gewisse Zivilisiertheit einkehren kann. Auch Starretts Einsicht, selbst keinen Deut besser zu sein als die Verbrecher, wenn er Crane tötet, weist in diese Richtung. Doch sind die Bilder und Ereignisse, die uns der Film zuvor geboten, zu stark, als daß uns das Ende des Films  vergessen ließe, wie brutal diese Gesellschaft sein kann.

DAY OF THE OUTLAW verweist mit all diesen Härten, der kargen Landschaft und der ebenso kargen Inszenierung durch André de Toth schon eindeutig auf die kommenden Entwicklungen im Genre. Vor allem der Italowestern wird hier bereits antizipiert. Dadurch wirkt dieser Film weitaus moderner und zeitgemäßer, als so manche überladene Großproduktion, wie bspw. Edward Dmytryks WARLOCK (1959), der im selben Jahr entstand. Unter den vielen Western, die de Toth – darunter sechs mit Randolph Scott – in seiner Karriere drehte, ist DAY OF THE OUTLAW wahrscheinlich der beste. Stringent, klar und ohne Umschweife auf den Punkt inszeniert, entfaltet der Film sowohl mit seinen Bildern, als auch den Konfliktlinien eine ungeheure Wirkmacht. Besser kann es mit einem sehr kleinen Budget (ca. 400.000 $), wenigen Stars und unter den gegebenen Bedingungen der Produktion kaum gelingen.

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