WEISS/WHITE

Bret Eaton Ellis erläutert die Position eines männlichen Weißen, der Angst vor Denkverboten hat

Eins der momentan häufig bemühten Topoi in der sich stetig verschärfenden gesellschaftlichen Auseinandersetzung ist der des „alten weißen Mannes“. Der ist – wie die Bezeichnung ja unmißverständlich verdeutlicht – eben weißer Hautfarbe, meist heterosexuell, alt, wobei der Begriff dehnbar ist, je nach Laune kann es also auch schon 40jährige treffen, und meist schlecht gelaunt. Früher nannte man sowas „grumpy old men“ und Jack Lemmon und Walter Matthau waren das Paradebeispiel dafür, wenn man eines brauchte. Wie die meisten Topoi und Klischees, ist auch dieses mit Vorsicht zu genießen, sind Inklusion und Exklusion dabei doch nur schwer zu entziffern. Wahr ist, daß die patriarchale Herrschaft langsam ihrem Ende entgegen geht und wie immer, wenn eine Gruppe ihre Privilegien verliert, setzt sie sich zur Wehr. Der amerikanische Kult-Autor Bret Easton Ellis hat in seinem ersten Sachbuch – eher einer Ansammlung lose miteinander verbundener Essays – die Innensicht eines dieser „alten weißen Männer“ abgeliefert, wobei hier deutlich anzumerken ist, daß es sich vor allem um einen privilegierten weißen Mann am Ende seiner mittleren Jahre (Ellis ist 58) handelt.

Diese Vorrede vor allem deshalb, weil Ellis sein Buch WHITE betitelt hat. Erschienen 2019, handelt es allerdings eher immanent von den weißen Männern. Worum es Ellis viel eher geht, das sind Meinungs- und vor allem Kunstfreiheit. Unterteilt in einzelne Kapitel mit Überschriften wie EMPIRE, SCHAUSPIELEN oder GEFALLEN, gibt Ellis nicht nur eine Werkschau in eigener Sache zum Besten, sondern berichtet auch aus der neuen Zeit, in der etliche Minderheiten Opferstatus für sich reklamieren und daraus Sprach- und Handlungsoptionen ableiten. Im weitesten Sinne also das, was wir einst „political correctness“ nannten und die einmal damit begann, eine gewisse Etíkette im Umgang mit anderen, vor allem mit Vertretern religiöser, sexueller oder ethnischer Minderheiten, zu wahren. Daß daraus einmal eine Situation erwachsen würde, in der man vor einem verhuschten Kuss praktisch ein Antragsformular ausfüllen muß, damit anschließend bloß kein justiziables Problem – sexuelle Nötigung etc. – entsteht, hätte sich kaum wer erträumen können. Ellis schildert – und damit fängt das Dilemma mit den Klischees und Stereotypen schon an – etliche seiner Probleme mit der LGBT-Gemeinde, für deren Geschmack er zu häufig abweichende Meinungen äußert. Ellis ist also nicht einfach ein „angry white male“, der nach den eben benannten Maßstäben einzuordnen wäre, sondern er weicht vom Schema schon dadurch ab, daß er ein schwuler, weißer, privilegierter Mann mittleren Alters ist.

Seine Beschwerde reicht jedoch weit darüber hinaus. Im Nachklapp der Wahl Donald Trumps zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten, türmte sich die Empörungswelle im Lager der Liberalen und wirklichen Linken in den USA zu Tsunamistärken auf. Hatte man schon im Wahlkampf, ja schon während der Vorwahlen, nicht damit gerechnet, daß dieser Pöbler und Rowdy eine wirkliche Chance habe, Kandidat und dann schließlich wirklich Präsident zu werden, verhieß seine Wahl dann den Untergang des Abendlandes. Freundschaften zerbrachen, Ellis schildert eindringlich, wie es gerade in einer liberalen Hochburg wie Südkalifornien nahezu unmöglich wurde, sich neutral, sachlich, abwägend zu äußern. Für einen dezidierten Nichtwähler wie ihn ein schwieriges Unterfangen. Offen gibt er zu, sich nicht sonderlich für Politik zu interessieren, eher an ästhetischen, denn an sozialen oder gar dezidiert politischen Fragen interessiert zu sein und zudem auch in Trumps Agenda durchaus bedenkenswertes gefunden zu haben. Doch nach dessen Wahlsieg schien eine normale Auseinandersetzung über das, was da passiert war und wie es dazu kommen konnte und was diese Wahl möglicherweise für die Zukunft zu bedeuten haben könnte, nicht mehr möglich. Selbst in seiner eigenen Beziehung zu einem deutlich jüngeren Mann, der ob Trumps Triumph in Depressionen verfällt, zwischen Auswanderungs- und Mordgelüsten oszilliert und ansonsten dem großen Kater anheimgefallen ist, ist eine sachliche Auseinandersetzung, ja selbst eine hitzige Diskussion, kaum mehr möglich. Alles läuft auf die Frage hinaus, wie man es mit dem Präsidenten hält – dafür oder dagegen?

Also macht Ellis sich in seinem gut 320 Seiten starken Buch auf die Suche nach den Entwicklungen in einem Amerika, an dessen kulturellen Wandel er und seine Generation nicht ganz unbeteiligt gewesen sind. Einst als Debütant mit seinem Roman LESS THAN ZERO (1985) direkt in den Status des literarischen Hoffnungsträgers katapultiert, mit seinem dritten Roman AMERICAN PSYCHO (1991) dann zum Kultautor einer ganzen Generation avanciert, der das definitive Buch über die 80er Jahre geschrieben habe, dabei aber auch Ausblicke auf eine sich zunehmend immer radikaler an Oberflächen und Als-Ob-Wahrheiten orientierenden Gesellschaft offenbare, wurde es im Laufe der 90er Jahre stiller um einen der maßgeblichen Vertreter der Generation X (Douglas Copeland). Das lag sicherlich an den teils jahrelangen Intervallen zwischen zwei Büchern, aber ebenso daran, daß weder THE INFORMERS (1994), noch GLAMORAMA (1998), und auch LUNA PARK (2005) nicht mehr die Kraft und Vision hatten, die die frühen Werke so aufregend machten.

Es sind dann auch die ersten drei seiner Werke, auf die Ellis hier immer wieder rekurriert, die er als Referenz für gesellschaftliche, kulturelle und ästhetische Veränderung (gerade in den Metropolen wie New York und Los Angeles) heranzieht. An denen er aber auch die eigene Entwicklung als Mensch und Künstler misst. So sind diese Kapitel auch interessanter, als jene, die sich direkt mit den Auseinandersetzungen um falsch verstandene Tweets, mißdeutete Aussagen auf Social-Media-Plattformen oder den Ärger in direkten Gesprächen mit Freunden befassen. Seine Erklärungen, wie er zu seinen Themen kam, wie er selber die Kontroversen gerade um AMERICAN PSYCHO einordnet, wie er das Buch nach fünfundzwanzig Jahren (und mehr) vergangener Zeit seit der Erstveröffentlichung beurteilt, was aus Patrick Bateman wohl geworden wäre oder wie er ihn angelegt hätte, wenn er das Buch 1999, 2008 oder heute geschrieben hätte, sind Kunst und Kultur reflektierende und sprachlich fesselnde Kapitel.

Seine Beschäftigung mit den Veränderungen in der amerikanischen Kultur generell sind äußerst spannend. Die Beschreibung der Entwicklung dessen, was er das „Empire“ nennt – jene (pop)kulturelle Hegemonie, die die USA nach 1945 erreichten und für die hier stellvertretend Frank Sinatra steht – hin zum „Post-Empire“, jener Zeit, in der durch die Digitalisierung die Aufmerksamkeitsspannen und -möglichkeiten für etablierte Künstler und solche, die es werden wollen, enger geworden sind, ist spannend zu lesen und teils atemberaubend in der Analyse. Zugleich hat im neuen Jahrtausend eine kulturelle und künstlerische Demokratisierung eingesetzt, durch die ein jeder nun sein eigener Kritiker – oder gar Star – sein kann, sich die allgemeine Aufmerksamkeit nicht mehr auf einzelne Vertreter richtet, sondern fragmentiert. Ellis´ Schlußfolgerungen leuchten ein und auch, wenn man während der Lektüre gelegentlich den Eindruck gewinnt, daß sich einiges wiederholt, gar redundant anmutet, kann man ihm in vielerlei Hinsicht durchaus zustimmen, gerade weil seine Argumentation so schlüssig ist. Allerdings ist Vieles daran nicht zwingend neu. Aufmerksame Beobachter der kulturellen Entwicklungen wissen um diese Veränderungen und ihre Auswirkungen. Hier allerdings betrachtet sie ein amerikanischer Künstler unter spezifisch amerikanischen – also noch hysterischeren als den europäischen – Bedingungen.

So entsteht über die Spanne von acht Kapiteln unterschiedlicher Länge ein interessantes, packendes und in der Analyse einleuchtendes Bild der kulturellen Entwicklung der USA seit den späten 80er Jahren. Damals schlug der Reagan-Konservatismus endgültig durch und die Phase neoliberaler ökonomischer Entfesselung begann. Ellis, auch wenn er wieder und wieder behauptet, seinerzeit angewidert gewesen zu sein von der Leere und Entfremdung, die mit den Yuppie-Partys in den angesagten New Yorker Clubs einherging, war und bleibt mit seinen Werken ein Kulminationspunkt genau jener Jahre. Als Kind der Postmoderne bediente Ellis als Autor immer das ambivalente und ironische Gefühl, etwas zugleich zu feiern und abzulehnen. Genau diese Haltung – und da kommt man als Leser an den Punkt, der die Lektüre von WHITE eben auch kritisch werden lässt – vertritt der Autor aber nach wie vor.

Sicher hat er recht, wenn er beschreibt, wie die vielleicht einmal gut gemeinte und auch berechtigte political correctness zunächst in eine übermäßige Identitätspolitik kleiner und kleinster Gruppen und Minderheiten mündete, die dazu führte, sich immer mehr über die Dinge zu definieren, die man nicht ist – oder sein kann. Exklusion also. Und sicher hat er auch recht damit, daß das zunehmende Schwarz-weiß-Denken zu Sprech-, manchmal gar Denkverboten führt, die berühmte Schere im Kopf begünstigt und einem offenen Diskurs, dem klaren und analytischen Abwägen von Argumenten nicht zuträglich ist. Alles richtig – aber alles soweit auch bekannt und lange schon eingepreist. Ellis reflektiert aber nur gelegentlich auf die eigene Sprechposition. Er ist nun einmal Sprössling der gehobenen, wohlhabenden weißen Mittelklasse, wenn nicht schon Oberschicht. Und sein Werdegang hat es ihm ermöglicht, in genau diesem Kosmos nicht nur zu verweilen, sondern auch zu reüssieren und immer weiter die Leiter zu den Celebrities und Stars zu erklimmen.

Und so frönt er einerseits seiner Eitelkeit, wenn er uns ununterbrochen von Mittagessen und Abendessen und Wochenenden mit Quentin Tarantino, Judd Nelson und Unmengen ungenannter Film- und Musikproduzenten berichtet, von seinen Treffen mit Kanye West und wie er diesen bei dessen Pro-Trump-Tweets und seiner Attitüde des Weltenherrschers unterstützt habe. Zugleich aber definiert Ellis damit den Standpunkt jener hauchdünnen Minderheit (sic!), der es letztlich sowieso egal sein kann, wer Präsident ist, weil sie im allerschlimmsten Fall über entsprechende Nummernkonten in einschlägigen Regionen der Welt verfügt, das Land also jederzeit verlassen und sich anderweitig nach sicherem Grund umsehen kann. Es ist die Position dessen, der sie soziale Realität hinter den knallharten Entscheidungen in Washington wahrscheinlich als letzter zu spüren bekommt, Seine Authentizität als betroffener Sprecher leitet sich lediglich aus seiner Homosexualität ab, die er dann auch entsprechend nutzt, um seinen Standpunkt zu untermauern. Er ist ja schließlich ebenfalls einer der größeren Minderheiten in der Gesellschaft zugehörig. Daß er aber auch innerhalb der gay community eine herausgehobene Position einnimmt, eine Position, die es ihm durchaus erlaubt, sich zurückzulehnen und eine „warten wir´s mal ab“-Haltung einzunehmen, reflektiert er, wenn überhaupt, nur unwillig und beiläufig. Hier scheint die Devise zu lauten: Auch ich als Privilegierter habe das Recht, zu all diesen Dingen Stellung zu beziehen und diese Stellung leite ich nun einmal ganz subjektiv aus meiner Erfahrung ab.

Und natürlich hat er damit recht. Er muß wahrscheinlich nur ertragen, daß er Widerworte hören wird, daß seine Position auch weiterhin angegriffen und kritisiert wird. Solange dieser Punkt geklärt ist, solange man diesen Punkt mitdenkt, macht es jedoch großen Spaß, seinen Gedanken hinsichtlich der Defizite eines Filmes wie MOONLIGHT (2016) zu folgen, zu verstehen, warum er die Bangles auch nach deren Riesenerfolgen Ende der 80er mochte und was die Spezifik von Tom Cruise und Charlie Sheen ausmacht und weshalb der eine für eben jenes „Empire“ steht, während der andere in seiner Scheißegalhaltung der perfekte Vertreter des „Post-Empire“ ist. Und für kluge Gedanken ist man in Zeiten wie diesen ja immer dankbar. Auch, wenn sie vielleicht nur zwei Drittel eines Werkes ausmachen…

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