WILD CHRISTMAS/REINDEER GAMES

John Frankenheimers letzter Kinofilm ist leider eine künstlerische Katastrophe

Rudy Duncan (Ben Affleck) hat jahrelang die Zelle mit Nick Cassidy (James Frain) geteilt. Beide stehen kurz vor der Entlassung aus dem Gefängnis. Während Duncan sich auf ein Weihnachtsfest mit seiner Familie freut, sieht Cassidy einer Zukunft mit Ashley Mercer (Charlize Theron) entgegen, einer jungen Frau, die er durch ein Programm kennengelernt hat, bei dem sich Menschen, vor allem Frauen, um Häftlinge kümmern. Duncan weiß alles über die Beziehung der beiden, weiß alles über Mercer und Cassidy.

Als Cassidy einige Tage vor der Entlassung bei einer Auseinandersetzung in der Kantine getötet wird, gibt Duncan sich, als er das Gefängnis verlässt, vor Mercer, die er sofort erkennt, als Cassidy aus. Er erhofft sich davon eine Nacht mit der bildhübschen Frau.

Aus der Nacht wird ein Begrüßungswochenende in einer Blockhütte. Duncan beschließt, das Spiel noch ein wenig weiter zu treiben und vernichtet seine eigenen Papiere, um nicht entdeckt zu werden. Doch nach einigen Tagen wartet Gabriel Mercer (Gary Sinise), Ashleys Bruder, mit seiner Gang auf die beiden. Er will von dem vermeintlichen Cassidy alles über das Kasino wissen, in welchem dieser einst gearbeitet hatte, da Gabriel einen Überfall auf den Laden plant.

Nun will Duncan möglichst schnell aus der Nummer raus, doch als er Gabriel und dessen Jungs davon zu überzeugen scheint, daß er wirklich nicht Cassidy ist, muß er gegenwärtigen, daß er dann – unnütz für deren Zwecke – nur noch Ballast darstellt und Gabriel wohl kein Problem hat, ihn zu töten. Also macht Duncan weiter, übernimmt wieder die Rolle seines einstigen Zellengenossen und versucht, sich mit Improvisation zu retten.

Duncan bedingt sich aus, an dem Überfall beteiligt zu werden. Gemeinsam kundschaften die Männer das Tomahawk, wie der Laden heißt, aus, planen Verkleidungen und Bewaffnung. Doch lauert Duncan auf Fluchtmöglichkeiten. Gemeinsam mit Ashley will er fliehen, was Gabriel allerdings zu vereiteln weiß. Er foltert Duncan und zwingt ihn, sich den anderen in einem Weihnachtsmannkostüm anzuschließen.

In der Nacht vor dem Überfall, die Gang hat sich in einem Motel in der Nähe des Tomahawk eingenistet, wird Duncan zufällig Zeuge, wie sich Ashley und Gabriel im Pool des Motels beraten. Dabei kommt raus, daß sie keineswegs Bruder und Schwester, sondern vielmehr ein Liebespaar sind, welches den Überfall schon lange geplant und Cassidy bewusst für seine Zwecke eingespannt hatte.

Der Überfall läuft anders als erwartet: Der Geschäftsführer (Dennis Farina) erweist sich als weitaus wehrfähiger als von Gabriel, Duncan und den andern angenommen. So kommt es zu einer wilden Schießerei, die nur Duncan, Gabriel und Ashley überleben.

Als die drei sich mit Hilfe eines Trucks, in dem Gabriel durch die Lande zieht, in Sicherheit gebracht haben, kommt es zu einer weiteren Auseinandersetzung, als Ashley mehr Kenntnisse über Cassidys Tod verrät, als sie haben kann – denn Duncan hat ihr nie verraten, wie sein Zellengenosse ums Leben kam. Da Gabriel so oder so keinen Nutzen mehr in Duncan sieht und ihn töten will, lässt der alle Sicherheit fahren und setzt sich zur Wehr. Erschütternder Weise tötet Ashley Gabriel. Dann tritt Cassidy aus der Kulisse und offenbart, daß alles – sein Tod, Duncans falsches Spiel mit den Identitäten, der Überfall und Gabriels Tod – genau so geplant gewesen sei. Ashley und Cassidy unterhielten schon vor seiner Inhaftierung eine Beziehung und hatten den Überfall minutiös geplant, inklusive Gabriel, den Ashley bewusst in sich verliebt gemacht hatte.

Nun wollen die beiden auch Duncan loswerden und ketten ihn im Auto fest, um ihn eine Schlucht hinunter zu stürzen. Doch Duncan, ehemaliger Autoknacker, kann sich befreien und überfährt Cassidy. Ashley, die außer Geld nur Cassidy je wirklich geliebt hat, dreht durch und will Duncan töten, dem es gelingt, stattdessen sie im Wagen in die Schlucht zu stürzen.

Dann tötet er den schwer verletzten Cassidy, indem er ihn mitsamt dem Truck ebenfalls in die Tiefe wirft.

In seinem Weihnachtsmannkostüm, das er immer noch trägt, macht Duncan sich mitsamt der Beute aus dem Überfall auf den Weg nachhause. In seiner Heimatstadt angekommen, steckt er die Geldbündel bei seinen alten Nachbarn in die Briefkästen. Das Schlußbild zeigt ihn im Kreise seiner Familie beim Weihnachtsessen.

John Frankenheimers Karriere war voller Höhen und Tiefen. Neben wahren Meisterwerken, einigen Exploitation-Filmen und mittelmäßigen Thrillern, schuf er leider auch immer wieder Werke, die der geneigte Filmfreund schlicht als schlecht einstufen musste. PROPHECY (1979) oder auch THE HOLCROFT COVENANT (1985) sind zu letzteren zu rechnen. Und leider auch sein letzter Kinofilm, REINDEER GAMES (2000).

Zwei Jahre zuvor hatte der Regisseur mit RONIN (1998) noch einmal ein kleines Meisterwerk geschaffen, einen Film im Old-school-Style, der eine klassische Agentenstory auf unkonventionelle, wenn auch altmodische Art und Weise erzählte. Nun wandte er sich einer ebenfalls klassischen Story zu – diesmal einem klassischen Noir-Stoff. Er hatte mit Ben Affleck, Gary Sinise und Charlize Theron drei angesagte Schauspieler, in Afflecks Fall sogar einen gestandenen Star, zur Verfügung, Ehren Kruger hatte ihm ein an sich spannendes Drehbuch geschrieben, produziert wurde der Film von Bob Weinstein, damals noch einer der führenden Produzenten in Hollywood, dessen frühere Firma Miramax den Vertrieb des Films übernahm. Dennoch konnte Frankenheimer auch mit REINDEER GAMES keinen Hit mehr landen. Anders als im Fall von RONIN, dem ebenfalls kein kommerzieller Erfolg vergönnt gewesen war, mag dies allerdings weniger an der Story und dem altmodischen Stil gelegen haben, sondern schlicht an der Qualität des Films.

Was war schief gelaufen? REINDEER GAMES erzählt wahrlich klassischen Noir-Stoff. Der Häftling Rudy Duncan, dargestellt von Affleck, hört jahrelang seinem Zellengenossen zu, der eine Frau durch ein Kennenlernprogramm für Strafgefangene getroffen hat. Kurz bevor beide, Duncan und sein Kumpel Nick, entlassen werden sollen, stirbt letzterer bei dem Angriff eines Mitgefangenen. Duncan gibt sich nun als Nick aus und wird durch dessen unbekannte Frau – Charlize Theron gibt dieser atemberaubend bösen Ashley Mercer ihr wunderschönes Gesicht und all die Kälte, die sie aufzubieten hat – in einen Überfall auf jenes Casino hineingezogen, in welchem Nick einst arbeitete. Mercers Bruder Gabriel, als sinisterer Bursche von Gary Sinise in Szene gesetzt, ist der Kopf hinter dem Plan. Natürlich geht schief, was nur schief gehen kann. Rudy, der in Wirklichkeit keine Ahnung hat, wie sich die Dinge im Casino verhalten, müht sich, seine Fassade aufrecht zu erhalten. Dies vor allem, nachdem er gemerkt hat, daß der Versuch, seine wahre Identität zu enthüllen, eher dazu führt, daß Gabriel ihn eiskalt abschlachtet. Und so entwickelt sich ein endloses Spiel um Identitäten, darum, wer wirklich mit wem befreundet, bzw. zusammen, bzw. verwandt ist, bis schließlich – womit der Film an seinen Ausgangspunkt zurückkehrt, wird er zu großen Teilen doch in einer Rückschau erzählt – eine Menge Tote im Schnee liegen. Denn das Ganze spielt sich um Weihnachten ab, was dem Film in Deutschland den widersinnigen Titel WILD CHRISTMAS einbrachte. Eine Unart, englische Titel gegen andere englische Titel auszutauschen…sei´s drum.

Alles was der klassische ‚Film Noir‘ zu bieten hat, ist auch hier vorhanden: Leicht zu manipulierende Männer, eine abgründige Femme fatale, düstere Prognosen und selbst die Rückschau schließt an die Erzählmodi von Filmen wie DOUBLE INDEMNITY (1944) an. Nur wurde letzterer von einem der Großmeister des Genres, einem der Großmeister Hollywoods, Billy Wilder nämlich, geschrieben und inszeniert. REINDEER GAMES mag mit Frankenheimer einen Regisseur gehabt haben, der sein Handwerk nahezu perfekt versteht, doch leider hatte er in Kruger keinen Autor, der dem Genre, dem Stoff, der Erzählung irgendetwas neues hinzuzufügen wusste. Die Story läuft erwartungsgemäß vor dem Auge des Zuschauers ab, sie ist ebenso erwart- wie vorhersehbar und somit nur leidlich spannend. Die Figuren sind uninteressant, Afflecks Rudy Duncan im Grunde ein Trottel, der versucht besonders schlau zu sein und dabei beinah in eine tödliche Falle tappt. Der Betrachter ertappt wiederum sich mehrfach dabei, den Mercers – die sich natürlich als Liebespaar entpuppen, keineswegs als Geschwister, wie Ashley behauptet – alles Gute zu wünschen, nicht zuletzt, weil Sinises Darstellung im Film zum Besten gehört, was dieser zu bieten hat. Daß ganz am Ende dann doch alles noch einmal ganz anders ist, die ganz große Volte wartet – man hat es nach über zwei Stunden Laufzeit (zumindest im Director´s Cut) längst erahnt – kann die Sache dann auch nicht mehr rausreißen. Zumal auch diese Wendung so zu erwarten gewesen ist.

Den Mangel an Überraschungen versuchen Kruger und mit ihm dann auch Frankenheimer durch übermäßige Gewalt auszutarieren. Als hätten sie einmal zeigen wollen, was die Regisseure klassischer ‚Film Noirs‘ nicht zeigen durften, konfrontieren Buch und Regie den Zuschauer mit manchmal geradezu widerlicher Gewalt, die sich vor allem durch ein gerüttelt´ Maß an Sadismus auszeichnet. Duncan wird gefoltert, indem man ihn mit Dartpfeilen spickt, der Showdown ist ein sich ewig in die Länge ziehendes Gemetzel, zwischendurch gibt es immer wieder Schlägereien und Schußwechsel, die den Zuschauer unterhalten sollen, jedoch nicht einmal das erreichen. Denn Frankenheimer inszeniert das alles schlicht routiniert runter. Auch die Gewalt wird so zu einer reinen Routineangelegenheit und erinnert an weitaus billigere Filme.

Mag sein, daß den Regisseur langsam die Kräfte verließen, vielleicht war es auch einfach so, daß er die Schwächen des Drehbuchs allzu deutlich durchschaute und das Ding irgendwie fertig stellen wollte. Denn Gewalt auf der Leinwand, auch wenn sie genüsslich ausgespielt wird, kann durchaus treffen, bestürzen und den Zuschauer bewegen – bestes Beispiel dafür lieferte gerade einmal acht Jahre zuvor Quentin Tarantino, dem es mit RESERVOIR DOGS (1992) gelungen war, genau diesen Schock beim Publikum auszulösen. Und auch David Lynch hat seine Gewaltphantasien immer wieder derart surreal inszeniert, daß dem Zuschauer manches Mal der Atem wegblieb. Hier allerdings scheint die Gewalt lediglich dazu zu dienen, den Zuschauer zu unterhalten, ihn über all die Unlogik und Brüche des Drehbuchs hinweg zu trösten, wenn nicht gar hinweg zu täuschen. Das ist wie bereits angemerkt billig und entspricht platten B-Movies, die für den Videomarkt gedreht werden. Trash. Ob John Frankenheimer wirklich Trash produzieren wollte, das sei einmal dahingestellt.

Doch das größte Manko des Films ist seine Langeweile. Eben weil er so durchschaubar ist, eben weil der Zuschauer, selbst wenn er die genauen Tricks und Kniffe nicht alle schon durchschaut haben mag, die Volten erwartet, eben weil die Gewalt dann doch nicht so schockierend in Szene gesetzt ist, daß sie wirklich ablenkt, entwickelt der Film keinen Sog, nimmt uns nicht mit, fesselt nicht. Ein althergebrachtes Rezept einfach aufzuwärmen und lediglich mit etwas mehr Brutalität, Blut und Gekröse zu würzen, reicht dann schließlich auch nicht mehr für einen Altmeister wie John Frankenheimer einer gewesen ist. Leider ist REINDEER GAMES kein angemessenes Abschlußwerk eines Oeuvres, das wahrlich Besseres verdient gehabt hätte.

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