WILDER WINTER/SAVAGE SEASON

Joe R. Lansdales erster Band der Hap & Leonard-Reihe

Der 1951 geborene Vielschreiber Joe R. Lansdale bedient seine Fans seit 1990 mit der Reihe um die beiden Kumpels Hap und Leonard, einen weißen Kriegsdienstverweigerer und einen schwarzen Vietnamveteranen, die beide in einem staubigen Kaff in Ost-Texas leben. Angelehnt an die Hardboiled-Stories eines Jim Thompson oder James M. Cain, entwirft er das meist zutiefst ironisches Szenario einer texanischen Welt, in der seine Protagonisten zwar gerne leben, das aber von Gewalt, Rassismus und immer dunklen Geheimnissen geprägt ist. Anders als in seinen Horror-, Science-Fiction- und den apokalyptischen Romanen, deren Ideen und Handlungen gelegentlich vollkommen irre daher kommen, hält er sich in seinen Kriminalromanen, denen die Hap & Leonard-Reihe zuzuordnen ist, inhaltlich selten mit originellen Ideen auf. Stil und Atmosphäre sind alles, Inhalt nichts – oder fast nichts, ganz im Sinne des großen Raymond Chandler.

Eine schöne, aber gefährliche Frau, ein undurchsichtiger Haufen halbseidener Gestalten, die Beute eines Bankraubs, die irgendwo auf dem Grund der Bottoms von Texas – einem Äquivalent der Everglades Floridas und der Bayous von Louisiana – liegen soll und schon hat er alle Zutaten, um seine Helden auf einen ultragefährlichen und schließlich ultrabrutalen Trip zu schicken, den nur wenige der Beteiligten überleben werden. Nichts davon ist neu, nichts davon war schon 1990 neu, aber Lansdale versteht es – und das macht einen guten Neo-Noir-Autoren eben aus – eine altbekannte Mischung mit durchaus originellen Details anzureichern und das alles so zu erzählen, daß der Leser sehr gut unterhalten wird. Vor allem stattet er seine Figuren mit interessanten Lebensläufen aus. Hap, der nicht, wie so viele, einfach vor der Einberufung nach Kanada oder auf ein College geflohen ist, sondern sich hat ins Gefängnis werfen lassen, um seine Haltung zum Krieg zu demonstrieren, ist ein Späthippie, den der Lauf der Dinge statt in eine akademischen Karriere in Handlangerjobs auf den Feldern seiner Heimat verschlagen hat; Leonard, der den 60ern, die Hap zwar nicht verherrlicht, deren Ideale aber hochzuhalten er sich bemüht, kaum etwas Positives abgewinnen kann, ist ein nahkampferprobter Ex-Soldat, schwul und ein Freund der Country-Musik, womit er John Connollys eiskaltem Killer Louis aus dessen ‚Bird‘ Parker-Reihe Modell gestanden haben dürfte. Das ungleiche Paar frotzelt sich unablässig an, nimmt sich auf den Arm und hält doch zusammen.

Im vorliegenden ersten Band der Serie, WILDER WINTER (Original: SAVAGE SEASON; 1990), werden die beiden mit Trudy konfrontiert, Haps Ex-Frau und Gelegenheitsfreundin, die ihn mit ihren Eskapaden immer wieder in ausgiebige Saufgelage treibt. Sie ist diejenige, die ihren Ex-Mann um Hilfe bei der Bergung der Beute eines Banküberfalls bittet. Natürlich kann sie Leonard nicht leiden, was durchaus auf Gegenseitigkeit beruht, weiß der doch um die Verfasstheit seines Freundes immer dann, wenn Trudy wieder in dessen Leben auftaucht. Und es kommt wie es kommen muß: Natürlich spielt keiner der Beteiligten – u.a. eine Truppe ehemaliger Links-Terroristen, angelehnt an die Weathermen und ein ebenso bedrohliches wie lächerliches Gangsterpärchen – fair, jeder kocht sein eigenes Süppchen und schließlich müssen sich die beiden Freunde nur noch ihrer Haut erwehren. Lansdale lässt seine Figuren in endlosen Dialogen einander aufziehen und beleidigen, wobei letzteres oft allzu klischeehaft daherkommt, zumindest in der deutschen Übersetzung. Überhaupt sind die Entwicklungen, die die Handlung nimmt, allzu erwartbar und also auch die Explosion der Gewalt, auf die das Finale fast zwangsläufig zusteuert. Dieses Finale hat es dann allerdings in sich.

Doch sollte man sich nicht täuschen lassen. Lansdale versteht es, seinem Text subkutan, jenseits der Klischees, jenseits des Sarkasmus, durchaus bedenkenswerte Reflexionen einzuflechten. Da sind einerseits die spezifischen Themen dieses Bandes – die Sixties, der Terror, die Frage, ob man Diebe beklauen „darf“ – andererseits die generellen Themen wie der allgegenwärtige, oft beiläufige Rassismus und die Gewalt, die den amerikanischen Alltag prägen. Lansdale verhandelt diese Dinge oft wie nebenbei, aber dennoch mit dem entsprechenden Ernst. Er versteht es, an den richtigen Stellen die Ironie zur Seite zu schieben und das aufscheinen zu lassen, was sie bedeuten. Was es bedeutet, ein schwuler Schwarzer zu sein in einer strukturell immer feindlich gesinnten Umgebung, wie es die Südstaaten der USA für einen wie ihn nun einmal sind, was es bedeutet, in einer Kultur zu leben, die Nehmen um jeden Preis zu einem Wert an sich erhebt und die Mittel, mit denen man nimmt, als zweitrangig betrachtet; mehr noch – die den, der sich mit allen Mitteln durchsetzt, auch noch belohnt. Wie jeder gute Thrillerautor gelingt es ihm dabei, diese Anliegen eben nicht didaktisch wertvoll als Metakonzept zu präsentieren, sondern eingebettet in Handlung, Dialog und dargeboten mit der nötigen Schnoddrigkeit, dem Leser seine Sicht der Dinge also eher unterzuschieben, als sie ihm aufzudrängen.

Zu guter Letzt darf man auch nicht übersehen, daß Lansdale da, wo es nötig ist, schlicht übertreibt. Wenn Hap und Leonard sich schließlich mit wirklich aller Gewalt zur Wehr setzen, dabei weder Scheu noch Skrupel zeigen und somit selber zu durchaus ambivalenten Figuren mutieren, präsentiert der Autor das derart überzogen, daß es einerseits comichaft wirkt, andererseits aber schon eine dringliche Wirkung entfaltet.Man kann anhand von Lansdales Romanen gut die Entwicklungen des modernen zum postmodernen, reflektiven Norithriller verfolgen, kann ablesen, wie die Klassiker auf ihn wirken und wie er wiederum auf jene gewirkt hat, die das Genre weiter vorangetrieben haben in den vergangenen Dekaden.

Doch genug der Analyse, denn im Kern hat man es hier mit einem guten, eben nicht sonderlich originellen aber sehr unterhaltsamen Thriller zu tun, den man schnell weg lesen und dann auch schnell wieder vergessen kann. Und so soll sie ja auch sein, die Hardboiled-Schule amerikanischer Prägung.

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