NOMADLAND

Chloé Zhao ist ein wahrhaftiger Film über Amerika gelungen, der dem Betrachter noch einmal vor Augen führt, was dieses Land so besonders macht

Nachdem ihr Mann gestorben und auch die Kleinstadt Empire im Nordwesten Nevadas aufgrund der Wirtschaftskrise praktisch nicht mehr existent ist, da ihr die Postleitzahl entzogen wurde, setzt sich Fern (Frances McDormand) in ihren weißen Van und fährt in die große Weite des Westens.

Sie hat kein wirkliches Ziel, sondern schließt sich den Nomaden der Landstraßen an. Es sind Menschen, die immer unterwegs sind, sich Arbeit suchen, mal in großen Lagerhallen wie dem Verteilerzentrum von Amazon, mal in Diners und Bars, mal als Erntehelfer usw. Die Menschen, die Fern unterwegs kennenlernt – Linda (Linda May), Swankie (Charlene Swankie), David (David Strathairn) oder Bob Wells (Bob Wells) und viele andere – sind allesamt Leute, die sich nicht mehr in die bürgerliche Gemeinschaft eingliedern wollen oder können. Sie haben die unterschiedlichsten Geschichten, einige haben schwere Schicksalsschläge erlitten, andere leiden unter Depressionen und einige haben sich freiwillig für ein Leben on the road entschieden.

Zwischen den Nomaden herrscht relativ großer Zusammenhalt, man unterstützt sich, muß aber auch immer mit den Eigenheiten der anderen klarkommen. Vor allem ist es allen um ihre Freiheit zu tun, die sie für das wesentliche Merkmal ihres Lebens halten.

Bob Wells, dem Linda Fern vorstellt, ruft alle, die kommen wollen, in der Wüste zusammen. Er, der seit dem Selbstmord seines Sohnes nicht mehr in sein altes Leben zurückfindet, möchte noch mehr für die Solidarität der Nomaden tun. Er beschwört sie, daß sie im Grunde den uramerikanischen Geist des Unterwegsseins, der permanenten Veränderung leben. Fern zeigt sich von Bobs Ideen angetan, doch wie so viele andere, ist ihr ihre persönliche Freiheit das wichtigste.

Swankie ihrerseits will nach Alaska. Ein Traum, den sie sich mit ihren 75 Jahren noch erfüllen will, bevor sie stirbt – sie ist schwer krebskrank. Wie auch die anderen Nomaden, hält auch Swankie nur losen Kontakt zu anderen. Wirkliche Freundschaften scheint es hier kaum zu geben. Dennoch freuen sich alle, die es mitbekommen, als sie erfahren, daß Swankie es geschafft und Alaska erreicht hat.

Fern macht sich ebenfalls wieder auf den Weg. Doch zuvor lernt sie Davids Sohn kennen, als beide gemeinsam in einem Fast-Food-Restaurant arbeiten. David solle heimkommen, seinen Enkel kennenlernen. Fern ahnt, daß David sie mag und verspricht ihm, ihn irgendwann einmal zu besuchen. Dann trennen sich ihre Wege.

Weil ihr Van eine Reparatur nötig hat, wendet sich Fern an ihre Schwester. Die will ihr kein Geld geben, wenn Fern nicht bereit ist, sich bei ihr blicken zu lassen. So muß Fern die weite Strecke mit einem Greyhound-Bus zurücklegen. Im Haus ihrer Schwester wird sie Zeugin des familiären Glücks. Doch als Ihre Schwester ihr anbietet zu bleiben, lehnt Fern dies ab. Ihre Schwester erklärt ihr, wie viel Fern ihr immer bedeutet habe und daß sie sich, als Fern einst aus dem Haus gegangen sei und sich mit ihrem Mann zusammengetan habe, furchtbar verlassen gefühlt habe. Fern versteht das, gibt aber zu bedenken, daß sie sei, wie sie nun einmal sei und nicht aus ihrer Haut könne.

Fern besucht David, der mittlerweile sesshaft geworden ist und bei seinem Sohn und dessen Familie lebt. Hier verbringt sie einige friedliche Tage. Doch als David ihr klar zu verstehen gibt, daß er sie mag und sie gern bleiben könne, er habe das mit der Familie besprochen, stiehlt Fern sich eines frühen Morgens davon.

Sie fährt noch einmal nach Empire, wo sie ihre letzten Sachen, die noch in einer Garage eingelagert sind, verkauft. Dann sucht sie das Haus auf, wo sie mit ihrem Mann, den sie weiterhin liebt, wie sie einer Bekannten unterwegs erzählt hat, glücklich gewesen ist. Sie geht durch die leeren Räume des Hauses, das in einer ebenfalls vollkommen verlassenen Siedlung am Rande der Steppe liegt.

Dann verlässt Fern das Haus, setzt sich in ihren Van und fährt auf dem Highway in eine ungewisse Zukunft davon.

Struck me kinda funny, funny yeah to me
How at the end of every hard earned day people find some reason to believe

– Bruce Springsteen „Reason to Believe“

 

Ein Film wie eine Ballade von Bruce Springsteen. Ein Film, der auf Amerika blickt, wie es (amerikanische) Filme in den 70er Jahren getan haben, als das ‚New Hollywood Cinema‘ aufbrach, auf die Straßen ging, zeitgenössische Themen und Stoffe direkt vor Ort suchte, fand und bearbeitete. Ein Film über ein Land am Abgrund und darüber, wie Menschen auch dann noch weitermachen, wenn alles verloren scheint – und wie sie immer wieder einen Grund finden, weiter zu machen, weiter zu fahren, weiter zu gehen. Ein Film wie ein stilles, mäanderndes Gedicht von Allen Ginsberg.

NOMADLAND (2020) ist der Film einer jungen chinesischen Filmemacherin, Chloé Zhao, die ihr Handwerk teils in den USA, teils in Großbritannien erlernt hat, hat sich für ihren dritten Langfilm aufgemacht, um das Land, in dem sie lebt, zu erkunden und mit dem Blick der Fremden einen amerikanischen Blick zu reproduzieren, den man gemeinhin für verloren halten konnte. Und den sie Amerika zurückgegeben hat. NOMADLAND war einer der großen Gewinner bei der Oscarverleihung 2021, als er drei der begehrten Hauptpreise – Bester Film, Beste Regie und Beste Hauptdarstellerin – abräumte und für immerhin drei weitere Preise nominiert war. Auch auf etlichen anderen Festivals und bei anderen Preisverleihungen konnte der Film gewinnen, darunter vor allem den Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen in Venedig 2020.

Amerikaner lieben den Blick von außen auf ihr Land, sie lieben es, wenn Fremde – vor allem Europäer, die sie zumeist als ihre Ahnen betrachten – den Blick, egal ob es ein realistischer, ein literarischer oder ein filmischer Blick ist, auf ihr Land richten und es einerseits kritisch hinterfragen, vor allem aber bestätigen, daß es großartig ist, daß es schön ist, daß es nach wie vor die Träume der Welt auf sich zieht als das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, daß es de facto natürlich schon lange nicht mehr ist, wahrscheinlich nie war. Chloé Zhao ist nun nicht diese Europäerin, ist aber soweit europäisch – und also westlich – sozialisiert, daß sie die entsprechenden Filme, die Bücher und die gerade um dieses Land zu verstehen so wichtigen Songs kennt. Und sie lebt lange genug in den USA, um das Land dennoch auch in seiner inneren Logik, in seiner Verfasstheit, seinen Stärken und den Schwächen zu kennen und zu erfassen.

Dennoch wurde NOMADLAND zumeist als ein Triumph für Frances McDormand gesehen, die nicht nur die Hauptrolle – eine der wenigen gespielten Rollen in einem Film, der weitestgehend auf Laiendarsteller setzt – spielt, sondern auch als Produzentin auftrat, hielt sie doch die Rechte an Jessica Bruders Sachbuch NOMADLAND: SURVIVING AMERICA IN THE TWENTY-FIRST CENTURY, das bereits 2017 erschienen ist. Basierend auf dieser Studie schrieb Zhao das Drehbuch für ihren episodisch gestalteten Film, der im Kern eines der uramerikanischen Genres bedient, das Road Movie, das seinerseits eng verwandt ist mit dem amerikanischsten aller Genres schlechthin, dem Western.

Der deutsche Titel von Bruders Buch lautet NOMADEN DER ARBEIT (Dt. 2019), womit jene Menschen, um die es hier geht, sehr gut beschrieben sind. Es sind Nomaden, Reisende, Drifter, die über die Weiten des Westens ziehen, in Vans, manche in Wohnmobilen, in Bussen, manchmal auch nur in herkömmlichen PKW, Automobile, in denen sie Leben. Sie folgen der Arbeit, meist saisonal ausgerichtet. Saisonbedingt arbeiten sie in einem der riesigen Verteillager von Amazon, verdingen sich als Erntehelfer, jobben in Diners, Bars und Cafés. Die meisten Menschen, die der Film vorstellt und zu Wort kommen lässt, sind allerdings keine Opfer sozialer Umstände o.ä. Viele beharren ganz explizit darauf, dieses Leben gewählt zu haben. Wahr ist aber auch, daß die allermeisten von ihnen Schicksalsschläge erfahren mussten, von denen sie sich – psychisch – nicht mehr erholen konnten.

So geht es auch Fern, der von Frances McDormand gespielten Hauptfigur des Films. Sie und ihr Mann lebten und arbeiteten in Empire, einer Stadt im Nordwesten Nevadas, wo lange Jahre eine Gipsmine gut bezahlte Arbeitsplätze sicherte. Bis in den Jahren nach dem Finanzcrash 2008 und der daraus resultierenden Immobilienkrise auch die Baubranche einbrach und somit auch die Nachfrage nach Gips sank. Die Mine schloß, die Stadt Empire verlor etliche ihrer Einwohner und schließlich ihren Status, nicht einmal ihre Postleitzahl konnte sie behalten, wie ein Inlet zu Beginn des Films informiert. In Ferns Fall starb zunächst ihr Mann, sie lebte weiter in Empire, erlebte den Niedergang der Stadt und entschloß sich dann, ein Nomade zu werden. Ähnlich ist es bei vielen ihrer Freunde und Bekannten: Der Tod eines Kindes oder eines geliebten Menschen, eine innere Unruhe, das Gefühl, den Anforderungen der Gesellschaft, der Großstadt, der amerikanischen Arbeitswelt, nicht mehr gewachsen zu sein. Alles Gründe, die diese Menschen dazu verleiteten, ein Leben auf den Highways und Freeways, in den Weiten der Great Plains zu suchen, die nach wie vor genügend Platz bieten, um sich frei zu fühlen, sich aus dem Weg zu gehen, im entscheidenden Moment entfliehen zu können. Damit leben diese Menschen aber eben auch etwas Uramerikanisches. On the road, das Unterwegssein.

Zweimal im Film hat Fern die Möglichkeit zu bleiben, sesshaft zu werden, ein anderes, bürgerlicheres Leben wieder aufzunehmen. Es ist einmal ihre Schwester, die ihr dieses Angebot macht, ein andern Mal David, ein Bekannter von der Straße, der sich zu seinem Sohn zurückgezogen hat und den Fern besucht. Beide Male entschließt sie sich, das Angebot auszuschlagen, im Falle ihrer Schwester nahezu sofort – sie hat sie nur besucht, weil sie sie um Geld für eine Reparatur an ihrem Van anpumpen musste – , das zweite Mal nach einer intensiven Selbstbefragung. Denn David, den David Strathairn als zweiter professioneller Schauspieler, der hier beteiligt ist, spielt, bedeutet ihr etwas und er gibt ihr sehr klar zu verstehen, daß sie ihm wahrscheinlich noch etwas mehr bedeutet. Aber auch eine emotionale Zugewandtheit kann Fern nicht überzeugen oder gar den Wunsch in ihr erwecken, sich wieder mit jemandem zusammen zu tun, sich erneut auf ein „normales“ Leben einzulassen. In einer anderen Szene wird sie darauf angesprochen, daß sie ihren Ehering trage und gibt zu verstehen, daß die Liebe zu einem Menschen für sie nicht damit endet, daß er oder man selbst stirbt.

NOMADLAND ist erstaunlich unsentimental und gibt das tiefste Innenleben seiner Protagonisten selten preis, wenn, lässt der Film sie selbst sprechen und folgt in längeren Einstellungen Gesprächen zwischen Fern und den anderen. Und so geht er auch mit Ferns Beschädigungen, mit ihrer Trauer um. Wir spüren sie, thematisiert wird sie im Grunde nie. Dafür ist diese Person, die McDormand, deren Karriere reichlich hervorragende Leistungen aufweist – erinnert sei nur an MISSISSIPPI BURNING (1988) und FARGO (1996), wo sie Hauptrollen spielt, aber auch an LONE STAR (1996), wo es ihr gelingt, in einer einzigen Szene die Tragik eines ganzen Lebens zu veranschaulichen – in einer Meisterleistung spielt, viel zu lebendig und auch zu taff. Sie lehnt Hilfe ab, auch wenn das bedeutet, bei Minustemperaturen im Van zu schlafen; sie verrichtet ihre Notdurft am Rande des Highways; sie will arbeiten, ein wesentlicher Bestandteil und Antrieb ihres Lebens – in einer entscheidenden Szene erklärt sie einem Kind, das ihr vorhält, obdachlos zu sein (homeless), das stimme nicht, sie sei unbehaust (houseless) – ; sie kennt ihre Bedürfnisse und weiß sie, manchmal harsch, durchzusetzen; sie weiß um die Liebe und den Schmerz, den ihr Verlust bedeutet. Und sie macht weiter. Aufgeben, sich gehenlassen, möglicherweise einer Depression verfallen oder gar schlimmeres, kommt für sie ganz offensichtlich nicht in Frage.

Dies ist einer der erstaunlichsten und vor allem der wesentliche Aspekt des Films. Diese Menschen machen weiter. Und erfüllen damit auf eine seltsame, doppelbödige Art das Bild des amerikanischen Traums. Symbolisieren ihn gleichsam. Sie ziehen weiter, wie es einst die Siedler getan haben, sie fangen in gewisser Weise wieder und wieder von vorne an, sie unterliegen in ihren Wanderbewegungen dem Zyklus der Jahreszeiten, sie sind arm, aber eben das ist ein konstitutiver Aspekt ihres puren Daseins. Amerika wurde von zumeist armen Menschen – gleich, ob es Europäer, Asiaten, Zentralamerikaner oder, mit einem gewissen eigenen Status, Afrikaner gewesen sind – erschlossen und aufgebaut. Sie haben es auf sich genommen, genau jene Weiten und Wüsten, Flüsse und Berge, zu durchqueren und zu überwinden, die es heutzutage Menschen wie Fern und ihren Freunden David, Linda, Swankie oder Bob erlauben, ein Leben abseits der Gesellschaft zu führen. Und wie ihre historischen Vorbilder, sind auch sie ohne Kenntnis dessen, was unterwegs und am Ende der Reise auf sie wartet.

Chloé Zhao richtet den Blick der von Joshua James Richards geführten Kamera auf diese Menschen und dieses Land und nimmt die einen wie das andere sehr ernst. Sie akzeptiert also auch diese spezifisch amerikanische Art, mit dem Leben und dem Dasein umzugehen. Wenn Swankie Fern erklärt, daß sie nach Alaska aufbreche und nicht mehr von dort zurückkehren werde – sie weiß, daß sie unheilbar an Krebs erkrankt ist – dann hat ein solcher Moment natürlich unglaubliches Kitsch-Potential. Doch wenn Charlene Swankie, die sich selbst in einer fiktionalisierten Form spielt, dies sagt und die Kamera auf ihrem Gesicht verharrt, kein Gegenschnitt dieses Gesicht verrät und wir genau beobachten, was diese Worte mit derjenigen, die sie ausspricht, machen, dann hat dies einerseits nahezu dokumentarischen Charakter, zugleich erreicht es aber auch – gerade durch die Distanziertheit – Wahrhaftigkeit, wie sie mittlerweile selten im Kino erreicht wird. Und genau das ist Chloé Zhao gelungen: Ein wahrhaftiger Film.

Diese Wahrhaftigkeit spiegelt sich in den manchmal tristen, manchmal atemberaubenden Landschaftsaufnahmen. Diese Bilder – die sich im Endlosen verlierenden Highways, das Neonlicht der Tankstellen im Kontrast zur Abenddämmerung über der Prärie; die sich im Dunst dahinziehenden Bergketten; die Weite der Himmel und des darunterliegenden flachen Landes – entsprechen den Klischees, die immer schon die Topoi des Westens ausgemacht haben, gleich ob im Western mit seinen Trecks und Viehtrieben oder in Road Movies, die eben jene Asphaltbänder im Gegensatz zur Unberührbarkeit und Unnahbarkeit der Natur feiern. Doch wer sie einmal durchfahren hat, der weiß, daß all diese Klischees mit der Realität deckungsgleich werden. So, wie eigentlich nirgends sonst auf der Welt, will einem scheinen. Das Staunen, welches die Siedler, aber auch die Künstler und vor allem die Filmemacher Amerikas einst und immer wieder erfasst hat, dieses Staunen spürt man auch heute noch, gerade in einem Film wie NOMADLAND.

Chloé Zhao hat selbst darauf hingewiesen, wie wichtig ihr diese Landschaftsbilder gewesen seien, einfach schon deshalb, weil sie glaube, die Natur selbst trage zur Gesundung, also zur geistigen Gesundung, eines Menschen wie Fern bei. Und so sieht sie, so zeigt sie das Land auch. Bei aller Tragik, die auf diesen Menschen liegt, bei all den Dramen, die ihre Leben bestimmt haben, erkennt man gerade auch in der Weite, der Schönheit und Verlorenheit des Landes immer einen der Gründe, warum die Menschen weitermachen. Wie und wo sie einen reason to believe finden, wie Bruce Springsteen es sich, im eingangs zitierten Song, wieder und wieder wundernd fragt.

Und natürlich erfüllen sich in diesen Bildern auch immer die medialen Vorbilder, von John Ford bis Wim Wenders. Dennoch hat man gerade bei Zhaos Film wie selten den Eindruck, dies alles noch einmal neu zu sehen. Und begreift, ganz nebenbei, weshalb einen einst all diese Filme so gepackt haben. Als man jünger war, leichter zu überwältigen. Filme wie THE GRAPES OF WRATH (1940) und nahezu alle Western von John Ford, Filme wie RED RIVER (1948), Filme wie REBEL WITHOUT A CAUSE (1955), Filme wie VANISHING POINT (1971), Filme wie THE LAST DETAIL (1973), Filme wie PAT GARRETT AND BILLY THE KID (1973), Filme wie HARRY AND TONTO (1974), Filme wie PARIS, TEXAS (1984), Filme wie WITNESS (1985), Filme wie MIDNIGHT RUN (1988), Filme wie THE INDIAN RUNNER (1991) oder INTO THE WILD (2007). Ernsthafte Filme, intellektuelle Filme, Filme, die sich reflektierend auf ein Amerika einließen, welches sie zugleich liebten und kritisch hinterfragten. Ambivalente Filme, die Schönheit und Verlust, Krisen – persönliche wie gesellschaftliche – ausstellen und beschreiben konnten und zugleich immer auch die Kraft zeigten, die diesem Land innewohnt und es, zumindest bisher, immer auch wieder sich hat korrigieren und sich hat verbessern lassen. Und mit ihm die Menschen.

Und weil diese Filme sind, wie sie sind, gehören sie selbst zu dem kulturellen Kanon, der dazu beiträgt, diesen amerikanischen Mythos, wenn auch gebrochen und manchmal ramponiert, weiter zu tragen. NOMADLAND reiht sich in diese Riege ein und trägt die Idee auf seine Weise ebenfalls weiter. Eben weil es kein Sozialdrama im herkömmlichen Sinne ist, eben weil diese Menschen, die der Film zeigt, sich nicht als Opfer gerieren und sich auch nicht als Opfer fühlen. Und, was sehr wichtig ist für dieses Werk, die meisten Menschen in diesem Film sich selbst spielen. Für sich einstehen, für sich und ihr Leben. Ihr selbstgewähltes Leben. Chloé Zhao ist ein sehr seltsamer, ein brillanter Hybrid aus einer Dokumentation und einem Drama gelungen. Ein Drama übrigens, daß sich kaum Mühe geben muß, gar nicht sonderlich dramatisch zu wirken. Es ist schlicht ein ehrlicher, ein berührender und berührter Blick auf Amerika, in seine Abgründe ebenso, wie auf seine Schönheiten und seine Stärke. Ein wundervoller Film, wie er nur sehr, sehr selten zu bestaunen ist.

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