RAW/GRAVE

Ein zutiefst verstörendes Debut aus FRankreich

Die noch jugendliche Justine (Garance Marillier) tritt ihr erstes Semester an einer Universität für Veterinärmedizin an. Es ist eine Tradition in ihrer sich rein vegetarisch ernährenden Familie, Tiermedizin zu studieren. Ihre ältere Schwester Alexia (Ella Rumpf) ist ebenfalls an dieser Universität und gehört zu den höheren Semestern, die mit demütigen und teils ekligen Ritualen den Neuankömmlingen das Leben schwer machen.

Nachts werden Justine und Adrien (Rabah Nait Oufella), ihr Zimmernachbar, der ihr schnell klarmacht, daß er schwul ist, aus den Betten geholt und auf eine Party gebracht, wo sie enorm viel Alkohol und Drogen konsumieren können und sollen. Alexia, die bemerkt, daß ihre Schwester sich unwohl fühlt, zeigt ihr Bilder früherer Partys, bei denen es offenbar noch exzessiver zuging. Darunter entdeckt Justine auch Bilder, auf denen ihre Eltern zu sehen sind, die sich hier, an dieser Universität, einst kennengelernt haben.

Die ganze erste Woche gehen die Drangsale weiter – die Studenten werden mit Blut überschüttet, müssen den höheren Semestern in Sprechchören ihre Ergebenheit mitteilen und ähnliches. Schließlich sollen sie rohes Fleisch essen. Für Justine unvorstellbar. Doch Alexia nötigt sie nicht zuletzt dadurch, daß sie selbst von dem Fleisch probiert. Justine ist entsetzt, beugt sich aber dem Ritual.

Abends stellt sie überall an ihrem Körper juckende, rötliche Stellen fest, die nässen. Die Ärztin der Universität stellt eine Lebensmittelvergiftung fest. Justine erhält eine Salbe, die solle sie ein paar Tage auftragen.

Justine stellt allerdings noch eine ganz andere Reaktion an sich fest: Sie entwickelt einen Heißhunger auf Fleisch. Sie schämt sich vor sich selbst, kann aber kaum wiederstehen. Alexia, bei der Justine dieselbe Salbe findet, die die Ärztin ihr verschrieben hatte, fährt sie zu einer Nachttankstelle, möglichst weit von der Uni entfernt, wo die beiden sich Sandwiches mit Fleichbelag kaufen und geradezu verschlingen.

Am nächsten Morgen merkt Justine, daß ihr das gebratene Fleisch nicht reicht. Sie isst rohes Hühnchenfleisch und erbricht anschließend ein endlos langes Band aus Haaren. Abends geht sie auf Alexias Zimmer. Mehrfach hatte diese Jsutine schon mit deren sexueller Unerfahrenheit aufgezogen. Auch auf den Partys der Studenten geht es diesbezüglich recht freizügig zu. Justine verteidigt sich, erklärt sich aber bereit, Alexia eine Schamhaarrasur mit Wachs bei ihr durchzuführen, da man das nun mal so mache. Die Prozedur ist enorm schmerzhaft und Justine tritt aus Versehen so unglücklich gegen Alexias Hand, daß die sich mit einer Schere ein Fingerglied abschneidet. Doch anstatt, wie der Arzt am Telefon ihr rät, den Finger zu kühlen, damit man ihn wieder annähen kann, beginnt Justine, ihn zu essen. Alexia, die zunächst ohnmächtig geworden war, sieht, wie ihre Schwester ihren Finger isst.

In aller Frühe am nächsten Morgen bringt Alexia Justine an eine der leeren Alleen in der Umgebung der Universität. Dort springt sie vor einen herannahenden Wagen, der in letzter Sekunde ausweichen kann aber so unglücklich von der Straße abkommt, daß er mit voller Wucht gegen einen Baum prallt. Alexia nähert sich dem schwer verletzten Fahrer, der eine klaffende Kopfwunde davongetragen hat, und beginnt, an seinem Blut und dem austretenden Hirn zu saugen. Justine zeigt sich angewidert und verweigert das Angebot ihrer Schwester, sich ebenfalls gütlich zu tun.

Obwohl Alexia beteuert, Justine nur einen Weg gezeigt zu haben, wie man den Heißhunger auf Fleisch besänftigen kann, will Justine davon nichts wissen. Der Hunger auf Fleisch bleibt jedoch. Erneut findet eine Party statt und die Neu-Semester werden mit Farbe bespritzt. Justine wird mit einem ihr fremden Jungen, der in gelbe Farbe getaucht wurde, in ein Bad gesperrt und es wird die Aufgabe gestellt, sich mit ihm so lange zu mischen, bis beide komplett grün sind. Dabei kommt es zu einer Annäherung. Der Junge versucht, sie zu küssen. Justine lässt sich darauf ein, beißt dem Jungen dann aber ein Stück der Lippe ab. Die übrigen Studenten zeigen sich schockiert, lassen Justine aber unbehelligt die Party verlassen. Unter der Dusche klaubt sie sich ein Stück Fleisch der Lippe aus dem Mund und isst es auf.

Justine geht zu Adrien und es gelingt ihr, obwohl er weiterhin behauptet, schwul zu sein, ihn zu verführen. Die beiden schlafen in einem wilden Akt miteinander. Justine beginnt jedoch, Adrien zu beißen. Der hält das zunächst für Zeichen von Lust und Ekstase, merkt dann aber, daß sie es ernst meint. Schließlich beißt Justine sich auf dem Höhepunkt ihrer Lust in den eigenen Arm und labt sich an ihrem eigenen Blut. Adrien tut so, als sei nichts passiert.

Wieder findet eine Party statt und Justine betrinkt sich gnadenlos mit Schnaps. Irgendwann trifft sie auf Alexia, die sie mit sich in die Leichenhalle des Instituts führt. Dann reißt bei Justine die Erinnerung ab. Am kommenden Tag spürt sie, daß sie von den meisten Studenten seltsam angeschaut wird, einige weichen merklich vor ihr zurück.

Sie trifft auf Adrien, der sie in eine stille Ecke bittet, wo er ihr ein Handyvideo zeigt, daß wiederum Justine dabei zeigt, wie sie sturzbetrunken von Alexia aufgezogen wird. Die hält ihr den Arm eines Toten hin und Justine versucht offensichtlich, hineinzubeißen.

Außer sich vor Wut sucht Justine Alexia und findet sie auf dem Campus, wo sie auf ihre Schwester losgeht. Was zunächst wie eine wilde Prügelei aussieht, endet damit, daß die Schwestern sich regelrecht ineinander verbeißen. Schließlich werden sie getrennt, stehen nun aber zusammen gegen die sie umgebenden Studenten.

In der folgenden Nacht schläft Justine bei Adrien. Als sie morgens erwacht, liegt er offenbar friedlich schlafend neben ihr. Doch als sie unter die Decke greift um ihn zu verführen, spürt sie, daß etwas nicht stimmt: Ihre Hand ist voller Blut. Sie schlägt die Decke zur Seite und sieht, daß Adriens Beine teils aufgegessen wurden. Zunächst nimmt sie an, daß sie es selbst war, die das getan hat, doch schließlich wird sie gewahr, daß Alexia in der Küche des Appartements hockt, blutverschmiert. Justine nähert sich ihr, nimmt das auf dem Boden liegende Messer, das Alexia wohl genutzt hat, um Adrien zu töten, lässt es dann aber fallen. Sie zieht Alexia unter die Dusche und wäscht ihr das Blut ab

Später besuchen Justine und ihre Eltern Alexia im Gefängnis. Sie wurde wegen des Mordes an Adrien verurteilt. Justine musste die Schule verlassen. Sie ist wieder in ihrem Elternhaus. Am Frühstückstisch mit ihrem Vater erklärt ihr dieser, daß das Vorgefallene weder ihre noch Alexias Schuld sei. Als er und Justines Mutter sich kennengelernt haben, da sei er trotz der offensichtlichen Anziehung der beiden darüber verstört gewesen, daß sie nicht mit ihm zusammen sein wollte. Erst beim ersten Kuss sei ihm klar geworden, warum. Dabei verweist er auf eine charakteristische Narbe auf seiner Oberlippe. Dann öffnet er sein Hemd und zeigt seinen von Narben und Bisswunden übersäten Oberkörper. Er erklärt, daß Justine sich keine Sorgen machen solle, sie fänden eine Lösung.

In den vergangenen 20 Jahren hat sich in Frankreich eine regelrechte Horrorfilm-Szene gebildet, in der Regisseure wie Alexandre Aja, Julien Maury, Alexandre Bustillo oder Pascal Laugier mit Werken wie HAUTE TENSION (2003), A L`INTERIEUR (2007) oder MARTYRS (2008) reüssierten. Es entstand eine sehr spezifische Art des Horrorfilms, manche bezeichnen diese auch eher als Terrorfilme. Es vermischen sich hier manchmal hintergründige Stories mit extremen Gewaltdarstellungen und harten Tabubrüchen zu oftmals hochexplosiven Werken, die ihr Publikum nachhaltig verstören wollen und denen dies meist auch gelingt. Im Kielwasser dieser wirklich auf Zuschauerterror angelegten Werke kamen aber auch Filme zur Aufführung, die man nominell ebenfalls dem Horror- und Terrorfilm zurechnen kann, die aber entsprechend ihres Looks und ihrer gelegentlich allegorischen Inhalte, angereichert mit hoher Symbolik, zugleich auch dem Arthouse-Kino zuzurechnen wären. Erstaunlich viele dieser Filme wurden von Frauen gedreht. Für diese Richtung steht ein Film wie REVENGE (2017) von Coralie Fargeat, aber auch die französisch-belgische Produktion GRAVE (2016), geschrieben und gedreht von Julia Ducournau.

GRAVE erzählt die Geschichte einer Jugendlichen, die einer Familientradition folgend an eine bestimmte Universität geht, um dort ein Studium der Veterinärmedizin zu absolvieren. Da sie einer ebenfalls traditionell vegetarischen Familie entstammt, sind einige der Aufnahmerituale, die an dieser Universität praktiziert werden, für die junge Justine besonders schwer zu absolvieren, denn unter anderem wird verlangt, rohes Fleisch zu essen. Problematisch wird die Sache dadurch, daß dieses Ritual bei ihr einen unbändigen Hunger, ja geradezu eine Lust auf Blut und Fleisch hervorruft, die sie schließlich auf jede erdenkliche Art und Weise zu stillen sucht.

Ducournau mischt in ihre teils drastischen Darstellungen von Kannibalismus und Demütigungen eine Menge Symbolik dessen ein, wofür Hunger immer schon stand: Essen hat, man weiß es spätestens seit Marco Ferreris LA GRANDE BOUFFE (1973), eine hohe Affinität zu Sex und Erotik. Man will den anderen verschlingen, das Objekt der Begierde quasi besitzen, sich einverleiben. Exzessives Essen kann aber auch einen unbändigen Lebenshunger ausdrücken, es kann Enthemmung und Maßlosigkeit symbolisieren. Zugleich steht das kannibalistische Moment des Films und der Umgang damit aber auch für eine Emanzipation und die Selbstbehauptung eines Teenagers. In gewissem Sinne ist GRAVE auch eine Coming-of-Age-Geschichte. Denn je mehr Justine, deren Name nicht umsonst an jenen einer jungen Frau in einem Schlüsseltext des Marquis de Sade erinnert, sich ihrer Veranlagung stellt, sie aber auch hinterfragt und schließlich die eigene Familie damit konfrontiert, desto eigenständiger und auch sexuell selbstbewußter wird sie. Anders als ihre Schwester Alexia, die sich dem Drang nach rohem Fleisch hingibt, sucht Justine einen Umgang zu finden, der ihre Lust einhegt. Und es schlägt ein Gewissen in ihrer Brust, welches sie nicht nur die Drastik erkennen lässt, sondern ihr auch eine Art Führer durch die Erkenntnis der eigenen Andersartigkeit bietet. Justine, so können wir hoffen, wird einen Weg finden, mit ihrem Verlangen umzugehen, sie wird, wie ihr Vater am Ende des Films sagt, einen Weg finden. So gibt GRAVE auch einen durchaus ironischen Kommentar darauf, wie man sich durch die Anerkennung grundlegender Konventionen (bspw. dem Respekt anderem Leben gegenüber) von der eigenen Sippe abgrenzen und abnabeln kann.

Selbstbewußtsein braucht man allerdings in dieser Universität. Etliche College- und Universitätsromane und -filme erzählen von den Leiden der Erstsemester, die für die höheren Jahrgänge die Stiefel putzen, Taschen tragen oder ihnen ihr Essen abliefern müssen. Auch von ekligen und demütigenden Ritualen wird gern erzählt und in der Realität wird man immer mal wieder aufgeschreckt, wenn in der Zeitung zu lesen ist, daß solch ein Ritual oder eine Aufnahmeprüfung fehlgelaufen ist und möglicherweise sogar Todesopfer gefordert hat. Eigentlich verortet man diese Sitten an amerikanischen Universitäten mit ihren diversen Verbindungen, vielleicht noch an englischen Elite-Internaten, seltener eigentlich in Frankreich oder dem Rest Europas. Ducournau zeigt allerdings eine Universität, in der nicht nur die Aufnahmerituale mit den miesesten amerikanischen Auswüchsen mithalten können. Es ist eine Gesellschaft Studierender, die klar hierarchisch geordnet ist, in der Oben und Untern deutlich definiert sind und in der es keine Gnade oder gar Mitgefühl gibt – nicht mit den Kreaturen, mit denen man sich beschäftigt, und auch nicht untereinander. sondern an der das Studentenleben – Lehrer, Lehrende, Professoren sieht man im ganzen Film eigentlich nie – zwischen dem Ausweiden von Kadavern und extrem harten Drogen-Partys wechselt, die, sexuell extrem aufgeladenen, Enthemmung versprechen und die geltende Hierarchie auflösen.

GRAVE wurde gelegentlich mit Dario Argentos SUSPIRIA (1977) verglichen, erinnert aber eher an einen jener Albträume eines David Cronenberg, in denen extremer Ekel in manchmal aseptischen Räumen und Settings präsentiert wird. Weniger wird hier die Gewalt ästhetisiert, wie Argento dies tut, sondern es wird die Ästhetik einer leeren winterlichen Landschaft, gekachelter Gänge und Hörsäle kontrastiert mit Bildern von Blut, Gekröse, abgetrennten Gliedmaßen, die in hyperrealistischen Aufnahmen kaum mehr ästhetische Reize haben, sondern schlicht einer extremen Körperlichkeit entsprechen. GRAVE kreist in seinen Themen die ganze Zeit um diese Körperlichkeit. Entblößte Körper, drastische Sexszenen und natürlich die wenige, jedoch ebenfalls extrem graphische und damit drastische Gewaltdarstellung zeugen davon. Sowohl die junge Justine, als auch ihre Schwester Alexia, die ebenfalls zu jenen Altsemestern gehört, die ihre jungen Kommilitonen gern quälen, sind von großer physischer Präsenz. Beide Schauspielerinnen – Garance Marillier spielt Justine, Ella Rumps ihre Schwester – gehen dabei bis ans Äußerste. Sie zeigen sich nackt, sie zeigen sich in extrem intimen Situationen, sie zeigen sich aber auch verletzlich bis zur Selbstaufgabe. Eines nachts führt Alexia ihre betrunkene jüngere Schwester von einer der Partys in eine Leichenhalle. Später sieht Justine Handyaufnahmen, wie Alexia und ihre Mitsemester die vollkommen betrunkene Teenagerin dazu treiben, eine Leiche anzuknabbern. Der Körper wird in GRAVE zum Versprechen und zum Zielpunkt des Begehrens.

Es sind Szenen wie diese, die verstörend wirken, es sind aber nicht diese Szenen, die den Film verstörend machen. Denn die eigentliche Verstörung liegt in der Reaktion der Umwelt auf diese Schwestern im Blute. Nach und nach bekommt jeder mit, wie die beiden veranlagt sind. Und es bekommt auch jeder mit, daß eine heftige Rivalität zwischen ihnen herrscht. Ersteres liegt nicht zuletzt daran, daß sich Alexia bei einer Intimrasur, die sie ihrer Schwester angedeihen lässt, aus Versehen ein Fingerglied abschneidet, welches Justine, anstatt es zwecks Wiedervereinigung mit dem angestammten Körper zu kühlen, vor Alexias Augen verspeist. Die erzählt die Episode auch gleich in der Universität weiter. Zweiteres – die Rivalität – wird augenscheinlich, als sich die Schwestern, nachdem Justine durch ihren Freund Adrien auf das Handyvideo der betrunkenen Demütigung hingewiesen wurde, mitten auf dem Campus eine wüste Schlägerei liefern, bei der sie sich auch gegenseitig bis aufs Blut das Fleisch aus den Körpern reißen. Wie gehetzte Tiere hängen sie schließlich aneinander und blicken auf ihre Mitkommilitonen, die sich das Geschehen eher interessiert denn entsetzt betrachten. Entsetzt sind sie, wenn Justine einem Jungen die Lippe abbeißt, aber es entspricht dem Entsetzen, das man empfinden mag, wenn sich der Klassenclown entblößt, keineswegs einem Entsetzen, das mit Kannibalismus konfrontiert ist. Justine Versuche, in der Leichenklammer einem Toten die Hand anzuknabbern wird gefilmt und online gestellt – es ist ein weiteres social-media-Event, sonst nichts. Allerdings zeigt Ducournau anhand der Reaktionen am folgenden Tag – die zurückweichenden Studenten – wie die bigotte und selbstgefällige Gesellschaft des Netzes in realitas funktioniert: Was wir betrunken und online wahrnehmen, wird komplett abgetrennt von unserem realen Leben. So gelingt GRAVE auch eine gewisse satirische Kritik an einer Generation, die glaubt, in der Parallelwelt des Netzes einen rechtsfreien Raum, einen Raum ohne moralische Begrenzung gefunden zu haben.

Die Welt, die GRAVE ausstellt, in die der Film sein Publikum führt, wirkt also an sich schon derart dysfunktional und entfremdet, daß die animalischen Triebe, die den Schwestern anhaften, ihnen fast schon wieder Menschlichkeit verleihen, weil darin eben auch Vitalität, Lust, Enthemmung Ausdruck finden. Eigenschaften und Gefühle, die die meisten hier nur durch Drogen- oder Alkoholexzesse oder durch direkte wie indirekte Gewalt gegen andere freilegen können und zu empfinden scheinen. Allerdings ist es Justine immerhin gegeben, ihre Fleischeslust (im wahrsten Sinne des Wortes) zumindest derart zu reflektieren, daß sie sie als abnormal begreift, während ihre Schwester ihrem Blutdurst vollkommen verfallen scheint. Und so wird dieses Verlangen Alexia schließlich zum Verhängnis, wenn sie eines nachts Adrien, Justines Mitbewohner und zeitweiligen Lover, halb aufisst, während der neben Justine im Bett schläft. Justines Reaktion auf die Tat ist eine uns nachvollziehbare. Neben der rohen Sexualität, die sie mit Adrien, der eigentlich schwul zu sein glaubte, ausleben konnte, ist der ältere Mann für die junge Frau auch eine erste Liebe, ein Mensch, dem sie mit ehrlichen Gefühlen der Zuneigung und Verbundenheit begegnet. So muß Alexia ins Gefängnis, Justine ihrerseits muß die Universität verlassen und sich durch eine Offenbarung ihres Vaters darin einrichten, nicht die einzige neben ihrer Schwester zu sein, die in der Familie  zum Kannibalismus und Vampirismus neigt. Mit dem Ende des Films erklärt sich auch die Tatsache, daß diese Familie immer schon als Vegetarier gelebt hat.

Es ist dieses Ende, das am ehesten einem Horrorfilm im herkömmlichen Sinne entspricht und sollte vielleicht einfach als der Tatsache geschuldet betrachtet werden, daß man, will man nicht komplett in die Ecke des Kunstkinos abgeschoben werden, zumindest eine rudimentäre Erklärung und einen Abschluß für die Erzählung finden musste. Das gelingt Ducournau leidlich. Doch sollte man den Film nicht von seinem Ende her beurteilen. Mag es eher schwach sein, diese Meditation über den Hunger, die Begierde, den Sexus und seine tieferen Auswüchse bis hinein in jene Bereiche, die wir gern pathologisieren, die Metaphorik auf das Heranwachsen und den erwachenden Lebenshunger und zugleich die manchmal kruden Bilder, die mit einer Medienwirklichkeit korrespondieren, in der längst der noch abwegigste Tabubruch jederzeit abrufbar ist, wirkt viel tiefgreifender, als man es zunächst glaubt. Der Mangel an herkömmlicher Spannung, dessen man recht schnell gewahr wird, schon, weil die Regisseurin sich herkömmlicher Spannungsmustern vollkommen verweigert, einen Film dreht, der die Helligkeit gelegentlich ins Grelle dehnt und seine Mittel und Methoden offen zur Schau stellt, betont die Ausnahmestellung zwischen Horrorfilm und Allegorie. Für ein Debut ist GRAVE extrem ausgereift, gut durchdacht und hintersinnig und sich seiner Bildmotive ausgesprochen sicher. Ein packendes und sehr beunruhigendes Werk.

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