DER FLUCH VON SINIESTRO/CURSE OF THE WEREWOLF

Der vielleicht schönste Werwolffilm

Ein Bettler (Richard Wordsworth) kommt nachts an das Schloß des Marques von Siniestro (Anthony Dawson), der seine Hochzeit feiert. Sadistisch  wie der Marques veranlagt ist, lässt er den hungrigen Mann zunächst sich demütigen, dann wirft er ihn in den Kerker, wo der Bettler vergessen wird. Jahre später wird eine stumme Magd (Yvonne Romain) zu ihm in den Kerker geschmissen, weil sie sich dem Marques widersetzt hat, als der ihr an die Wäsche wollte. Der Bettler, in den Jahren im Kerker verroht und mittlerweile mehr Tier als Mensch, vergewaltigt die junge Frau. Es gelingt ihr, sich mit List aus dem Kerker zu befreien und den Marques zu töten. Sie flieht und wird, vollkommen entkräftet, von dem gütigen Don Alfredo Corledo (Clifford Evans) gefunden, heimgebracht und aufgepäppelt. Schnell stellt Alfredos Schwester Teresa (Hira Talfrey) fest, daß das Mädchen schwanger ist. Es gebiert einen gesunden Jungen, stirbt aber bei der Geburt. Obwohl der Junge als ungewolltes Kind an einem 25. Dezember zur Welt kam und somit als verflucht gilt, nimmt Don Alfredo sich des Kindes an und lässt es auf den Namen Leon Corledo taufen.

Einige Jahre vergehen, Leon (Justin Walters) wächst zu einem freundlichen und fröhlichen Jungen heran, der besonders viel Liebe zu Flora und Fauna empfindet. Eines Morgens findet der lokale Wächter Pepe (Warren Mitchell), der nachts die Schafe bewachen soll, ein geschlagenes Zicklein. Die Wölfe, so mutmaßen die Dorfbewohner, seien in den Ort gekommen. Es gelingt Pepe nicht, einen Wolf zu stellen, obwohl er in einer der folgenden Nächte eine Gestalt sieht und schießt. Er ist sicher, er hat getroffen. Leon derweil erwacht morgens und ist schwer verletzt. Don Alfredo, ein Arzt, operiert ihm eine Kugel aus dem Leib. Er und Teresa beschwören einander, niemandem etwas zu sagen, doch ahnen beide, daß der Fluch, der auf Leon lastet, langsam seine Wirkung entfaltet. Don Alfredo sucht den Priester (John Gabriel) auf, der ihm erneut bestätigt, daß bei dem betreffenden Geburtsdatum das Kind immer gefährdet und sozusagen für böse Geister „offen“ sei. Der Junge sei verdammt, sich bei Vollmond in eine reißende Bestie, einen Wolfsmenschen zu verwandeln. Getötet werden könne er nur mit einem Instrument aus Silber, einer silbernen Kugel zum Beispiel. Die Liebe einer Frau jedoch könne ihn erlösen.

Leon (jetzt: Oliver Reed) wächst zu einem stattlichen jungen Mann heran. Er wurde von weiteren Attacken dessen, was einst in jener Nacht passiert ist, verschont. Er will in die Welt hinaus, ein Handwerk lernen und geht schließlich bei einem Winzer in die Lehre. Schnell verliebt sich Leon in Cristina (Catherine Feller), die Tochter des Meisters. Doch ist diese einem andern versprochen. Die Tändelei zwischen Leon und ihr muß geheim bleiben.

Leon und seine Freunde gehen abends ins Wirtshaus, wo sie einige Prostituierte auftreiben, mit denen sie auf die Zimmer gehen. Doch Leon ist nicht guter Dinge, die Situation mit Cristina frustriert ihn und auch seine junge Gespielin kann ihn nicht befriedigen. Der Vollmond geht auf und mit Leon geht eine furchtbare Verwandlung vor sich: er verwandelt sich in das Wolfswesen, dessen Existenz er erfolgreich verdrängt hatte. Leon tötet die Porstituierte, einen seiner Freunde und eine weitere Person. Am Morgen liegt er im Bett, von Fieberträumen geschüttelt und halb wahnsinnig. Don Alfredo und der nun alte Priester erklären Leon, was mit ihm vorgeht. Leon flieht zu Cristina, will mit ihr gemeinsam die Stadt, das Land verlassen, den Fluch fliehen, wird aber noch vor Ort als vermeintlicher Mörder verhaftet.

Im Gefängnis fleht Leon Don Alfredo an, ihn zu töten. Doch der alte Mann weiß keine Silberkugel aufzutreiben. Schließlich wird er bei Pepe fündig, der einst aus dem Silber eines Kruzifix´ eine ganze Reihe silberner Kugeln gegossen hatte. Doch mittlerweile ist die Sonne untergangen, der Vollmond steht am Himmel und das Tier in Leon ist erwacht. Er tötet seinen Zellengenossen, bricht aus dem Gefängins aus, tötet einen Wärter und flieht über die Dächer der Stadt. Die Menge will ihn stellen und töten, schließlich zieht das Wolfswesen sich auf den brennenden Turm der Kirche zurück, wo ihn sein Ziehvate stellt und mit einer silbernen Kugel erschießt. Cristina steht unten allein auf dem Platz vor der Kirche, als alles vorbei ist.

Nachdem die Universal Studios 1941 mit THE WOLF MAN (1941) einen gültigen Werwolf-Film vorgelegt hatten, war es um das haarige Tierwesen relativ ruhig geworden. Eine Reihe von Team-Up-Filmen, die Frankensteins Monster, Dracula und den Werwolf zusammenmixten, doch ansonsten kann man von kaum einem weiteren Genrebeitrag berichten, der es wert wäre. Die britischen Hammer Studios griffen seit den 1950er Jahren die Universal-Figuren auf und legten höchst eigene Interpretationen dieser Ungeheuer in THE CURSE OF FRANKENSTEIN (1957), DRACULA (1958) oder THE MUMMY (1959) vor. 1961 schließlich drehte Hammers Hausregisseur fürs Unheimliche, Terence Fisher, mit CURSE OF THE WEREWOLF (1961) den hauseigenen Werwolf-Film. Und was für einen Werwolf-Film!

In sattem Technicolor gedreht, nimmt sich Anthony Hinds Drehbuch der Sage vom Wolfsmenschen ganz konkret in genau dieser Form der Legende an. Angelegt in einem Studio-Spanien des 18. Jahrhunderts, geprägt vom Feudalsystem und katholischem Glauben, kehrt THE CURSE… noch einmal an den Ursprung der Legende zurück. Eine Frau wird an einem schlimmen Tag von einem Fremden vergewaltigt, ein  Kind wird ihr zur falschen Stunde geboren, was dieses Kind mit einem Fluch bezahlen muß. Der Tod der Mutter im Kindbett, nachdem sie bei gütigen Menschen Aufnahme gefunden hat, Sohnesmord, der Aberglaube, der sich als real erweist, der Mond, das Blut – keinen Moment können wir vergessen, uns in einem Märchen zu befinden. Hammers Stil entsprechend gibt es Blut, gibt es Sadismus und es gibt Sex, doch verstehen es Buch und Regie, die Mischung gekonnt in der Waage zu halten. Was immer wir zu sehen bekommen, es dient nie dem Selbstzweck, es dient der zu erzählenden Geschichte. Das Märchenhafte in Inhalt und Stil entfremdet das Geschehen soweit, daß die Schocks erträglich sind und wir von der Atmosphäre gefangen genommen werden.

Wie sein Vorgänger, auf den sich der Film so gut wie gar nicht bezieht, spielt das psychologische Moment auch in THE CURSE… eine wesentliche Rolle, doch lässt Fisher es nicht auf einen Konflikt von Psychoanalyse, also Wissenschaft, und Glaube, also dem Übernatürlichen, ankommen, er zeigt schlicht die Belastung des Jungen, der erste Erfahrungen mit seinem Wesen macht und darob verzweifeln mag, aber auch die Verzweiflung des jungen Mannes, der das Tier in seinem Innern nicht bändigen kann und schließlich sogar darum fleht, vom Ziehvater getötet zu werden. Fisher zeigt diese Erfahrungen für den heranwachsenden Leon als traumatisch, für den erwachsenen Mann an der Schwelle zum Leben als tragisch. Aber auch als folgerichtig, womit er wieder die Konventionen des Märchens bedient. Die Liebe, so wird Don Corledo belehrt, die Liebe könne Leon erlösen, doch die Liebe bleibt ihm verwehrt, weil die, die ihn liebt, einem andern versprochen ist. Die engen Korsette der Etikette lassen keinen Spielraum für Veränderungen zugunsten des jungen Corledo. Wie vorherbestimmt führt Leons Weg auf den Kirchturm und in seinen persönlichen Untergang.

Anders als in fast allen andern Neu-Interpretationen und Adaptionen der älteren Stoffe aus den Tagen des Universal-Horrors, erschafft Terence Fisher mit THE CURSE OF THE WEREWOLF etwas eigenes, einen eigene Kosmos, einen eigenen Entwurf, einen eigenen originalen Zugriff auf den Stoff. Die Verlegung ins 18. Jahrhundert nach Spanien – somit in ein Zeitalter und ein Land, die entrückt genug waren, um bereits in mythologischer Zeitrechnung aufzugehen – und der Wille, die Legende selbst zu erzählen, nicht von einem zufälligen Opfer der Legende zu berichten wie es THE WOLF MAN im Grunde tat, sind die eigenständigen Elemente dieses Werwolf-Films. Technisch kommt die Farbgebung hinzu und natürlich das zu Beginn der 1960er Jahre doch schon ganz anders geprägte Agieren der Darsteller vor der Kamera. Gerade Oliver Reed gibt dem jungen Mann, der in die Welt hinaus will, der voller Lebenslust und Tatendrang steckt, eine ungeheure Vitalität, lässt ihn schier bersten vor Kraft und Potenz. Auch darin differiert Fishers Film zum älteren Vorläufer: Die Sexualität ist Thema, nicht unbedingt Gegenstand dessen, was der Film zeigen will, seine Grundhaltung ist eher reaktionär. Doch Sexualität in Form einer Vergewaltigung als auch beim ersten Mord – an einer Prostituierten – ist allgegenwärtig in den Handlungen der Figuren.

Tief ist dann Leons Fall, als er zu spüren bekommt, wozu er fähig ist. Er geht als verliebter Jüngling am Abend aus dem Haus und erwacht am Morgen als dreifacher Mörder, fiebrig geplagt von bösen, bösen Träumen. Reeds Spiel drückt die ganze innere Verwerfung aus, die in der Situation steckt. Furchterregend die Momente in der Zelle, in der wir begreifen: Dies´ Wesen wird töten, auch wenn ihm unsere Sympathie gehört; herzzerreißend, wenn uns klar wird: Es muß sterben, damit die andern ruhig leben können. Solange der Wolf umgeht, ist die Ordnung gestört. Der (symbolische) Vater tötet den Sohn und stellt die Ordnung wieder her. Als müsse immer ein einzelner für die Sünden der Gemeinschaft büßen.

Worin THE CURSE… seinem Vorfahr folgt, ist die Präsenz des Wolfswesens auf der Leinwand. So gut die Maskenbildner ihren Job auch beherrschen mögen – die Wolfsmaske bleibt eine Maske. Die Kamera fängt den Werwolf in Aktion nur noch in der Totalen ein und wir verfolgen Leon bei seinem halsbrecherischen Versuch, über die Dächer zu entkommen; behaart, die Kiefer hauerbewehrt, die Ohren weit aufgerichtet, doch immer noch ausgestattet mit den Ingredienzien des jungen Herrn – dem weißen Hemd, dem Kragen, den Stiefeln. Ein letztlich edles Wesen. Der Wolf hat wenig Präsenz in THE CURSE.., das Grauen wird ganz klassisch erzielt: Wir sehen die Reaktionen der Dorfbewohner auf ein totes Zicklein, wie ahnen die Gefahr hinter jeder Ecke, wir fürchten, was in den Schatten lauert. Doch speist sich das Grauen eher aus unseren Vorstellungen, weniger aus dem, was der Film wirklich zeigt. Klassischer Horror, wie er gern besonders gelobt wird.

Doch Fisher ist wirklich ein wunderschöner Film gelungen. Ein Genrebeitrag, der keineswegs nur in Referenz zu XY steht, sondern vielmehr für alle Filme des Sungenres danach selbst zum Referenzpunkt wurde. Wie aus einem Guss wirkt THE CURSE OF THE WEREWOLF, sein Rhythmus, das Tempo, die Balance, die er zwischen Andeutung, Hinweis und grellem Schock hält, wobei die Schocks selten sind, die klug miteinander verwobenen Strukturen des Märchens und des Horrorfilms – das alles lässt den Zuschauer durchaus glauben, es hier mit einem definitiven Vertreter des Subgenres zu tun zu haben. Wahrscheinlich muß vom Wolfswesen, dem Tier im Manne, genau so erzählt werden. Es war einmal…

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