SEELANDSCHAFT MIT POCAHONTAS

Arno Schmidt - wieder entdeckt

Fern wirkt uns manchmal die Literatur der direkten Nachkriegszeit, vielleicht sogar jene noch bis hinein in die 1960er und 70er Jahre. Alfred Andersch, Heinrich Böll und selbst Günter Grass – Namen, die man kennt, in der Literaturwissenschaft auch nach wie vor wohl klingen, die aber kaum mehr Leser finden, zu entfernt scheinen ihre Themen oft von unseren Lebenswirklichkeiten. Wie erst sollte es also den großen Außenseitern gehen? Hans Henny Jahnn oder eben Arno Schmidt? Immerhin – während Jahnn fast als vergessen betrachtet werden darf, erfreut Schmidt sich immerhin eines gewissen Kultstatus´, der ihm zumindest eine kleine, dafür aber zähe Leserschaft erhält. Als vor wenigen Jahren sein Haupt- und Mammutwerk ZETTEL´S TRAUM erneut und ungekürzt erschien, wurde diese Veröffentlichung des Suhrkamp-Verlages zumindest in den Feuilletons gefeiert.

SEELANDSCHAFT MIT POCAHONTAS, nach verschiedenen Ablehnungen erstmals 1955 in der von Andersch herausgegebenen Literaturzeitschrift ‚Texte und Zeichen‘ erschienen, entspricht in vielem exemplarisch den Schmidt´schen Theorien und seinem Schreiben. Das Zerhackte der Sprache, die manchmal wirkt, als überhole sie sich selber; die orthographischen Eigenheiten; die verschwundenen Dehnungszeichen; das – gerade in direkter Rede – fast lautmalerisch wiedergegebene Gesprochene und der dadurch erreichte Grad an sprachlicher Authentizität; die oft wie assoziativ wirkenden (Gedanken)Sprünge, die der Ich-Erzähler (und damit der Text) vollzieht; die den meist sehr kurzen Einzelkapiteln vorangestellten Einschübe, die sich typographisch deutlich vom „Haupttext“ abheben und der Schmidt´schen These entsprechen, daß dem Gedanken ein fotografischer Blitz vorausginge, der die dann folgenden, eher kleinteiligen textlichen Erinnerungsbausteine definiere. All diese sehr eigenen Stilelemente finden Anwendung und machen das Leseerlebnis zu einem sehr abstrakten, obwohl Schmidt sich in dem, was er erzählt, unmittelbar an der bundesrepublikanischen Wirklichkeit der frühen 1950er Jahre bewegt.

Der Ich-Erzähler Joachim und der Malermeister Erich, die auf einem Motorrad ein paar Tage Urlaub in der Nähe des Dümmer Sees machen und in einem Gasthof Pension nehmen, lernen zwei junge Frauen kennen – Annemarie und Selma – die sich schnell mit den Männern einlassen. Vor allem Joachim, der – wie Schmidt – ein Outcast ist, sich in Opposition zur herrschenden restaurativen Stimmung der 50er Jahre befindet, und die eigentlich verlobte Selma verleben ein Wochenende, an dem sie sich ernsthaft ineinander zu verlieben drohen. Dennoch trennen sich ihre Wege wieder, kehrt ein jeder zurück in sein alltägliches Leben. Das ist die oberflächliche Handlung, in der nichts wirklich Aufregendes passiert.

Das Aufregende ist der Text selbst und der Stil, in dem er diese nicht aufregenden Begebenheiten und die hinter der oft in feschen – heute würde man sagen „coolen“ – Sprüchen reflektierten Wirklichkeit, die sich so erst auf den zweiten Blick entpuppt, doppelt gebrochen durch den Filter der visuellen Wahrnehmung und den der sprachlichen Wiedergabe, erzählt. Eingewoben in allerhand Alltagsbeobachtungen – nicht umsonst wird Alfred Döblins 75. Geburtstag erwähnt, dessen Stil Schmidt, neben dem Expressionismus, einiges zu verdanken gehabt haben dürfte – und sprachliche Spielereien, die in der direkten Rede mit englischen und eingedeutschten Begriffen durchsetzt auch von der Sehnsucht dieser Menschen erzählen, aus der Enge jener Jahre und einer in Erstarrung begriffenen Gesellschaft ausbrechen zu wollen, werden uns eben auch des Erzählers Erinnerungen an den Krieg, den er als Soldat erleben musste, und die Traumata verdeutlicht, die in diesen Männern auch acht Jahre nach Kriegsende virulent gewesen sind.

Was Schmidt brillant gelingt, ist die Widergabe eines gewissen Lebensgefühls, einer Wahrnehmung von Zeitläuften und Gesellschaft, auch davon, wie man, wenn man das Leben vielleicht schon verloren geglaubt hat, kaum mehr wird ernsthaft auf die Entwicklungen einer Zivilgesellschaft reagieren können, oder aber man wird diese in ihrem damaligen Aggregatszustand nur ablehnen können, macht sich doch zu viel vom Alten bereits wieder breit. Es breitet sich eine Bräsigkeit, eine Selbstgerechtigkeit aus, die nichts mehr wissen will vom eben begangenen Unrecht, aber auch nichts wissen will von den Narben, den sichtbaren wie denn unsichtbaren, die die mitgebracht haben, die im Krieg waren.

Dadurch, daß Schmidt dies aber in eben seinem ureigenen Stil erzählt, entfremdet er den Leser nicht nur den Figuren, sondern auch den Geschehnissen. Seltsam fern mutet das an, will man doch lesend dieser Sprache folgen, hinter der – oder in deren Leerstellen – die Protagonisten zu verschwinden drohen. Man nimmt den manchmal sarkastischen Witz wahr, muß ihn aber grundlegend hinterfragen, will man ihn zuordnen und in seinen Doppeldeutigkeiten begreifen.

Und doch macht sich immer wieder die Zärtlichkeit einer beginnenden Liebe in dieser Sprache bemerkbar. Sei es Joachims zärtlicher Kosename „Pocahontas“, den er – wie Autor Schmidt ein Fan des amerikanischen Schriftstellers James Fenimore Cooper und also in der amerikanischen Mythologie durchaus bewandert – Selma wegen ihres zunächst wenig ansprechenden Äußeren verpasst, sei es die generelle Schnoddrigkeit, mit der die beiden sich begegnen, aber auch gerade darin Übereinstimmungen miteinander finden, sei es die immer wieder sexualisierte Sprache, die sich einiges traut für ihre Zeit und bei aller gelegentlichen Eindeutigkeit doch nie ins Obszöne abdriftet, selten auch nur das Frivole streift und wenn, dies immer in vollem ironischen Bewußtsein.

In diesen Passagen rückt dem Leser das alles sehr nah – und bekommt auf einmal den Geschmack eines Gedichts. Und genau so sollte man Schmidts gesamten Text vielleicht lesen: Als ein modernes Gedicht, ein Stück Lyrik, das sich in achtzehn Strophen (Kapitel) unterteilt und weder Versform noch Reimschema kennt, sondern in den Reaktionen seines Erzählers, in seinen Wechselwirkungen mit der Welt allgemein, mit den ihm begegnenden Menschen im Besonderen, Emotionen und Erinnerungen, sprachliche Fixierung und ihre Voraussetzungen „verdichtet“.

Momentweise ist man an die endlosen Gedichte eines Alan Ginsberg erinnert, die ebenfalls mit offener Form und manchmal erzählerischen Mitteln arbeitete, um die Stimmung seiner Zeit, aber auch das innere Ringen darum mit dieser Zeit zurecht zu kommen und einen für das eigene Leben gangbaren Weg in dieser Zeit zu finden, einzufangen und abzubilden. Und wie Ginsberg und manche seiner Kollegen aus der so gern als ‚Beat Generation‘ bezeichneten Ära der 1950er und der frühen 60er Jahre, wirkt auch Schmidts Schreiben immer noch erfreulich modern, ja, sogar postmodern. Die Fragmentierung, das teils nicht mehr gekennzeichnete Radikalsubjektivistische, das sich kaum noch von „objektiven“ Beobachtungen unterscheiden lässt, die Sprünge, Zitate und eingeschobenen Zwischenbekundungen in Bezug auf ein Gegenüber, die Charakterisierung von Personen ausschließlich durch die von ihnen geäußerte und genutzte Sprache – Schmidt nimmt Vieles vorweg, das in der postmodernen Literatur gerade der späten 60er und der frühen 70er Jahre zur vollen Blüte gelangen sollte bei Autoren wie William Gaddis oder John Barth.

So bleibt Arno Schmidt nicht nur gut zu lesen, aufregend und frisch, sondern er ist sogar ganz neu zu entdecken für Generationen, denen er vielleicht noch gerade einmal dem Namen nach bekannt ist. Daß er in seiner Zeit eine Außenseiterrolle innehatte, mag ihn gerade heute prädestinieren, uns etwas über uns selbst zu erzählen, etwas, das wir ahnen, etwas, das sich aber so gut wie nie in einer Textzeile ausdrückt, sondern immer nur in den Zwischenräumen, die wir kaum ermessen können in der Weite ihrer Konnotationen. Literatur in reiner Form.

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